01.04.2021
ABSTAND/ZOOM

G_GESCHICHTEN

Aus einem Jahr der Nichtereignisse
Nichtereignisse liefern keinen Stoff. Über sie lässt sich aber trotzdem wunderbar erzählen, wie der narrative Dokumentarfilm Aus einem Jahr der Nichtereignisse beweist
(Foto: Ann Carolin Renninger/René Frölke)

Stories We Tell. Auch Doku­men­tar­fil­merInnen wollen Geschichten erzählen und ich frage mich: Was soll denn das heißen: Ihr wollt Geschichten erzählen? Laufen die da draußen so rum, die Dreiakter?

Von Nora Moschue­ring

Diese Pandemie zieht sich.

Hier liege ich nur extrem abge­schlafft auf meinem Bett herum. Egal wie lange dieses ganze Pande­mie­ding noch geht, jetzt gäbe es die Zeit, seinen Roman oder seine Biografie zu schreiben, und wie sieht es damit bei mir aus? Ich liege hier auf dem Laken und hinter­lasse einen Abdruck. Viel mehr nicht. Das kann man sich auch schwer schön­reden. Viel­leicht mit Eierlikör auf Sprüh­sahne ein bisschen schön­trinken, aber auch nur ein bisschen.

Alles ist gerade unter­bro­chen, auch unsere Story­lines, die wir mal vor irgendwem gepitcht haben und denen wir nun zu folgen versuchen oder die wir uns retro­spektiv erzählen, um Ordnung in die Ereig­nisse zu bringen.

Wie sehen diese Geschichten aus, die wir uns über das Leben erzählen, und was wollen wir darüber sehen? Der Doku­men­tar­filmer Dietmar Post nennt es auf artechock in Bezug auf den insze­nierten Doku­men­tar­film Lovemobil das Einfor­dern der »'schönen' Relotius-Geschichte«. Einge­for­dert wird sie von Doku­men­tar­film­fes­ti­vals, Preis-Jurys und viel­leicht ja auch schon von den Film­hoch­schulen, sie alle will ich da – neben den Fernseh-Redak­tionen – nicht ausnehmen, aber ich würde behaupten, dass auch die Zuschau­erInnen danach verlangen. Ein bisschen auch das alte Henne und Ei-Problem. Mitt­ler­weile wird nämlich das »Geschichten erzählen«, das »Story­tel­ling«, auch auf unser Leben ange­wendet, und wenn Doku­men­tar­filme das auch noch über­nehmen, obwohl ich behaupte, dass es gar nicht da ist, beißt sich natürlich das Ei in die Henne oder so. Natürlich ist das eine These und ich kann mir vorstellen, dass auch Romane aus dem 19. Jahr­hun­dert Ideen für die Inter­pre­ta­tion der Gescheh­nisse im eigenen Leben boten, nur las man eben nicht 5-6 Romane in einer Woche. Falsch ist das ja auch nicht, nur ist es natürlich schon zu hinter­fragen, dass jetzt ausge­rechnet Doku­men­tar­filme das auch noch bedienen müssen, eben jene Kausal­ketten- und Sinn­ge­bungs­struktur mit Drama­turgie und Entwick­lung der Personen, eben infor­mativ und unter­hal­tend sein sollen. Dabei ist das Leben und sind damit auch die Doku­men­tar­filme immer Versuche, auf die man sich einlässt, denen man folgt und deren Ergebnis offen ist, und das eben für beide Seiten: Die Filme­ma­chenden und Zuschau­erInnen. Es kann dabei eine Narration geben, es muss aber nicht.

Eigent­lich wollte ich diesen »Geschichten«-Text mit George Lucas beginnen, weil der sich gerade ein Museum baut: das »Lucas Museum of Narrative Art«, das sich ganz dem visual Story­tel­ling widmen soll. Es ähnelt sehr einem Raum­schiff, na ja: Space­ships are the story of his life. Tobias Kniebe hat sich 2017 in einem Artikel, der das Lucas-Museum als Ausgangs­punkt nahm, mit dem »Modewort Narrativ« beschäf­tigt. Er benennt den Philo­so­phen Jean-François Lyotard, der in den 80ern über das Ende der »großen Erzäh­lungen«, der »Metaer­zäh­lungen« – übersetzt als Narrativ – schrieb, als indi­rekten Aufbringer dieser Mode. Aber was ist das »Narrativ«? »Eine sinn­stif­tende Herkunfts- oder Entwick­lungs­ge­schichte, ohne die eine Gemein­schaft nicht exis­tieren kann.« Ob das Lucas meint? Ob das im Engli­schen so benutzt wird? Auch im Deutschen ist der Begriff »Narration« heute sehr dehnbar. Kniebe dazu: »Das Gehirn ist die größte Narra­ti­ons­ma­schine überhaupt, und die einge­baute Funktion der erzäh­le­ri­schen Sinn­stif­tung, über die es verfügt, ist im Prinzip auch nicht abschaltbar.« Viel­leicht gilt das ja auch für unser Leben. Also wieder: Was war zuerst da? Der Film und seine Vorgaben oder unser Wille zur Struk­tu­rie­rung, zur Sinn­fin­dung in allem? Und welchen Einfluss hat denn dieses ständige Story­tel­ling auf uns? Was macht denn das, wenn wir uns unser eigenes Leben als Bildungs­reise vorstellen, Kausal­ket­ten­ab­folge, hin zu … ja zu was denn eigent­lich? Zum Happy End? »Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende?« Von wem ist dieser bescheu­erte Satz eigent­lich?

