04.08.2022
ABSTAND/ZOOM

W_WIMMELBILD

Everything Everywhere All at Once
Wimmelbild in die Tiefe hinein: Everything Everywhere All at Once
(Foto: Leonine)

Aber zurück zu den Partys, denn diese werden alle Nase lang gefeiert, die CableCash-Mitar­beiter*innen feiern alles und ständig, denn so lange alle dran glauben, funk­tio­niert das eben mit dem Kapi­ta­lismus

Von Nora Moschue­ring

Ich beginne mit einer sehr plaka­tiven Metapher, die noch dazu völlig über­pro­por­tional mit Sinn aufge­blasen wird: »Mein Leben ist eine Baustelle – Das Leben ist eine Baustelle.« Es sieht aus wie ein riesen­großes, unüber­sicht­li­ches Wimmel­bild und einen Walter gibt’s da drin auch nicht: Überall nur Löcher, Funda­mente und halb­fer­tige Häuser und ich werkle mal hier, mal da herum. Dann umzäune ich es ordent­lich, mit einem rot-weißen Flat­ter­band, um zu verhin­dern, dass da andere Leute hinein­fallen. Dann marschiere ich zur nächsten Baustelle, oh, einen Moment, ich habe eine Text­nach­richt erhalten, ah, ich muss doch in die andere Richtung. Ich habe mir einen Bauar­bei­ter­helm gekauft, von wegen der Sicher­heit, und ab und an werfe ich einen Blick über den Bauzaun auf die große Welt und sehe da noch mehr und um einiges größere Baustellen.

Jetzt aber weg von der Selbst­re­fle­xion und Weltre­si­gna­tion und hin zum filmi­schen Wimmel­bild à la Wes Anderson, denn diese machen meistens ziemlich viel Spaß.

Zur Funktion des gemeinen Wimmel­bildes: Manchmal dient ein Wimmel­bild, z.B. ein belebter Markt­platz als Esta­b­lisher, als Einfüh­rung in einen Ort, der dann beim nächsten Schnitt, von einer Totale zu z.B. einem spezi­ellen Haus oder einer Person, also auf jeden Fall zu etwas Unwimm­ligem führt. Wir erinnern uns an Harry Potter und Hagrid, wie sie das erste Mal die Winkel­gasse betreten, die Kamera bleibt hinter ihnen stehen und fährt dann nach oben, so dass die beiden kurz verlo­ren­gehen, und wir sehen die Gasse mit all den kleinen Läden und den bunten Figuren, die geschäftig zwischen ihnen hin und herlaufen. Lange steht das nicht, dann wird man selber Teil davon und geht neben den beiden her, die Gasse entlang. Dann gibt es aber auch die Wimmel­bilder, die kein Zwischen­schritt sind, keine Einfüh­rung von Ort und Zeit oder einer Atmo­s­phäre, sondern ein autarkes Werk, eine Einstel­lung, die mehrere Geschichten erzählt, die wir entdecken können, weil uns kein Schnitt, Schwenk oder Zoom die Blick­rich­tung vorgibt.

