09.09.2021
ABSTAND/ZOOM

L_LUFT

Doch das Böse gibt es nicht
Überall fehlt es hier an Luft. Mohammad Rasulofs Doch das Böse gibt es nicht
(Foto: Grandfilm)

Luft. Das ist eines dieser Wörter, die klingen wie das, was sie bezeichnen, deren Into­na­tion dazu beitragen kann, ein Bild davon zu erzeugen, was man vor seinem inneren Auge sieht...

Von Nora Moschue­ring

Also die Luhhft, lang und frei, oder ganz kurz und weich, eher eine Art pffft, wie der kleine, zarte Ton den es macht, wenn man bei einer Luft­ma­tratze die Luft rauslässt. Luft ist ganz anders als das englische Wort Air, das sehr räumlich ist. Luft klingt nach atmen, es ist etwas Fassbares, fast schon Lapidares, etwas, was nebenbei existiert, das wir aber sehr sch ätzen.

Luftholen. Gerade auch ein Bild für die Öffnung der Kinos. Wobei es mögli­cher­weise eher eine Pause von der Pause ist, was eini­ger­maßen verwir­rend ist. Das Luftholen ist hier eben ein Tun im Nichts-Tun, wo man doch norma­ler­weise Luft holt, weil man zu viel tut.

Luftholen. In ein Gefäß füllen, es luftdicht verschließen. Eine Beatmungs­ma­schine anstellen und die Lungen mit Beatmungsgas/Luft füllen.

Luft kann aber auch genommen werden.

In leichter Form in Radu Judes Bad Luck Banging or Loony Porn. Er hat auf der dies­jäh­rigen Berlinale den Goldenen Bären gewonnen (zu dem Gewinner des letzten Jahres komme ich zum Schluss). Es ist unmöglich, sich diesen Titel zu merken, man nuschelt also irgend­etwas von Bad Luck und Porn, um ins Kino zu kommen.
Im ersten von drei Teilen, in „Einbahn­straße“ flieht eine Frau durch die Straßen Bukarests vor einer Nachricht. Sie hatte fröh­li­chen Sex mit ihrem Mann (oder wem auch immer), aller­dings sind die Film­auf­nahmen, die dabei entstanden sind, ins Netz gelangt und waren dort, zumindest für Menschen, die sich auf „pornhub“ aufhalten, sichtbar – was offenbar viele tun, ohne das verwerf­lich zu finden. Es geht in dem Film auch um Doppel­moral. Die Lehrerin Emilia „Emi“ Cilibiu ist also unfrei­willig Teil einer öffent­li­chen Debatte geworden, die sie nicht mehr aufhalten kann. Und wir sitzen erst einmal gefühlt eine Ewigkeit vor den Amateur-Porno­film­auf­nahmen, die ziemlich explizit sind. Hier wird mit voller Absicht keine Lücke gelassen, wir können uns nicht dafür entscheiden, unsere Phantasie walten zu lassen oder auf „pornhub“ zu klicken, wir Zuschau­erInnen müssen Teil der Debatte werden und uns innerlich dazu verhalten. Zum Schluss des Filmes wird