07.07.2022
ABSTAND/ZOOM

V_VAGE

Liebe und Anarchie
Das gibt es auch – vage nicht unbedingt in der guten Art und Weise, und zwar in: Liebe und Anarchie.
(Foto: Netflix)

Es gibt da so eine Schwie­rig­keit, wenn man Menschen, die man für die Mitarbeit an einem Projekt gewinnen will, seine Idee erklärt.

Von Nora Moschue­ring

Diese Idee darf dabei nicht zu ausge­reift daher­kommen, als dass sie dem Anderen keinen Raum mehr für Gedanken und Mitarbeit lässt, sie darf aber auch nicht zu vage erscheinen, als dass der Andere im Unein­deu­tigen keine Vision, sondern nur Verplantes sieht. Jetzt ist mir das Wort dieses Textes schon in die negative Ecke gerutscht, da wollte ich es eigent­lich gar nicht haben. Ich versuche es mal wieder raus­zu­holen.

Vage inter­es­siert mich schon allein, weil es eines dieser Worte ist, bei denen man immer das Gefühl hat, es falsch zu schreiben. Das fran­zö­si­sche „vague“ oder das latei­ni­sche „vagus“ haben das „v“ gesetzt, aber es wird trotzdem wie ein „w“ ausge­spro­chen. Verwir­rend (spricht man ja auch anders aus). Es bedeutet: Herum­schwei­fend, unstet, schwan­kend, unbe­stimmt, regellos ... . Jedes einzelne dieser Worte steht zwischen etwas Unkon­kretem und Unstetem und etwas Neugie­rigem und Offenen. Auch vage Andeu­tungen werden bspw. gemacht, weil es der/die Sprecher*in eigent­lich besser weiß, aber nicht konkre­ti­sieren will, weil es entweder schlechte Nach­richten oder daraus resul­tie­rende Konse­quenzen unleugbar in die Welt setzt (in der Politik) oder weil ansonsten die intensive Spannung verfliegt (in der Liebe).

Die Liebe hat zu Beginn oft vage Momente, etwas Antas­tendes, Hervor­wa­gendes und sich wieder Zurück­zie­hendes. In Nicolette Krebitz' A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe trifft diese junge Liebe zudem auch noch auf gesell­schaft­liche Skepsis, auf Ablehnung, weil man uns noch nicht daran gewöhnt hat, z.B. eben durch Filme. In A E I O U verlieben sich Anna (Sophie Rois) und Adrian (Milan Herms), der Alters­un­ter­schied ist beträcht­lich, zudem stammen sie aus unter­schied­li­chen, gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hängen. Das Heran­tasten, das umein­ander Herum­schweifen, das regellose, intuitive Auspro­bieren ist den beiden schön anzusehen, was aber umschlägt, sobald sie gemeinsam das Haus verlassen. Da ist sie also doch, die Unsi­cher­heit, die auch zum Vagen gehört. Schließ­lich fliehen sie nach Frank­reich, mit dem vagen Wunsch sich viel­leicht in jemand anderen verwan­deln zu können, sich ein Collier anzulegen und im Kasino das Geld für die Zukunft zu gewinnen.
Der Film, der mit einer so klaren Prämisse im Titel startet, schweift mit den beiden ab, bleibt ihnen aber auf der Spur, einer Spur, die zwar nicht dem Alphabet folgt, aber doch klar und deutlich ist. Das ist es eben, was das Vage schön und nicht beliebig macht.

A E I O U könnte auch den Unter­titel tragen, den eine schwe­di­sche Serie als Titel trägt: Liebe und Anarchie, mit zwei Staffeln auf Netflix. Die Konstel­la­tionen ähneln einander, eine ältere Frau und ein jüngerer Mann, die sich verlieben. Die beiden Männer sind jeweils beide in den Zwan­zi­gern, was viel­leicht für die Männer dieser Genera­tion spricht. Aber es ist nicht nur die Spannung mit der Umwelt, sondern natürlich auch die zwischen den Liebenden an sich, die als Indi­vi­duen aufein­an­der­treffen (bei A E I O U aller­dings mehr als bei Liebe und Anarchie): Ausbil­dung, Lebens­er­fah­rung, Wissen, Macht­kon­stel­la­tionen (das eine Mal ist es eine Lehrerin, das andere Mal die Chefin). Alles spielt eine Rolle, gleich­zeitig gibt es eine enorme Freude daran, zu lieben. Lisa Langseth und Emma Bucht, die bei Liebe und Anarchie Regie geführt haben, lassen Sofie (Ida Engvoll) und Max (Björn Mosten) sinnlose Regeln für die andere Person finden, mit deren Durch­füh­rung sie nicht nur ihren, sondern auch den Alltag aller anderen irri­tieren. Das ist zwar in der zweiten Staffel schon ein bisschen abge­dro­schen, aber innerhalb der Beziehung der beiden konse­quent. Wobei man sowohl bei A E I O U, als auch bei Liebe und Anarchie, an der Ausar­bei­tung des männ­li­chen Parts und seines Hinter­grundes mehr arbeiten hätte können und sollen. Sie bleiben etwas vage – und das dieses Mal nicht unbedingt in der guten Art und Weise.

Aber kann ein Film eigent­lich an sich vage sein? Ein Bild folgt immer auf das nächste, das ist so. Da entscheidet sich keines spontan um, wieder­holt sich oder bleibt gar stehen, der Film ist ziel­strebig bis zum letzten Bild. Das man dennoch den Eindruck bekommen kann, er schweife herum, denke nach, probiere aus, zeigt, wie viel­seitig er ist: Er kann alles, auch vage sein.