Bevor ich aber zu ihnen komme, kurz zu einem bestimmten Typ des Wimmel­bildes, das mir bei der Netflix-Serie »King of Stonks« aufge­fallen ist, dem Mitar­beiter*innen­par­ty­wim­mel­bild! »King of Stonks« ist einer Satire (oder Groteske) über die Fintech-Firma CableCash, die zusammen mit ihrem CEO (Matthias Brandt) und ihrem COO (Thomas Schubert) an die Börse geht, mit, na sagen wir mal, ziemlich vielen Noch-Nicht-Kunden und Null-Geschäften in Asien, aber trotzdem mit hohen Beträgen in ihre Bilanzen. Klar das erinnert an Wirecard und, wenn man sich da noch mal einlesen möchte, wird es einem auffallen, wie nah die Serie an den Wirecard-Fakten bleibt. Der Wirecard-Skandal geht ja mitt­ler­weile in seine nächste Runde. Jan Marsalek (ehema­liger COO) ist flüchtig und wahr­schein­lich in Russland und Markus Braun (ehema­liger CEO) steht bald vor Gericht, schiebt aber alle Verant­wor­tung auf Marsalek. Die beiden haben Hunderte von Anleger*innen um ihr Geld gebracht, aber soweit ist es bei »King of Stonks« noch nicht, die Serie schließt, bevor der Bilanzen-Skandal auffliegt, in dem Moment, in dem es ein Verbot gibt, auf CableCash und seinen Untergang zu wetten, also mit Leer­ver­käufen (Short Selling) Geld zu verdienen. (Die Staats­an­walt­schaft München hat das eine Zeit lang unter­bunden, obwohl es schon 2016 begrün­dete Hinweise darauf gab, dass Wirecard-Geschäfte frag­würdig waren). Kein Wunder, dass sie da total ausflippen, zumindest in der Serie, denn noch schöner, als dass ein Betrug nicht entdeckt wird, ist ja wohl, dass er sogar noch gedeckt wird. Ich freue mich auf jeden Fall auf eine Fort­set­zung, mit mehr crazy Wirt­schafts­prü­fern, einer erfolgs­hö­rigen BaFIN und seltsam agie­renden Aufsichts­räten, im Umkreis eines, dann, DAX-Unter­neh­mens. Die Serie ist großartig und sie schafft es, ähnlich wie Wolf of Wall­street, The Big Short oder auch »Bad Banks«, uns ein System näher zu bringen, das komplex und total absurd ist und doch die gesamte Welt bestimmt.

Aber zurück zu den Partys, denn diese werden alle Nase lang gefeiert, die CableCash-Mitar­beiter*innen feiern alles und ständig, denn so lange alle dran glauben, funk­tio­niert das eben mit dem Kapi­ta­lismus, und um tiefere Gedanken daran zu verhin­dern, lenkt man die Leute eben ab, oder sie lenken sich ab. Sie lassen sich aber sicher auch gerne in den schein­baren Erfolgs­strudel mitziehen, auch die Digi­tal­mi­nis­terin (Eva Löbau) tanzt mit, denn wer wäre nicht gerne Teil eines hippen Start-ups, das von allen hofiert wird? Also wird gefeiert, wo die Feste hinfallen, und das Büro ähnelt eher einem Sekt­aus­schank als einem Arbeits­platz, but who cares, läuft doch. Große Frei­heiten, Visionen und ein bisschen Wahnsinn, wer will das nicht, da ist man dabei. Sie feiern im Büro, am Pool ihres Chefs, beim Global Economic Forum in Genf, als eine Art grotesk lachende Gruppe, die in Slow-Motion Sekt oder wahr­schein­lich Cham­pa­gner versprüht: »CableCash: Was für eine geile Firma«. Man lernt bei jeder Party­szene ein paar Mitar­beiter*innen besser kennen, aller­dings nur ihre Party­vor­lieben, und auch einer der Autoren, Jan Eichberg, feiert immer mal wieder mit (sonst habe ich niemanden erkannt, aber wer weiß). Auch beim (Düssel­dorfer) Karneval wird ordent­lich geschun­kelt, aber es melden sich hier zum ersten Mal einzelne zu Wort, um ihrem CEO, der als Karne­vals­könig verkleidet ist, zu erklären, was Sache ist. Aber eben nur auf sehr leichte, trunkene Art, wie das eben ursprüng­lich auch so gedacht war beim Karneval: Eine Kurz­kritik. Daneben hat die Serie aber auch eine rasante Schnitt­fre­quenz, die aus ihr per se schon mal ein einziges, großes Wimmel­bild macht, nur in der Zeit, dazu später auch noch mal mehr.

