02.06.2021
ABSTAND/ZOOM

I_IRREN

Kurzzeitschwester
Kurzzeitschwester: Schwer zu erkennen, ob etwas richtig oder falsch ist, also ob man sich irrt...
(Foto: NDR/ARD)

Eine ganze Zeit war ich der Meinung, dass sich Filme nicht irren können, weil sie einfach so sind wie sie sind. Quasi richtig gewachsen. Als gäbe es da ein Natur­ge­setz und sie würden so wachsen wie sie müssten.

Von Nora Moschue­ring

Dass ich mich irren kann, geschenkt. Dass auch alle anderen sich irren können auch. Schwierig wird es bei Programmen oder Algo­rithmen, aber auch das Irren kann man program­mieren oder viel­leicht sind Bugs der Irrtum eines Programms. Ich glaubte aber, Pflanzen irren sich nie. Lange ähnelten sich darin für mich Pflanzen und Filme (Programme, Pflanzen, Filme, nicht schlecht, was ich da gleich zu Beginn auffahre): Eine ganze Zeit war ich der Meinung, dass sich Filme nicht irren können, weil sie einfach so sind wie sie sind. Quasi richtig gewachsen. Als gäbe es da ein Natur­ge­setz und sie würden so wachsen wie sie müssten, vom Anfang zum Schluss hin, weil anders rum keinen Sinn machen würde. Ich bin zu Beginn meiner Film­erfah­rung nicht auf die Idee gekommen, dass man an dem, was einem da gezeigt wird, irgend­etwas in Frage stellen könnte. Bei Büchern war das auch so. Ich akzep­tierte sie so, wie sie waren. Ihr So-Sein. Das heißt aller­dings nicht, dass mir alles gefiel, sondern nur, dass ich zu bestehenden Versionen keine Alter­na­tiven sah. Filme­ma­cherInnen, Schrift­stel­lerInnen, MalerInnen, ja alle Künste basierten für mich auf einer intrinsi­schen Notwen­dig­keit, aus einem Drang von etwas Orga­ni­schem nach außen, zwar haftete es an einer Person, aber die hatte streng genommen eigent­lich gar keine Wahl. Etwas roman­tisch und naiv hing ich an einer Art Genie­be­griff. Ein Genie irrte sich nie. Das hat sich dann nach und nach geändert als ich aus der Pubertät rauswuchs.

Es ist auch weniger ein Irren, das ich mitt­ler­weile in einem Film sehen kann – denn dann gäbe es ja ein defi­ni­tives Richtig oder Falsch – sondern eher eine Art Zweifel oder ein Zögern auf meiner Seite, der Zuschau­erIn­nen­seite, das aber mitunter die frucht­barsten Film-Diskus­sionen auslösen kann.
Also kann ein Film doch nicht irren? Kann er nur Zweifel an ihm in mir hervor­rufen? Oder hat er sich dann schon für mich geirrt oder in etwas Falschem verirrt?

Erst einmal einfacher: Kann ich mich im Bezug auf den Film irren? Auch wenn zum Beispiel meine Erwar­tungen nicht erfüllt werden? Wenn ich einen Film sehen und nach fast der Hälfte merke, dass es doch kein Gangster- oder Roadmovie, sondern ein Horror­film ist wie bei Psycho oder sich bei Westworld ein Science-Fiction mit einem Western mischt, dann erzeugt das in mir selbst einen Wende­punkt, dann hat man sich im Genre geirrt und ist über­rascht und ein bisschen beschämt.

Innerhalb von fiktiven Filmen selber wird sich natürlich massiv geirrt, sonst gäbe es wohl kaum eine inter­es­sante Figu­ren­ent­wick­lung. In den besseren Filmen hört dieses Irren wahr­schein­lich auch nie auf, in den schlech­teren oder viel­leicht weniger moti­vierten, irrt sich der Held beispiels­weise in der Auswahl seiner Geliebten oder auch seiner Ziele und findet nach ein paar Wende­punkten doch zur scheinbar besten Wahl. Dabei erfahren er und wir glück­li­cher­weise zwischen­durch, dass das andere definitiv die falsche Wahl gewesen wäre. Schön auch, dass er die Chance hat, seinen Irrtum rück­gängig zu machen. Nicht unbedingt wie im echten Leben. Alles nicht. Aber eben ein Lehrstück: hab acht, wähle genau!

Aber ich kann beruhigen, es gibt Abhilfe, auch im echten Leben, natürlich fast schon tradi­tio­nell mit einer App: mit der Universe Splitter-App. Damit kann man, mit einer simplen Eingabe und einem Knopf­druck, ein Duplikat unseres Univer­sums erstellen. Also wenn man sich nicht entscheiden kann oder mag, dann kann man in dem einen Universum die eine Entschei­dung treffen und im Univer­sums-Duplikat entscheidet sich das Duplikat-Ich für die andere. Die App oder die Idee dazu, basiert auf der Viele-Welten-Inter­pre­ta­tion, einer Inter­pre­ta­tion der Quan­ten­me­chanik. Viele Physi­kerInnen halten freilich die Inter­pre­ta­tion ihrer Kolle­gInnen für einen Irrweg.

In einem Univer­sums-Duplikat hätte sich Neo, in dem in unserem Universum nicht exis­tie­renden Film: „Matrix – The Very Reverse“, für die blaue Pille entschieden und der Film wäre im Univer­sums-Duplikat wahr­schein­lich ein Flop gewesen – wahr­schein­lich wäre er das auch in diesem, aber das ist reine Speku­la­tion, hier hat er sich ja anders entschieden.

