02.12.2021
Cinema Moralia – Folge 259

Die Macht der Bilder

Gucci
80 ist das neue 60: Ridley Scotts House of Gucci
(Foto: Universal)

Regeln in der Wiederholungsschleife mit verlangsamter Geschwindigkeit – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 259. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ich bin nicht frei, ich kann nur wählen/
Welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen
Keine Macht für Niemand / Keine Macht für Niemand«

- Ton Steine Scherben

Eigent­lich müsste man diese beiden Filme zusammen bespre­chen. Denn sie haben eine Menge gemeinsam. Ihre Regis­seure sind beide 83 Jahre alt und zeigen wenig Zeichen der Erschöp­fung. Sie scheinen eher die Behaup­tung zu bestä­tigen, 80 sei das neue 60.
House of Gucci von Ridley Scott und Benedetta von Paul Verhoeven feiern außerdem zwei Essenzen des Kinos, die in unserer Gegenwart allzu oft vergessen werden: Die Zeigelust und den Voyeu­rismus. Denn Kino ist mehr als die Handlung der Filme; Kino ist mehr als die Geschichten; Kino ist mehr als Figuren, die uns inter­es­sieren, und Psycho­lo­gien, die wir verstehen.

Das Prinzip, dass das Kino eine Zeige­kunst ist, keine Erzähl­kunst, wird schon deswegen außer Acht gelassen, weil Filme heute noch auf den kleinsten Bild­schirmen funk­tio­nieren müssen, und weil man sie »ansehen« können muss, ohne hinzu­schauen: Beim Gang in die Küche, beim Bügeln, auf dem Sofa, aber den Blick nicht auf den Fernseher, sondern auf die neue Glotze, das Smart­phone, gerichtet.

So wie unsere Gesell­schaft gerade, assis­tiert von den vielen neuen Sprach­as­sis­tenten und Umwand­lungs­pro­grammen, das Schreiben verlernt, verlernt sie auch das Sehen.

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»Schuld ist diesmal der Scheiß­fuß­ball« erzählt mir ein Berliner Verleiher, und ich weiß, was er meint. Die Kinos werden wieder dicht­ma­chen müssen, den Quer­den­kern, Wissen­schafts­feinden und Impf­ver­wei­ge­rern sei Dank. Nicht wirklich dicht viel­leicht, denn viel­leicht »darf« man zumindest 25 Prozent der Sitze noch besetzen, viel­leicht mit Mindest­ab­stand von absurden 1,5 Metern.
Die Hälfte der Kinos kann oder will sich das aber nicht leisten und wird lieber zumachen. Die Verleiher verschieben ihre Starts in den März oder später. So fehlt das Programm. Festivals und Kongresse finden gar nicht oder nur streng einge­schränkt und »hybrid« statt. So fehlt das mediale Umfeld.
Das Kino wird einmal mehr zwangs­weise von außen zuge­bettet, wider alle Argumente und wider alle Vernunft, einfach »weil man es kann« und das Kino wie andere »Frei­zeit­an­ge­bote« eine dankbare Akti­ons­fläche ist, um jene Aktivität zu demons­trieren, die man anderswo nicht an den Tag legt.

Egal ob man das jetzt Lockdown nennt oder sich wieder irgend­welche schöneren Worte einfallen lässt, es ist ein Lockdown der Kultur.

Wieder wird auf dem Rücken der Kultur das Versäumen der lokalen und regio­nalen Büro­kra­tien, die Hysterie der Gesell­schaft und vor allem die Feigheit und die Angst der Politiker ausge­tragen. Es ist die Feigheit und Angst vor »dem Volk«, »dem Wähler«, die dazu führt, dass eine Minder­heit von bornierten Bürgern wider­spruchslos ihre abstrusen Thesen öffent­lich breit­treten kann, ohne dass ihnen jemand entge­gen­tritt. Weil man ihnen eine Impf­pflicht lange Zeit nicht zumuten wollte, sowenig wie inhalt­liche Aufklärung, bevor beides jetzt natürlich doch kommt.

Das Kino leidet darunter. Es leidet auch darunter, dass es zur Zeit keine poli­ti­sche Vertre­tung hat. Dass die amtie­rende Kultur­staats­mi­nis­terin ihres Amtes ähnlich waltet wie Jens Spahn des seinen, und die neue noch nicht instal­liert ist.

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Über Claudia Roths Ernennung müssen und werden wir gesondert schreiben. Da ist heute keine Zeit. Man kann zumindest fest­stellen, dass die GRÜN-freund­liche Kultur­szene es allmäh­lich mit der Angst zu tun bekommt. War es wirklich das, was sie wollten? Und die, die sie wollten?

