30.01.2014
Cinema Moralia – Folge 80

Die alten Ängste der jungen Frauen

Korinna Kraus als Fräulein Else

Soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Große Vorbilder, Deutsche und die Filmwelt, Genre­mo­tive und verspielte Zukunft: Das beste deutsche Kino liegt jenseits der Arte-Povera – und andere Beob­ach­tungen beim beim 36. »Festival Max-Ophüls-Preis« – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 80. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»War is an uncertain thing. The enemy has a brain, they adapt and adjust, and as Dwight Eisenhower said 'the planning is important, but the plan is nothing.'«
Donald Rumsfeld

»Aber ich liebe Euch doch alle!«
Erich Mielke

»...und dann und wann ein weißer Elephant.«
Rilke

Schwarze Tage an der Börse, mal wieder. Else, ein Mädchen aus gutem Haus, verwöhnt gewiss, aber weder dumm noch abgehoben, wird von ihren Eltern den Gläu­bi­gern zum Fraß vorge­worfen: Sie soll einen Reichen heiraten, damit der Kredit der Alten weiter fließt – ein Opfergang von ganz irdischem, also unge­heurem Ausmaß. Arthur Schnit­zler schrieb seine auch heute noch atem­be­rau­bende Novelle Fräulein Else im Jahr 1924, also noch vor der großen Welt­wirt­schafts­krise – voller Vorahnung und auch als Kunstwerk seiner Zeit voraus, handelt es sich doch um den ersten inneren Monolog der Lite­ra­tur­ge­schichte. Das ist schwer für Filme­ma­cher und im Gegensatz zu anderen Schnit­zler-Stoffen wurde diese Novelle kaum verfilmt. Nur Paul Czinners Stummfilm von 1928, noch zu Schnit­z­lers Lebzeiten mit Elisabeth Bergner, blieb im Gedächtnis.

Anna Martinetz hat es jetzt für ihren Münchner Regie-Abschluss gewagt, mit wunder­barem Ergebnis, den die Regis­seurin nicht zuletzt ihrem Mut zu verdanken hat. Im Wett­be­werb des Saar­brü­cker »Festival Max-Ophüls-Preis« hatte Martinetz' Version jetzt Premiere, die den Stoff unter Deutschen in einem post­ko­lo­nial-deka­denten, zugleich pracht­voll traum­ver­wun­schenen Indien spielen lässt, in dem alles dem Verfall preis­ge­geben scheint – bis auf die Natur, die hier in Gestalt von Tigern und Elefanten so wild wie überlegen auftritt. Dies ist so phan­tas­tisch wie klug wie fürs Publikum mitreißend – es stach zudem ins Herz der Zeit, weil Martinetz eine moralisch korrupte Eltern­ge­ne­ra­tion zeigt, die die Zukunft ihrer Kinder verspielt. Nicht die Erben sind das Problem, sondern die Erblasser.

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Dieser beste Film im Wett­be­werb wurde aber leider von der Jury ebenso ignoriert, wie Johanna Moders High Perfor­mance, der immerhin den Publi­kums­preis bekam und Rick Oster­manns Wolfs­kinder, High­lights in einem starken Saar­brü­cker Jahrgang, der viele Filme voller Kraft, Spiel­freude, Farben und Liebe zum Kino bot.
Statt­dessen folgte man bei den Preisen dem neuesten Trend des deutschen Kinos: Sowohl Jakob Lass' Outsider-Amour-Fou Love Steaks (Ophüls-Preis) als auch Isabel Subas Filmszene-Satire Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste (»Preis für den gesell­schaft­lich rele­vanten Film«; »Preis der Jugend­jury«) verbinden Newcomer-Charme und aktiv ausge­stellten Unab­hän­gig­keits­gestus mit einem, am ehesten von den Briten Ken Loach und Mike Leigh beein­flussten Sozi­al­rea­lismus und hoffent­lich nur ökono­misch bedingter Arte Povera. Das ist sympa­thisch, clever gemacht und gut anzusehen; aber soll das wirklich die Zukunft des deutschen Kinos sein? Trotz allem Indie-Flair sind beide Filme viel mehr auf der sicheren Seite, als anderes: Wolfs­kinder etwa gelingt zwar längst nicht alles, doch dafür versucht Rick Ostermann immerhin viel mehr als viele andere: Seinem Film sieht man an, dass er Rossel­lini ebenso kennt, wie Malick, und dass er sich nicht naiver stellt, als er ist – vielmehr versucht Oster­maann in dieser Geschichte um eine Gruppe eltern­loser Kinder im Nach­krieg­s­chaos 1946 (die bereits im Sommer in Venedig Premiere hatte), mit beschei­denen Mitteln an die großen Vorbilder anzuknüpfen. In manchen Momenten gelingt das Unter­fangen.