das sehr schön gespie­gelt, wenn die Stell­ver­tre­terInnen verschie­dener gesell­schaft­li­cher Posi­tionen ziemlich genüss­lich, dreist und lüstern die Szene auch noch mal ansehen und wir uns ganz darauf konzen­trieren können sie – also auch uns – dabei zu beob­achten. Aber zurück zum ersten Teil, im Anschluss folgt man der Lehrerin durch die Stadt: Immer wieder schwenkt dabei das Bild von ihr weg auf Werbe­ta­feln, Graffitis, Geschäfte, Poster. Emi laviert sich um Menschen herum, überquert Kreu­zungen und trifft auf immer größer werdende Autos die ihr den Gehweg verstellen. Beim ersten Mal legt sie sich mit dem Fahrer an, dann lässt sie es. Alle sind rastlos. Atemlos. Viele Menschen tragen Masken, auch Emi, der man eigent­lich schon so nahe gekommen ist, die sich aber im analogen Stadtraum verliert.
Teil 2: „Kurzes Wörter­buch der Anekdoten, Zeichen und Wunder“, ein Alphabet verschie­dener Begriffe aus der rumä­ni­schen Geschichte oder Gesell­schaft. Zuerst scheinbar asso­ziativ (wie diese Reihe hier) dann aber doch auf das vorbe­rei­tend was kommt, die Insze­nie­rung der rumä­ni­schen Gesell­schaft auf Basis dieser Hinter­gründe.
Im dritten Teil „Praxis und Anspie­lungen (Sitcom)“ trifft man wieder auf Emi. Sie betritt die Schule, in der sie unter­richtet. In ihrem Innenhof – sei es aus Pandemie-Gründen oder als eine Art Agora – trifft sie zuerst auf die Lehrer­schaft, die schließ­lich in die Eltern­schaft und damit eine Art Bild der rumä­ni­schen Gesell­schaft, aber auch der digitalen Gesell­schaft allgemein, übergeht. Es wird verhan­delt, unter­schied­liche Meinungen treffen aufein­ander, jeder und jede darf noch mal kommen­tieren und sich einmi­schen und von den eigenen und eigent­li­chen Problemen ablenken. Hier tragen alle Masken, auf ihre ganz eigene indi­vi­du­elle Art. Das ist meta­pho­risch gemeint, aber eben auch wort­wört­lich. Die Masken tragen Zeichen und Hinweise und sind, wie auch die Kleidung, Kostüme, über die etwas erzählt wird. Dabei werden die Menschen nicht indi­vi­dua­li­siert, sondern sie reprä­sen­tieren verschie­dene Gruppen. Mitten­drin Emi, die sich tapfer schlägt und versucht, wieder Luft zu bekommen und etwas zu recht­fer­tigen, was sie nicht mehr rück­gängig machen kann und aus dem sie, das bemerkt man recht schnell, nicht mehr rauskommt. Aber sie argu­men­tiert, sie argu­men­tiert gut und erfährt auch Rückhalt. Der Schluss ist erstaun­lich unein­deutig eindeutig und dabei richtig kraftvoll.

