23.10.2008

Eine Frau mit Erfahrungen

Thank you for smoking...

Eine Huldigung an Catherine Deneuve, heute unglaubliche 65 Jahre alt wird

Von Rüdiger Suchsland

Soll ich viel­leicht ein Gedicht aufsagen? – Catherine Deneuve ist, anders kann man das gar nicht ausdrü­cken, einfach ziemlich cool. Man muss sie dafür noch nicht einmal in ihren neuesten Filmen betrachten, es genügt einfach, ihr einmal zugesehen zu haben, wenn sie sich in der Öffent­lich­keit bewegt, zum Beispiel – in diesem Jahr bei der Vorstel­lung eines neuen Films in Cannes, oder 2006 als Jury­vor­sit­zende in Venedig, oder 1998, als sie bei der Berlinale mit einem »Ehrenbär« ausge­zeichnet wurde – bei einer Pres­se­kon­fe­renz, wo sie vor Beginn die wartende Pres­se­riege mit derar­tigen Bemer­kungen amüsiert. Und man weiß: Die Deneuve hat Stil, Eleganz und vor allem eine wunder­bare Lässig­keit. Es ist die souveräne Lässig­keit eines Kino-Routi­niers, der schon ganz andere Dinge über­standen hat, der unan­ge­foch­tenen Grand Dame des fran­zö­si­schen Kinos, die weiß, was sie will und auch, dass sie mit jeder Situation im Zweifel besser umgehen kann als ihre Umgebung. Hätte sie diese Fähigkeit nicht, wäre sie nicht in diesem Geschäft, und man muss da gar nicht die fran­zö­si­schen Kultur-Talkshows gesehen haben, in denen sie ebenso lässig und souverän über Bücher und Geschichte und zur Not sogar über ihr Face­lif­ting parlieren kann, es genügt hinzu­gu­cken, ihren Blicken zu folgen und dem gele­gent­li­chen Zucken der Mund­winkel, den Gesten, mit denen sie die ständig glühende Zigarette hält, in jedes entfernt verfüg­bare Gefäß hineinascht, ihre Augen zu betrachten, die schon alles gesehen haben, die alles zu wissen scheinen – man kann der Deneuve noch immer rettungslos verfallen.

Zum Rauchen noch eine Anmerkung, die auch für ihre Souver­ä­nität und ihren Willen spricht, und die Deneuve sympa­thisch macht: Wenn die Deneuve irgend­wohin reist, auf ein Film­fes­tival zum Beispiel oder eben in diesem Jahr zur »Cinema for Peace«-Gala in Berlin, dann lässt sie sich in Vertrag hinein­schreiben, »wann immer und wo immer« rauchen zu dürfen. Völlig egal, ob da ein Rauch­verbot herrscht. Sonst kommt sie nicht. Denn Puritaner sind ihr ein Gräuel, und rauchen will sie.

Kalt sei sie, heißt es immer wieder in Texten, die über sie geschrieben wurden. Es ist das Klischee von der »kühlen Blonden«, für das Catherine Deneuve hier verein­nahmt wird. Aber die Deneuve ist, man kann das an den Augen­brauen erkennen, von Natur aus dunkler, als sie sich gibt. Eine Blondine nur in bewußter Wahl. Hinter der Fassade, findet man auch Verletz­li­ches, hinter dem Marmor die dunklen Seiten einer gequälten Seele. Da ist die Geschichte von ihrer maßlos bewun­derten älteren Schwester Françoise Dorléac, die auch ein Filmstar war, nicht minder, wie Catherine, und mit der sie in Jacques Demys Les demoi­selles de Rochefort singt und tanzt. Kurz darauf verun­glückte sie bei einem Auto­un­fall tödlich – und manche sagen, Catherine, die ein Jahr Jüngere, sei dann nie wieder dieselbe gewesen. Nur ganz ein wenig hat sie davon in ihren 2003 veröf­fent­lichten, sehr span­nenden Tage­büchern preis­ge­geben, um so mehr in ihren Filmen, in denen sie vor allem in den 70ern und frühen 80ern die dunkle Seite ihres Wesens bloss­legte: In Allein mit Giorgio von Marco Ferreri spielt sie Liza, eine lebens­lus­tige und liebes­hung­rige junge Frau, die einem ziellos durchs Leben trödelnden Comic­zeichner – Marcello Mastro­anni! – devot ergeben ist. Surreal, aber auch ein böser, zynischer Blick auch auf die Haupt­dar­stel­lerin, aber wahr in seiner klini­schen Klarheit.

Die Deneuve ist fragil, immer umgeben von einer gewissen Nervo­sität, und viel­leicht ist es das, was dem Betrachter, dem Kino­pu­blikum sugge­riert: Sie ist nicht fertig, nicht am Ende ihre Wegs. Da sei ein Rätsel. Viel Offenheit. Trauer. Bedürfnis nach Schutz. Die Deneuve hat einen patent-prak­ti­schen Zug und viel­leicht ist es die typische Erfahrung ihrer Gene­ra­tion, die sie aufbe­wahrt und auf grund­sätz­liche Ebenen hebt, jenes Nach­kriegs­mäd­chen­hafte, die Erfahrung von Menschen, die das Leid noch kennen, und deren Träume nach Ausbruch daher immer etwas sehr Präzises, Prag­ma­ti­sches, gar nicht Träu­me­ri­sches, sondern unan­ge­nehm Konkretes haben, denen die ganze Welt offen stand, die dem innerlich aber gar nicht gewachsen waren. Aber das ist nur die eine Seite der Deneuve. Sie ist keine Hausfrau, sondern eine Königin, die immer einen Hauch von Unglück, von Uner­füllt­heit, etwas Suchendes ausstrahlt. Viel­leicht liegt dieses Unglück sogar nur in der Tatsache, dass sie alles haben kann, und viel gehabt hat. Filme, Regis­seure, Männer. Erleb­nisse.

