02.02.2017

Nihilisten küssen besser

Siebzehn Monja Art
Siebzehn – Monja Arts Preisträgerfilm

Mädchen und die Liebe zur Destruk­tion: Junge Nonnen im Weltraum, Fran­zö­sisch­lek­tionen, Waldgänge, Initia­tionen: Der öster­rei­chi­sche Film Siebzehn von Monja Art gewann am Samstag in Saar­brü­cken den Max-Ophüls-Preis.

Von Rüdiger Suchsland

»Hoffnung?« – »L'espoir!«; »Kleid?« – »La Robe!«; »Haare?« – »Les cheveux!«; »J'aime. J'aimais; J'ai aimé« – Fran­zö­sisch­lek­tionen in der Schule.

Der Schau­platz ist natürlich ein düsteres Paradies: Es ist Sommer, kurz vor Abschluss des Schul­jahres, kurze Hotpants, die verschwitzten Hände, das warme Licht der Jugend kommt zurück scheint über ein Internat im öster­rei­chi­schen Land. Paula ist eine Externe, sie ist ist eine Einzel­gän­gerin. Paula ist siebzehn. Paula ist reifer, erwach­sener als viele ihrer Klas­sen­ka­me­raden, sie macht sich Gedanken. Sie liebt Fran­zö­sisch. Und sie liebt Charlotte – heimlich natürlich, zumal Charlotte mit einem Jungen zusammen zu sein scheint.
Das Alltäg­liche, und die Liebe als Schick­sals­macht sind das Sujet eines Films, der mit Träumen, Phan­ta­sien, und viel subjek­tiver Perspek­tive schon jetzt einer der besten Filme des Jahres ist – auch in seinem Einsatz der Musik als Mittel zur Ausge­las­sen­heit.

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Einmal erklärt Paula im Fran­zö­sisch­un­ter­richt, wer und was Emma Bovary ist: »Emma Bovary nimmt ihre Vorstel­lung/Konzep­tion von Liebe aus Novellen. Daher glaubt sie, Liebe müsse voller Passion, Drama und Leid sein. Für sie ist es keine echte Liebe, solange es keine Probleme gibt. Eines Tages heiratet sie einen Mann. Und mehr und mehr langweilt sie sich in der Ehe. Und sie versucht sich daraus zu befreien, indem sie Affären hat. Bis sie eines Tages jemanden trifft, mit dem sie die absolute Liebe erfährt.
Leider ist diese Liebe sehr schmerz­haft. Weil er sie wie ein Tier behandelt.«

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Auf die Frage, »was faszi­niert Dich an Proust?« erklärt sie »Proust weiß, dass das Abwesende oft viel faszie­ri­ender ist, als das Anwesende, nicht Reisen, sondern Reise­pro­spekte lesen, nicht Zugfahren, sondern Fahrpläne. Eine starke Dosis Eifer­sucht. Weil dies die Liebe erhält. Das Alltäg­liche, der Alltag ist der Tod der Liebe.«
Und später dann sehen es alle, nur Paula sieht es nicht. Weil Paula glaubt, dass Leid zur Liebe gehört.

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Überaus verdient gewann »Siebzehn« das ausge­zeich­nete Spielfilm-Debüt der Öster­rei­cherin Monja Art den dies­jäh­rigen Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken. Auch der Preis für die beste Darstel­lerin ging an diesen Film – genauer an Elisabeth Wabitsch, eine tolle Darstel­lerin, die die Haupt­figur Paula mit einer Ausstrah­lung spielt, die kaum zwei Prozent ihrer Kollegen haben: dass man sich nach ihr umdreht. Nicht weil sie gut aussieht – das tut sie zwar auch – aber weil sie das »gewisse Etwas« hat. Es genügt, wenn Wabitsch eine Mandarine schält, oder einfach so dasitzt – sie hat Energie, sie hält einen gefangen.

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Ich hatte den Film noch nicht gesehen, da hab ich sie gesehen, irgendwo, im Kino oder im C&A und ich weiß, wie ich dachte »Hoppla!« und mich nach ihr umgedreht habe. Das hat genügt.

