01.02.2018

Frauenblicke & Männerphantasien

Landrauschen
Nicht perfekt, aber der bemerkenswerteste Film im Wettbewerb: Lisa Millers Landrauschen

Subjekt findet Objekt: Beim Film­fes­tival Max-Ophüls-Preis zeigt der Nachwuchs, worauf es im Kino ankommt

Von Rüdiger Suchsland

»In einer Zeit, in der ein post­mo­derner Kapi­ta­lismus alles: das Priva­teste, Arbeit, Zeit, Glück, Intimität, Lebens­zu­frie­den­heit in Wert setzt und dieses in-Wert-setzen ausquetscht, auswringt, in dieser Zeit muss unser poli­ti­sches Vers­tändnis weiter gehen.
Wir müssen also die Ordnungs­funk­tion des Staates, die Differenz zur Gesell­schaft weiter fassen und neu denken. Wir müssen Garan­tie­sys­teme entwi­ckeln, die Humanität schützt, Krea­ti­vität schützt, die Freiheit, die Lebens­zu­frie­den­heit die Familie, Arbeit, Glück vertei­digt; die der Durch­ö­ko­no­mi­sie­rung des Privaten eine Grenze setzt.
Libe­ra­lität ist eben nicht der Stolz darauf, dass man zur Gesell­schaft nicht dazu­gehört. Libe­ra­lität bedeutet, die Menschen nicht gehen lassen wollen. Das bedeutet, die Struk­turen zu erkennen warum sich Regionen, Gruppen, Menschen verab­schieden, und diese Struk­turen zu ändern. Diese Struk­turen zu ändern heißt, die Insti­tu­tionen des Gemein­we­sens zu st ärken. Den öffent­li­chen Raum.«

Er ist die neue Hoffnung all derer, die die Hoffnung auf junge, progres­sive Politik noch nicht aufge­geben haben – Robert Habeck, der grüne Minister und Polit-Shoo­ting­star aus Schleswig-Holstein, der just am Tag der Preis­ver­lei­hung in Saar­brü­cken zum neue Partei­vor­sit­zende der Grünen gewählt wurde.
Gut getimed war daher Following Habeck der Doku­men­tar­film von Malte Blockhaus im Wett­be­werb des Festival Max-Ophüls-Preis; viel­leicht zu gut, denn mit einem Preis wurde das Werk nicht bedacht
Dabei war der Film trotz mancher konven­tio­neller Momente mehr als die übliche Politiker-Doku – auch weil sein Gegen­stand die üblichen Grenzen des Genres sprengt. Der Regisseur präsen­tiert Habeck als Ausnah­me­po­li­tiker: Charis­ma­tisch, mutig, vergleichs­weise unver­dorben.

Dabei ist sein Film keines­wegs kritiklos – vor allem erzählt er von der Verhal­tens­starre einer Politik, die in Ritualen gefangen ist, von der wohl­ge­pols­terten Lähmung deutscher Verhält­nisse, dem Still­stand eines Landes, das spürt dass etwas Altes zu Ende geht, und etwas Neues beginnen muss, ohne dass es das Neue schon einen Begriff hätte.
Und was für die Politik gilt, gilt nicht minder fürs Kino.

Überhaupt war das 39. Film­fes­tival von Saar­brü­cken diesmal wieder ein sehr poli­ti­sches Festival. Um den Fall Dieter Wedel ging es dabei gar nicht – bis auf die Saar­brü­cker Lokal­presse, die skan­dal­gierig jede Regis­seurin nach dem Fall fragte, obwohl Wedel in seinem Leben weder jemals einen Kinofilm gedreht, noch jemals das Max-Ophüls-Festival besucht hat.

