20.02.2020
70. Berlinale 2020

Frische, mutige Filme

Paradise Drifters
Sich das Leben aus dem Halse schreien: Paradise Drifters
(Foto: © Jasper Wolf/2019 Pupkin/Berlinale2020)

Das 43. Mal »Generation14 plus« auf der Berlinale – nur hieß es nicht immer so

Von Ulrike Seyffarth

Zwei­fels­ohne zählt Genera­tion mit seinen beiden Programm­teilen Kplus für Kinder und 14plus für Jugend­liche von jeher zu den sehens­wer­testen Sektionen der Berlinale. Dieser Jahrgang jedoch ist besonders stark, mit zahl­rei­chen heraus­ra­genden Filmen in beiden Segmenten, darunter einige Spiel­film­de­büts und, auch das ist immer noch bemer­kens­wert, über die Hälfte von weib­li­chen Regis­seuren. Frische, mutige Filme geben neue Impulse und Denk­an­sätze, sie gewähren Eindrücke in die viel­ge­stal­tigen, oft unbe­kannten Lebens­rea­li­täten von Kindern und Jugend­li­chen in aller Welt – ob in der Fremde oder vor der eigenen Haustür.

In der Jugend­schiene Genera­tion 14plus widmen sich vierzehn Langfilme (plus drei weiteren in der Cross Section) und ebenso viele in zwei Kurz­film­pro­grammen den viel­schich­tigen Heraus­for­de­rungen des »Coming of Age«, des Erwach­sen­wer­dens. Die Beiträge beleuchten so unter­schied­liche Themen wie Trauma-Bewäl­ti­gung, Geschlech­ter­rollen/Gender, Umwelt­zer­stö­rung oder Krieg. Dysfunk­tio­nale Familien oder gefähr­dete Lebens­räume schaffen denkbar schlechte Ausgangs­po­si­tionen für die Prot­ago­nist*innen, die ihren Platz im Leben und in der Gesell­schaft suchen, ihre eigene Identität defi­nieren und behaupten. Übrigens hätte auch der unbedingt sehens­werte, in bestechender Schwarz­weiß-Ästhetik insze­nierte Sweet Thing (R: Alexandre Rockwell, USA 2019) hervor­ra­gend in die Jugend­sek­tion gepasst, der nun bei Kplus mit einer Alters­emp­feh­lung ab 13 Jahren läuft.

Im Folgenden eine Auswahl besonders sehens­werter Filme aus »14plus«:

Das Paradies hat geschlossen oder: Driften, bis es knallt

Allen Filmen gemein ist, dass sie mit Respekt, Empathie und auf Augenhöhe enga­gierte Fürspre­cher sind für ihre unan­ge­passten Prot­ago­nist*innen, die sich an inneren und äußeren Schei­de­wegen befinden. Manche von ihnen driften durchs Leben, blankes Überleben ist das best­mö­g­liche Happy End. LA DÉESSE DES MOUCHES À FEU (GODDESS OF THE FIREFLIES, R: Anaïs Barbeau-Lavalette, Kanada 2020) und Paradise Drifters (R: Mees Peij­nen­burg, Nieder­lande 2020) sind zwei solche Filme, deren Inten­sität und Realismus unter die Haut gehen.

Ersterer nimmt sein Publikum mit in die Neunziger Jahre, auf emotio­nale Achter­bahn­fahrt seiner „Göttin der Glühwürm­chen“: An Cathe­rines 16. Geburtstag kracht es wieder heftig zwischen ihren Eltern, und das eben noch vorherr­schende Glücks­ge­fühl über die Geschenke verpufft – will­kommen in der eigenen Hölle. Dem häss­li­chen Schei­dungs­krieg der Eltern entkommt Catherine – von nun an Cat – mithilfe ihrer neuen Freunde und der Droge Meskalin: Einfach wegdriften und dabei in der Clique Zusam­men­halt finden, sich verlieben, die Macht der eigenen Sexua­lität kennen­lernen, sich auf allen Gebieten austesten, das ist das Leben! Chris­tiane F., Kurt Cobain und Pulp Fiction sind Kult. Dicht beiein­ander liegen Ekstase und Rebellion, Aggres­sion und Verun­si­che­rung, Glück und Unglück. Dem immensen Lebens­hunger auf der einen Seite steht das Betäuben aller Emotionen durch immer stärkeren Drogen­konsum gegenüber. Die Erwach­senen haben keine Ahnung, keinen Zugang und sind ohnehin viel zu sehr mit ihren eigenen kaputten Leben beschäf­tigt. Hervor­ra­gend besetzt und begleitet von einem umwer­fenden Sound­track von Punkrock und Grunge über Bowie bis Klassik fängt der Film in teilweise expli­ziten Bildern die Stationen von Cats Pubertät und Drogen­konsum bis zur finalen Eska­la­tion ein.

