07.10.2021
ABSTAND/ZOOM

M_MISCHE

Der Rausch
Gute Mische: Tanz und Alkohol. Geht aber auch ohne (in beide Richtungen)
(Foto: Weltkino)

Verherr­licht der Film Alkohol, verdammt er ihn oder schafft er eben eine gute Mische? Wie weit darf man gehen? Was kann man darstellen und warum trinken wir überhaut?

Von Nora Moschue­ring

Man könnte vernünf­ti­ger­weise an dieser Stelle auf die richtige Tonmi­schung eingehen, auf die akus­ti­sche Fein­ar­beit an einem Film, die viele nicht auf dem Schirm haben. Man sagt ja: Ansehen und nicht anhören, was den Ton schon aus dem Sprechen über Film raus-dropt. Also es wäre nicht nur vernünftig, sondern nahezu nötig gewesen, aber ich fühle mich in meinem spät­som­mer­li­chen Kino-Enthu­si­asmus dem gerade nicht gewachsen bzw. ohnehin nicht kompetent genug: Entschul­digt. Also geht es im Folgenden um eine Mische, recht umgangs­sprach­lich und extrem allgemein: die Verei­ni­gung zweier oder mehrerer Elemente auf die ein oder andere Art. Eben: Mische.

Eine Freundin und ich hatten – als Film­fes­ti­vals schmerz­lich Vermis­sende –, eine ganze Weile überlegt, ob es dort Signature Drinks gibt, gerne auch Kaffee oder eben ein typisches Mix-Getränk, Limon­cello beim Max Ophüls oder in Duisburg eine Mische aus Alt (mein Gusto) und eine Handvoll Erdnüsse, auf der Nonfik­tio­nale Whiskey, auf dem Kurz­film­fes­tival Hamburg der 35-Milli­li­terClub (evtl. heißt er auch anders). Uns fiel aber kaum was ein und ja, das ist beileibe nicht die Mische, die wir vermissen, Festivals bieten ja per se eine Mischung an, also sind eine Mische an sich, sie werden zusam­men­ge­stellt, kuratiert, zu einem Festi­val­pro­gramm, und das ist, was wir vermissen.

Aber zum Kino-Enthu­si­asmus aufgrund der Kinoöff­nungen und zu einem Film, der wohl am offen­sicht­lichsten in diesen Text gehört: Der Rausch von Thomas Vinter­berg. Darin geben sich vier Männer so eine Art Forschungs­auf­trag – um nicht zugeben zu müssen, dass sie es aus Frust über ihr eigenes Leben oder Lange­weile tun – um zu legi­ti­mieren: immer 0,5 Promille zu halten, was natürlich gestei­gert wird, denn ja, der Pegel für Best­leis­tungen kann indi­vi­duell sein. (Warum sie in der dritten Phase bis zur Bewusst­lo­sig­keit trinken, weiß man nicht genau, schließ­lich sind es erwach­sene Männer, die einen Teil ihrer Jugend schon mit der Erfor­schung verschie­dener dieser Stadien verbracht haben dürften). Also nicht nur die Mische macht es, sondern auch das Maß. Inter­es­sant ist, sich mit anderen Menschen darüber zu unter­halten, ob es dem Film gelingt, die richtige Mischung zu finden, zwischen Proble­ma­ti­sie­rung, z.B. Sucht, Selbst­wahr­neh­mungs­stö­rung und Probleme mit dem sozialen Umfeld und eben auch einer eini­ger­maßen realis­ti­schen Darstel­lung des Alko­hol­kon­sums in einem Großteil der Bevöl­ke­rung. Verherr­licht der Film Alkohol, verdammt er ihn oder schafft er eben eine gute Mische? Wie weit darf man gehen? Was kann man darstellen und warum trinken wir überhaut? Aus Angst, Lange­weile, Gewohn­heit, dem Wunsch und der Angst vor Verän­de­rung, Krea­ti­vität, Vergessen, Über­for­de­rung, als gesell­schaft­li­ches Ritual, um uns locker zu machen z.B. bei Abifeiern oder in der Politik? Mads Mikkelsen Figur tanzt Jazz­bal­lett und das tanzt man ziemlich sicher besser ohne Alkohol. Für mich hat der Film die richtige Mischung, für andere nicht, aber das ist ja viel­leicht überhaupt die Grundlage für gute Diskus­sionen.