Weils gerade lief und weils gerade geendet hat, noch zwei Filme aus dem Programm des Filmfests München. War Pony von den Regis­seu­rinnen Riley Keough und Gina Gammell ist ein Film über zwei Lakota-Jungen in einem Reservat in South Dakota, sie haben dafür eine lobende Erwähnung bekommen. Die beiden Haupt­per­sonen Matho (LaDainian Crazy Thunder) und Bill (Jojo Pabteise Whiting) sind Laien­dar­steller aus dem Reservat. Laien­dar­steller haben immer etwas vages, weil sie auf der Schwelle zwischen Schau­spieler und Prot­ago­nisten stehen – erst recht, wenn sie auch aktiv an der Film­ent­wick­lung beteiligt waren, wie die beiden. Sie tragen den Film, mit ihrer Lässig­keit, dem stoischen Ertragen von Situa­tionen und dem Aufbre­chen in anderen. Matho und Bill leben und überleben zusammen mit ihren Freunden in dem Reservat. Der Film bricht dabei immer wieder mit filmi­schen Gepflo­gen­heiten, bis hin zu einem schönen, aber auch etwas surrealen Befrei­ungs­schlag zum Schluss. Ich hätte gerne mehr zur Entste­hung des Filmes gewusst, aber die beiden Regis­seu­rinnen waren nicht da und die Aufzeich­nung des Film­ge­sprächs in Cannes ist nicht sehr ergiebig, sondern, im Bereich Zusam­men­ar­beit, sehr vage. Man habe 7 Jahre Hand in Hand gear­beitet, jeden Tag wurde neu kali­briert, viel mehr kommt nicht, außer dass sie „Very aware“ und alles sehr „chal­len­ging“ war.
Der zweite Film, ein Beispiel für fehlende Vagheit, ist Felix von Groe­n­ingen und Charlotte Vander­meerschs Acht Berge: ein neoro­man­ti­scher, konser­va­tiver Buddy-Bergfilm. Zwei bärtige Männer, die ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, eine Ziege schlachten, ein Kind zeugen und dabei so wenig wie möglich sprechen. Das war so dermaßen massiv und konkret wie die Berge im Hinter­grund und dazu auch noch ein Erzähler, der alles erklärt. Und was zum Schluss an Vagheit und Offenheit übrig geblieben wäre, picken die Raben­vögel in kleinen, flei­schigen Häppchen weg.

Aber nicht nur das Filmfest ist zu Ende gegangen, sondern auch die Nonfik­tio­nale in Bad Aibling. Motto war dieses Jahr: „Der gute Ton“ und ja, das ist vage, aber konkret genug, um darüber disku­tieren zu können. Darunter versam­melten die Macher*innen wieder eine Reihe wohl ausge­wählter älterer – ich möchte schreiben Klassiker des Doku­men­tar­films und neuerer Doku­men­tar­filme – die mal dazu werden. Nur zwei seien heraus­ge­griffen: Step Across the Border (1990) von Nicolas Humbert und Werner Penzel und Rebecca Zehrs A Sound Of My Own (2021), der den Nonfik­tio­nale-Preis der Stadt Bad Aibling gewonnen hat. Zwei Musik­filme oder im weitesten Sinne Musiker*innen-Porträts die versuchen, den Film selber als Musik einzu­setzen und darin eine Poesie und einen Rhythmus finden, der der jewei­ligen Musik entspricht, ohne in die Abstrak­tion zu rutschen. Schönste Szene in Step Across the Border, der mit dem briti­schen Musiker Fred Firth herum­schweift: Schla­fende Menschen in der Tokioer S-Bahn, ein Wecker klingelt. Klingelt. Eine Geigen­spie­lerin und Gitar­ren­spieler spielen zum Metronom des Weckers. Zum Schluss sieht man die Abdrücke eines Lakens auf der Haut der Geigen­spie­lerin. Zehr begleitet Marja Burchard, die Tochter von Christian Burchard, dem Gründer der Jazz­rock­band „Embryo“ oder begleitet Marja Zehr? So ist es bei beiden Filmen (bei Step Across the Border etwas mehr), die Bilder sind eine Beglei­tung der Musik, aber auch umgekehrt. Die Bilder ordnen sich nicht unter, sondern geben der Musik was dazu, bzw. beides vereint sich zu einem.

Ich habe zu Beginn geschrieben, dass das Wort vage durchaus zwei Rich­tungen einschlagen kann, jetzt habe ich aber nur Filme beschrieben, in denen ich es als positiv empfunden habe. Dabei weiß ich, was die Jury des Förder­preis Neues Deutsches Kino auf dem Filmfest meinte, wenn sie sich manchmal konkre­tere und verdich­te­tere Filme wünscht, sagen wir also mal weniger vage, nur fällt mir gerade kein Film ein, der mir im negativen Sinn zu vage und unent­schlossen ist. Aber die gibt es, Filme bei denen das Unent­schie­dene und Unbe­stimmte stört und aus Ideen- oder Haltungs­lo­sig­keit Lücken gelassen werden oder Längen bleiben und die in eine unbe­stimmte Lange­weile abkippen, die einem nicht mal Platz zur Reibung lassen, weil sie gar keine Angriffs­fläche bieten. Aber das jetzt nur sehr vage, weil, wie schon gesagt, gerade fällt mir da kein Beispiel ein, und so schließe ich eher ein bisschen offen, so dass sich jeder oder jede selber Gedanken darüber machen kann.

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