Aber man kann auch nicht mehr an reinen Zufall glauben, wenn ausnahmslos alle wichtigen Preise an Regis­seu­rinnen gingen.
Die prämierten Filme waren aller­dings tatsäch­lich ausge­zeichnet.  Landrau­schen von Lisa Miller, der dies­jäh­rige Ophüls-Preis­träger, ist nicht perfekt, aber der bemer­kens­wer­teste Film im Wett­be­werb: Denn die Regis­seurin hat keinerlei Film­aus­bil­dung und die Darsteller sind Laien. Landrau­schen ist die bezau­bernd insze­nierte Geschichte einer jungen Frau, die sich trotz zweier Uni-Abschlüsse noch nicht gefunden hat. Ohne Job flieht sie aus der Metropole aufs Land, wo sie Abstand, Frieden und Ruhe sucht, dann aber die Liebe und neuen Lebens­sinn findet.
Trotzdem es noch einen zweiten Film mit dem Motiv gab, war Land­flucht kein gene­relles Thema. Hagezussa hieß ein leider leer ausge­gan­gener, atem­be­rau­bender Film, in dem Regisseur Lukas Feigel­feld in Form einer Hexen­ge­schichte mit der Mär vom idyl­li­schen Landleben und der tieferen Weisheit der Natur ein für alle Mal aufräumt

Der stilis­tisch aufre­gendste und hand­werk­lich perfek­teste Film hieß Blue my Mind und kommt aus der Schweiz. Lisa Brühlmann, die den Regie­preis erhielt, erzählt in märchen­hafter Form Puber­täts­er­schüt­te­rungen und von einem Körper, der sich verändert, von Angst und Unge­wiss­heit – voller surrealer Über­ra­schungen war dies der visuell aufre­gendste Film im Wett­be­werb. Nur die Tatsache, dass er bereits in der Schweiz vielfach prämiert worden war, und dass Haupt­dar­stel­lerin Luna Wendler bei der Berlinale als Shooting-Star präsen­tiert wird, dürfte ihn um den Haupt­preis gebracht haben.

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»Esther, das ist doch ein jüdischer Name. Und außerdem bist Du ne rote Socke« – drei Tage nach dem Mauerfall wurde die zwölf­jäh­rige Esther Zimmering in ihrer Identität erschüt­tert. Von da an wusste sie: Es gibt in der unter­ge­henden DDR auch Nazis und nicht nur aufrechte Kämpfer für Fort­schritt und Welt­frieden. Eine erste Irri­ta­tion hatte sie schon vorher erlebt: Als ihr Vater ihr nicht sagen durfte, wo sie arbeitete – er war Arzt bei der HVA der Natio­nalen Volks­armee.

Fast 30 Jahre später erzählt Esther Zimmering, inzwi­schen eine bekannte Schau­spie­lerin die Geschichte ihrer Kindheit und Familie in ihrer ersten Regie­ar­beit: Swim­ming­pool auf dem Golan. Es sind verschlun­gene Pfade der Erin­ne­rung und Rekon­struk­tion, des Aufde­ckens von Fami­li­en­ge­heim­nissen, von Verges­senem und Verleug­netem: Die Geschichte von Juden in der DDR, von einer Berliner Familie, von der nur wenige vor 1939 den Weg ins rettende Exil nach England und Palästina schafften. Zimme­rings Film ist unbedingt persön­lich und es ist die Leistung der Berliner Produ­zenten Nora Ehrmann und Paul Zischler und der Montage von Friedrike Anders die Unmengen Archiv­ma­te­rial und die mäan­dernden, gele­gent­lich auf Abwege führenden Such­be­we­gungen zusam­men­zu­halten und zu einem konzisen, auch immer produktiv drif­tenden Film zu fügen. Es sind solche heraus­for­dernden, fragenden Filme und frische Perspek­tiven, die den Reiz des Programms des Festivals Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken ausmachen – die Über­schrei­tung der schieren Tatsachen in Richtung eines Schwe­be­zu­stands zwischen Wirk­lich­keit und Phantasie.