Weit entfernt von para­die­si­schen Zuständen befinden sich die drei jungen Erwach­senen in Paradise Drifters, die der Zufall zusammen- und wieder ausein­an­der­führt. Die nur in ihrer Uner­bitt­lich­keit ähnlichen Vorge­schichten verbinden sie zur Zweck­ge­mein­schaft, doch sie driften auch wieder ausein­ander, so wie generell durch das Leben, das es nicht gut mit ihnen meint. Die Schick­sale der drei Prot­ago­nist*innen sind beileibe keine Einzel­fälle: Wieder­holt werden Bilder einge­flochten von (menschen­leeren) Schlaf­stätten Obdach­loser, die zum Stadtbild gehören und die man doch geflis­sent­lich übersieht. Die Bedeutung der anonymen Schlaf­lager in den herun­ter­ge­kom­menen Absteigen ist nicht minder brutal. Die Etappen ihrer gemein­samen Reise von den Nieder­landen nach Barcelona halten kurze Glücks­mo­mente und harsche Enttäu­schungen bereit, Träume von einer besseren Zukunft schlagen hart auf dem Boden der Realität auf. Das Roadmovie zeigt auch die dras­ti­schen Konse­quenzen getrof­fener Entschei­dungen scho­nungslos. Doch auf den Schrei vor Schmerz folgt ein Schrei der Befreiung; ein Neuanfang in ein lebens­wer­teres Leben, so hofft man für die Prot­ago­nist*innen.

Ähnlich verloren und abseits der Gesell­schaft leben auch die Kinder und jungen Erwach­senen in Pompei (R: Anna Falguères, John Shank, Belgien/Frank­reich/Kanada 2019), hier nun aber ganz statisch verhaftet im Nirgendwo, das nicht etwa in Italien verortet ist, wie der Titel vermuten lässt, sondern das überall sein kann. Es ist eine seltsame Gemein­schaft mit fami­liären Hier­ar­chie­struk­turen, in der die Jüngeren die Coolness der Älteren imitieren. In der flir­renden, staubigen Hitze wird geraucht und gewartet, auf die Auftrag­geber und Hehler der ausge­gra­benen Relikte vergan­gener Zivi­li­sa­tionen. Viel mehr geschieht nicht, und doch ist die Atmo­s­phäre aufge­laden. Hinter der Monotonie lauert bereits der große Knall, und mit dem Erscheinen der jungen Billie gerät die Ordnung endgültig außer Balance.

Wer ich bin und wen ich liebe

Sehr konkret in Berlin-Kreuzberg ange­sie­delt hingegen ist der Eröff­nungs­film Kokon (R: Leonie Krip­pen­dorf, Deutsch­land 2020). Kantig-rotzfrech, gleich­zeitig sehr einfühlsam insze­niert, begleitet der Film seine intro­ver­tierte Prot­ago­nistin aus nächster Nähe bei ihrem Wandel vom Kind zur Frau, und ist dabei so wahr­haftig, dass man als Zuschauer*in meint, Noras Ver- und Entpup­pung wirklich »live« mitzu­er­leben. Von der großen Schwester in die Clique mitge­schleppt, in der pubertäre Spielchen, Läste­reien und ein rauer Umgangston an der Tages­ord­nung sind, beob­achtet Nora neugierig das Rollen­ver­halten der wenig Älteren, versucht mitzu­halten, was nicht immer gelingt. Doch mit den körper­li­chen Verän­de­rungen und der Erkundung der eigenen Sexua­lität eman­zi­piert Nora sich zunehmend von ihrer Schwester und findet ihren ganz eigenen Weg. Lena Urzen­dowsky als Nora und Jella Haas (die »Chantal« aus den Fack Ju Göhte-Filmen) als charis­ma­ti­sche Romy besitzen große Strahl­kraft.

