20.02.2020
70. Berlinale 2020

Die Perspektive ist das Entscheidende

Los Lobos
Preisgekrönt: Los Lobos
(Foto: © Octavio Arauz, Berlinale)

Das 43. Mal »Kinder­filme« auf der Berlinale – Begeis­te­rungs­fähig und Film­erfahren

Von Christel Strobel

Die Berlinale ist 70 geworden und wartete mit Verän­de­rungen auf, ange­fangen von der neuen Leitung sowie Neube­set­zungen in den Sektionen Panorama und Forum bis zu Neue­rungen in den Programm­schienen. Das 1977 ins Leben gerufene Berlinale-„Kinder­film­fest“ erfuhr bereits einmal, nämlich 2006, einen großen Wandel mit dem Namen „Genera­tion“, unter dessen Dach es seitdem zwei Programme für junges Publikum gibt: für Kinder „Kplus“ und für Jugend­liche „14plus“. Diese Struktur hat sich bewährt, ebenso die Konti­nuität in der Sekti­ons­lei­tung, wo Maryanne Redpath 1993 begann, seit 2008 als Leiterin fungiert und – zusammen mit ihrem Auswahl-Team – immer wieder ein beson­deres Film­an­gebot für das junge Berlinale-Publikum präsen­tiert. Für sie gehört die emotio­nale Inten­sität der filmi­schen Stoffe zum Programm von Genera­tion, denn: „Viele Menschen haben immer noch diese Idee im Kopf, dass ein Film für Kinder leichte Kost sein muss. Oft bedeutet dieses Klischee aber, dass Kinder angesehen, aber nicht gesehen werden. Für mich ist die Perspek­tive das Entschei­dende: Aus welcher Sicht ist die Geschichte erzählt, aber auch: Wer schaut und erlebt diesen Film mit? Als Erwach­sene sind wir einge­laden, junge Menschen mit all ihren Erfah­rungen zu erkennen und zu respek­tieren, Erfah­rungen, die auch schon als Kind sehr intensiv und exis­ten­ziell sein können.“

Das galt auch – und besonders – für diesen Jahrgang, der für das „Kplus“- und vor allem auch fürs „14plus“-Publikum (siehe eigener Bericht) An- und Aufre­gendes zu bieten hatte. Vorstel­lungen beider Programme fanden auch wieder mal im Urania-Palast statt, dem früheren lang­jäh­rigen Spielort vom „Kinder­film­fest“, was jetzt wegen der Reno­vie­rung im Haus der Kulturen der Welt notwendig wurde. Der seiner­zeit zum Berlinale-Kino umfunk­tio­nierte Vortrags­saal in der Urania war damals wegen der günstigen Lage des Cafes ideal, weil sich dort die gesamte Kinder­film­szene mehrmals am Tag über den Weg lief…

Glück im Unglück

Der austra­li­sche Eröff­nungs­film H is for Happiness ist schon gleich ein wunder­bares Beispiel: Das zwölf­jäh­rige Mädchen Candice Phee mit einem Gesicht voller Sommer­sprossen und herrlich rotem Haar, mal zu Zöpfen geflochten, mal offen, betrachtet ihre Welt zuweilen mit einem sehr schrägen Blick, aber auch mit über­strö­mendem Opti­mismus. Den braucht sie auch, denn in ihrem Eltern­haus herrscht Unfrieden, der Vater hat Streit mit seinem Bruder, die Mutter trauert um ihr plötzlich verstor­benes Baby. Das Glück scheint an einen anderen Ort gezogen zu sein und Candice mit ihrem ungewollt komischen Enthu­si­asmus steht dazwi­schen. Da kommt ihr neuer Bank­nachbar in der Schule gerade recht, denn der passt perfekt zu ihr – »Douglas Benson from another Dimension« ist fest davon überzeugt, aus einer anderen Dimension gefallen zu sein. Und Candice Phee hat in ihm schon bald einen glühenden wie rührenden Verehrer. Nun hat sie sich das Schul­pro­jekt mit großem Eifer und Einfalls­reichtum vorge­nommen, um ihre Familie zu versöhnen.

