30.08.2019
76. Filmfestspiele von Venedig

Irgendwo bei den Ringen des Neptun

Madre
Sehr gelungen, sehr sehenswert: Madre von Rodrigo Sorogoyen

Im Genremix: Mütter, Söhne und Fami­li­en­dramen beherr­schen den Auftakt der Mostra, aber Gefühle lassen sich nicht trans­fe­rieren – Notizen aus Venedig, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»I'd prefer to be a bad mother, a bad friend, but a great actress.«
Catherine Deneuve als Fabienne in La Vérité

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»No news good news« – so begrüßt mich die italie­ni­sche Kollegin von der RAI am ersten Tag des Festivals. »Gut, dich wieder­zu­sehen, gut dich jedes Jahr zu sehen« – das hört man gern. Tatsäch­lich ist Venedig inzwi­schen ein bisschen, wie nach Hause zu kommen. Man kennt die Wege, es gibt kleine Rituale, man fühlt sich wohl und nicht fremd.

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So etwas braucht man für die Eröffnung eines Film­fes­ti­vals: Weltstars, die über den roten Teppich schreiten, und Filme, die sehens­wert sind. An beidem ist zumindest an den ersten zwei Tagen kein Mangel beim Film­fes­tival von Venedig: La Vérité vom Japaner Hirokazu Kore-eda, der im vergan­genen Jahr mit Shop­lif­ters die Goldene Palme von Cannes gewann, führt mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche zwei Stars zusammen, die noch nie gemeinsam in einem Film gespielt haben – trotzdem war der erste fran­zö­si­sche Film Kore-edas nicht nach­haltig beein­dru­ckend: Deneuve, die man immer gern sieht, spielt einen Filmstar, Binoche ihre Tochter. Es gibt Film-im-Film-Szenen und überhaupt viele Kino­an­spie­lungen. Das ist schon deshalb lustig, weil man nicht darum herum­kommt, zu überlegen, wieviel diese alles andere als abge­wrackte Diva Fabienne mit ihrer Darstel­lerin Deneuve zu tun hat. Kore-eda weiß genau, was er tut, dadurch ist dieser Film ein sicherer Begleiter durch den Auftakt. Aber man merkt, dass Kore-eda noch nie in Europa gedreht hat und Japaner ist. Aber Gefühle lassen sich nicht so ohne Weiteres trans­fe­rieren. Man wird Zeuge von viel Drama und einer freund­li­chen Hommage an die Film­ge­schichte, aber sonst ist dies auch nicht mehr als eben ein netter Film zum schnellen Vergessen.
Immerhin setzte La Vérité das Thema, das viele Filme der ersten Tage verbindet: Mütter und Familie.

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Manchmal hinter­lässt das Festival auch Spuren in der Text­ge­stalt. Und man sollte viel­leicht doch nicht um zwei Uhr nachts noch Texte schreiben. Jeden­falls war die Folge 02 dieser Notizen auch für mich am nächsten Morgen recht unbe­frie­di­gend zu lesen, vor allem weil nicht rauskommt, wie inter­es­sant Peli­k­an­blut von Katrin Gebbe ist, und warum. Das war besten­falls eine »Speed­kritik«, aber ohne Speed.
Darum hier ein zweiter Anlauf. Denn diesen Film kann man nicht so schnell vergessen.

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Am Anfang sieht man Nebel­land­schaften, Tiere, die sich am Morgen erheben. Auf den ersten Blick Western-Bilder. Auch Nina Hoss, den starren, strengen Filmen ihres früheren Stamm-Regis­seurs Christian Petzold vorerst entronnen, trägt Cowboyhut und wirkt betont frei. Sie spielt Wiebke, eine allein­ste­hende Frau, die einen Reiterhof leitet. Poli­zei­pferde werden hier trainiert, und kurz fühlt man sich in eine Folge von Ostwind versetzt. Wiebke ist eine Pfer­de­flüs­te­rerin, die Problemp­ferde besonders sensibel zähmt. Eine Kümmerin.
Offenbar hat sie auch einen Draht zu schwie­rigen Kindern. Niki, ihre Tochter ist adoptiert, jetzt will sie aus Russland noch ein zweites Mädchen holen. Aber die fünf­jäh­rige Raya stellt sich als schwer trau­ma­ti­siert heraus: Ein System­sprenger, ein Geschöpf, das sich bald als überaus schwierig entpuppt, kleinere Kinder zum Teil schlimm drang­sa­liert, aber auch die ältere neue Schwester quält.
Es ist schon inter­es­sant, dass es nun im selben Jahr gleich zwei Filme von Frauen über junge Mädchen gibt, die nicht inte­grierbar sind.
Der Blick auf Menschen ist an der Ober­fläche auch nicht so anders. Die Filme selbst aber und die Kinder sind grund­ver­schieden.