Zwei Filme machten Catherine Deneuve Mitte der 60er Jahre zum Weltstar: Repulsion (Ekel) von 1965 von Roman Polanski und Luis Buñuels Belle de jour. Beide Filme ähneln sich darin, dass in ihnen die blonde, weißhäu­tige, reine Entrückt­heit der Haupt­dar­stel­lerin offenbar die Phantasie weckt, sie ganz besonders zu besudeln, sie schmutzig erscheinen zu lassen. Bei Bunuel wird sie darum mit Dreck beworfen. Bei Polanski verschmutzt sie von selber. Das ist beides mehr, als die Laden­mäd­chen­weis­heit, dass wer schön sein will, auch leiden muss. Ekel ist überhaupt die große Ausnahme ihrer Film­kar­riere. Denn da spielt sie nicht eine mehr oder weniger kulti­vierte Frau aus mehr oder weniger gutsi­tu­ierten Verhält­nissen. Die viel­leicht tagsüber als Hure arbeitet, oder ihren Ehemann betrügt, aber doch nie ganz den weit­ge­steckten Rahmen des Bour­goisen verläßt. Bei Polanski ist die Deneuve eine Schlaf­wand­lerin, eine fingernä­gel­kau­ende Hyper­sen­sible, die schließ­lich ganz dem Wahnsinn verfällt. Fast unscheinbar wirkt sie da, verhuscht. Ein einziges Mal war sie nicht »die Deneuve«. Danach immer.

Seitdem hat sie viele gute Filme gemacht, sich selten für Zweit­klas­siges herge­geben. Mit Gene Kelly spielte sie in Les demoi­selles de Rochefort, für Francois Truffaut, mit dem sie in den 70ern mal liiert war, unter anderem in Das Geheimnis der falschen Braut, mit Jean-Pierre Melville Un flic.

In bislang fünf Filmen (ein sechster ist gerade in Arbeit) von André Téchiné – viel­leicht ihr heim­li­cher Seelen­re­gis­seur? – ist sie zu sehen: Hotel des Amèriques – da war sie gerade 38! – ist besonders sehens­wert, eine erotisch-aggres­sive-obsessive Beziehung zwischen ihr und einem von Patrick Dewaere gespielten man – zwei gequälte Seelen, die hilflos, sinnlos versuchen, der eigenen Einsam­keit zu entrinnen. Wunderbar gelungen ist dann auch Ma saison préférée (»Meine liebste Jahres­zeit«). Und Les voleurs (»Diebe der Nacht«), in dem sie als distin­gu­ierte Philo­so­phie­pro­fes­sorin, die im midlife crisis–Alter einer großen Liebe begegnet, der die kühle Intel­lek­tu­elle zuerst nachgibt, sie dann aber nicht zulässt. Es sind diese beiden Elemente, Kälte und Leiden­schaft, oder deren einzig­ar­tige Mischung, die immer wieder hervor­ge­hoben werden, wenn man Catherine Deneuve beschreibt. Die Chemie ihrer Wirkung ist bestimmt durch eine innere Gegen­sätz­lich­keit, die immer spürbar bleibt, und den Eindruck erweckt: es ist mehr dahinter. Oder weniger.

Nach wie vor ist sie sehr gut im Geschäft, und immer zu Expe­ri­menten bereit: Sie hat mit Lars von Trier gedreht (Dancer in the Dark), mit Tony Scott (The Hunger), mit Philippe Garrel (Der Wind der Nacht), Leos Carax (Pola X), Raoul Ruiz (Le temps retrouvé), mit Manoel de Oliveira (Um Filme Falado), mit François Ozon (8 Frauen) und im Anima­ti­ons­film Perse­polis die Rolle der Groß­mutter gespro­chen. Zuletzt war sie in André Desplechins herr­li­cher Fami­li­en­ge­schichte Un conte de Noël zu sehen, für den sie in Cannes den »Preis des Festivals« gewann.

Bis heute ist die Deneuve, die auf der Anrede »Made­moi­selle« besteht – mit Roger Vadim und Marcello Mastroi­anni, den Vätern ihrer beiden Kinder, war sie nie verhei­ratet – eine sehr schöne Frau, so schön, dass es schwer zu sagen ist, worin genau ihre Wirkung als Schau­spie­lerin besteht. Früher war es viel­leicht das latent Verwor­fene, abgrund­tief Amora­li­sche, das hinter der allzu­präch­tigen Fassade zu lauern scheint. Heute, und das seit Francois Truffauts Le dernier métro von 1980, ist sie eine Frau mit Erfah­rungen, der Melan­cholie des Alterns und der Fähigkeit zum Mitleid. Einer­seits ist sie sehr diszi­pli­niert. Ein »kleiner Soldat«, wie sie sich selbst in ihren Tage­büchern einmal bezeichnet hat. Ande­rer­seits ist da noch mehr. Nicht nur Kontrolle, auch Exzeß. Und ein Film mit ihr ist immer ein Deneuve-Film.

Es muss einfach ein Irrtum sein, wenn in den Lexika steht, dass Catherine Deneuve am 22.10., 65 Jahre alt geworden ist.