Der Thea­ter­re­gis­seur John Sheedy hat sich das erfolg­reiche Buch »My Life as an Alphabet« von Barry Jonsberg als Vorlage genommen für seinen fanta­sie­vollen wie rasanten Debütfilm. Von Anfang an faszi­niert das besondere Farb­kon­zept – sei es für die Kleidung (vorherr­schend rot und grün) oder in der Land­schafts­äs­thetik. So ist der Film eine Augen­weide, und nicht zuletzt der Blick auf einen Radweg, der sich oberhalb des Meeres durch eine sattgrüne Land­schaft schlän­gelt und über den die Kinder immer wieder sausen, während die grandiose Sicht auf die Küsten­land­schaft und die Brandung das Bild weitet, bleibt im Gedächtnis. Die Dreh­ar­beiten übrigens fanden bei Albany an der Südküste von West-Austra­lien statt. Es ist zu hoffen, dass dieser rundum gelungene Kinder-/Fami­li­en­film bald einen Verleih findet und im Kino zu sehen ist.

Mit SWEET THING (Alexandre Rockwell, USA) ist ein Film im Programm, der die Spann­weite von Kplus auslotet. Gedreht in schwarz/weiß, begibt er sich in labile Fami­li­en­ver­hält­nisse irgendwo in den USA. Die Geschwister Billie und Nico haben es schwer mit ihrem Vater, denn der rastet aus nach zu viel Alkohol, und das oft und gewaltig. Ihre unstete und häufig abwesende Mutter ist ihnen in dieser Situation keine Hilfe. Was die Erwach­senen nicht schaffen, macht erst die Freund­schaft mit Malik, einem gleich­alt­rigen Jungen, möglich. Mit ihm erleben sie Freiheit und Selbst­be­stim­mung. Nach diesen Erfah­rungen ist auch ein Leben mit dem Vater auf einer anderen Grundlage möglich. Nicht nur das s/w-Format verleiht diesem Film eine doku­men­ta­ri­sche Atmo­s­phäre, auch Musik und die Liebe zum Kino spielen eine Rolle. Es sind einer­seits prekäre Verhält­nisse, ande­rer­seits wird auch Zärt­lich­keit und Zuneigung sichtbar.

Der Filme­ma­cher Alexandre Rockwell (bei „Sweet Thing“ für Regie, Buch und Sound­de­sign verant­wort­lich) studierte an der Ciné­ma­thèque Française in Paris, begann mit Kurz­filmen, sein Lang­film­debüt „Lenz“ war 1982 auf der Berlinale zu sehen, weitere erfolg­reiche Filme folgten. Sein jetzt bei Genera­tion gezeigter Film ist fast so etwas wie ein Fami­li­en­un­ter­nehmen, denn die Rollen der Geschwister sind mit Lana Rockwell (Billie) und Nico Rockwell (Nico) besetzt und ein weiteres Fami­li­en­mit­glied, Sam Rockwell, gehört zum Produ­zen­ten­team.

„Sweet Thing“ würde man eher im 14plus-Programm vermuten, diesen Film bei Kplus mit der Alters­emp­feh­lung ab 13 zu plat­zieren, ist auf jeden Fall mutig und wird wahr­schein­lich das Film­ge­spräch schnell in Gang bringen. Darüber wurde nach der Vorab-Pres­se­vor­füh­rung im Kolle­gen­kreis disku­tiert, umso über­ra­schender war dann die Entschei­dung der Kinder­jury – siehe Preis­träger.