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Die Liebe zu Frank­reich, auch zum fran­zö­si­schen Auto­ren­kino, gibt diesem Film die Richtung. Regis­seurin Monja Art, Jahrgang 1984, mag Auto­fahren, Musik und Literatur. Sie hat auch einen Mut zur Intel­lek­tua­lität, der faszi­niert, besticht und bezaubert – zumal die Intel­li­genz dieses Films nie aufdring­lich ist. Paula ist eine junge Schwester von Antoine Doinel, und »Siebzehn« ist so ein großar­tiger ends­geiler Film. Mit seinen Subjek­tive: Träumen, Phan­ta­sien, und subjek­tiven Raum­ver­än­de­rungen.

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Es waren ausge­zeich­nete Entschei­dungen der Jury, die das dies­jäh­rige »Festival-Max-Ophüls-Preis« in Saar­brü­cken, das erste unter neuer Leitung, abrun­deten. Zur neuen Leiterin Svenja Böttger müssen wir noch mal in Ruhe kommen – jetzt geht es erstmal um die Haupt­sache: Die Filme.

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Es war ein guter Jahrgang auf allen Ebenen, auf denen hier Preise vergeben wurden. Dass dann auch noch die richtigen Filme gewannen – das gab es schon lange nicht in Saar­brü­cken, wo nicht immer die Filme aber oft die Preise enttäuschten. Und die Preise gingen nur an Frauen, in einem Festival, bei denen etwa die Hälfte der Filme von Regis­seu­rinnen stammte.
Bezeich­nend für die Lage des deutsch­spra­chigen Film­nach­wuchs war auch, dass der Sieger­film aus Öster­reich kam – wie auch »Die Migran­tigen« der den Publi­kums­preis gewann. Denn in der Schweiz und in Öster­reich ist das Kino grund­sätz­lich mutiger und kunst­voller, die Qualität des Film­nach­wuchses auf höherem Niveau.

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Ein solcher Film wie »Siebzehn« hätte vor den Augen der spießigen deutschen Förder­gre­mien außerdem nie im Leben Gnade gefunden. Hier wird gerade nicht alles auser­zählt und erklärt, hier sind die Figuren so wider­sprüch­lich wie das Leben.
Von Wider­sprüchen handelt auch Nora Fing­s­cheidts Doku­men­tar­film »Ohne diese Welt«, in dem die Regis­seurin eine deutschs­täm­mige Menno­niten-Gemeinde porträ­tiert, die im abge­le­genen Norden Argen­ti­niens so leben wie im 18. Jahr­hun­dert. Die Techniken der modernen Welt lehnen sie ab – trotzdem lässt sich die Welt nicht ganz ausschließen, und so bietet dieser sehr stil­be­wusst gedrehte Film einen Kultur­clash der anderen Art.

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Viel Bla bot ein Panel der Produ­zenten-Allianz zu den Chancen junger Produ­zenten: Der älteste von allen war der Jung­pro­du­zent Korbinian Dufter aus München. Er meinte gleich zu Beginn, an Film­hoch­schulen würde ja viel Fokus auf das Kreative – »aber dann, was ist dann eigent­lich möglich in Deutsch­land?« Man müsse »sehr taktisch denken«. Dass der neben ihm sitzende Sky-Redakteur dann sagen musste, er haben den jungen Leuten erklärt: »macht mal ohne Hand­bremse« spricht Bände. Bei Sky möge man Science-Fiction, keine Religion, außer, wenn es um junge Leute geht. Wenn also ein Produzent gerade ein Script zum Sujet »Junge Nonnen im Weltraum« hat – her damit! Stefanie Gross vom SWR erklärte, dass sie eigent­lich Aufgaben der Film­för­de­rung übernehme: »Eigent­lich geht's doch darum, das Talent zu fördern.«
Inter­es­santer dann die Ausfüh­rungen von Alexandre Geis­sel­mann vom Farbfilm-Verleih: »Das was gerade passiert ist, dass das Kino seine eigenen Probleme schafft. Dass Kino schreibt den Leuten vor, was sie sehen müssen; das Kino schafft die Mund-zu-Mund-Propa­ganda ab.« Und: »Wie macht man aus einem Block­buster einen Arthouse-Film? Indem man ihn in OV zeigt. Darum lief »Star Wars« in Arthouse-Kinos.«
Auch sonst: Bei einem Film­fes­tival redet die Produ­zen­ten­al­lianz über Serien. Ist das der Sinn der Sache?