Wimmel­bilder über­wäl­tigen und schaffen dadurch Distanz oder sie lassen einen eintau­chen. Tableaux vivants sind dabei die wort­wört­lichste Umsetzung des Eintau­chens. Seit dem 18. Jahr­hun­dert war es ein beliebtes Party-Spiel, bei dem eine größere Gruppe von Menschen Gemälde nach­stellte. Es gibt einen Film, der sich komplett der Nach­stel­lung eines Gemälde-Wimmel­bildes gewidmet hat: Lech Majewskis Die Mühle und das Kreuz (2010). Darin stellt er die »Kreuz­tra­gung Christi« (1564) von Pieter Bruegel dem Älteren nach. Während ein so gewal­tiges Wimmel­bild wie z.B. Peter Paul Rubens »Das Große Jüngste Gericht« (1617), von dem man sich in der Alten Pina­ko­thek München erschlagen lassen kann, durch die Anzahl, Dichte und Größe der Körper, allein auf die Gefühle der Betrach­tenden abzielt, hat Bruegel kleine, detail­ver­ses­sene Szenen rund um den im Zentrum, relativ klein, sein Kreuz tragenden Jesus geschaffen, wobei er sowohl an die Phantasie als auch an den kriti­schen Geist seiner Zeit­ge­noss*innen appel­liert. Dieses durch­kom­po­nierte Gemälde überträgt Majewski in ein Medium, in dem auch die Zeit eine große Rolle spielt. Dabei schafft er sich eine Art Alter Ego, den Maler Bruegel, der durch sein Gemälde oder seinen Film streift und die Szenen und seine Inter­pre­ta­tion erklärt. Irgend­wann hebt der Maler dann die Hand, und der Müller, oben auf dem Felsen, auf dem erhaben seine Mühle steht, hebt auch die Hand und hält die Mühle und damit die Zeit an. Freeze. Da weiß man, wo die schöp­fe­ri­sche Kraft liegt, mit dem richtigen Kontakt zum Himmel, bzw. zu dessen Vermittler, beim Künstler. Der Film selbst erzählt kurze Episoden eines möglichen Davors und Danachs einzelner, stummer Personen. Dass er auch die Kreu­zi­gungs­ge­schichte bis zur Grab­le­gung erzählt, nimmt dem Film tatsäch­lich etwas von der subver­siven Kraft des Bildes, die gerade in der Gleich­zei­tig­keit steckt. In Flandern, wo zu Bruegels Zeit gerade die Spanier und die Inqui­si­tion herrschte (die rot geklei­deten Reiter), und in das er die eigent­lich ältere Geschichte trans­fe­riert, töten die Reiter Jesus, auf dessen »Leben« ihre Existenz ja quasi basiert, zudem wird zwei Todes­kan­di­daten die letzte Ölung gegeben, obwohl Jesus noch gar nicht gestorben ist. Damit befragt Bruegel, worauf sich die Kirche seiner­zeit überhaupt noch bezieht. Der Film erzählt das aus, indem er Jesus sterben und ins Grab legen lässt. Damit schließt sich ein Kreis, den das Gemälde offen lässt. Die Aussage bleibt immer noch bestehen, doch sie ist weniger eindring­lich. Der Maler, der Auftrag­geber und die Mutter Jesu alleine haben eine Stimme, alle anderen: Bauern und Bäue­rinnen, Mütter, Hand­werker, Händler und Schergen sind stumm, man hört sie nur weinen, lachen und atmen und dabei liegt über allem ein subtiler Tontep­pich. Viel­leicht sprechen nur die drei, weil es die einzigen Personen sind, von denen Über­lie­fertes existiert, aber ein bisschen schade ist es trotzdem. Ob Majewski dann auch das gelingt, was Bruegel gelungen ist, nämlich eine Aktua­li­sie­rung und Iden­ti­fi­zie­rung mit einem eigent­lich alten Stoff, ist eine Frage, die andere, ob er das wollte.