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Große Vorbilder haben auch Johanna Thalmann (München), die mit Mute eine Kurz­ge­schichte von Stephen King verfilmte, und die Berli­nerin Lisa Violetta Gaß: A Promissed Rose Garden spielt unter den 20.000 Viet­na­mesen, die in Berlin eine wenig bekannte eigene große Community bilden und verbindet gekonnt das Gangs­ter­genre mit dem Melodram – ein leiden­schaft­li­cher Film. Auch »Mute« ist eine sehr souveräne Fingerübung, der Horror­film mit Roadmovie-Motiven mischt. Beide mittel­langen Werke vereint das unter­grün­dige Sujet des 'Desperate Housewife', verzwei­felter, nicht mehr ganz junger Frauen, sozusagen erwachsen gewor­dener Fräulein Elses – und weil beides von Regis­seu­rinnen stammt, muss man vermuten, dass hier auch eigene Ängste vor Liebes­schmerz und weib­li­cher Abhän­gig­keit in Männer­welten verar­beitet werden. So oder so waren das zwei heraus­ra­gende filmische Visi­ten­karten – wieder einmal erweist sich Saar­brü­cken jenseits aller Jury­ge­schmä­cker als beste, verläss­lichste Talent­schmiede und Nach­wuchs­schau des deutschen Films.

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Mittel­lange Filme sind Spiel­filme im Kleinen – abge­speckt, oft konz­en­trierter, verdich­teter, als die 80+X-Minuten-Filme, von denen jeder zweite zu lang geraten ist.
Ein grund­sät­z­li­ches Problem des dies­jäh­rigen Wett­be­werbs liegt woanders: Saar­brü­cken ist ein zu gutes und zu wichtiges Festival, als dass man Love Steaks, der bereits vor sieben Monaten in München vier Preise gewann und weitere danach, hier noch einmal zusammen mit neuen Filmen nach­spielen sollte – mit dem Verzicht auf Erst­auf­füh­rung tut sich dieses ansonsten tolle Festival einen Bären­dienst an.
Sonst sieht man dann immer wieder den gleichen Film, die gleichen Preise.
Eine weitere Beob­ach­tung: Berliner Schule ist out! Kein einziger Film im Wett­be­werb lernt auch nur annähernd beim Stil der Berliner. Ob das gut ist? Warten wir's ab. Allemal gibt es dann nun bald auch die billige Ausrede des Berliner-Schule-Bashings nicht mehr. Und die entschei­dende Frage ist natürlich: Wo wenn nicht dort, liegt denn dann die Zukunft des deutschen Kinos?

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Wie Love Steaks soll auch HIGH PERFORMANCE impro­vi­siert wirken, ohne es zu sein, nimmt sich im Vergleich aber weit weniger ernst.

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Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste ist wirklich impro­vi­siert. Ein merk­wür­diger Film, der auch nicht unbedingt zwei Preise hätte gewinnen müssen, aber immer anregend ist. Am Anfang bekommt man einen Schreck, weil man Minuten lang Leuten zusieht, die schlecht aussehen und sich schlecht benehmen, einander nur anschreien. »Lustig, lustig« signa­li­siert die Musik – so was ist auch immer kein gutes Zeichen.