Der Film Los Lobos (Die Wölfe von Samuel Kishi Leopo, Mexiko) erzählt die Geschichte eines »Orts­wech­sels«, der zunächst ganz normal vonstatten geht. Da passiert eine junge Mutter mit ihren beiden Söhnen Max (8 Jahre alt) und Leo (5) die Grenz­sta­tion zwischen Mexiko und den USA, den beiden Jungen hat sie verspro­chen, nach »Disney­land« zu fahren. Davon ist aber weit und breit nichts zu sehen, sondern nur eine von den Vorgän­gern runter­ge­wirt­schaf­tete Ein-Zimmer-Behausung, deren Adresse die Mutter hatte und in die sie nach einigem Zögern einziehen. Für die Zeit ihrer Abwe­sen­heit – sie muss zunächst eine Arbeit finden – gibt sie den Kindern Verhal­tens­re­geln, und das erste Gebot ist, die Wohnung nicht zu verlassen. So vergeht ein Tag nach dem andern, die Brüder vertreiben sich die Zeit und schauen immer wieder aus dem Fenster. Doch eines Tages bricht sich die Neugier auf die Welt draußen Bahn und Max, der große Bruder, übertritt das Verbot, als ein paar größere Jungs vor dem Fenster Fußball spielen. Das hat zwie­späl­tige Folgen, nachdem sich die großen »einhei­mi­schen« Jungen Einlass bei den Neuan­kömm­lingen verschaffen und respektlos die paar Habse­lig­keiten in Augen­schein nehmen; und erst recht, als die Mutter – die eine Arbeit in einer Wäscherei gefunden hat – bemerkt, dass ihre Regeln nicht mehr einge­halten werden. Eine anrüh­rende und zugleich komische Szene ist der Besuch des Vier­jäh­rigen bei den chine­si­schen Nachbarn, die ihnen das Appar­te­ment vermietet haben, mit denen sie aber auf Mutters Geheiß keinen Kontakt aufnehmen sollten. Eines Tages fährt die Mutter mit ihren Söhnen zwar nicht nach Disney­land, aber immerhin in »kiddies land«, wo sie einen unbe­schwerten Tag erleben, was schon ein Licht­blick in diesem ernsten Film ist und mit einem Hoff­nungs­schimmer, dass die schlimmste Zeit über­wunden ist, sein Publikum entlässt. los Lobos erzählt auch von den eigenen Erfah­rungen in der Kindheit des Regis­seurs und Co-Autoren Samuel Kishi Leopo und erinnert ein wenig an den ameri­ka­ni­schen Film The Florida Project, der vor ein paar Jahren im Kino zu sehen war. „Los Lobos“ wurde von der Inter­na­tio­nalen Jury Genera­tion Kplus mit dem Großen Preis bedacht – siehe Preis­träger.

Umbrüche global

Von Amerika in die Mongolei: DIE ADERN DER WELT (Byam­ba­suren Davaa, Deutsch­land/Mongolei) handelt von einer Gegend, in der sich ein Umbruch anbahnt: Nachdem Gold­vor­kommen in der mongo­li­schen Steppe, wo tradi­ti­ons­gemäß Nomaden mit ihren Schaf- und Ziegen­herden leben, geortet wurden, wühlen sich die riesigen Maschinen globaler Minen­kon­zerne in die Erde und hinter­lassen eine zerstörte Land­schaft. Das macht der Spielfilm von Byam­ba­suren Davaa, die u.a. Doku­men­tar­film­regie an der HFF München studiert hat, deutlich.

Der zwölf­jäh­rige Junge Amra, der mit seinen Eltern in einer Jurte lebt, wird täglich vom Vater in einem urigen selbst­ge­bauten Cabrio durch die Steppe zur Schule gefahren. Danach verkauft Erdene, der Vater, am lokalen Markt den Ziegen­käse, den Zaya, seine Frau, selbst herstellt, und er repariert Autos. In seiner Freizeit guckt Amra mit seinen Freunden YouTube-Videos und wünscht sich nichts sehn­li­cher als am „Mongolia’s Got Talent-Wett­be­werb“ teil­zu­nehmen. Dazu braucht er aber die Unter­schrift der Eltern, doch jedes Mal, wenn er seinem Vater das Formular geben will, kommt etwas dazwi­schen. Den beschäf­tigt derweil der Vormarsch der Bergbau-Geräte, dem nur ein lapidares Schreiben voraus­geht: „Es finden Bohrungen auf Ihrem Gelände statt, die Lärm und Staub verur­sa­chen. Wir bitten, das zu entschul­digen“… Auch, dass die Noma­den­ge­mein­schaft nicht geschlossen gegen die Bergbau-Eindring­linge vorgeht, besorgt ihn. Eine tragische Wende bedeutet des Vaters tödlicher Auto­un­fall, den Amra auf seine Weise versucht zu bewäl­tigen. Die Regis­seurin und Dreh­buch­au­torin hat sich in ihrem vierten Film (nach „Das weinende Kamel“, „In der Höhle des gelben Hundes“ und „Das Lied von den zwei Pferden“) einem aktuellen, aber noch zu wenig bekannten Thema zugewandt. Ihre Stärke liegt in der Schil­de­rung des Noma­den­le­bens und der Vermitt­lung der faszi­nie­renden Weite der mongo­li­schen Steppe und Gebirge. Der Kinostart ist für den Herbst d.J. ange­kün­digt.

