16.08.2019
72. Locarno Film Festival 2019

Pizza auf der Piazza

7500
Ziemlich spannend und ganz schön leer: Patrick Vollraths 7500

Auswüchse der Political Correct­ness im Fall Tarantino und der deutsche Klaus­tro­pho­bie­thriller 7500; Notizen aus Locarno, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Auf der Piazza Grande lief am letzten Woche­n­ende Quentin Taran­tinos Once Upon a Time... in Hollywood. Ein gran­dioser, facet­ten­rei­cher Film, der von allem Möglichen handelt, nicht zuletzt aber eben von Hollywood, und einer Zeit des Abbruchs, des Aufbruchs, der Verän­de­rung in der Film­in­dus­trie.
Vom Team war überhaupt niemand da. Das ist außer­ge­wöhn­lich für einen Piazza-Film, denn zu der Vorfüh­rung vor bis zu 8000 Menschen gehört auch vorher eine Präsen­ta­tion auf der Bühne vor der Leinwand.
Das ist kein unein­ge­schränkter Erfolg für die Direk­torin Lili Hinstin. Einen Tarantino-Film überhaupt nach Locarno zu holen, ist natürlich schon gut, selbst wenn der Film seine Premiere schon in Cannes hatte. Aber dass überhaupt niemand kommt, und noch nicht mal ein Vertreter der Schweizer Verleih­firma ein paar warme Worte ans Publikum richtet, ist enttäu­schend. Da hätten andere Direk­toren in der Vergan­gen­heit schon gesagt: »Dann halt nicht.« Und den Film wieder ausge­laden.

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In ihrem ersten Jahr als Direk­torin steht Hinstin unter beson­derer Beob­ach­tung, so etwa wie Niko Kovac oder ein anderer neuer Trainer beim FC Bayern.
Jeder Schritt, jede Entschei­dung wird besonders genau abgewogen und von allen möglichen Leuten, die einem über den Weg laufen, kommen­tiert. »Die Piazza« ist das Herzstück von Locarno, und ein Locarno-Direktor wird vor allem danach gemessen, wie voll abends die Sitze belegt sind. Auch wenn hier keines­wegs die besten Filme laufen, denn die Piazza ist ein Ort für Crowd­pleaser, Populäres, ein, zwei histo­ri­sche Filme, Schweizer Main­stream, und eben Schweizer Premieren. Die beiden Wett­be­werbe laufen ande­ren­orts.
Schweizer, die ich traf, meinten, Hinstin hätte doch zwei, drei Schweizer Filme mehr auf die Piazza program­mieren sollen. Sie ärgerten sich zum Beispiel auch darüber, dass zum Jubiläum der Settemana della Critica kein Film der Sektion, zum Beispiel ein Werk eines renom­mierten Schweizer Altmeis­ters auf der Piazza lief. Es hätte regnen können, aber es wäre ein symbo­li­scher Akt gewesen.

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Ande­rer­seits geht es bei der Piazza, wie überhaupt bei diesem Film­fes­tival, wie ich an dieser Stelle schon in früheren Jahren geschrieben hatte, unver­hoh­lener, als bei irgend­einem anderen A-Festival um den touris­ti­schen Mehrwert, darum, hier am Abend möglichst vielen Leuten Wein und Pizza zu verkaufen. Vergessen wir nie: Marco Solari, der Präsident des Festivals (und Hinstin-Chef) ist auch der Leiter der Tessiner Tourismus-Orga­ni­sa­tion.
Zu hören war aller­dings speziell zum Tarantino auch, gerade dies sei der eine Piazza-Film gewesen, den Hinstin gar nicht unbedingt zeigen wollte. Aber so etwas könnte auch nur typisches Festi­val­ge­rede sein.

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Bemer­kens­wert, wie manche Medien und Medi­en­ver­treter sich in den letzten Wochen auf Tarantino einschießen und einge­schossen haben. Wie sie Tarantino fertig­ma­chen. So etwa wurde ich von einer Redak­teurin mit der Bemerkung konfron­tiert, Tarantino sei doch ein »Wein­stei­nianer«. Was soll das denn heißen? Das klingt, als würde er Verge­wal­ti­gung gutheißen. Davon kann natürlich nicht die Rede sein, fest steht: Tarantino hat seine bishe­rigen Filme alle mit Wein­steins Firma produ­ziert. Ja und?
Das haben viele andere auch.
Was ist das für ein Stil der Betrach­tung? Ich finde, wir alle müssen gerade als Kultur­jour­na­listen auch an einer Kultur des Umgangs inter­es­siert sein. Das heißt: kein Mora­lismus und Mora­li­sieren von Verhalten; kein Verteilen von Betra­gen­s­punkten an erwach­sene Menschen; kein »unter der Hand«-Vorschreiben, was das Publikum zu denken hat. Und vor allem: Vertei­di­gung des Rechts­staats und des Gesetzes. Also im konkreten Fall: Verge­wal­ti­gung ist kriminell, Sexismus ist kein Verbre­chen, sondern allen­falls geschmacklos, wäre aber auch erstmal zu defi­nieren. Und das Rechtsgut der Unschulds­ver­mu­tung »until proven guilty« gilt selbst für Harvey Weinstein.