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Denn die Zeichen, dass dieses Mädchen scheinbar das Böse in sich trägt, häufen sich: Fiese Kinder­spiele, Zünde­leien, tote Tiere, hyste­ri­sche Mütter. Die Psycho­logen erklären: Raya sei schwer trau­ma­ti­siert, habe weder Empathie noch Angst.
Aber auch Mutter Wiebke ist zunehmend schwerer zu verstehen in ihrem über­pro­tek­tiven Eigensinn. Sie lehnt jede wohl­ge­meinte Hilfe ab, hält sich nicht an die Ratschläge der Wissen­schaftler. Und der Film, so scheint es, möchte ihr darin recht geben.
Wiebke will perfekt sein. Manchmal hat man den Eindruck, es gehe mehr darum, dass eine Frau, die gewohnt ist, alles zu schaffen, sich ihr Scheitern nicht einge­stehen will. Alles eskaliert. Und dann ruft Wiebke eine Schamanin und an Raya wird eine Art Exor­zismus betrieben – am Ende wird ein Pfer­de­kopf auf eine Lanze gespießt werden, aber Raya scheint kuriert. Und dafür ist dem Film jedes Mittel recht, selbst das Verbrennen der Vernunft im Hexen­sabbat.
So ist »Peli­k­an­blut« ein merk­wür­diger Mix aus verschie­denen Genres und ästhe­ti­schen Zuständen, aber in jedem Fall faszi­nie­rendes Kino von hoher insze­na­to­ri­scher Qualität und eine Achter­bahn­fahrt auf den Nerven der Zuschauer.
Offenbar ist dies auch unbedingt die Art Kino, die Ausländer aus Deutsch­land lieben: Voller düsterer Romantik, Phan­tastik, Fantasie und Extre­mismus, deutsche Mutter und deutscher Wald.

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Natürlich fragt man sich da, was für ein Deutsch­land­bild hier getrig­gert wird: Eine moderne Welt, in der das Böse existiert und man an Hexen glauben muss – wie im Vorjahr in Suspiria.
Man fragt sich auch, ob man sich da selbst eigent­lich wieder­findet: Im Fana­tismus der Fehler­lo­sig­keit, des Recht­ha­bens, der Moral. Ich kann damit wenig anfangen, und insofern ist Nina Hoss' Figur mir sehr fremd. Voll­kommen fremd ist mir auch, dass die Regis­seurin offenbar an Wunder glauben will, und dass ihr Film auf philo­so­phi­scher Ebene ein Einfallstor reak­ti­onärer Dummheit ist: Eine Feier der Esoterik und des Irra­tio­nalen auf Kosten der Vernunft, und darin nicht mal ein entfernter Verwandter von Friedkins Exorcist.
Um so bemer­kens­werter, dass das alles dem Film nicht schadet. Und Gebbes implizite Frage, ob es das Böse gibt? Und wenn ja: »Was ist das Böse?« hat natürlich jede Berech­ti­gung.

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Auch ein Mythen­spiel, wenn auch ganz anderer Art, ist der neue Film des New Yorker Regis­seurs James Gray.
Er heißt Ad Astra, »zu den Sternen«. Es gibt einige latei­ni­sche Anspie­lungen oder Anspie­lungen auf die Kosmo­logie und die Entde­ckung der Raumfahrt, die man im Einzelnen noch entschlüs­seln muss. Sofort aufge­fallen ist mir z.B., dass die Mond­sta­tion, wo Brad Pitt einen Zwischen­stopp macht, Tycho heißt, benannt nach Tycho Brahe, dem großen Astro­nomen.
Am Anfang gibt es ein paar Schrift­züge mit Angaben: »in the near future ... a time of hope and conflict. The promise of progress« – dann kommt der Titel: to the stars.

