1.10.2009

Better things: Kino-Crossover bei UNDERDOX

Better Things von Duane Hopkins
Brit-Kino vom feinsten

Zum 4. Internationalen Festival für Dokument und Experiment in München (1.-7. Oktober)

Am heutigen Donnerstag beginnt die vierte Ausgabe von UNDERDOX, das Münchner Festival der Grenzgängerfilme. Artechock-Redakteurin Dunja Bialas, die zusammen mit Bernd Brehmer das Festival 2006 gegründet hat und es seither mit minimalem Budget und unerschütterlicher Überzeugung leitet, gibt für artechock einen Ausblick auf das anstehende Programm (siehe auch www.underdox-festival.de).

Dokument und Experiment, so der Untertitel von UNDERDOX, ist eine explosive Mischung. Unsere Filme brechen aus dem geschützten Raum einer klar definierten Gattung aus. Sind Dokumentarfilme, die das rein Dokumentarische opfern zugunsten der Lust am Erzählen, am Verwirrspiel und an der Gestaltung. Unsere Filme stellen nicht nur etwas dar, sondern stellen über ihre Form das Medium Film selbst aus. Unsere Filme beinhalten Reflexion, das Nachdenken und den Verweis auf sich selbst, und halten das große Abenteuer neuer Entdeckungen bereit.

Reflexion und Abenteuer, das könnte ein anderer Untertitel für UNDERDOX sein: Ein Abenteuer ist es, wenn der Zuschauer mit Crude Oil zwei Tage lang in den Alltag chinesischer Ölarbeiter eintaucht, in Echtzeit, mit der radikalen Länge von 14 Stunden. Crude Oil, so der radikale Dokumentarfilmer Wang Bing, war von Anfang an als film for exhibition gedacht. Die Länge ist also auch eine Einladung, immer wieder in den Film und das Leben der Menschen "hineinzusehen". Wir zeigen Crude Oil erstmals mit englischen Untertiteln, zu sehen ist die monumentale Dokumentation in der Galerie Weltraum bei freiem Eintritt. Da sollte man immer wieder mal "vorbeischauen", in der Galerie und bei den Menschen, die in der Wüste Gobi eine harte Existenz führen. (Fr.-So., 14:00-21:00 Uhr, Do. 19:00-2:00 Uhr, Galerie Weltraum, Rumfordstr. 26, 80469 München)

Reflexion hingegen ist gefragt, wenn bei unserem Eröffnungsfilm Double Take des Videokünstlers Johan Grimonprez die Genregrenzen gehörig erschüttert werden. Der Film ist eine eindrucksvolle Mischung aus Essay, Mockumentary, Found-Footage-Spielfilm und politischer Analyse um Paranoia, Alfred Hitchcock und seinen Doppelgänger, und dies vor der Folie des Kalten Krieges. Das alles macht einen unglaublichen Ratespaß und erfordert konzentriertes Mitdenken: Wer wird wen umbringen? (Do., 20:30 Uhr, Filmmuseum)

Eine besondere Veranstaltung ist am Sonntag abend geboten. UNDERDOX geht erstmals mit einer Filmprojektion in einen Theaterraum, mit der Aufführung von Wonderland von Nicolas Humbert und Martin Otter im i-camp / Neues Theater München. Bei ihnen stand das Abenteuer der Entdeckung am Anfang des Projekts: Sie begleiteten die Tournee des französischen Improvisations-Trios "Das Kapital" und tauchten jeweils eine Woche in eine Stadt ein, um Aufnahmen zu finden, die sie während des Ciné-Konzerts live zuspielten. Wir zeigen die daraus entstandene Filmkomposition als Projektion auf zwei Leinwände und raumgreifende Soundinstallation. (So., 20:30 Uhr, i-camp, Entenbachstr. 37, U-Bahn Kolumbusplatz)

Nicht im Theater, sondern im Kino: auch dieser dem bewegten Bild so vertraute Ort kann zum ungewöhnlichen Aufführungsraum werden. Wir haben Münchner und bayerische Künstler dazu eingeladen, ihre Videoarbeiten bei uns auf der Kinoleinwand zu zeigen. Die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer im Kinosaal genießen, bei großem Bild und gutem Sound, und sich nach der Projektion den Fragen der Zuschauer stellen – das kann man bei uns in geballter Form beim UNDERDOX Sampler erleben. (Di., 22:15 Uhr, Werkstattkino)

Unser Filmprogramm im Filmmuseum München und Werkstattkino umfasst eine Vielzahl deutscher Erstaufführungen, darunter mit den Filmen von Claire Angelini (Le retour au pays de l'enfance, Fr. 18:00 Uhr, Filmmuseum) und Simone Fürbringer (I'm a Crow, So., 11:00 Uhr, Filmmuseum) zwei Weltpremieren, insgesamt fünfunddreißig internationale Produktionen aus siebzehn Ländern.

Die Grenzen überwinden wie der freiheitsliebende Büffel in dem armenischen Border (So., 20:30 Uhr, Werkstattkino), oder überleben in der Abgeschiedenheit des chinesischen Hinterlandes wie die Waldarbeiterfamilie in dem mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Survival Song (Sa., 3.10., 20:15 Uhr, Werkstattkino) – das kann sinnbildlich auch für die UNDERDOX-Filme gelten. Sie brechen aus den Genregefängnissen aus und begeben sich auf unbeackertes Terrain. Drängen als Marksteine der Veränderung auf die kinematographische Landkarte und schreiben Filmgeschichte.
UNDERDOX-Filme brechen Sehgewohnheiten auf und geben eine neue Lust am Kino. Davon sind wir überzeugt.

Dunja Bialas

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