Um eine andere Art der Mischung geht es in dem Doku­men­tar­film Die Unbeug­samen, nämlich die von Frauen und Männern in der Bonner Republik. Von einer Art »richtigen Mischung« waren sie damals weit entfernt, es ging erst mal darum, überhaupt einige wenige Frauen in der Politik zu haben und zu akzep­tieren, denn natürlich: »Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern über­lassen könnte.« (zuge­schrieben) Käte Strobel (SPD). Beein­dru­ckend auch Waltraut Schoppe (Bündnis90/Die Grünen), die 1983 mit ihrer ersten Rede im Bundestag, in der sie eine »Bestra­fung bei Verge­wal­ti­gung in der Ehe« forderte, Aufsehen und Bewusst­sein erzeugte. Oder Rita Süssmuth (CDU), die von Helmuth Kohl als zweite Frau ins Kabinett berufen wurde und dann doch eine eigene poli­ti­sche Meinung hatte und diese auch kundtat. Hildegard Hamm-Brücher (FDP), nicht unbedingt eine Frau, die andere Frauen unter­stützte, aber eben eine, die es als selbst­ver­ständ­lich nahm, das Gleiche zu tun/zu sagen wie Männer. Christa Nickels (Bündnis90/Die Grünen) die mit 1000 japa­ni­schen Papier-Kranichen zum Jahrestag von Hiroshima sprach und eben neben Inhalten auch die Visua­lität, die Form, geändert wurde, etwas Neues rein­ge­bracht wurde, in diese homogene Gruppe weißhaa­riger Männer­runden im Anzug. Während des Filmes gab es Klatschen und Lachen oder echauf­fierte Rufe, ein leben­diger Kinosaal, puh, wie gut, und hoffent­lich führt der Film dazu, dass mehr Frauen in die Politik gehen, denn viel besser sind die Zahlen nicht geworden.

Was auch immer wieder in Filmen gemacht wird, ist Genres zu mischen. Ich denke, die kommen sich dabei manchmal so ähnlich vor wie dieje­nigen die das SUP erfunden haben, den Pizzaburger oder AcroYoga: ganz schön clever. Aber ja, manchmal macht es eben die Mischung, manchmal hilft aber auch das nicht.

Auf der Suche nach Gemischtem bin ich bei der Netflix-Produk­tion »Blood Red Sky« gelandet: Weil klar, warum nicht mal Vampire und Terro­risten zusam­men­denken? Das erinnert mich an die Verfil­mung des Romans »Stolz und Vorurteil und Zombies«, den ich irgendwie 2016 im Kino verpasst habe oder natürlich Fast-Klassiker wie Zombiber, Sharknado oder Cowboys & Aliens. Kollege Josef Grübl bezeichnet Blood Red Sky nicht nur als »Vampir­film und Mamadrama, sondern auch Entfüh­rungs­krimi, Terror­thriller und Action­spek­takel«. Was auch immer ein »Mamadrama« sein soll, wenn es darum geht, dass eine allein­er­zie­hende Mutter gegen Terro­risten kämpft, gegen den Drang, andere Leute auszu­saugen und ihren Sohn zu schützen, dann ist das wirklich ein Mamadrama, ein ziemlich großes und spezi­elles, aber sonst? Eine Vampirin sitzt mit ihrem Nicht-Vampir-Sohn in einem Flugzeug und das wird von Terro­risten entführt und zwar den so ziemlich Fiesesten, die man sich vorstellen kann. Wow. Ich war neugierig, musste dann aber doch zwischen­durch ziemlich viel anderes erledigen, weil ständig Leute erschossen wurden, wieder aufer­standen und wieder zerfleischt wurden, ziemlich viel Repe­ti­tives – insgesamt keine gute Mische und leider auch wieder zu gut, um richtig akzep­ta­bler Trash zu sein.

Jetzt beende ich mal meine eigene Mische, mein eigenes Mixtape, zum Schluss noch eine Podcast-Empfeh­lung. Anfang September drehte sich die Folge von »This American Life« um musi­ka­li­sche Mixtapes. »This American Life« setzt sich jede Folge aus mehreren doku­men­ta­ri­schen Klein­odien zusammen: »like little movies for radio«, das ist so schön wie praktisch, wenn man mal einfach im Bett liegen will, um die Augen, die den ganzen Tag geöffnet sind, zu schließen, um sich nicht alleine zu fühlen, was zu lernen und etwas herbei­zu­phan­ta­sieren.

Der Titel war: »This is just some songs – We made you a mixtape. Don't make a big deal out of it or anything.« Der Sound­track eines Moments oder einer Beziehung, der richtige Track unter Slide­shows, die am Ende des Schul­jahres gezeigt werden... insgesamt fünf Geschichten zum Thema Musik, die zusammen ein Mixtape bilden. Denn: Die Welt ist ein Remix.

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