Mit einem anderen Groß­pro­jekt, aber gleichen Folgen für die Bevöl­ke­rung, beschäf­tigt sich der Doku­men­tar­film PERRO (Lin Sternal, Deutsch­land). Hier geht es um den Bau des „El Gran Canal“ in Nicaragua, der eine Verbin­dung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik herstellen soll. Damit erhofft man sich wirt­schaft­li­chen Aufschwung, aber 120.000 Menschen der indigenen Gemeinde im Süden Nica­ra­guas droht die Zwangs­um­sied­lung und 400.000 Hektar Regenwald die Rodung. Es gibt Proteste von enga­gierten Einwoh­nern in der Haupt­stadt Managua und anderen Städten, die aber für den Jungen Perro, der mit seiner Groß­mutter am Rande eines Dorfes in einer einfachen Holzhütte im Dschungel lebt, nur entfernt aus dem Radio zu vernehmen sind. Schon mehr betroffen ist der zurück­hal­tende, fast scheue Junge, als im Zuge der Spar­maß­nahmen entlang des geplanten Großen Kanals die Lehrer abgezogen und die Schulen geschlossen werden. So muss er mit dem Boot übers Meer in die Stadt zum Schul­be­such fahren, während seine Groß­mutter in ihrer Hütte bleibt und auf Gott vertraut. Das Problem dieses Films ist, dass er zu langatmig beob­achtet und die Gefahren des geplanten Kanals für die nica­ra­gua­ni­schen Urein­wohner, zu denen Perro und seine Groß­mutter gehören, zu wenig verba­li­siert und auch für Kinder nach­voll­ziehbar macht.

Über unter­schied­liche Wege, in der neuen Umgebung zurecht­zu­kommen

STHALPURAN (Akshay Indikar, Indien) – „Zeit und Raum“ ist der deutsche Titel bei Kplus. Der Film entfaltet in großer Ruhe und mit Bildern einer traum­haften Land­schaft seine Geschichte über den acht­jäh­rigen Dighu. Der ist mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester bei sint­flut­ar­tigen Regen­fällen und stür­mi­scher See von der Stadt Pune in die Küsten­re­gion von Konkan zu den Groß­el­tern gezogen. Dighus Leben ist von der Abwe­sen­heit des Vaters über­schattet und niemand spricht mit ihm darüber. Auch die Schwester hat es aufge­geben, nach dem Vater zu fragen, weil sie nie eine Antwort bekommen hat. Seinem kleinen Tagebuch vertraut der Junge seine Fragen und Beob­ach­tungen an: „In den frühen Stunden der gestrigen Nacht, als nur Stille herrschte, weinte Mutter.“ Das Tagebuch ist es auch, das ihm Hilfe in dieser Zeit der Trauer und Einsam­keit ist. Immer wieder sehen wir ihn mit Schirm durch Regen und Gewitter laufen, einmal steht ein tradi­tio­nell geklei­deter Mann am Wegesrand, Dighu verlang­samt seine Schritte, es könnte die Erin­ne­rung an den Vater sein. Eine Melan­cholie durch­zieht immer wieder den Film, aber er vermit­telt auch Dighus Schritte zu einem selbst­stän­digen Denken und allmäh­li­chem Begreifen der Dinge, die in seiner neuen Umgebung geschehen. Ein Film für nach­denk­liche Kinder ab 8.