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Und was hat das mit Fußball zu tun? Es ist die Macht der Bilder. Der Bilder »von Köln«. Dass der FC vor 50.000 Zuschauern unter freiem Himmel unter 2G-Bedin­gungen den VfL Borussia im rhei­ni­schen Derby mit 4-1 besiegte, fanden alle möglichen Talkshow-Politiker aller Parteien »das falsche Signal«. Das ist Unsinn. Jeder weiß, dass es Unsinn ist, aber dieses Wissen bleibt folgenlos.

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Lionel Messi, wer sonst, ist Fußballer des Jahres! Argen­ti­nien ist aber bekannt­lich nicht nur eines der großen Fußball­länder der Welt, sondern auch der ewigen Sehn­suchts­länder des Kinos. Wie jedes Jahr gibt es in Berlin ein eigenes, kleines aber feines Kino­fes­tival des argen­ti­ni­schen Films: »Invasion Berlin«.

Da alles pande­mie­be­dingt nicht in den Kinos statt­finden kann, denn das finan­zi­elle Risiko wäre auf dem Kamm der vierten Welle surfend, zu groß gewesen, wandert »Invasion« einmal mehr in die Pampa des Virtu­ellen. Über die Website www.inva­si­on­berlin.com kann man vom 3.-12.12. Tickets kaufen und Filme aus Argen­ti­nien online sehen, die es bisher nicht in deutsche Kino geschafft haben. Für nur 15 Euro gibt es alle sieben.

Dazu gehören Familia sumergida von Maria Alche, der bereits in Locarno lief. Maria Alche ist eine hoch­in­ter­es­sante, immer noch junge Künst­lerin, die der eine oder andere bestimmt auch als Schau­spie­lerin kennt: Zum Beispiel in Filmen von Lucrecia Martel, der wohl besten argen­ti­ni­schen Filme­ma­cherin der Gegenwart.

Gerade erst lief El Fulgor der neueste Film von Martin Farina, beim Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival von Mannheim-Heidel­berg. Ein seltsamer, traum­wand­le­ri­scher Mix der Impres­sionen, ein essay­is­ti­sches Alien von Film zwischen Doku­mentar- und Spielfilm, Fleisch und Leib, der Karneval eines Fauns, zu dem Farina auch die Musik kompo­nierte – die Zuschauer in Mannheim nicht zufällig an Stra­vinsky erinnerte, und der Anfang nächsten Jahres in die deutschen Kinos kommt.

Mit solcherart geweckten Erwar­tungen freue ich mich auf Martin Farinas vorhe­rigen Film: Los Ninos de Dios, der ebenfalls bei der »Invasion« gezeigt wird.
Mehr über alles nächste Woche.

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A propos Fußball: Wer unbedingt muss, kann sich jetzt The Hand of God, den wie üblich miss­ra­tenen neuesten Sorren­tino-Film rein­ziehen. Darin geht es, wie der Titel Kennern verrät, nicht nur um Neapel und um das Ego des Regis­seurs, sondern auch um den Sommer 1986 und um Diego Maradonas Zeit beim SSC Neapel.
Man hat von dem Film auch als Fußball­lieb­haber nichts.
Die weitaus bessere Entschei­dung ist es, sich bereits in seiner Haltung an den Lockdown anzu­passen und in der 3sat-Mediathek die nun wirklich tolle Doku Diego Maradona von Asif Kapadia anzusehen.

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Eine Collage aus einer Brecht­in­sze­nie­rung (»Heilige Johanna der Schlacht­höfe«), dem Porträt von auslän­di­schen Arbeitern in Deutsch­land und das Umfeld eines indus­tri­ellen Schlacht­be­triebs – das ist Regeln am Band, bei hoher Geschwin­dig­keit von der HFF-München-Abso­ventin Yulia Lokshina. Sprache und Bilder treten in dem Film immer wieder mal produktiv ausein­ander. Geschickt umgeht die Regis­seurin die Bilder, die sie nicht bekommen hat.
In der Diskus­sion bei einer Vorfüh­rung in der Berliner Peri­pherie von Hohen­schön­hausen geht es dann um die wenigen noch verblie­benen Wider­stands­po­ten­tiale: »Kommunist sein – hat versagt. Das haben alle gelernt. Gewalt – hat versagt. Das haben auch alle gelernt. Ein schlechtes Gesetz zu brechen, das ist das nächste, was viel­leicht noch möglich ist.«

Das wird der Kultur jetzt auch nichts nutzen. Die Macht der Bilder gegen die Bilder ist stärker.

(to be continued)