Das Luftholen in Bad Luck Banging or Loony Porn ist eines in einer hyper­ven­ti­lie­renden, digitalen, (un-)mora­li­schen Gesell­schaft, das durch die Masken eine Gestalt bekommt, in Promising Young Woman von Emerald Fennell, einem Rape-and-Revenge-Film, geht es um das Luftholen auf verschie­dene Art und Weise. Man kann den Film diese (Sub-)Genre­bezeich­nung geben, kann es aber auch sehr gut lassen, es ist viel­leicht auch Zeit dafür, damit aufzu­hören, simple Genre­bezeich­nungen für komplexe und besonders trau­ma­ti­sie­rende Ereig­nisse zu benutzen.
Cassandra „Cassie“ Thomas sucht nach einem Ventil zur Verar­bei­tung des Selbst­mords ihrer Freundin Nina. Nina wurde die Luft genommen, als sie auf einer Party von mehreren Männern verge­wal­tigt wurde. Das, aber auch das dies, sowohl von den betei­ligten Männern, als auch von den unbe­tei­ligten, aber mitwis­senden Frauen, verharm­lost oder verdrängt wurde, hat Nina in den Selbst­mord und Cassie zur Rache getrieben. Nach Ninas Tod hat Cassie das Medizin-Studium abge­bro­chen und arbeitet seither in einem Café. Sie ist wütend, wütend auf den eigent­li­chen Vorgang, aber auch wütend darauf, dass alle so weiter­leben wie bisher und das es offenbar Struk­turen gibt, die das Ganze mittragen und die Täter in Sicher­heit wiegen. Sie besucht ein Mal in der Woche eine Bar, gibt vor betrunken zu sein und lässt sich mitnehmen. Weder ein „Nein“, noch das sie ganz offen­sicht­lich nicht mehr „Frau ihrer Sinne ist“ hält die, meist nett ausschau­enden Jungs, davon ab, sie „benutzen“ zu wollen. Gerade diese Harm­lo­sig­keit der Jungs und die Länge der von Cassie geführten Liste ist wahr­schein­lich eines der stärksten Indizien dafür, dass hier massiv und gesell­schaft­lich etwas falsch läuft. Cassie selber wohnt – wie die Jungs und wahr­schein­lich auch ihre ehema­ligen Kommi­li­tonInnen – in der völligen Geschmack­lo­sig­keit eines US-ameri­ka­ni­schen Pseudo-Bieder­meier-Vororts, dessen Künst­lich­keit und insze­nierte Unschuld trotzdem oder gerade, solche kata­stro­phalen Über­griffe fast schon zu einer Art Tradition/Norma­lität werden lassen, über die man nicht spricht – ähnlich wie beim Spring Break, den Univer­si­täts-Partys, dem Abschluss­ball oder auch auf dem Okto­ber­fest oder eben ohne „tradi­tio­na­li­sierten Rahmen“: Frau. Alleine. Kurzer Rock. Betrunken. Selbst schuld. Cassie versucht, das zu durch­bre­chen, indem sie wieder „nüchtern wird“ und sie mit ihrem Handeln konfron­tiert. Im besten Fall nimmt jeder der Männer, die von ihr bloß gestellt werden, etwas mit, denkt nach, wird empha­tisch, ist nicht von ihrer plötz­li­chen Nüch­tern­heit, sondern von seinem eigenen Tun scho­ckiert.
Dann verliebt sich Cassie. Natürlich. Die Love-Story als scheinbar beru­hi­gender Punkt, der kurz so etwas wie Norma­lität sugge­riert.
Promising Young Woman erschreckt, befrie­digt aber gleich­zeitig auch, weil es die Rache eben gibt, aber eben wieder einmal die sehr indi­vi­dua­li­sierte einer Einzel­kämp­ferin, wie es Hollywood-Filme so gerne machen. Sie geht nicht zur Polizei, nicht zu einem Anwalt, so das im besten Fall nicht nur Gerech­tig­keit für Nina herge­stellt werden würde (natürlich kommt zum Schluss die Polizei, und viel­leicht können hier Schritte in diese Richtung angedacht werden, kommen aber im Film nicht vor).
Die inter­es­san­teste Figur ist dann auch der Anwalt, der die Täter von damals vertei­digt hat und den ein schlechtes Gewissen plagt (offenbar wirklich als Einzigsten), weil er zwar „gewonnen“ hat, aber moralisch nicht damit umgehen kann. Das sonst keine einzige der Figuren diese Ambi­va­lenzen aufweist, sich schämt, bereut oder zweifelt (auch Cassie nicht), ist schade, das hätte man in jedem Fall komplexer machen können, genauso, wie mögliche Erklä­rungen zu zeigen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, warum diese Jungs Frauen objek­ti­vi­zieren und warum das die Frauen selber auch machen, statt sich soli­da­risch zu verhalten (die Jungs dagegen haben dieses Brother­hood-Ding am Laufen). Eine andere Frau gibt ihr zwar schließ­lich den entschei­denden Hinweis und Beweis, aber das weniger aus Einsicht und Soli­da­rität, sondern ihrer­seits aus Rache. Am Schluss bekommt Cassie wirklich keine Luft mehr und das ist schon etwas bitter, besonders weil sich wieder einmal die Frau opfern muss.

