10.10.2013

Von Libellen und Söldnern

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Wolfgang Lehman, Libellen mit Vögeln und Schlange (Closing Night Trip)

Gewalt und Verbre­chen, und wie im LSD-Trip schwir­rende Schmet­ter­linge. UNDERDOX zeigt eine Woche lang unge­wöhn­liche Doku­men­tar­filme und Expe­ri­men­telles

Von Dunja Bialas
Die Autorin ist Leiterin des Underdox-Festivals

Dieses Jahr schreiben wir unseren program­ma­ti­schen Unter­titel groß: Dokument und Expe­ri­ment sind titel­ge­bend für zwei Kurz­film­pro­gramme, in denen die ganze Spann­breite des Festivals sichtbar wird. Viele unserer Filme stellen sich grund­sät­z­liche Fragen: Wie doku­men­tieren? Und wie viel expe­ri­men­tieren, ohne sich im Formen­spiel zu verlieren?

Um den Fokus dieses Jahr stärker auf das Expe­ri­men­tieren zu legen, wagen wir drei hinter­ein­an­der­fol­gende Night Trips. Den Auftakt macht unser dies­jäh­riger Artist in Focus Makino Takashi. Er gehört zur neuen Gene­ra­tion japa­ni­scher Expe­ri­men­tal­filmer, die Anfang des neuen Jahr­tau­sends erstmals mit ihren vers­tö­rend sinn­li­chen Arbeiten die inter­na­tio­nale Festi­val­sz­e­nerie betraten. Wir zeigen vier seiner „total art“-Werke, bei denen er mit Jim O’Rourke zusam­men­ar­bei­tete. (Montag, 14.10., 22:30 Uhr, Werk­statt­kino, in Anwe­sen­heit von Makino Takashi)

Die Kurz­film­abende bei Underdox sind in ihrer Zusam­men­stel­lung immer einzig­artig und über­ra­schend, »entlegen und verwegen«, wie die legen­dären Salons des Werk­statt­kinos in ihrer kurzen Blüte 2005 über­schrieben waren. Ganz in dieser Tradition sehen sich die »Dokumente« und »Expe­ri­mente«, doku­men­ta­ri­schen Kurzfilme und ein Expe­ri­men­tal­film­pro­gramm, das die Rezep­toren zum Glühen bringt, in unserem zweiten Night Trip. (Dienstag, 15.10., 20:30 Uhr (Dokumente) und 22:30 Uhr (Expe­ri­mente))

Mit Libellen mit Vögeln und Schlange zeigen wir einen letzten Night Trip des deutschen Expe­ri­men­tal­fil­mers Wolfgang Lehmann Mittwoch Nacht. Lehmann folgt der doku­men­ta­ri­schen Tradition der von uns so geschätzen »Tierfilme«. Wissen­schaft­li­ches Aufnahmen aus dem Biolo­gie­un­ter­richt und selbst­ge­filmte Tiere bringt er in einen knall­bunten Bilder­wechsel, so schnell das Auge sehen kann. (Mittwoch, 16.10., 22:30 Uhr, Werk­statt­kino)

Auf der Seite der »Dokumente« ist bei unseren Lang­filmen dies­jäh­riger thema­ti­scher Mittel­punkt die Aufar­bei­tung von Terror und Gewalt. Scho­nungslos ist der Eröff­nungs­film The Act of Killing. Die Mitglieder einer indo­ne­si­schen Todes­schwa­dron spielen ihre Morde an Verfolgten des Regimes nach – am Filmset, in Maske und Kostümen. (Donnerstag, 10.10., 19 Uhr, Film­mu­seum, in Anwe­sen­heit von Co-Regis­seurin Christine Cynn)

Im Grunde genommen um ähnliche Grau­sam­keiten und Verbre­chen geht es in No Man's Land. Wo aber The Act of Killing auf eine über­bor­dene Insz­e­nie­rung setzt, vertraut der mini­ma­lis­ti­sche Film der jungen Portu­giesin Salomé Lamas vor allem auf die Bilder, die in den Köpfen des Zuschauers entstehen. In einem kargen Setting, zu dem nicht mehr als ein Stuhl in einem nackten Raum gehört, erzählt ein ehema­liger Kolo­ni­al­söldner und Auftrags­killer von dem Schrecken, den er über die Menschen herein­brachte. (Freitag, 20:30 Uhr, Werk­statt­kino)