Gängige Geschlech­ter­rollen und -iden­ti­täten hinter­fragen auch die beiden brasi­lia­ni­schen Filme Alice Júnior (R: Gil Baroni, 2019) und der im Skater­mi­lieu spielende MEU NOME É BAGDÁ (MY NAME IS BAGHDAD, R: Caru Alves de Souza, 2020)

Alice Júnior folgt zwar den Elementen einer klas­si­schen, leicht über­drehten High­school-Komödie – Alice ist neu an der Schule, es gibt eine strenge Direk­torin, die üblichen Außen­seiter und die Clique der Ange­sagten –, erzählt aber doch die besondere Geschichte der tran­s­i­denten Alice. Selbst­be­wusst und gut gelaunt inspi­riert diese ihre Follower auf Youtube und sehnt ihren ersten »Trans-Kuss« herbei. Durch den (zeitlich begrenzten) Umzug und den Wechsel auf eine katho­li­sche Schule in der wenig aufge­schlos­senen Provinz sieht Alice sich plötzlich mit Vorur­teilen und Mobbing sowie ganz prag­ma­ti­schen Problemen konfron­tiert – etwa mit dem ihr verwei­gerten Zutritt zur Mädchen­toi­lette. Rückhalt findet sie online bei ihren alten Freund*innen und vor allem bei ihrem (allzu eindi­men­sional geratenen) liebe- und verständ­nis­vollen Vater. Alices Selbst­ver­ständnis und ihre Ausein­an­der­set­zung mit den neuen Mitschüler*innen und Freund*innen sind originell und glaub­würdig insze­niert. Das liegt nicht zuletzt an der gelun­genen Besetzung, insbe­son­dere der sympa­thi­schen Bloggerin Anne Celestino Mota in der Titel­rolle. Ihre Meinung über Alice Júnior: »Das ist nicht die Geschichte eines Opfers, sondern einer Heldin.« Recht hat sie!

Auch MEU NOME É BAGDÁ hat eine Heldin, die sich selbst­be­wusst allen (weib­li­chen) Rollen­kli­schees verwei­gert. Äußerlich könnte man die coole sieb­zehn­jäh­rige Bagdá glatt für einen Jungen halten. Ihre Familie besteht ausschließ­lich aus weib­li­chen, sehr eigen­wil­ligen und starken Mitglie­dern. Ihre andere Familie ist die Skater­clique – und die ist rein männlich. Dort ist sie gleich­be­rech­tigtes Mitglied, der Umgang kumpel­haft. Gemeinsam erobern sie auf ihren Boards die Straßen von São Paulo oder üben und filmen kompli­zierte Moves auf den Suicide Ramps. Bei einer Poli­zei­kon­trolle erfährt Bagdá am eigenen Leib Diskri­mi­nie­rung. Doch auch in der liberalen Skater­szene finden Sexismus und Über­griffe statt. So richtig klar wird dies Bagdá erst, nachdem sie auf andere Skate­rinnen trifft und sie sich erst darüber austau­schen und dann dagegen aufbe­gehren. Zur authen­ti­schen Atmo­s­phäre des Films trägt die größ­ten­teils schau­spie­lun­er­fah­rene, aus dem Skater­mi­lieu stammende Besetzung bei. Das funk­tio­niert gut. Besonders über­zeu­gend ist Grace Orsato als Bagdá – einfach „swag“!

Jenseits gängiger Defi­ni­tionen ist die Liebe der Prot­ago­nistin in Jumbo (R: Zoé Wittock, Frank­reich/Belgien/Luxemburg 2019) ange­sie­delt , einem der kontro­ver­sesten Filme des Programms: Jeanne fühlt sich erotisch angezogen von einem Jahrmarkt-Fahr­ge­schäft, von ihr liebevoll Jumbo getauft, und stößt damit selbst bei ihrer sexuell so frei­zü­gigen Mutter auf Ablehnung, was sie dennoch nicht davon abbringt – sie kann nicht anders. Nicht nur die Grenzen der Figur und ihrer Umwelt werden ausge­lotet, der Film testet auch die Toleranz seines Publikums, wobei er in erster Linie nicht provo­zieren will, sondern ganz selbst­ver­ständ­lich von dieser unge­wöhn­li­chen Liebes­be­zie­hung erzählt. Man mag es als grotesk abtun oder schlicht keinen Zugang zur Gefühls­welt der Prot­ago­nistin finden: in jedem Falle ist Jumbo ein mutiges Filmdebut mit einer ausdrucks­starken Heldin (Noémie Merlant) und eben­sol­chen Bild­sprache.