Zum Schnitt und zum Gefühl eines Wimmel­bildes, das kein Tableau ist, aber aufgrund der schieren Anzahl von Schnitten so wirken kann. Ever­ything Ever­y­where All at Once von Dan Kwan und Daniel Scheinert ist so ein Film. Er erzählt von Multi­versen – die man auch von Dr. Strange oder dem Spider-Verse kennt – also sozusagen filmische Wimmel­bilder durch parallele Welten, Zeiten, Ebenen. In klas­si­schen Wimmel­bil­dern wird auch manchmal eine Art Gleich­zei­tig­keit sugge­riert, in dem ein oder mehrere Personen an vielen Stellen gleich­zeitig zu sehen sind, was eigent­lich nicht gehen kann. Wir anti­zi­pieren dann einfach, dass die Szenen nach­ein­ander statt­finden, aber in einem Multi­versum geht das natürlich schon. Bei Dr. Strange gibt es mehrere Paral­lel­welten mit unter­schied­li­chen Versionen seiner selbst, in Ever­ything Ever­y­where All at Once ist das anders, wir sind hier einzig in den Welten der Haupt­figur Evelyn und das entsteht so: Jedes Mal, wenn Evelyn eine Entschei­dung trifft, öffnet sich eine neue Paral­lel­welt, in dem sie die andere trifft (bei I_ IRREN habe ich von der«Universe Splitter«-App berichtet, da ist das ähnlich). Wenn man das weiter denkt, würde es aber auch bedeuten, dass z.B. ihr Mann und ihre Tochter auch jeweils ein Multi­versum haben und alle anderen auch und du und ich. Ähnlich wie bei Zeit­reisen wird es bei Multi­versen auch immer kompli­zierter, je tiefer man reingeht. Na ja, eigent­lich geht es ja auch darum, was es heißt, Entschei­dungen zu treffen, um dieses Thema wird aber ziemlich viel herum­ge­strickt. Anders auch als bei Tykwers Lola rennt (1998), spielen die Entschei­dungen und ihre Begrün­dungen und Folgen gar keine wirkliche Rolle bei Ever­ything Ever­y­where All at Once, hier geht es eher um ein phan­ta­sie­volles Spiel mit Effekten und absurden Kampf­szenen, von denen es für mich gerne ein paar weniger, aber dafür ein paar mehr Momente der Reflexion hätte geben können. Zur groben Orien­tie­rung: da ist die unzu­frie­dene Evelyn, die mit ihrem freund­li­chen Mann einen Wasch­salon betreibt und mit ihrem Vater, ihrer Tochter und dem Finanzamt zurecht­kommen muss und schließ­lich gegen eine Version ihrer Tochter kämpft, die gleich alle Universen zerstören will, weil alles sinnlos ist. Da helfen dann Liebe, Ernst­nehmen, die Akzeptanz anderer Meinungen und Freund­lich­keit dagegen, das ist so schön wie einfach. Daneben geht es aber auch um Exis­ten­zia­lismus und Nihi­lismus, also um große, philo­so­phi­sche Fragen der Sinnsuche. Evelyn nun kann immer wieder Kräfte, die sie sich in anderen Universen antrai­niert oder gelernt hat, akti­vieren und sie für ihren Kampf verwenden. Da ist dann ziemlich viel cooler Wahnsinn dabei, der richtig viel Spaß macht, wie das Hot-Dog-Finger-Universum (das eigent­lich schlecht auf einer ihrer eigenen Entschei­dungen basieren kann, aber wer weiß), der erste Wimmerl/Crossbody-Bag-Kampf, viel Kung Fu und filmische Zitate. Aller­dings geht es mir hier ein bisschen so: Je mehr ich über den Film nachdenke, desto unin­ter­es­santer finde ich ihn. Schon allein, weil in jedem Universum die gleiche Konstel­la­tion an Menschen existiert und nur die Wasch­salon-Evelyn auser­zählt wird, viel­leicht aber auch wegen eben jener Schnitt­ef­fekt­ha­scherei, die erst Mal für Verwir­rung sorgt, aber nicht so recht zu Tiefgang führt, aber eben ein Wimmel­bild in einem zeit­ba­sierten Medium versucht. Und Spaß macht's auf jeden Fall.

Im Anschluss verlässt man dann das Kino und taucht ein in das Wimmel­bild der Sonnen­straße, man spricht mit einer ebenfalls alleine im Kino Gewesenen über den Film – was ich eine echt schöne Geste finde, wird dann noch zu einem buddhis­ti­schen Ritual einge­laden, bei dem zum Verzehr gezüch­tete Fische in der Würm frei­ge­lassen werden und steht noch eine Weile vor dem Sausa­litos und guckt dabei zu, wie zwei Roboter Cocktails mixen, bis einen jemand nach einem Handy­kabel fragt. Nö. Freeze.

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