10.03.2021
ABSTAND/ZOOM

F_FERNSEHEN (März 2021)

Wetten dass
Auf der Wetten-dass-Sofalandschaft. Hier noch ohne Thommy.
(Foto: Wikipedia)

Eigent­lich solle dies ein wehmü­tiger Text über das Film­gu­cken im Fernsehen werden. Bis mir Thomas Gott­schalk dazwi­schen kam.

Von Nora Moschue­ring

Im Internet, auf sämt­li­chen Streaming-Platt­formen, in den Media­theken: alles wegge­schaut. Was bleibt: Das Fernsehen. Wehmütige Seufzer aller Menschen, die älter sind als zwanzig. Aber auch nur einen kurzen, unbe­stimmten Moment, dann ein entschul­di­gendes Räuspern, denn so ganz genau wissen wir gar nicht, was wir da eigent­lich vermissen, und eigent­lich gibt es das ja noch: das lineare Fernsehen. Viel­leicht findet sich der eine oder die andere diese Tage da wieder, denn da läuft einfach immer irgend­etwas und man muss gar keine weiteren Entschei­dungen treffen – wenn man sich mal für einen Sender entschieden hat – und hängt dann fremd­be­stimmt, aber bequem, in seiner Corona-Sessel­kuhle. Wenn selbst Netflix sich Ende des letzten Jahres dafür entschieden hat, in Frank­reich ein lineares Sende­format zu starten, kann es um die Idee doch gar nicht so übel stehen, denkt man sich, außerdem kann man sich da auch mal wieder so richtig schön darüber ärgern, was da so geboten wird, oder auch freuen, wenn mal was Inter­es­santes kommt.

Wehmütig ist man viel­leicht auch nach was anderem: nach dem Wohn­zimmer, in ihm die Sofaecke, gegenüber der Fernseher auf einer dunkel­braunen Kommode, in deren Ablagen sich VHS-Kassetten und DVDs stapelten. Die waren einer­seits natürlich für Produk­ti­ons­stu­dios als Distri­bu­ti­ons­me­dium inter­es­sant, ande­rer­seits waren sie für uns als Aufnah­me­me­dium noch viel inter­es­santer, weil wir dann einfach Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen konnten, die man sich sonst eigent­lich hätte kaufen müssen. Das ist für mich ein Bild des Zu-Hause-Seins, eine spießige Ziel­vor­stel­lung meines Drifter-Daseins.

Als Kind habe ich mich noch vor dem Frühstück, bei herun­ter­ge­las­senen Jalousien, ins Wohn­zimmer gesetzt, um zu gucken, was der Fern­sehtag so bringen würde, ein Tag, der sich so gar nicht um meinen indi­vi­du­ellen scherte. Wenn ich dabei Filme entdeckte, die vor einiger Zeit im Kino gelaufen waren, wurde ich ganz aufgeregt, obwohl ich wusste, dass ich mich auf eine breitere Diskus­sion mit meinen Eltern einstellen musste, gerade wenn sie im Privat­fern­sehen liefen und durch Werbung unter­bro­chen wurden. Wenn man eine ganz gewiefte Kasset­ten­auf­neh­merin war, dann stoppte man die Aufnahme jeweils während der Werbung. Aber dazu musste man natürlich erst einmal gucken dürfen.

Und wie viele zwei, drei, vier Minuten hat man damals gesehen, die zu einem Ende oder einem Anfang gehörten, an dem man gar nicht inter­es­siert war. Frag­men­ta­ri­sche, kurze Eindrücke, die vor allen Dingen eins zeigten: Dass da immer irgend­etwas lief. Dass die Anfänge selbst zu bestimmen wären, wie heute bei den Media­theken, den Streaming-Diensten, bei Youtube oder aber zele­briert wird, wie im Kino, das kannte man vom Fernsehen nicht (nur von den VHS-Kassetten und DVDs). Aber nicht nur der Anfang, auch die Mitte kann jetzt ordent­lich gestoppt werden, so dass man sich nicht im Nach­hinein erzählen lassen muss, was man »denn verpasst hat«. Wir können heute pausieren, haben aber auch gelernt, dass es ok ist zu verpassen, abzu­schweifen, zurück­zu­s­hut­tern und wieder­an­zu­sehen oder mitten­drin abzu­bre­chen. Deshalb glaube ich auch fest, dass das Kino schon als eine Art »große Konzen­tra­tion« erhalten bleiben wird.