Von Verlusten und vom Vergeben

Yalda, la nuit du pardon (R: Massoud Bakhshi, Frank­reich/ Deutsch­land/ Schweiz/ Luxemburg/ Libanon/ Iran 2019) ist ein brisantes Kammer­spiel, das beim Sundance Film Festival soeben als Bester Inter­na­tio­naler Spielfilm ausge­zeichnet wurde.

Im Studio einer großen Reality-TV-Show hofft die wegen Mordes zum Tode verur­teilte Maryam auf die Gnade von Mona, der erwach­senen Tochter des Opfers. Vor laufender Kamera soll die Vergebung statt­finden und Maryams Todes­ur­teil damit aufge­hoben werden. Aber ist wirklich gesichert, dass Mona vergibt? Dass die Show ausge­rechnet zu Yalda, dem persi­schen Fest der Winter­son­nen­wende statt­findet und dass die Höhe des »Blut­geldes«, das dem Opfer als Entschä­di­gung zusteht, per Publi­kums­vo­ting entschieden wird, sind nur zwei der nicht kalku­lier­baren Aspekte, die den Ausgang beein­flussen… Eine Fern­seh­show, in der das Opfer und die Gunst des Publikums über Leben und Tod entscheiden? So abwegig das klingen mag: die gibt es im irani­schen Fernsehen. Nach und nach entlarvt dieses hoch­span­nende, ebenso poli­ti­sche wie emotio­nale Lehrstück seine Figuren und deren Motive, die mit Vergebung nur wenig zu tun haben.

Notre-Dame Du Nil (Our Lady Of The Nile, R: Atiq Rahimi, Frank­reich/ Belgien/ Ruanda 2019) ist von Vergebung weit entfernt. 1973 in einem katho­li­schen Mädchen­in­ternat, hoch in den Bergen von Ruanda: Hier werden privi­le­gierte Töchter mit Gottes­dienst, Schul­un­ter­richt und Arbeiten zur künftigen Elite ausge­bildet. Zwischen den Tutsi und Hutu gibt es eigent­lich keine erkenn­baren Unter­schiede, alle sind sie kichernde Teenager. Und doch wachsen sich anfäng­liche gegen­sei­tige Stiche­leien und Animo­si­täten immer weiter aus, bis eine zunächst harmlose Lüge einer einzelnen Schülerin zur infamen Intrige wird und eine Welle der Bruta­lität lostritt. Was sich hier im Kleinen und dem abge­schie­denen Ort des Internats abspielt, nimmt den rund 20 Jahre späteren Genozid in Ruanda vorweg. Ein sehr sehens­werter, komplexer Film, für den die Kamera von Thierry Arbogast atem­be­rau­bend schöne Bilder findet.

Krieg als äußerst konkrete Realität erleben die Menschen in dem doku­men­ta­ri­schen Film The Earth Is Blue As An Orange (R: Iryna Tsilyk, Ukraine/Litauen 2020). Seit fünf Jahren gehören im ukrai­ni­schen Donbas Grana­ten­ex­plo­sionen und Schüsse direkt vor der Haustür zum Alltag. Wie lebt man damit? Was macht das mit einem? Eine der betrof­fenen Familien, bestehend aus Mutter und vier Geschwis­tern, dreht genau darüber einen Film. Eine der Töchter erhält das heiß­be­gehrte Stipen­dium fürs Kame­ra­stu­dium, es wird leiden­schaft­lich um Einstel­lungs­größen gerungen. Als Film im Film vermit­teln sich unauf­ge­regt und umso eindring­li­cher ein Gefühl für die trau­ma­ti­sche Dauer­be­las­tung und großer Respekt für die Menschen, die sich um so etwas wie Norma­lität und Glücks­mo­mente im Alltag bemühen.

KAZE NO DENWA (VOICES IN THE WIND, R: Nobuhiro Suwa, Japan 2020) erzählt von einem anderen Trauma: Die sieb­zehn­jäh­rige Haru hat bei dem Tsunami in Fukushima 2011 ihre Familie verloren. Lange, ruhige Kame­ra­ein­stel­lungen begleiten sie, wenn sie sich meist stumm und wie fern­ge­steuert durch das bewegt, was von ihrem Leben übrig geblieben ist, im Haus ihrer fürsorg­li­chen Tante und schließ­lich auf dem langen Weg in ihre Heimat­stadt. Unterwegs trifft sie auf Menschen, die ihr von den eigenen Schick­sals­schlägen und Verlusten erzählen. 139 Minuten Länge und das sehr spröde Spiel der Haupt­dar­stel­lerin (Serina Motola, in Japan bekannt als Model) sind eine Gedulds­probe. Besteht man diese, belohnt das Roadmovie mit einer starken Bildäs­thetik und berüh­renden Begeg­nungen auf Harus Reise, an deren Ende ein weißes Tele­fon­häu­schen steht, das es auch in Wirk­lich­keit gibt.

