29.01.2015

Liebe, Fußball, Kommunismus

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Verdienter Sieger: Chrieg des Schweizers Simon Jacquemet

Von Mühlheim bis Texas: Ersat­z­fa­mi­lien und der Stoff aus dem Pegida ist beim Saar­brü­cker »Festival Max-Ophüls-Preis«

Von Rüdiger Suchsland

Ein Jüngling, irgendwo im Niemands­land zwischen Kind und Mann, hängt über einem Abgrund. Wort­wört­lich, denn er ist auf einen Strommast geklet­tert und balan­ciert zwischen Leben und Tod, ein male­ri­sches Alpental unter sich. »Pit Bull« haben ihn die harten Jungs verspottet. Aber als er sich dann tatsäch­lich traut, und die über­trie­bene Mutprobe wagt, sind sie scho­ckiert und für einen Augen­blick ganz still, bevor sie die nahe­lie­gende mensch­liche Reaktion zeigen: »Wie Du drauf? Bist' wahn­sinnig?«

Chrieg heißt der Film des Schweizers Simon Jacquemet, aus dem diese Szene stammt, einer jener Momente, die man auch nach einer Woche nicht vergisst. Am Samstag gewann er in Saar­brü­cken den Max-Ophüls-Preis, den renom­mier­testen Nach­wuchs­film­preis fürs deutsch­spra­chige Kino. Mit Laien gedreht, aber reif und spannend insz­e­niert, handelt der Film von einem Lager für auffäl­lige Jugend­liche, die hier durch Sport und Naturnähe auf die rechte Bahn gebracht werden sollen. Aber in Wirk­lich­keit geschieht das Gegenteil. Chrieg, also schweizer­deutsch für Krieg, ist ein harter Film, der ein wenig den Eindruck des Unfass­baren spiegelt, den man beim Blick auf manche Jugend­szenen leicht bekommen kann. Wahr­haftig, kämp­fe­risch, politisch und visuell packend ist Chrieg ein Blick in den Abgrund der anderen Art – und ein verdienter Preis­träger.

Zwar gab es diesmal unter den 16 Wett­be­werbs­filmen keinen haushohen Favoriten, der alle verband. Aber einige starke und viele auffäl­lige Filme und nur einen echten Reinfall: (Thomas Szabos billiger Pro-7-Film Die Liebe meiner Eltern, Fantasy für Arme, der zu schlecht war, um hier zu laufen und unfrei­wil­lige Lacher in Serie provo­zierte) – das war schon eine sehr gute Bilanz im ersten Jahr, in dem Gabriella Bandel das Festival als Direk­torin allein verant­wor­tete. Bandel ist eine sehr gute Managerin, und mit ihrer offenen Art und ihrer Herz­ens­wärme auch die Seele dieses Festivals, das ja nicht nur Abspiel­fläche für neue Filme ist, sondern noch viel mehr ein Treff­punkt, an dem sich die Szene austauscht, ruhiger und konz­en­trierter als in 14 Tagen bei der hekti­schen Berlinale.

Es ist nicht nur das aller­erste Film­fes­tival des Jahres, sondern es ist auch das wich­tigste Treffen der Nach­wuchs­fil­me­ma­cher der Bundes­re­pu­blik: Das »Festival Max-Ophüls-Preis« in Saar­brü­cken. 16 Spiel­filme und 12 doku­men­ta­ri­sche Werke konkur­rieren um die hoch­do­tierten Preise der 36. Ausgabe des Festivals. Was ist der Stand des deutschen Kinos, was sind erste Themen und Tendenzen, die das Filmjahr womöglich prägen werden – hierfür ist Saar­brü­cken seit jeher ein recht verläss­li­cher Seis­mo­graph. Gerade in den letzten Jahren unter der Leitung einer Doppel­spitze, die endlich einmal länger Bestand hatte, ist Saar­brü­cken immer stärker geworden und hat als Ort für Entde­ckungen die übrige Konkur­renz hinter sich gelassen.

Sucht man zum Abschluss nach Trends und Tendenzen, so springt diesmal vor allem die Vielfalt der Ansätze ins Auge. Es gab etwas weniger Regie-Frauen – ausge­rechnet im Jahr der »Pro-Quote-Regie«-Erklärung, in der Regis­seu­rinnen gleich­be­rech­tigte Finan­zie­rungs­chancen für Frauen fordern.