Auch Doku­men­tar­fil­merInnen wollen Geschichten erzählen und ich frage mich: Was soll denn das heißen: Ihr wollt Geschichten erzählen? Laufen die da draußen so rum, die Dreiakter? Ande­rer­seits weiß ich genau, was sie meinen, ich verstehe das und mir geht es ja auch so, aber: Jetzt tötet sie doch endlich mal, die Katze! Schmeißt sie raus die Plot­points und Meilen­steine! Oder: Viel viel mehr rein davon. Chaos. Versuche, die im Werden Gestalt annehmen, auch eine, die wir nicht haben kommen sehen, oder die wir noch gar nicht kennen.

Natürlich können Filme Orien­tie­rungs­punkte bieten, sie können uns trösten oder aufregen, wir können uns für eine Weile iden­ti­fi­zieren – das muss aber auch wirklich nicht sein – und uns an Erfah­rungen reicher, verstän­diger und empa­thi­scher machen. Aber hilft es uns wirklich, uns unser Leben als eine Art Helden­ge­schichte zurecht­zu­coa­chen, oder ständig auf die Eule zu warten, die uns in unsere Meta-Erzählung einweist? Welche »Narrative« hat denn dieses Hollywood-Story­tel­ling mögli­cher­weise schon über uns gekippt, in denen wir jetzt fest­ste­cken: Happy End, der Sieg des Fleißigen, die Liebe des Lebens und die Kern­fa­milie? (Wie es auch im Umfeld von Marketing- und Kommu­ni­ka­ti­ons­agen­turen auftaucht.)

Es muss auch nicht auf diese Art erzählt werden, nicht im fiktio­nalen Film und erst recht nicht im Doku­men­tar­film, weil es eben nicht so ist. Aber da tut sich auch schon so einiges und auch vieles im Doku­men­tar­film.

Der wunder­schöne Doku­men­tar­film Aus einem Jahr der Nicht­er­eig­nisse macht den Alltag eines alten Mannes »erzäh­lens­wert« und auch, ja, jetzt komme ich noch mal zurück auf Elke Lehren­krauss, sie hat in Sachliche Romanze einen Film über eine Nicht-Geschichte »erzählt«. Es geht um den Versuch eines Ehepaares, nach einer Trennung, die schon ein paar Jahre zurück­liegt, wieder zum Paar zu werden, weil es aus verschie­denen Gründen praktisch wäre: Man hätte ein gemein­sames Haus, ihre Flucht aus der Ehe in die Freiheit hat nicht das geboten, was sie erhofft hat, sie haben einen Pool und vor allem: Man wäre nicht mehr alleine. Sie treffen ein paar Tage im Alltag wieder aufein­ander, und man spürt in allem, ihren Blicken, ihren Gesten, dass das zwar eine eigent­lich gut klingende Idee ist, die aber im Leben nichts zu suchen hat. Am Schluss geht sie, dafür gibt es keinen konkreten Anlass, keinen Streit, sie ist nur einfach nicht mehr da, und er lebt weiter zwischen sehr vielen alten Dingen in einem Haus, und der Pool füllt sich mit modrigen Blättern. Nichts weiter. Alles erzählt in unspek­ta­ku­lären, kargen Einstel­lungen (ich kann nur hoffen, dass die »Romanze« nicht insze­niert war).

Filme können auch eine Art Sammlung sein, wie es Ursula K. Le Guin in den 80ern in ihrer »Trage­ta­schen­theorie des Erzählens« schreibt. Das Sammeln ist ja auch viel­leicht viel eher ein Bild für unsere Leben als die Helden­reise. Die Filme­ma­cherin Agnès Varda sammelte, am Offen­sicht­lichsten natürlich in Die Sammler und die Sammlerin.

Die Theo­re­tiker und Filme­ma­cherin Trịnh Thị Minh Hà »erzählt« ihre »Geschichten« ganz anders, als wir es aus dem US-ameri­ka­ni­schen Kino – und damit sind wir nun mal aufge­wachsen – gewohnt sind. Sie dekon­stru­iert alles, was wir von den »Alten Meistern« gelernt haben, damit meint sie besonders Anthro­po­logen, aber auch Filme­ma­cher. Sie nutzt dabei jedes einzelne filmische Element neu und sicher erst einmal irri­tie­rend anderes, z.B. in »Reas­sem­blage». Außerdem versucht sie Filme zu machen, die »not to speak about/ just speak nearby« »erzählen«, sie versucht also, jegliche Autorität und Hier­ar­chi­sie­rung zu vermeiden. Es geht ihr darum, Konven­tionen offen zu legen und sie zu hinter­fragen, denn Konven­tionen sind keine Natur­ge­setze, sondern Gewohn­heiten und Auswir­kungen von Macht­stra­te­gien, die man auch ändern kann.

Es geht also nicht nur darum, neue Geschichten zu erzählen, sondern auch darum, wie man es tut.

Sie können über­ra­schend sein, Spaß machen, uner­wartet und zufällig daher­kommen, für uns unbe­kannte Bilder zeigen. Sie können auch spröde sein, unsicher und ohne narrative Kohärenz und Zusam­men­hang, ästhe­tisch rau, zerfasert, frag­men­ta­risch. Wir müssen dann geduldig und genau beim Zuschauen sein.

Und ja, ich finde, dass Doku­men­tar­filme da einen anderen Maßstab haben sollten als fiktio­nale Filme, weil das »Haltlose« dem Leben entspricht. Denn ja, viel­leicht ist unser Leben gar keine drama­ti­sche und sinnige Geschichte. Wir sind ziemlich viel mit Geld verdienen, Zähne putzen und Essen zube­reiten beschäf­tigt, nein, und es muss kein Happy End geben, die Geschichte kann auch vorher enden, oder irgendwie ganz anders weiter­gehen.

Und was geht bei dir so?

Ich sitze immer noch da, wo ich vor einer Woche schon saß, und ich glaube, es läuft auch noch immer der gleiche Film.

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