Hier gilt es nun, »Wetten, dass …?« (die Sonder­sen­dung zu Thomas Gott­schalks Geburtstag wurde in den November dieses Jahres geschoben), quasi den Proto­typen des heime­ligen, fami­liären, gemein­schaft­li­chen Fern­se­hens zu thema­ti­sieren, die Show, die inter­na­tio­nale, meist Hollywood-Schau­spie­lerInnen, von der Leinwand in den Fernseher verschob, also von etwas Ungreif­barem zu etwas Greif­barem machte.

Vor einiger Zeit hatten meine Lieblings-Cine­as­ten­freun­dInnen Nicolaas Schmidt, Anne Döring (die beiden feiern und schärfen ständig die »Theorie« dieser treuen wie dispo­si­tiven Linea­rität des TVs) und Marian Freis­tühler und ich eine Diskus­sion über den »Fame« von »Wetten, dass …?«. Ausgangs­punkt war die Frage, was der eigent­lich so gut kann, der doch nur mäßig witzige Thommy. Klar, er machte sich mit sechs pompösen Sams­tag­abend-Sendungen pro Jahr rar, eine Wich­tig­tu­erart des linearen TVs, durch die alles eine Art Ewigkeit bekam und man Selbst­dis­zi­plin üben musste, die die Spannung und Vorfreude schon beim morgend­li­chen Blick in das TV-Programm erhöhte. Außerdem glaubten wir Thommy, dass er in den USA quasi Tür an Tür mit den Stars wohnte, mit allen »per Du« war, und er dadurch mit Fug und Recht jeder aufs Knie tatschen durfte. Viel­leicht war das da so üblich, wir wussten das nicht. Er wirkte so kosmo­polit. Zudem chan­gierte er irgendwie glücklich zwischen jung und alt, mit ihm konnten sich mindes­tens zwei Genera­tionen an TV-NutzerInnen iden­ti­fi­zieren. Die Sendung hatte außerdem quasi Nach­rich­ten­po­ten­tial, weil alle es sahen, so dass alle gemeinsam mit Mariah Carey wetten durften, und der touchige Thommy war der etwas freche Vermittler.

Dass er jetzt z.B. in Joko Winter­scheidts »Wer stiehlt mir die Show?« auftritt, kann man wohl als eine Art ironische Remi­nis­zenz sehen, vor allen Dingen für den Jahrgang von Winter­scheidt oder Bauer­feind, die wie ich mit ihm groß geworden sind. Für alle, die es nicht gesehen haben: Gott­schalk wird anstelle von Joko Winter­scheidt Moderator, »stiehlt ihm die Show«, wie die Spiel­an­lei­tung lautet, nur um sie dann gleich wieder an Elyas M'Barek zu verlieren.

Irgend­wann war es dann aller­dings soweit, man wurde ja auch älter, und man sah, dass »Wetten, dass …?« eigent­lich peinlich und altbacken war, denn sie war ja insgesamt auf einer sehr wackligen Idee gegründet, die so mau war, dass man Frank Elsner zwar als genialen Übervater sah, aber nicht näher hinter­fragen durfte, von was eigent­lich. Wetten ist ja auf keinen Fall eine unique Elsner-Idee und inter­na­tio­nale Wett­kan­di­da­tInnen einzu­laden ist auch nur ein bisschen eine »Idee«. Die kamen ja ohnehin weniger wegen der ultra­s­pan­nenden Wetten, als vielmehr um Filme und CDs zu promoten. Aber trotzdem: Allein dies so aufzu­blasen war schon dermaßen dreist, dass es auch irgendwie gut war. Da wurde ein Kinder­spiel plötzlich welt­be­we­gend.