Genau darum geht es zum 39. Mal wieder sechs Tage lang auch in Saar­brü­cken – längst ist das Film­fes­tival Max-Ophüls-Preis das nach der Berlinale wich­tigste deutsche Film­fes­tival und der wich­tigste Termin für den deutsch­spra­chigen Nachwuchs- und Inde­pen­dent-Film. Das Wort »deutsch­spra­chig« ist in diesem Fall wichtig, denn neben deutschen laufen hier auch öster­rei­chi­sche, schweizer und gele­gent­lich luxem­burger Filme.
Saar­brü­cken ist ein besonders wert­voller Ort der Entde­ckungen, und der Zukunft des Kinos. Denn neben Spiel- und Doku­mentar-Filmen gibt es hier auch Wett­be­werbe für Kurzfilme und – eine Spezia­lität – für soge­nannte »mittel­lange« Filme zwischen 30 und 60 Minuten. Gerade in dieser Sektion finden sich oft die mutigsten, im guten Sinne riskan­testen Filme des Festivals.

Eröffnet wurde das Festival Max-Ophüls-Preis mit der Deutsch­land­pre­miere von »Der Hauptmann« von Robert Schwentke, der im März im deutschen Kino anläuft. Schwentke überhöht eine wahre Geschichte aus den letzten Tagen des Dritten Reichs zu einer Travestie über den Faschismus, und schlägt am Ende den direkten Bogen zur Jetztzeit. Schon zuvor hat er klar gemacht, dass uns gar nicht so viel trennt – auch im Gegen­warts­deutsch­land gibt es den rassis­ti­schen, gewalt­be­reiten, macht­geilen Mob auf den Straßen. Insofern ist dies ein ganz aktueller und hoch­po­li­ti­scher Film – eine hervor­ra­gende Entschei­dung zur Eröffnung in Saar­brü­cken.

»Der Hauptmann« führt gerade dem Nachwuchs vor, worauf es ankommt, wenn man gutes Kino machen will: Nicht auf Geld und Stars, nicht auf Unter­wer­fung unter ein imaginäres Publikum, nicht um Charak­tere, die man lieben oder immer verstehen muss. Sondern auf Neugier, auf Stil­willen, auf Mut – Mut zur Geschmack­lo­sig­keit, Mut zur eigenen Phantasie. Wie weit das die Filme des dies­jäh­rigen Jahrgangs erfüllen, wird der dies­jäh­rige Jahrgang zeigen.

Zumindest einige Filme sprechen dafür, dass sich Saar­brü­cken unter seiner immer noch neuen Leiterin Svenja Böttger, bemüht, noch deut­li­chere Kontra­punkte zum gras­sie­renden Main­stream zu setzen, mit seiner Diktatur der Drei­akt­struktur, der »Erzähl­ab­sichten« und des Zwangs zur Iden­ti­fi­ka­tion mit Charak­teren, die selbst erfah­renen Regis­seuren von den Drama­turgen der Gremien einge­bläut werden.
Um solche heraus­for­dernden, fragenden Filme und frischen Perspek­tiven muss es gehen beim Festivals Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken.

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Sarah spielt einen Werwolf heißt das sehr gelungene Debüt der Berliner Film­hoch­schü­lerin Katharina Wyss: Das einfühl­same, originell erzählte Portrait einer 17-jährigen, die zunehmend verein­samt, und sich in ihre eigene Realität zurück­zieht. Ein Film über die unheim­liche Nacht­seite des Heran­wach­sens und unseres Lebens überhaupt. Gerade die Regie dieses souverän insze­nierten Films ist sehr gelungen. Die ebenso rätsel­hafte wie enorm kraft­volle Präsenz der Haupt­dar­stel­lerin Loane Balthasar lässt Abgrün­diges hinter der schein­baren Verschlos­sen­heit ihrer Figur durch­scheinen, ein Miss­brauch mögli­cher­weise, allemal der Horror der Kindheit und ein Abschied von den Eltern.