Am Anfang sehen wir Brad Pitt beim psycho­lo­gi­schen Test. Er sagt ein paar Dinge, die sich als eine Art von Stan­dard­pro­gramm entpuppen und die sich am Ende des Films, das wissen wir aber natürlich noch nicht, wieder­holen werden. Wir wissen noch nicht, dass er diesen Trip überleben wird.
«I am calm, steady, active and engaged, aware of my senses, attentive. I am focused to the essential. And to the exclusion of all else.«

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Einmal mehr geht es, wie so oft im ameri­ka­ni­schen Kino, um Väter und Söhne. Inzwi­schen leicht verwit­tert, aber immer noch blendend aussehend, spielt Brad Pitt den Sohn eines Astro­nau­ten­helden. Vor über 20 Jahren blieb er bei einer Mission verschollen, jetzt deutet plötzlich manches darauf hin, dass er noch leben könnte, irgendwo bei den Ringen des Neptun. Und so geht der Sohn auf eine Reise, die von sehr fern an ein Apoca­lypse Now im Weltall erinnert: Faszi­nie­rend zeigt Gray das Leben der Zukunft auf dem Mond und auf dem Mars, um die Pitt-Figur dann auf einen Trip zu schicken, in dem er dem Vater (Tommy Lee Jones) wieder­be­gegnen wird – um ihn endgültig zu verab­schieden. Gray, der Regisseur der ödipal beses­senen Söhne Amerikas (in Little Odessa oder We Own the Night) plädiert für das Loslassen der Väter – das ist eine opti­mis­ti­sche Botschaft, die man in Amerika auch politisch beher­zigen könnte.

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Das war so eines dieser Ereig­nisse, wie sie nur bei Festivals passieren: Ich wollte später in einen Doku­men­tar­film über Imelda Marcos gehen und mir bis dahin einfach eine halbe Stunde Zeit totschlagen. Also ging ich in ein anderes Kino, weil es dort auch kühl ist und habe gedacht, ich könne mir ja mal die ersten Minuten des spani­schen Films angucken. Aber dann war dieser Film doch so, dass ich noch ein bisschen blieb und dann noch ein bisschen, dann noch ein bisschen und plötzlich war die Zeit rum und ich blieb ganz drin – ich habe es nicht bereut.

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Madre von Rodrigo Sorogoyen ist ein Film über die Wiederkehr des Nicht-Verdrängten. Es geht um die Schuldgefühle einer Mutter, die ihren Sohn nicht retten konnte, der mit sechs Jahren an einem französischen Strand spurlos verschwand, sie zuvor noch angerufen hatte. Gleichzeitig hasst sie die Wirklichkeit und das Schicksal, das ihr eine private Katastrophe beschert hat. Sie hasst ihren Ex-Freund Ramon, den Vater des Jungen, der die Schuld an allem trägt.
Zugleich ist dies auch ein Sommerfilm, der an einem Badeort irgendwo im Südwesten Frankreichs in der Biskaya spielt. Die Mutter ist zehn Jahre später zum Ort des Verschwindens des Sohns gezogen; sie hat ein leeres Leben, wenig Geld, sie arbeitet als Serviererin in einem Touristen-Cafe. Eines Tages glaubt sie ihren Sohn in Jean, einem 16-jährigen Surfer, zu erkennen. Es gibt ein paar wirklich schöne und besondere Kamera-Szenen: Manchmal läuft der Dialog parallel zu einem Bild.
Am Anfang gibt es einen Schwenk von rechts nach links am Strand entlang auf die Mutter zu, sie erkennen wir zuerst gar nicht. Dann läuft ihr eine Gruppe von Surfern entgegen und dann ahnen wir schon, was jetzt kommt. Ihr jetziger Freund wird gespielt von Alex Brendemühl.
Der ältere Bruder von Jean sagt eines Tages zu ihr: »We'll rape you to death.« Überhaupt gibt es einige Szenen, in denen Männer als Bedrohung aufscheinen. Ein sehr gelungener, sehenswerter Film.

(to be continued)

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