So etwa um das Jahr 2000 herum habe ich aufgehört, »Wetten, dass …?« zu sehen oder zu verfolgen, was Thomas Gott­schalk macht. Jetzt hat er leider Ende Januar, bzw. schon früher, denn erst­aus­ge­strahlt wurde die Sendung bereits am 30.11.2020 (die damals aber »unent­deckt« blieb) seine Meinung vorge­bracht, in dem WDR-»Meinungs­bringser­vice« »Die letzte Instanz«. Eine Art Stamm­tisch-TV-Format. Da sprachen ein Schla­ger­sänger, eine Schau­spie­lerin, ein Autor und Moderator und eben der Enter­tainer Thomas Gott­schalk, allesamt weiß, über den Gebrauch von bestimmten rassis­ti­schen Wörtern, und dabei wurden haufen­weise weitere rassis­ti­sche Aussagen (re)produ­ziert. (So eine typische, träge, selbst­re­fe­ren­ti­elle Enter­tain­ment­blase, die »Fachleute« nur aus dem eigenen Kosmos beruft, weshalb hier nur die »Berufs­be­zeich­nungen« genannt werden.) So gut wie alles, was die Teil­neh­merInnen sagten, war ziemlich unter allem Niveau, als wären sämtliche Debatten der letzten Jahre, ach was, Jahr­zehnte an ihnen vorbei­ge­gangen. Das, was Thommy sagte, war tatsäch­lich alles ziemlich blöd bis dumm, bis auf die Aussagen, dass er seine Karriere darauf begründet habe, erst zu reden, dann zu denken. What?! Anschei­nend konnte das in den 80ern und 90ern die Basis für eine TV-Karriere sein, was schlimm genug ist, aber heute darf man immer noch am TV-Stamm­tisch sitzen?

»Die letzte Instanz« lässt einen fassungslos in die da plat­zierte Runde, aber eben auch auf die Sendungs­ver­ant­wort­li­chen schauen, auf Leute, die es doch bitte eigent­lich besser wissen sollten: Was sind aktuelle Debatten, und wer spricht warum über was? Aus dem Netz kam glück­li­cher­weise die »Die beste Instanz« als Antwort/Alter­na­tive, gehostet von Enissa Amani mit Natasha A. Kelly, Nava Zarabian, Max Czollek, Gianni Jovanovic und Mohamed Amjahid, die sehr zu empfehlen ist. Da hat eine geschei­terte TV-Sendung wenigs­tens zu einer guten und wichtigen Internet-Talk-Runde geführt. Das ist hoffent­lich auch eine Art Korrektiv für die Fern­seh­ma­chenden – die sich mitt­ler­weile auch entschul­digt haben –, die sich das ansehen sollten, denn dass sie den Allein­herr­scher­an­spruch, den »Wetten, dass …?« noch für sich hatte, schon längst verloren haben, insbe­son­dere bei jüngeren und diver­seren Zuschau­erIn­nen­gruppen, dürfte ihnen eigent­lich klar sein.

Also nichts über das Kinofilme-Gucken im Fernsehen und das Einladen der Prominenz ins Wohn­zimmer. So viel also zu einem wehmü­tigen TV-Text. Jetzt ist eigent­lich auch alles egal, räusper: »Hi, I am Johnny Knoxville, welcome to Jackass!« (2000-2002, MTV): ein TV-Format, dessen Inhalte noch heute super im Netz laufen irgendwo zwischen »Wetten, dass …?« und »Upps! – Die Pannen­show« (2005-2018). Jackass & Co. sind wahr­schein­lich die böseren, extre­meren, grotes­keren Ausfor­mungen der Heime­lig­keit der Fern­seh­welt von »Wetten dass …?«, aber in ihrer Direkt­heit weniger schein­heilig. Johnny hat sich – zumindest meinem Wissen nach – bisher nicht bemüßigt gefühlt, sich öffent­lich zu Themen zu äußern, von denen er nichts versteht, nur weil er weiß und ein Stuntman ist. Das was man über ihn findet, sind haupt­säch­lich Verlet­zungen, besonders Brüche, oder Augen, die ihm beim Nase­schnäuzen heraus­ploppen und dass er Großvater geworden ist. Der Titelsong von Jackass war übrigens ein Punk-Protest­song von Minutemen mit dem Namen »Corona«, benannt nach der mexi­ka­ni­schen Biersorte, der 2020 ein kleines Comeback feierte.

Es wäre schön, wenn wir Corona mal wieder als Bier denken könnten und einen Punk-Protest­song als Punk-Protest­song, und wenn sich auch im Fernsehen die Uhr weiter­drehen würde in eine bessere, diversere Gegenwart und Zukunft.

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