DIE PREISTRÄGER

„berührt, scho­ckiert, über­rascht und wütend gemacht“

… haben die 28 gesich­teten Lang- und Kurzfilme der Sektion die sieben Mitglieder der Jugend­jury. Dies sind die von ihnen ausge­zeich­neten Filme:

Der Gläserne Bär für den Besten Film geht an NOTRE-DAME DU NIL – eine gute Entschei­dung für diesen visuell und drama­tur­gisch ausge­reiften, beson­deren Film, der „… auf vielen Ebenen packend die Geschichte von Menschen erzählt, die geogra­phisch und kulturell so weit weg sind und uns dennoch nicht fremd waren. Die Farben, Musik und Poesie bannten uns […]. Durch die großar­tige schau­spie­le­ri­sche Leistung und Erzähl­weise wurden uns die Menschen in ihrer Würde und Wich­tig­keit darge­stellt […]. Der Film hat Diskus­sionen aufge­worfen und soll es auch weiterhin tun. […]“.

Die Lobende Erwähnung gibt es, ein wenig über­ra­schend, für WHITE RIOT (R: Rubika Shah, Verei­nigtes König­reich 2019), einen Doku­men­tar­film über die „Rock Against Racism“-Bewegung, die Ende der 1970er Jahre in England als Reaktion auf die neofa­schis­ti­sche National Front entstand. Bislang unver­öf­fent­liche Archiv­auf­nahmen, Inter­views mit den „RAR“-Machern und Musik von The Clash, Joy Division und anderen Größen aus Punkrock, Reggae und Ska sind die Zutaten dieses gut 80-minütigen Films. Was ihn davon unter­scheidet, bloß ein weiteres, computer-graphisch aufge­pimptes Zeit­do­ku­ment zu sein, ist seine poli­ti­sche Aktua­lität – und sein positives Beispiel dafür, dass es nötig und möglich ist, die Dinge aktiv zu ändern. In der Jury-Begrün­dung heißt es dazu: „[…] Die Musik hält den Film zusammen, wie sie auch die Menschen damals zusam­men­ge­bracht hat. […] Wir wurden motiviert gemeinsam für unsere Werte einzu­stehen, und all die Unge­rech­tig­keit, die wir spüren, in die Welt hinaus zu schreien. Gegen Rassismus, gegen Diskri­mi­nie­rung. The fight is far from over!“

Der Gläserne Bär für den Besten Kurzfilm wird der kanadisch-marok­ka­ni­schen Kopro­duk­tion CLEBS (MUTTS, R: Halima Ouardiri, Kanada/Marokko 2019) verliehen. Dieser erstaun­liche 18-Minüter, der die mehreren Hundert Hunde in einer Auffang­sta­tion durch ihren Alltag begleitet, kommt ohne Dialog aus; erst gegen Ende gibt es (Radio-)Text. Ansonsten sprechen die außer­ge­wöhn­li­chen Bilder für sich: „[…] Die Kamera hat uns mitge­nommen und mitten ins Geschehen gestellt […]. Die Bewe­gungen, die Massen, die Orga­ni­sa­tion der Massen haben uns mitge­rissen. […] Der Film verbindet Ästhetik und Banalität. Er verbindet Alltag und Politik. […]“

Auch der Spezi­al­preis der Inter­na­tio­nalen Jury von Genera­tion 14plus für den Besten Kurzfilm (im Wert von 2.500 Euro, gestiftet von der Bundes­zen­trale für Poli­ti­sche Bildung) geht an CLEBS aufgrund seiner „kraft­vollen Ausein­an­der­set­zung mit Mensch­lich­keit, Gesell­schaft, Tieren und der Untrenn­bar­keit zwischen ihnen. Eine beein­dru­ckende Arbeit, die sowohl vom Gewissen, als auch vom Herzen geprägt ist, und uns dem Verständnis unserer immensen globalen Krise näher­bringt.“

Die Jugend­jury vergibt außerdem eine Lobende Erwähnung an den Kurzfilm GOODBYE GOLOVIN (R: Mathieu Grimard, Kanada 2019). In der Begrün­dung heißt es: „[…] Er hat es geschafft, in einem kurzen Zeitraum eine tiefe, komplexe Geschichte zu erzählen […] Auf poetische Weise beschäf­tigt er sich mit den Themen Wegrennen, Befreiung und mit der Frage: “Wer bin ich und warum?”. […]“

Die dies­jäh­rige Inter­na­tio­nale Jury von Genera­tion 14plus setzte sich zusammen aus den Filme­ma­cher*innen Abbas Amini (Iran) , Jenna Bass (Südafrika) und Rima Das (Indien).