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»Ja sind denn die öster­rei­chi­schen Filme so viel besser?« fragte Stephanie Groß auf dem Podium. »Ja!« antwor­tete der Saal. Die Bestä­ti­gung waren die Preise.

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Völlig losgelöst entfernt sich der Mensch vom Rest der Welt – vor rund einem Jahr starb David Bowie, der einst sein Poem von der Einsam­keit des Astro­nauten Major Tom in eine Metapher über die Losgelöst­heit einer ganzen Gene­ra­tion verwan­delt hat. Auch wenn es mit der mensch­li­chen Welt­raum­fahrt vorläufig mau aussieht, ist das Astro­nau­ti­sche als Chiffre mensch­li­cher Existenz offenbar sehr aktuell, jeden­falls, wenn man von den Filmen beim wich­tigsten deutsch­spra­chigen Nachwuchs-»Festival-Max-Ophüls-Preis« in Saar­brü­cken ausgeht. Gleich mehrfach geht es da ganz konkret um die Welt­raum­fahrt, die das Verspre­chen großer Entgren­zung und Unge­bun­den­heit ebenso in sich trägt wie den Horror Vacui der unend­li­chen Weiten des Weltalls, der perfekt der großen Leere einer Zukunft ohne Utopie zu entspre­chen scheint, die nicht nur viele junge Menschen – Filme­ma­cher wie ihre Figuren – derzeit empfinden.
Der Schweizer Timo von Gunten, mit »La femme et le TGV« soeben für den Kurzfilm-Oscar nominiert, verbindet die Geschichte der Voyager«-Sonde mit einer sehr sinn­li­chen Tour des Force einer jungen Frau durch Bulgarien zu einer stilis­tisch wie intel­lek­tuell anspruchs­vollen Reflexion über die verwahr­loste Seite Europas und Mensch­lich­keit in Zeiten der Globa­li­sie­rung. Was die Erde verlassen hat, muss auch eines Tages zurück­kehren.
Jeder ist in seinem eigenen Orbit in »Die Körper der Astro­nauten«. Das so mutige wie origi­nelle Debüt der Kölner KHM-Studentin Alisa Berger beginnt erratisch, mit einem Zitat des Philo­so­phen Helmuth Plessner über den Zusam­men­hang von Welt­raum­fahrt und Freiheit, mit Bildern der Sterne und des blauen Planeten, mit einer langen Szene, in der zwei Schwes­tern mitein­ander im Kinder­zimmer einen Raum­schiff­trip spielen, und vergeb­lich »Houston« um Hilfe bitten, und mit Doku­men­tar­auf­nahmen der ersten Mutter, die von der NASA ins Weltall geschossen wurde. Viel­leicht steht sie für die fehlende Mutter einer vier­köp­figen Familie: Das ältere Zwil­lings­paar hat gerade Abi gemacht, und entdeckt die Welt, in diesem Fall ihren Körper: Linda läuft einem jungen Burschen hinterher, der das nicht verdient, Anton hat sich für einen absurden Menschen­ver­such verpflichtet, bei dem Auswir­kungen der Schwe­re­lo­sig­keit getestet werden – er muss dazu ein halbes Jahr im Liegen verbringen. Für beide sind das Flucht­ver­suche aus der häus­li­chen Hölle, in der der Alko­ho­liker-Vater zunehmend verwahr­lost, mitten im Auge des Sturm bleibt die acht­jäh­rige Schwester Irene hilflos zurück. »Die Körper der Astro­nauten« will alles, erreicht viel, und besticht sowohl durch ausge­zeich­nete Leis­tungen der jungen Darsteller (nur Lars Rudolphs Vater­figur agiert erwartbar), wie durch exzel­lente Kamera und die Multi­tas­kingleis­tung der Filme­ma­cherin, die auch Buch, Schnitt und Produk­tion verant­wortet.