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Künstler dürfen als Künstler wie als Privat­leute übrigens geschmacklos sein. Bei Tarantino wäre das erstmal zu beweisen.

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Auf der Piazza lief in diesem Jahr auch wieder ein deutscher Beitrag. 7500 von Patrick Vollrath, eine deutsch-öster­rei­chi­sche Co-Produk­tion.

Der Film lässt sich ganz gut an. Er beginnt mit Bildern aus einer Über­wa­chungs­ka­mera und wenn man wie diese Über­wa­chungs­ka­mera einen Blick dafür hat, dann fallen einem natürlich sofort bestimmte Leute auf, es fällt einem auf, dass sie auf die Toilette ohne Rucksack gehen, aber mit einem Rucksack zurück­kommen und dann, dass der eine Mann ein paar Flaschen im Duty-Free kauft, Glas­fla­schen, dass er dann aber ohne diese Glas­fla­schen zurück­kommt. Was hat er damit gemacht? Im Nach­hinein habe ich mir dann immerhin zum aller­al­ler­ersten Mal überlegt, wie es denn überhaupt sein kann, dass die Menschen Glas­fla­schen im Duty-Free verkaufen? Weil man aus Glas­fla­schen natürlich Messer basteln kann und genau das tun diese Leute. Wieso ist da noch nie jemand vorher drauf gekommen?

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Als Zuschauer kommt man bald so ein bisschen in die Haltung eines Sicher­heits­be­ra­ters für Airlines und man überlegt: was könnte man besser machen, um genau dies zu verhin­dern? Das eine sind die erwähnten Glas­fla­schen. Zweitens wird es wohl früher oder später in den entspre­chenden Cockpits eine Schleuse geben, also zwei Türen mit Raum dazwi­schen, sodass nur eine Tür aufgeht, wenn die andre sicher zu ist. Und mögli­cher­weise wird es noch etwas später in den entspre­chenden Cockpits überhaupt nicht mehr die Möglich­keit geben, dass die Piloten das Cockpit verlassen. Sie werden ihre eigene Toilette bekommen und es wird für Notfälle eine dritte Person geben, die auch einen Pilo­ten­schein hat und die im hinteren Teil der Kabine schlicht und einfach sehen kann, was los ist, falls es zum Unglück kommt, falls es zu einem Druck­aus­fall kommt, oder sonstigen Dingen.
Aber früher oder später wird man das Cockpit so herme­tisch abdichten und versie­geln, dass es dem Piloten gar nicht möglich ist, die Tür von innen zu öffnen. Wenn poten­zi­elle Flug­zeug­ent­führer das wissen, wenn sie wissen: sie werden unter keinen Umständen in das Cockpit kommen, und sie können auch nicht mit dem perver­sesten schlimmst­mög­li­chen Erpres­sungs­ver­such den Einlass ins Cockpit erzwingen, dann nur dann werden derartige Aktionen ausge­schlossen.