Eine weitere Tendenz liegt bei einem Festival für Newcomer nahe: Es geht oft um Familie, um sprach­lose und irgendwie über­for­derte Eltern und um haltlose, irgendwie auch hilflose Jugend­liche. Und so handeln dann Filme von Eltern, die für ihre Kinder über Leichen gehen (Wir Monster), oder die das Kind in ein Erzie­hungs­camp verfrachten (neben Chrieg auch Freistatt), in dem es durch die Hölle geht und dort dann eine Ersat­z­fa­milie findet. Driften, für den Michael Proehl verdient den Dreh­buch­preis erhielt, handelt von Tempo­jun­kies, die einander zur Ersat­z­fa­milie werden.

Um so auffäl­liger, wenn einer mal etwas ganz anderes macht: Confusion, der dritte der in diesem Jahr auffal­lend starken Schweizer Beiträge setzt nicht nur auf die Hektik einer fließend-subjek­tiven Kamera, sondern findet für sie auch einen adäquaten Schau­platz: den Schweizer Polit­be­trieb und die wider­strei­tenden Inter­es­sens­ver­treter und Strip­pen­zieher. Es geht um die Aufnahme eines Flücht­lings und um eine Poli­ti­kerin, die erpresst wird.

Verfeh­lung von Gert Schneider hätte einen Preis verdient: Der Film setzt auf den ersten Blick recht speku­lativ auf ein Medien­thema und die Erwar­tungen des Publikums, denn es geht um katho­li­sche Priester und eine Miss­brauchs­klage. Doch der Zugang ist originell und zeigt im Guten wie Schlechten die weltliche Seite der Kirche. Kleine Schwächen des Drehbuchs, das sich viel aufge­bürdet hat, gleicht die souveräne Regie ebenso aus, wie das großar­tige Spiel der Haupt­dar­steller Sebastian Blomberg und Kai Schuhmann.

Brennend aktuell, spannend, wie zuweilen humorvoll erzählt Andreas Pieper in Nach­spielzeit von Iden­ti­täten, die von gegen­sät­z­li­chen Erfah­rungen geprägt sind: Gentri­fi­zie­rung, Frem­den­hass und Ost-West-Konflikte. Immer wieder ist es die Sorge vor dem Unbe­kannten, Unkon­trol­lier­baren, die Menschen entzweit. Der Stoff aus dem Pegida ist. Trost spenden nur Fußball, die Liebe und ein Großvater im Altenheim mit anstän­diger kommu­nis­ti­scher Biogra­phie.

Um Fußball und Liebe ging es auch in Lilli Thalgotts rasantem Impro­vi­sa­ti­ons­film Ein Endspiel. Mitten während des WM-Finales will Johanna ihren Freund verlassen, und es geht erkennbar drunter und drüber. Die spontanen Einfälle der Akteure – allen voran Mignon Remé wie von einem anderen Stern – waren witziger und klüger als die meisten ausge­feilten Dreh­buch­dia­loge.

Im Doku­men­tar­film­wett­be­werb beein­druckte Die Böhms – Archi­tektur einer Familie vom Kölner Maurizius Staerkle Drux, der bereits diese Woche im Kino zu sehen sein wird. Ein sehr gedie­gener, ruhiger Film über Intel­lek­tua­lität und das Geheimnis schöp­fe­ri­scher Tätigkeit – der gelungene Versuch, Gedanken darzu­stellen, Kultur. Es geht darin um die Familie des 95-jährigen Archi­tekten Gottfried Böhm. Drei seiner vier Söhne sind ebenfalls Archi­tekten geworden, arbeiten teilweise mit und unter dem Vater, teilweise versuchen sie sich, von ihm zu lösen. Es geht zugleich um die Arbeit an unge­wöhn­li­chen Bauten, etwa auch der politisch umstrit­tenen Kölner Moschee, als auch um die Dynamik der Familie Böhm. So verbindet der Film ein span­nendes Arbeit­spor­trät wiederum mit der Entfal­tung sehr spezi­eller Fami­li­en­ver­hält­nisse.

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