Akshay Indikar, der 28-jährige indische Filme­ma­cher, der aus einem Noma­den­stamm kommt und am Film- und Fern­seh­in­stitut in Pune studierte, hat bereits in seinem Debütfilm „Trijya“ sehr persön­liche auto­bio­gra­phi­sche Erfah­rungen verar­beitet. Auch „Sthal­puran“, sein zweiter Spielfilm als Regisseur, Dreh­buch­autor und Cutter, ist persön­lich geprägt. Dieser Film sei für ihn „eine Möglich­keit, die schmerz­haften Erin­ne­rungen zu über­winden, um mich zu entlasten und zu versuchen, sie zu verstehen. Der stärkste Fixpunkt meiner Medi­ta­tion war die Frage: Was geht in den Menschen verloren, wenn sie auswan­dern.“

Mignonnes (Maïmouna Doucouré, Frank­reich, deutscher Titel: Die Süßen) handelt auch von einer Aus- bzw. Zuwan­de­rung, und zwar der elfjäh­rigen Amy, die mit ihrer Groß­fa­milie aus dem Senegal nach Paris gezogen ist. Eine grandios insze­nierte Netflix-Produk­tion, die mit einem eindrück­li­chen Bild beginnt: Das geschminkte Gesicht eines weinenden Mädchens, das sich als die elfjäh­rige Amy entpuppt, um die es in diesem Film geht, und schon – was man dann fest­stellt – auf das Ende verweist, wo das gleiche Bild erscheint, aber mit einer ganz anderen Deutung. Dazwi­schen liegt eine span­nungs­ge­la­dene Coming of Age-Geschichte mit Immi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Amy lebt in einer polygamen Groß­fa­milie, will aber in der neuen Umgebung dazu­gehören. Zum Konflikt mit der konser­va­tiven Familie kommt es, als Amy erfährt, dass der Mann ihrer Mutter, Amys Vater, eine zweite Frau aus dem Senegal in Paris, in ihrer neuen Wohnung, heiraten wird. Amy fühlt sich viel mehr zu den Mitschü­le­rinnen hinge­zogen, die täglich für einen Tanz­wett­be­werb trai­nieren, um die sieges­si­cheren älteren Mädchen auszu­ste­chen, und erkämpft sich die Gunst der jungen Tänze­rinnen. Nun imitiert sie ebenfalls eisern die Bewe­gungen aus den Musik­vi­deos, gefällt sich wie die anderen in stereo­typen Posen. Amy verändert ihr Aussehen immer mehr, wird selbst­be­wusst, gibt Kontra – in der Schule und zu Hause. Sie macht auch grenz­wer­tige Erfah­rungen und es ist oft ein verzwei­felter Kampf um Aner­ken­nung auf beiden Seiten. Das wird in eindrück­li­chen, exakten Bild­kom­po­si­tionen erzählt.

Die lasziven Tanz­szenen, deren Wirkung „den Süßen“ noch kaum bewusst ist, können aller­dings auch Stoff zur Diskus­sion sein. Sind die Posen „sexis­tisch“? Oder sind sie „parodis­tisch“ oder „ironisch“ gemeint? Inter­es­sant, was die jungen Zuschauer*innen zu sagen haben, dachte ich nach der Pres­se­vor­füh­rung – die Reak­tionen auf diese Szenen dann bei der Berlinale in der ausver­kauften Urania machten aber deutlich, dass sie mehr belustigt haben als peinlich empfunden wurden.