Sollen Verbre­chen nicht gesühnt werden? Muss denn nicht Strafe folgen? Und was ist, wenn einer Schuld auf sich geladen hat, er aber unerkannt davon gekommen ist und jetzt ein anderer die Strafe unschuldig verbüßt? Norte, The End of History, ein epischer Spielfilm nach dem Vorbild von »Verbre­chen und Strafe« (Dosto­je­wski) stellt sich genau diesen mora­li­schen Fragen der Conditio humana und verbindet sie mit einer atemlosen und packenden Geschichte im heutigen Phil­ip­pinen. Lav Diaz hat soeben auf dem Mensch­rechts­film­fes­tival in Nürnberg den Haupt­preis für seinen Film erhalten, dem seit Cannes der Ruf als Meis­ter­werk voraus­geht. (Freitag, 11.10., 18:30 Uhr, Film­mu­seum)

Die belgische Künst­lerin Sarah Vanagt konfron­tiert den Zuschauer in Dust Breeding mit den Aussagen des ehema­ligen Präsi­denten von Bosnien und Herz­e­go­wina Karadzic, die er vor dem inter­na­tio­nalen Gerichtshof in Den Haag macht. Karadzic werden Bilder vorgelegt, offen­sicht­liche Bilder, die Genozid doku­men­tieren. Wir hören, wie er sich rausredet, die Bilder umin­ter­pre­tiert und ihnen eine harmlose Variante – entgegen alle Offen­sicht­lich­keit – zuschreibt. Karadzic erlangte 2012 einen Teil­frei­spruch, der dieses Jahr im Juli wieder aufge­hoben wurde. (Sonntag, 13.10., 18:30 Uhr, Film­mu­seum)

Dust Breeding ist der zweite Teil unseres Specials »Surfing the Black Wave«. Im ersten Teil gehen wir dem Aufbruch Jugo­sla­wiens nach, als mit Filme­ma­chern wie Karpo Godina, Krsto Papic und Petar Krelja die soge­nannte »Schwarze Welle« losbrach, die in den 60er und 70er Jahre in Jugo­sla­wien ideo­lo­gisch und kine­ma­to­gra­phisch Neues wagte. (Samstag, 12.10., 21:00 Uhr, Film­mu­seum, in Anwe­sen­heit von Karpo Godina)

Viele der Filme des dies­jäh­rigen Programms sind Kompo­si­tionen aus Found Footage. Der Filme­ma­cher tritt in ihnen als Autor zurück und lässt, ganz wie Godard es forderte, in der Montage eine Form entstehen, »die denkt«. Namenlos entstan­dene Handy-Aufnahmen montiert der indische From Gulf to Gulf to Gulf des Künst­ler­kol­lek­tivs CAMP zu einem sehr freien Dokument moderner Seefahrt. (Mittwoch, 16.10., 20:30 Uhr, Werk­statt­kino, in Anwe­sen­heit von Shaina Anand)
Die Londoner Otolith Group versam­melt in The Radiant Archiv­ma­te­rial und Inter­views zu einer scharf­sin­nigen Analyse über die Atom­in­dus­trie. (Freitag, 13.10., 22:30 Uhr, Werk­statt­kino)
Die Studenten der Moskauer Film­hoch­schule waren gemeinsam mit ihren Kameras bei Demons­tra­tionen auf der Straße. Winter, Go Away! ist ihr filmi­sches, demo­kra­tisch entstan­denes Flugblatt. (Montag, 14.10., 20:30 Uhr, Werk­statt­kino)

8. Underdox Film­fes­tival. 10.-16. Oktober 2013, Film­mu­seum München und Werk­statt­kino.
Eintritt 6 Euro.
Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München e.V.
Mehr Infor­ma­tionen gibt es hier.