Ihre einstim­mige Entschei­dung über den Großen Preis der Inter­na­tio­nalen Jury von Genera­tion 14plus für den Besten Film (im Wert von 7.500 Euro, gestiftet von der Bundes­zen­trale für Poli­ti­sche Bildung) fällt auf MEU NOME É BAGDÁ (MY NAME IS BAGHDAD): „Ein umwer­fendes Stück Freiheit, voller wunder­barer Freund­schaften, Musik, Bewegung und gelebter Soli­da­rität. Es war unmöglich, nicht von der Prot­ago­nistin und ihrem Umfeld einge­nommen zu werden und ebenso unmöglich, den glor­rei­chen und kraft­vollen Höhepunkt dieses Films zu vergessen. Das ist der Beweis, dass das Leben uns viel­leicht keine Wunder beschert, wir jedoch alle Hinder­nisse über­kommen können, wenn wir unserer Leiden­schaft folgen“.

Eine Lobende Erwähnung gibt es für KAZE NO DENWA (VOICES IN THE WIND): „Wir waren von diesem sanften und zugleich epischen Roadmovie mit seinem eindring­li­chen Finale, das zugleich nieder­schmet­ternd, wie auch erhebend ist, tief bewegt. In unseren so schweren Zeiten, ist es wichtiger denn je, sowohl Raum für die Leere des Verlusts, als auch für die Wärme des mensch­li­chen Mitein­an­ders zu lassen – etwas, dass diesem Film glei­cher­maßen mit Anmut und Kraft gelingt.“

Der iranische Kurzfilm WHITE WINGED HORSE (R: Mahyar Mandegar, Iran 2020) erhält ebenfalls eine Lobende Erwähnung: „Dieser Film nutzt die Vorstel­lungs­kraft seines Publikums, um eine außer­ge­wöhn­liche Welt herzu­stellen. […] Wenn sich Fantasie schluss­end­lich mit der Realität verbindet, fühlt es sich an, als könnten wir mit dem weißen geflü­gelten Pferd davon­fliegen.“

+ + +

Dieses Jahr gibt es bei 14plus erstmalig noch eine unab­hän­gige Jury von der AG Kino Gilde. Auf der Berlinale-Seite stand dazu nichts über deren Preis­träger, aber bei AG Kino Gilde kann man dazu folgendes lesen:
»Als bester Film in der Sektion Genera­tion 14plus erhielt den Gilde Filmpreis JUMBO von Zoé Wittock.
Aus der Begrün­dung der Jury: Der Film schafft es, eine authen­ti­sche, bild­ge­wal­tige und dennoch sehr intime Liebes­ge­schichte zwischen Mensch und Maschine auf die Leinwand zu bringen. Er fordert das Publikum heraus, eine breitere Perspek­tive einzu­nehmen und das Verständnis von Liebe neu zu über­denken. Gleich­zeitig ermutigt er die Zuschauer*innen, eigene Gefühle zuzu­lassen, sich, wenn nötig, über gesell­schaft­liche Normen hinweg­zu­setzen und die eigene Identität zu leben. Eine Achter­bahn­fahrt der Gefühle verpackt in poeti­schen, dyna­mi­schen und leuch­tenden Bildern, das ist Jugend­kino, das uns flasht und begeis­tert.
Der Preis für den besten Film der Sektion Genera­tion 14plus ist verbunden mit einer Finan­zie­rung für die Erstel­lung deutscher Unter­titel oder einer Audi­o­de­skrip­tion und wird gemeinsam von der verlei­henden AG Kino Gilde 14plus-Jury und VISION KINO – Netzwerk für Film- und Medi­en­kom­pe­tenz, dem Finanzier des Preises, übergeben.«

(Aktua­li­siert nach der Preis­ver­lei­hung am 29.2.2020)

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