Die Preis­träger
wurden am vorletzten Tag der Berlinale, 29. Februar, verkündet (der letzte Tag ist seit Jahren der allge­meine Publi­kumstag mit einer Auswahl des Berlinale-Programms in allen Spiel­orten). Ort der Preis­ver­lei­hung war auch wieder der 850 Plätze fassende, voll­be­setzte Humboldt-Saal in der Urania – da herrschte schon vorher eine unglaub­liche Stimmung: Kinder und deren Familien, inter­es­sierte Erwach­sene und hoff­nungs­volle Filmteams warteten gespannt auf das Ereignis. Und nach jeder Verkün­dung des preis­ge­krönten Films jubelte es aus einer anderen Ecke des Saals, was sich zu wahren Begeis­te­rungs­stürmen steigerte, bis die Glück­li­chen die Bühne erklommen hatten…

Gläserner Bär
Mit ihrer Preis­ver­gabe hat die Kinder­jury von Genera­tion Kplus (elf Mädchen und Jungen aus Berlin, die sich bei der Berlinale jeweils fürs nächste Jahr bewerben können) eine echt reife Entschei­dung getroffen, indem sie den „Gläsernen Bären“ an SWEET THING von Alexandre Rockwell, USA, mit der Begrün­dung vergab:
„Eine Geschichte voll von jugend­li­cher Hoffnung und Zusam­men­halt, die im Kontrast zur unbunten und von häus­li­cher Gewalt geprägten Realität auf atem­be­rau­bende Weise mit perfektem Schau­spiel begeis­tert. Dieser Film zeigt, wie Hoffnung und Mut in Musik liegen. Aber auch auf der tech­ni­schen Ebene hat uns dieser Film begeis­tert. Denn er führt uns bewusst in die – für die jüngere Genera­tion unbe­kannte – alte Welt des Films und schafft so einen genialen Kontrast zwischen schwarz­weiß und bunt.“
Eine Lobende Erwähnung von der Kinder­jury erhielt H IS FOR HAPPINESS von John Sheedy, Austra­lien: „Ein von Anfang bis Ende moti­vie­render Film, in dem die Prot­ago­nistin versucht, die Familie wieder zusam­men­zu­bringen. Wir konnten uns gut in die Charak­tere hinein­ver­setzen. Das Alphabet führte uns durch einen lustigen und gleich­zeitig tief­grün­digen Film.“
Der Gläserne Bär für den besten Kurzfilm ging an EL NOMBRE DEL HIJO (The Name of the Son“ von Martina Matzkin, Argen­ti­nien: „Der Kurzfilm erzählt von den Selbst­zwei­feln eines Jungen mit seiner Identität und einer starken Vater-Sohn-Beziehung. Obwohl wir noch nie in einer solchen Situation waren, konnten wir uns dank des tollen Schau­spiels auf emotio­naler Ebene hervor­ra­gend in die Geschichte hinein­ver­setzen. Es ist kaum in Worte zu fassen, wie berührend eine einfache Geschichte mit starkem Hinter­grund sein kann.“
Und eine Lobende Erwähnung an den Kurzfilm EL SGHAYRA (Miss) von Amira Géhanne Khal­fallah, Algerien / Frank­reich: „In diesem Film wird gezeigt, wie sich ein verspieltes, junges Mädchen durch ihre Unab­hän­gig­keit und Lebens­freude ihre eigene Welt erschafft. In einer atem­be­rau­benden Land­schaft sehen wir, wie die Menschen sich gegen­seitig die Augen öffnen. Auch uns hat der Film die Augen geöffnet.“
Preise des Deutschen Kinder­hilfs­werkes
Die Mitglieder der Inter­na­tio­nalen Jury Genera­tion Kplus (Marine Atlan, María Novaro und Erik Schmitt) vergaben den

Großen Preis der Inter­na­tio­nalen Jury von Genera­tion Kplus für den Besten Film, dotiert mit 7.500 Euro, gestiftet vom Deutschen Kinder­hilfs­werk, an

LOS LOBOS (The Wolves) von Samuel Kishi Leopo, Mexiko
mit der Begrün­dung: „Eine Mutter opfert den Augen­blick für die Zukunft. Ihre Kinder sind in eine neue Welt geworfen, mit neuen Regeln auf einem Kasset­ten­re­korder aufge­nommen, die den Rahmen dieses Kammer­spiels bilden. Zusammen mit den beiden Brüdern versuchen wir einen Weg zu finden, in Fantasie und Realität einen neuen Raum zu schaffen. Wie Kind sein, in einer Welt mit verschlos­sener Tür? In jedem Moment dieses einzig­ar­tigen Films fühlen wir, was die Jungs fühlen. Wir sind mit ihnen dort, zusam­men­ge­kauert und einge­sperrt auf beengtem Raum, in einer dreckigen Unter­kunft mit miefendem Teppich. Wir möchten ausbre­chen. Wir sind mit ihnen dort, aufge­hoben in der Hoffnung, bald wieder eine Kindheit zu haben – bald nach Disney­land zu fahren. Wir freuen uns, diesen Langfilm für seinen sehr spezi­ellen und kreativen Zugang zu dieser Erzählung mit diesem wichtigen Preis auszu­zeichnen.“

