16.05.2013

Der Kino-Anthropologe

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Mund auf, Augen zu: Filmen und Kochen, das sind zwei Dinge, die bei Kubelka unbedingt zusammengehören

Der Wiener Avant­gar­dist Peter Kubelka hält bei der UNDERDOX-Halbzeit in München eine seiner legen­dären Lectures

Von Dunja Bialas

»2012 ist das dunkelste Jahr in der Geschichte des Kinos. Die feind­liche Übernahme durch das Digitale ist vollzogen, es ist das Ende des Films.« – Peter Kubelka

Der Wiener Avant­gar­dist und Film­theo­re­tiker Peter Kubelka hat nur wenige Filme gemacht. Acht Stück sind es insgesamt, die zwei kürzesten dauern nur knapp eine Minute. Letztes Jahr auf der Viennale stellte er dann sein letztes Werk vor, Film Monument, das sein Schaffen auf den Punkt bringt und zugleich über­bietet. Weit mehr als nur ein Film, ist es eine Skulptur in Raum und Zeit: Zunächst werden hinter­ein­ander seine Filme Arnulf Rainer (1958-60) und Antiphon (2012) proji­ziert. Beide Filme sind soge­nannte metrische Filme und bestehen aus einer genau nach einer Partitur fest­ge­legten Folge von schwarzen oder weißen Kadern, wobei Antiphon die exakte metrische Umkehrung von Arnulf Rainer ist: wo ein schwarzer Kader war, ist jetzt ein weißer, wo Sound war, ist jetzt Stille. Dann werden in exaktem Timing beide Filme gleichz­eitig neben­ein­ander proji­ziert. Schließ­lich, als Summe und Krönung des Monuments, werden sie über­ein­ander proji­ziert. Fast löschen sich nun die Filme gegen­ein­ander aus, ein wacke­liges weißes Bild und White Noise lassen die Leinwand erbeben.

Was wie ein einfaches Zahlen­spiel klingt, ist in Wahrheit eine verblüf­fende Visua­li­sie­rung der Theorie, die Kubelkas metri­schen Filmen zugrunde liegt. Anders als andere Avant­garde-Filme­ma­cher hat Kubelka von Beginn an den Avant­garde-Film nicht als Fort­set­zung der Malerei mit anderen Mitteln betrachtet (in welchem beispiels­weise das Film­ma­te­rial mit Kratzern oder Farb­auf­trag bear­beitet wurde), sondern hat vielmehr das filmische Medium selbst zum Gegen­stand seiner Film-Avant­garde gemacht. So ist der Kader (das Einz­el­bild) die kleinste Einheit eines Films. Wenn man sie in einer bestimmten Folge anordnet, erhält man Licht­re­flexe (Flicker Film) oder Repe­ti­tionen nach dem Deleuz­e­schen Muster von »Wieder­ho­lung und Differenz«: minimale Verschie­bungen des wieder­holten Film­ab­schnitts um wenige Kader bringen den Film immer weiter nach vorne. Die metri­schen Filme Kubelkas sind die filmischsten Filme, die man sich denken kann, eine radikale Formu­lie­rung der Film-Koor­di­naten Raum und Zeit.

Kubelkas Interesse aber gilt noch anderen Zusam­men­hängen. Hier zeigt er sich als Film-Anthro­po­loge, als einer, für den Film wesent­lich mit der Kultur­ge­schichte des Menschen verknüpft ist. Was ein Löffel mit der filmi­schen Montage zu tun hat, was wohl der Steinz­eit­mensch über »Film« gedacht hat, und die Vergleich­bar­keit des Verdau­ungs­traktes mit einem Film­streifen – diese und andere elemen­tare Fragen sind ebenfalls Gegen­stand seiner theo­re­ti­schen Über­le­gungen. Verblüf­fend einfach und doch genial sind dabei seine Folge­rungen (etwa das Kochen in Zusam­men­hang mit der filmi­schen Montage), die er in seinen legendär gewor­denen Lectures zum besten gibt. Über Film­me­trik und –mechanik dringt Kubelka in das Wesen der Kine­ma­to­gra­phie vor und zeigt auf, warum der Siegeszug des Digitalen das Ende einer ganzen kultu­rellen Entwick­lung bedeutet.

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Film-Lecture von und mit Peter Kubelka, UNDERDOX Halbzeit, 19:00 Uhr, Film­mu­seum München.
Karten­re­ser­vie­rung unter Tel: 089 / 23 39 64 50
Mit Vorfüh­rung seiner Filme Mosaik im Vertrauen (1955), Adebar (1957), Schwe­chater (1958), Arnulf Rainer (1960) (alle 35mm), Unsere Afri­ka­reise (1966), Pause! (1977) (beide 16mm), Dichtung und Wahrheit (2003) (35mm).

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Außerdem zur UNDERDOX Halbzeit:

UNDERDOX-Film­pre­miere, Fr., 17. 05., 20:30 Uhr, Werk­statt­kino

Leviathan, USA/GB/F 2012, 87 Min., OF
Ein Fisch­kutter frisst sich wie ein mecha­ni­sches Seeunge­heuer durch den Ozean, verschlingt Fisch und anderes Meeres­ge­tier und spuckt es wieder aus. Dutzende von Mikro­ka­meras doku­men­tieren aus gnaden­loser Nähe die brutalen Gescheh­nisse auf dem Fisch­kutter – ein raues Stück Natur, über­wäl­ti­gend und bilder­stark.
Von den Harvard-Anthro­po­logen und Video­künst­lern Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel.

UNDERDOX-Salon, Sa., 18.05., 20:30 Uhr, Werk­statt­kino

Anna McCarthy – How to Start a Revo­lu­tion: Bored Rebel
Sie sind gelang­weilt, apathisch, dekadent und quasi-provokant: Die Vorstadt-Rebellen aus Ober­pfaf­fen­hofen, Moosach und dem Westend haben nichts mehr zu tun. In ihren Zimmern legen sie Schall­platten vergan­gener glor­rei­cher Zeiten auf und umgeben sich mit ikono­gra­phi­schen Gegen­s­tänden der Rebellion.
Filme und Live Narration von Anna McCarthy, dazu Live-Musik von Tagar
In Anwe­sen­heit von Anna McCarthy

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Mehr Infor­ma­tionen unter www.underdox-festival.de.