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Beide Filme trauen sich zwischen den Bildern auch die Frage nach der Utopie zu stellen. Vielen anderen Werken scheint der pessi­mis­ti­sche Realismus eine jungen Film-Gene­ra­tion im Weg zu stehen, neben denen die abge­brühten Verleiher und TV-Redak­teure auf den Debat­ten­pa­nels (in Saar­brü­cken u.a. über »Chancen junger Produ­zenten«, »Frauen im Kino«, »Gerech­tig­keit«) plötzlich wie idea­lis­ti­sche Spinner wirken.
Noch in der Selbst­aus­beu­tung die zu solcher Art Auto­ren­kino schon immer gehörten, scheint auch Zeit­ty­pi­sches auf, denn die Klagen der Film­branche über prekäre Arbeits­ver­hält­nisse häuften sich auch in Saar­brü­cken: Weibliche Haupt­fi­guren und Frauen, die Regie führen – das scheint, auch im Jahr 1 nach »Toni Erdmann« so etwas wie der rote Faden im deutschen Kino zu werden. Was bislang in Saar­brü­cken zu sehen war, ist jeden­falls über den Verdacht erhaben, nur aus Gründen der Quote oder des »political chic« ausge­wählt worden zu sein. Die zuletzt oft disku­tierte Frage der gerechten Betei­li­gung von Frauen steht als poli­ti­sches Thema zunächst einmal der Kunst fern. Doch die poli­ti­sche Frage wandelt sich im Kino schnell zur ästhe­ti­schen. Wie verändern sich Stoffe und Figuren dadurch, dass der Frau­en­an­teil zunimmt? Gibt es »weibliche Ästhetik«? Und was heißt sie? Luise Heyer, in letzter Zeit einer der Shooting Stars des deutschen Films, ist diesmal gleich mit zwei Haupt­rollen vertreten: In »Einmal bitte alles« von Helene Hufnagel spielt sie eine junge Frau, die nicht erwachsen werden will und die sich auch fragt, warum sie das muss. In »Die Reste meines Lebens« hat sie es mit einem jungen Witwer zu tun, der neu anfangen will, aber vom Alte eingeholt wird. Beide Filme werden getragen von der sensiblen Darstel­lerin, die den Holz­schnitt­kon­struk­tionen des Plots Leben und Über­ra­schung einhaucht.
Wie kompli­ziert das Leben in allen Alters­stufen ist, das zeigte auch »Liebes Ich« von Louise Makarov, ein schräger Doku­men­tar­film, in dem die Regis­seurin Berliner aufspürt, die sich selbst Briefe schreiben, die sie gern bekommen hätten – ein skurilles Panorama kleiner Abgründe und großer Lebens­fragen.

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Auch der Sieger im mittel­langen Film kam aus Öster­reich: Maria Luz Olivares Capelle studiert an der Film­aka­demie Wien, und erzählt mit »Wald der Echos« von einer jungen Frau in Form eines Märchens für Erwach­sene, das Erin­ne­rungen an Schnitzler, Wedekind, Bruckner und überhaupt die vorige Jahr­hun­dert­wende und das Früh­lings­er­wa­chen der Moderne wachruft. Der Wald ist mit seinen Echos ein Ort des Übergangs, der Versu­chung und der Initia­tion.
Von der »Krankheit der Jugend« und Mädchen und die Liebe zur Destruk­tion handelt auch ein weiterer Film, bei dem der Forst zur Chiffre für die Verwir­rungen, die Holzwege und das Laby­rin­thi­sche des Lebens wird: »Wald« von Sarah Ben Hardouze von der Münchner Film­hoch­schule, ein zweiter Film im mittel­langen Wett­be­werb, und ein wunder­schönes Filmwerk über Nega­ti­vität und den Tode­s­trieb: Eine junge Frau mit Leder­jacke, baut ein Haus aus toten Bäumen, spielt in einer Heavy-Metal-Band und balan­ciert auf dem schmalen Grad zwischen Überdruss und Daseins­lust. Mitten im Leben ist sie vom Tode umgeben. Die Groß­mutter stirbt und ein kleines Mädchen spielt »Friedhof«.
Das dritte Highlight im Wett­be­werb der mittel­langen Filme war Albert Meisls »Der Sieg der Barm­her­zig­keit«, abermals ein Film aus Öster­reich. Ein Alltags­drama über den Zusam­men­hang von Kunst und Freiheit das endgültig den Eindruck unter­mau­erte, das die künst­le­risch hoch­ran­gigste Reihe in Saar­brü­cken wieder einmal der Wett­be­werb der mittel­langen Filme unter 60 Minuten war – diese waren neben dem großen Sieger die wahren Entde­ckungen beim Max-Ophüls-Festival.

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