Eine Lobende Erwähnung ging ex aequo an MIGNONNES von Maïmouna Doucouré, Frank­reich, und MAMÁ, MAMÁ, MAMÁ von Sol Berruezo Pichon-Rivière, Argen­ti­nien:
„Wir haben dieses Jahr eine eher unge­wöhn­liche Entschei­dung getroffen: Wir haben uns dazu entschieden, eine Lobende Erwähnung für zwei Filme auszu­spre­chen. Weniger aus dem Grund, dass wir uns nicht entscheiden konnten, sondern weil beide Filme auf wunder­bare Art und Weise mitein­ander verbunden sind. Die filmische Sprache könnte nicht unter­schied­li­cher sein. Der eine Film ist voller Kraft, der andere mit poeti­scher Ambi­guität erzählt. Während der eine uner­schro­cken rau und direkt daher­kommt, erscheint der andere zart und suggestiv. Doch beide Filme beschäf­tigen sich auf einzig­ar­tige und faszi­nie­rende Art und Weise mit dem einen Moment, in dem junge Mädchen durch Furcht und das Gefühl von Zugehö­rig­keit zu sich selbst finden.“

Spezi­al­preis der Inter­na­tio­nalen Jury von Genera­tion Kplus für den Besten Kurzfilm, dotiert mit 2.500 Euro, gestiftet vom Deutschen Kinder­hilfs­werk:

EL NOMBRE DEL HIJO von Martina Matzkin, Argen­ti­nien
„Weil es wichtig ist, dass die Welt sieht, wer du wirklich bist und weil in dieser Moment­auf­nahme aus dem Leben eines liebenden Vaters und seiner beiden Kinder Verun­si­che­rungen, Schmerz und guter Wille so wunder­schön erzählt werden.“

Lobende Erwähnung: THE KITES von Seyed Payam Hosseini, Iran
„Weil dieser Film uns von Grenzen erzählt, ihrer Will­kür­lich­keit, wie sie Schwindel erzeugen und uns in Schrecken versetzen können. Und weil es sich um ein poeti­sches Märchen handelt, das uns zeigt, dass Sprache über Wörter hinaus­rei­chen und Empathie aus weiter Ferne spürbar werden kann.“

Und wieder hat sich bestätigt, dass „Genera­tion“ eine der auf- und anre­gendsten Sektionen der Berlinale ist, mit einer wage­mu­tigen Program­mie­rung, die Kindern auch Filme zutraut, in denen sie ganz andere Reali­täten kennen­lernen, über die sie nach­denken müssen und Fragen stellen. Lang­jäh­rige (Fach-)Besucher*innen der Berlinale Genera­tion schätzen deshalb die Vorfüh­rungen im Kino inmitten des begeis­te­rungs­fähigen, neugie­rigen und auch schon film­erfah­renen jungen Publikums. Von Film­wissen und Urteils­kraft geprägt ebenso wie über­ra­schend sind auch immer wieder die Entschei­dungen der Kinder­jury. Nach zehn inten­siven Tagen bei der sehr leben­digen „Film im Kino-Genera­tion“ mag man den negativen Kino-Prognosen gar nicht glauben, aber es ist eben auch eine Frage des Angebots – vom beson­deren Kinder­film im Kino über regel­mäßige Film­bil­dung in der Schule bis zur flächen­de­ckenden Bericht­erstat­tung – und hier gibt es noch Hand­lungs­be­darf…

(Aktua­li­siert nach der Preis­ver­lei­hung am 3.3.2020)

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