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Die Musik ist auch ganz cool. Und trotzdem: Irgendwas stimmt nicht richtig. Nach dem Beginn wechselt die Perspek­tive. Jetzt ist die Kamera dort, wo sie den Rest der 92 Film-Minuten bleiben wird: Im Cockpit einer mit Passa­gieren voll­be­setzten Lini­en­ma­schine auf dem Flug von Berlin nach Paris. Kurz nach dem Start dann der erwartete Entfüh­rungs­ver­such. Es kommt zu einem Kampf, aber die Sicher­heitstür ist bald wieder zu. Drin ist nur Copilot Tobias, der schwer­ver­letzte Kapitän und einer der Entführer, der betäubt am Boden liegt und von Tobias zur Sicher­heit gefesselt wird. Draußen vor der Tür sind die zwei anderen Entführer und die in Panik versetzten Insassen.
Der nun auf diese drama­ti­sche Expo­si­tion folgende Mittel­teil ist das Herzstück von 7500: Ein klaus­tro­pho­bi­scher Thriller, der sein Katz-und-Maus-Spiel in verschie­denen Stadien entfaltet.
Im Folgenden lebt der Film von der reinen Thriller-Spannung, der Angstlust des Sich-in-die-Situation-hinein-Verset­zens, und den vor allem mora­li­schen Entschei­dungs­di­lem­mata, denen Tobias ausge­setzt ist. Zugleich wirkt hier auch manches wie künstlich aufge­bauscht. Denn im Prinzip ist es von Anfang an klar, dass Tobias kaum Handlungs-Alter­na­tiven hat.
Ehrli­cher­weise passiert eine Sache in dem Film, die man so – hätte ich vorher gesagt – auch nicht glaubt. Sie hat dann aller­dings doch eine gewisse Logik. Die Logik ist aller­dings, wenn man so will, eine zynische, es geht nämlich darum, dem Zuschauer zu zeigen, indem man etwas Unmög­li­ches zeigt, dass in diesem Film alles möglich ist. Und in dem Moment, wo das Unmög­liche passiert ist, da wissen wir Zuschauer dann aber auch, dass von jetzt an nichts Unmög­li­ches mehr passieren wird – scheint mir. Das ist der paradoxe Effekt dieses Films und ich weiß selber nicht ganz genau, was da eigent­lich ästhe­tisch vor sich geht, wo der Regisseur einen Fehler gemacht hat, aber ich bin mir ganz sicher, dass der Regisseur einen Fehler gemacht hat.

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Zugleich gibt es zu viel Klischees, zu viele Worte, zu sehr Männer als Jammer­lappen. Diesen Film mit Jacques Tourneur zu verglei­chen, finde ich schon arg gewagt. Mit solchen Verglei­chen ausge­rechnet an dem Ort, wo vor drei Jahren eine Tourneur-Retro­spek­tive lief, tut sich Lilli Hinstin keinen Gefallen.

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Der Film hat ganz ehrlich gesagt auch ganz schöne Längen, vor allem in der zweiten Hälfte kippt er ab. In der ersten ist es ein langer Vorlauf zu etwas, wovon wir ungefähr ahnen, was es sein wird, und dann ist es eine Weile Hysterie und Chaos pur. Diese Chaos-Passagen funk­tio­nieren am besten. Was dann gar nicht mehr funk­tio­niert, ist, wenn das Flugzeug gelandet ist, alle über­le­benden Insassen das Flugzeug verlassen haben, dass dann nur noch der Pilot mit einem der Entführer im verram­melten Cockpit sitzt. Da gibts viel Männer­weinen, Jammer­ge­rede und was dann auch passiert, ist, dass wir Zuschauer natürlich alle auf das warten, was schließ­lich danach kommt: Das, was mal vor 30 Jahren in Gladbeck finaler Rettungs­schuss genannt wurde. Bis dahin labert der Poli­zei­psy­cho­loge so, dass es nicht nur für den Geisel­nehmer, sondern auch für uns Zuschauer ganz schön anstren­gend ist. Weil es so durch­schaubar ist. Weil es so verlogen ist in der Weise, wie der Psycho­loge immer sagt: ich bin ehrlich; gut, dass du mir zuhörst; schön, dass wir mitein­ander reden und derglei­chen Floskeln mehr.

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Eine inter­es­sante Form und Hülle, und der Film ist ohne Frage, gerade ange­sichts der beschei­denen Mittel als öster­rei­chisch-deutsche Kopro­duk­tion, eine Leistung der Regie und der Produk­tion. Ande­rer­seits war es so aufwendig für die Produk­tion dann wieder auch nicht. Denn sie hatten ja vor allem einen Cockpit-Nachbau zu bewäl­tigen. Sie hatten noch nicht einmal ein ganzes Flugzeug, denn man sieht das Flugzeug nie ganz von innen. Man hat nur ein paar Blicke in den Vorraum vor dem Cockpit.

Alles nicht schlecht. Ziemlich spannend, aber es bleibt überhaupt nichts übrig. Insofern auch ganz schön leer und mir scheint das dann irgendwie auch ein bisschen blöd. Die Spannung hält sich aber deswegen in Grenzen, weil man glaubt, der Film kann nicht zeigen, dass ein Flugzeug abstürzt. Der Film kann nicht zeigen und wird nicht zeigen, dass ein Flugzeug in eine Stadt hinein brettert, auch wenn diese Stadt nur Hannover heißt. Man glaubt auch nicht, dass der Pilot sterben wird, schon gar nicht vor der Landung.

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