Es ist dann so ein Film, in dem Filme­ma­cher beim Festival in Cannes einen Film über das Festival gedreht haben – ein gefähr­li­ches Unter­fangen, dem man nicht deshalb schon alles verzeiht, weil es wahn­sinnig anar­chis­tisch tut, und viel­leicht sogar ist. Denn wie auch immer sieht man schon nach fünf Minuten Agnes Varda, ohne das der Film irgendwas draus macht – soviel Mut hatten sie dann doch nicht. Als ob die Filme­ma­cher nicht wussten, wer das da ist. Was sie natürlich wussten. So sehen wir einen Film, der in jedem Sinn sehr sehr deutsch ist, und vor allem deshalb inter­es­sant, weil er unbewusst vor allem von dem Problem­feld »Deutsche und die Filmwelt« erzählt, und alle Komplexe enthält, die Deutsche gegenüber Cannes immer noch haben. Am besten funk­tio­niert dies dennoch als ungelenke Hommage AN DAS MEKKA DES KINO. Und natürlich dieses ewige Klischee von den Ober­fläch­lich­keiten der Filmwelt, auf dem hier endlos herum­ge­ritten wird.
Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste macht sich über den Glamour von Cannes lustig und zehrt doch von ihm.

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Alles bleibt chaotisch und ziemlich Hand­ar­beit, erinnert darin an Muxmäu­schen­still, der irgendwie ganz gut war und irgendwie von Anfang an über­schätzt, auch so ein Ex-Saar­brü­ckener one-hit-wonder, von dem man später nie wieder was gehört hat.

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Ich finde, es reicht jetzt mit Love Steaks! Ich finde diesen Erfolg über­trieben. Extrem über­trieben und in der Summe ungerecht. Das sind zu viele Preise und zu viel Preisgeld im Vergleich zur Qualität des Films und im Vergleich ungerecht gegenüber denen, die da leer ausgehen, oder auch gegenüber einem Film wie Oh Boy, der sehr viel mehr filmische Qualitäten hat.
Ich geb's zu: Ich verstehe nicht, warum Love Steaks einen derar­tigen Erfolg hat. Manche, man kann das nicht anders sagen, fallen da auf Effekte herein. Mein persön­li­cher Verdacht ist, dass Love Steaks deshalb so erfolg­reich ist, weil er die feuchten Träume aller Film­för­derer ebenso bedient, wie das Ressen­ti­ment ihrer Gegner. Denn dies ist ein Film, der kaum was kostet und viel Geld verdient. Das wollen Förderer. Und der diesen »einfach machen«-Gestus hat, den man sich immer wünscht, der Film­för­de­rung ignoriert.
Zugleich ist es so einer jener typischen Filme, in denen sich ein Festi­val­pu­blikum lustig macht über Leute, die unter ihnen stehen. Deutscher Humor.

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»Der Film stört keinen« sagt ein Freund, den ich nach einer Erklärung frage. Ich finde den Film nicht schlecht und in vielem ganz inter­es­sant: Unge­wöhn­liche Figuren, gutes Setting, spannende Machart, unver­kenn­bare Leiden­schaft. Ok. Was anderes muss man aber auch sagen: Ich hab ihn jetzt zweimal gesehen, und will ihn wirklich nicht zum dritten Mal gucken. Mir ist diese völlige, totale Abwe­sen­heit von Glamour fremd – dies ist einfach nicht die Art von Kino, die ich wirklich gern sehe, wegen der ich Film­kri­tiker geworden bin.

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Eine kurze knappe Bemerkung noch zur Entschei­dung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts zur Film­för­de­rung gestern: Das Urteil ist gut und richtig, löst aber kein einziges Problem. Denn es bestätigt nur, das Soli­da­rität­s­prinzip der Förderung und die Verant­wor­tung des Bundes, die dieser nicht wahrnimmt.
Der Verband der deutschen Film­kritik (VdFk) begrüßt in seiner Pres­se­er­klä­rung das Karls­ruher Urteil. »Soli­da­rität ist gerade in Kultur­fragen ein wichtiger Maßstab. Es kann nicht sein, dass sich wenige reiche und mächtige Unter­nehmen aus der Soli­dar­ge­mein­schaft des Kinos verab­schieden.« erklärt Frédéric Jaeger vom VdFk.
Klar ist uns allen ab er auch, dass diese positive Nachricht nicht von den bekannten vorhan­denen Miss­ständen ablenken darf. Vor allem die Position der Autoren und Regis­seure muss jetzt gestärkt werden, ebenso die Position der Produk­ti­ons­un­ter­nehmen gegenüber den Verwer­tern. Allen Ebenen muss auch die Unab­hän­gig­keit des Kinos gegenüber der Einfluss­nahme des Fern­se­hens gestärkt werden. Die im europäi­schen Vergleich einmalige Umklam­me­rung des Kinos durch das Fernsehen muss ein Ende haben.

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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