Der Aufbau von Promising Young Woman entspricht dann tatsäch­lich diesen zwei zu Beginn genannten Begriffen: Verge­wal­ti­gung und Rache und viel­leicht/hoffent­lich trägt der Film zu einer Sensi­bi­li­sie­rung für bestimmte Themen bei und unterhält nicht nur für eine kurze Zeit, weil der Film in sich so abge­schlossen ist. Ganz anders erzählt der Episo­den­film Doch das Böse gibt es nicht von Mohammad Rasulof, der auf der letzt­jäh­rigen Berlinale den Goldenen Bären gewonnen hat. In Doch das Böse gibt es nicht geht es in vier lose mitein­ander verbun­denen Episoden um die Todes­strafe im Iran, etwas das eine Gesell­schaft ersticken lassen kann. Rasulof hat mit diesem Film dafür ein sehr ruhiges und leises Ventil gefunden, eben kein Rache-Film, sondern ein psycho­lo­gi­scher und mensch­li­cher Film, der zeigt, was es mit den Menschen macht, wenn sie damit direkt oder auch nur indirekt zu tun haben.
Zu Beginn fährt ein Mann mit stoischem Gesicht, mit einem Sack Reis nachts von der Arbeit nach Hause, später begleiten wir ihn und seine Frau durch Teherans Verkehr. Sie holen ihre Tochter, besuchen seine Mutter, sprechen über eine bevor­ste­hende Hochzeit. Er ist dabei liebevoll, aber unbewegt. Der erste Hinweis für das, was er macht, ist die schwere Tür, durch die er muss und die lange Mauer an der er vorbei­fährt, der zweite der, dass er sein Gehalt nie selber von der Bank abholen möchte. Das alles sind kleine Hinweise, sonst erleben wir ihn in seinem Alltag und denken erst zum Schluss des Filmes über den gleichen Tag von vier anderen Menschen nach, deren letzter es war und deren Voll­stre­cker er ist. Sie sterben durch Erhängen, er öffnet die Falltüren.
In der zweiten Episode geht es um das mora­li­sche Dilemma von Soldaten, die den Stuhl umschmeißen sollen, auf dem die Delin­quenten stehen. Offenbar war diese Art der Voll­stre­ckung im Iran mal der Fall, ist es aber jetzt nicht mehr. Eine Infor­ma­tion, die man nicht bekommt, die ich aber wichtig fände. Der junge Soldat verzwei­felt fast daran, schafft es aber, schließ­lich zu fliehen und entkommt mit seiner Verlobten.
In der dritten Episode besucht ein ebenso junger Soldat seine Freundin im Haus ihrer Familie in dem eine merk­wür­dige Stimmung herrscht, weil sich alle auf die Trau­er­feier eines Freundes, eines im Gefängnis umge­brachten Mannes, vorbe­reiten. Der junge Soldat erkennt ihn wieder, er hat ihm den Stuhl unter den Füßen wegge­zogen. Verzwei­felt versucht er, sich daraufhin im See zu ertränken, den Kopf unter Wasser zu halten, selbst keine Luft mehr zu bekommen. Ein erstickter Schrei. Luft­blasen.
Im vierten Teil besucht eine Nichte ihren Onkel, einen Arzt und seine Frau, die zusammen abseits in den Bergen leben, weil er sich geweigert hat, die Todes­strafe umzu­setzen. Der Mann ist krank und hustet Blut, während er versucht, sich für Entschei­dungen zu recht­fer­tigen, zu denen seine Nichte/Tochter, die in Deutsch­land lebt, keinen Zugang hat.
Im Film geht es nicht um die Menschen, die zum Tode verur­teilt sind oder Vertreter des Regimes, die die Urteile fällen, sondern darum, welche Auswir­kung es auf Menschen hat, ein Teil dieses Systems zu sein und wie es an ihnen zehrt.

Überall fehlt hier Luft: Im Staub von Teheran, in der, wie eine Gefäng­nis­zelle wirkenden Unter­kunft der Soldaten, im Wasser des Sees und in den trockenen Bergen.
Der Film selber lässt Luft: Alles ist ganz still und leise. Rasulof lässt den Geschichten Zeit, sich zu entfalten, und die Personen haben die Möglich­keit, sich anders zu entscheiden, wider­ständig zu sein, müssen aber mit den Konse­quenzen leben.

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