In Lola rennt (1998) werden wenigs­tens drei alter­na­tive Wege durch­ge­spielt, aller­dings in einer linearen Abfolge, nicht parallel wie in der App. Wie auch immer stellt aber doch beides auch die Idee von richtig oder falsch in Frage. Und spätes­tens hier kommt ins Spiel, was ich als Teenagerin noch unhin­ter­fragt akzep­tiert habe: Eine Geschichte kann auch ganz anders laufen (oder besetzt werden).

Auch in Rashomon – Das Lust­wäld­chen (1950) wird ein Vorgang aus vier Perspek­tiven erzählt, dabei geht es nicht um faktische Entschei­dungen, sondern um das Geschich­ten­er­zählen, um die Frage nach Wahrheit, subjek­tiver Wahr­neh­mung, Moti­va­tion und Erin­ne­rung. Lola rennt macht es uns ja gewis­ser­maßen einfach, es stellt jede mögliche Handlung nicht als Erin­ne­rung, sondern als momen­tanen Fakt dar, er konstru­iert drei Verläufe, während Rashômon die Vertrau­ens­wür­dig­keit von Geschichten dekon­stru­iert. Ja wer irrt sich denn da? Alle oder niemand?

Die Netflix-Serie Matrjoschka spielt mit der Zeit und ihrer Rela­ti­vität, ähnlich wie die App, es gibt verschie­dene Zeit­schleifen und viel­leicht auch das ein oder andere Univer­sums-Duplikat. Trotzdem geht es natürlich im Großen und Ganzen darum, die richtige Entschei­dung zu treffen, aber eben auch Fehl­ent­schei­dungen durch­spielen zu dürfen. Mir scheint, man soll sich im Film sogar irren, sonst wäre er viel zu schnell vorbei.

Bei Doku­men­tar­filmen passiert es mir manchmal, dass ich das Gefühl habe, da hat sich jemand im Fokus geirrt, z.B. bei Zuhurs Töchter, in dem ich lieber mehr von der Mutter, dem Vater und den Geschwis­tern und ihrer Flucht erfahren hätte, als von den beiden Schwes­tern. Oder bei Anny, der mir sehr und auch etwas gewollt auf das Thema Sexarbeit und weniger auf die Prot­ago­nistin hin geschnitten wurde (beide liefen auf dem eben beendeten DOK.fest). Doku­men­tar­film ist immer ein Versuch, eine Beglei­tung, die sich erst mal zur Orien­tie­rung einen roten Faden gibt, gleich­zeitig aber auch in der Bewegung des Lebens mitgehen muss, und die ist eben nicht immer planbar. Gerade der Moment des Irrens kann den Doku­men­tar­film und auch das Leben, so inter­es­sant machen.
Eigent­lich ist es auch anmaßend so etwas zu schreiben, weil man ja eben gar nicht wissen kann, was in der Realität war, es sind ja nur Wünsche, die ich hier äußere, ein eigener roter Faden, den ich mir gebe, der viel­leicht so in der Realität gar nicht existiert hat oder den man eben nicht einfangen konnte.

Kurz­zeit­schwester, eine drei­tei­lige Doku­men­ta­tion in der ARD-Mediathek, erzählt vom Zweifeln einer Familie darüber, ob es richtig gewesen ist, ein Pfle­ge­kind aufzu­nehmen und ob es richtig gewesen ist, es wieder abzugeben. Der Sohn, dem seine Schwester genommen wurde, erzählt diese Geschichte. Er erzählt sie ganz unauf­ge­regt und ohne Vorwürfe. Der Kurz­zeit­bruder fragt seine Mutter zu Beginn der zweiten Folge, ob sie Angst davor habe, als die Böse darge­stellt zu werden, und die Mutter antwortet, dass sie immer das Gefühl habe, sie müsse sich vertei­digen, obwohl sie versucht hat, es richtig und gut zu machen. Und so einfach ist das mit Entschei­dungen eben auch nicht, sie entstehen in einem Verbund, dem Mann, den Kindern, Fehl­ge­burten, der eigenen Fami­li­en­vor­stel­lung, den Vorstel­lungen der Eltern. In diesem Geflecht kann man schwer erkennen, ob etwas richtig oder falsch ist, also ob man sich irrt.

Ich bin auch schon öfter wort­wört­lich herum­ge­irrt, ich mag das eigent­lich sehr gerne. Forste und ihr Schach­brett­muster führen beispiels­weise entweder dazu, dass man richtig oder drei Mal völlig falsch fährt. Ich habe mich schon ein paar Mal beim Radfahren im Forst verirrt. Letztens, es wurde schon langsam dunkel, da sind rechts von mir, auf dem Waldweg, im langen Schatten der Bäume 10-12 Wild­schweine aufge­taucht oder besser: Die standen da so rum. Ich habe sie eine Weile beob­achtet. Ich bin dann weiter­ge­fahren und, als ich umkehren musste, weil ich mich um 180 Grad vertan hatte, versperrten sie mir den Weg. Den Weg, den ich nehmen musste! Fatal. Aber so eine Wild­schwein­rotte verschwindet sehr schnell im Wald, wenn man auf sie zufährt. Sie beob­achten einen dann aus dem Wald heraus, das spürt man. Das zu bemerken ist ein richtig durch­drin­gender Moment, dafür kann man sich auch mal irren.

Ich muss übrigens noch hinzu­fügen, dass sich auch Pflanzen irren können, die Feige einer Freundin hat gerade alle ihre Blätter abge­worfen, sie scheint zu denken, dass es Winter ist, aber da irrt sie sich. Aber wer weiß, viel­leicht hat sie doch recht, hier oder in einem anderen Universum.

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