1000 Arten, Regen zu beschreiben von der Kölner Regis­seurin Isa Prahl ist ein span­nendes Fami­li­en­drama: Der 18-jährige Sohn der Familie hat sich in sein Zimmer zurück­ge­zogen und will es nicht mehr verlassen. Keine psychi­sche, sondern eine soziale Krankheit hat ihn befallen: »Hiki­ko­mori« heißt das in Japan, wo Zehn­tau­sende junger Männer sich der Welt um sich herum entziehen.
Ein Wohl­stand­s­phä­nomen, das mit Furcht vor der Freiheit viel zu tun hat, aber auch mit der Unfähig­keit, gefühlte Über­for­de­rung und den Druck durch die älteren Gene­ra­tionen produktiv werden zu lassen, nach Außen zu tragen und dort in Wider­stand gegen unmensch­liche Verhält­nisse zu verwan­deln.

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Bereits im Vorjahr war das Saar­brü­cker Programm geprägt von auffal­lend vielen Filmen von Regis­seu­rinnen. Dieser Trend setzt sich fort – wenn auch etwas abge­schwächt. Und inter­es­sant genug: Frauen erzählen natürlich nicht immer nur von Frauen oder spezi­fisch weib­li­chen Erfah­rungs­welten – die früheren Vorstel­lungen, man könnte nur glaub­würdig und authen­tisch erzählen, wenn man von sich selbst erzählt, sind längst zum Klischee geronnen.
Thema­tisch sieht man im dies­jäh­rigen Programm auch oft Stoffe, die von Probleme junger heran­wach­sender Männer handeln, oder von großen Jungs, die unter zuviel Testo­steron, zuviel Muskel­männ­lich­keit fast schon platzen. Männer­phan­ta­sien wabern über die Leinwand. Zum Beispiel »Cops« von Stefan Lukacs. Ein Film über eine Poli­zei­ein­heit, die von Grup­pen­ri­tualen und männer­bün­di­schem Gehabe geprägt ist. Einer der Poli­zisten aber leidet unter einem post­trau­ma­ti­schen Stres­syn­drom.
Oder auch Endling, dem hervor­ra­genden mittel­langen Film des Münchner Film­stu­denten Axel Schaad. In der unter­ge­henden Zechen­welt des Ruhr­ge­biets ange­sie­delt, erzählt er von einem Berg­ar­beiter, den die Schließung der Zeche in eine Lebens­krise stürzt.

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Es sind solche Filme, von denen man sich viel mehr in Deutsch­land wünscht. Von denen man hofft, dass sie Schule machen und den deutschen Film aus seinem Winter­schlaf wecken. Weil es sie bislang nicht gibt, kann der deutsche Film mit dem aus Frank­reich, aber auch aus Dänemark und – wie sich bestimmt auch in Saar­brü­cken wieder zeigen wird – dem aus Öster­reich nicht auf Augenhöhe mithalten.

Viel Genrekino war in Saar­brü­cken zu sehen – etwa mit dem Endzeit­thriller »Fremde«. Oder ein Film über die Liebe zu einem Alien. Ansonsten verspricht das Festival unter 16 den Wett­be­werbs­filmen »ausge­spro­chen konse­quente Erzähl­hal­tungen« und – hoffent­lich! – »virtuose und explizite Bild­spra­chen«: In »Cops« erschießt ein junger Poli­zei­re­krut in Notwehr einen psychisch kranken Mann. In »Reise nach Jerusalem« geht es um eine Frau in den Mühlen der Jobcenter. Das sind nur eine wenige Streif­lichter aus einem sehr viel­fäl­tigen Programm.
So ging am Sonn­tag­abend ein Festival voll inspie­rie­render Vielfalt zuende – vielen der Werke und vor allem ihren Machern wird man in den nächsten Jahren wieder­be­gegnen.

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