08.08.2019
72. Locarno Film Festival 2019

Ein Tanz von Kraft um eine Mitte

Ginevra Elkann Magari
Herausragendes Regie-Debüt: Mariko Minoguchis Mein Ende. Dein Anfang.

In der Sommer­fri­sche des Kinos: Das 72. Film­fes­tival von Locarno wurde am Mitt­woch­abend eröffnet

Von Rüdiger Suchsland

Jetzt brüllt er wieder, der Leopard von Locarno, der jeden­falls im Festi­val­trailer ein schweres, mächtiges Tier ist, im »weichen Gang geschmeidig starker Schritte«, wie es Rilke in seinem berühmten Gedicht über den Panther schrieb – alle Jahre wieder beher­bergt der Tessiner Ferienort das kleinste unter den großen fünf europäi­schen Film­fes­ti­vals. Im Jahr 2019 sind es 16 inter­na­tio­nale Produk­tionen, die an elf Tagen im Wett­be­werb um den Goldenen Leoparden kämpfen. Darunter ist diesmal auch ein deutscher Film: In Das frei­wil­lige Jahr erzählen die gestan­denen deutschen Regis­seure Ulrich Köhler und Henner Winckler, die diesmal als Regie-Duo unterwegs sind, von einem Vater-Tochter-Drama und einen Gene­ra­tio­nen­kon­flikt, der sich auf dem Papier schwer nach Mittel­klasse-Problemen anhört: Töch­ter­chen hat keinen Bock aufs frei­wil­lige Jahr irgendwo weit weg, der Papa macht Druck, weil die Tochter seine unge­lebten Pläne verwirk­li­chen soll. Berliner Schule trifft deutsches Fernsehen. Der Film war nämlich zunächst als reine Fern­seh­pro­duk­tion des WDR ange­kün­digt.

Offenbar sind die Deutschen in diesem Jahr überhaupt im Duett unterwegs. Denn auch der deutsche Doku­men­tar­film Space Dogs ist von zwei Regis­seuren zusammen insze­niert worden: Elsa Kremser und Levin Peter. Sie folgen den bis in die Gegenwart reichenden Spuren von Laika, der von den Sowjets 1957 als erstes Lebewesen in den Weltraum geschos­senen Hündin. Der Film läuft im zweiten Herzstück des Festivals, das ja im Prinzip überhaupt ein Nach­wuchs­fes­tival ist. Der zweite Wett­be­werb ist ganz streng ausschließ­lich ersten und zweiten Filmen vorbe­halten und hat sich mitunter als inter­es­santer, radikaler entpuppt als die Haupt­kon­kur­renz: »Cinéastes du présent«, Filme­ma­cher der Gegenwart.

Im größten Frei­luft­kino Europas auf der mittel­al­ter­li­chen Piazza Grande kann man Stars zumindest mit dem Fernglas »in echt« angucken. Denn unter 8000 Zuschauern muss man schon gut sitzen, um Mimik zu erkennen. Zu sehen sind 2019 unter anderem Hilary Swank, John Waters, und Quentin Tarantino, dessen neuer Film Once Upon a Time... in Hollywood ein Märchen aus der bitteren Realität der Traum­fa­brik erzählt. Auch ein deutscher Thriller läuft in dieser populären Sektion: Das Spiel­film­debüt 7500 von Patrick Vollrath.

Eröffnet wurde am Mittwoch mit einer italie­ni­schen Fami­li­en­saga: Magari ist das Kino-Debüt der Italie­nerin Ginevra Elkann, von der man bisher nur erfahren konnte, dass sie die Enkelin des Fiat-Chefs Gianni Agnelli ist.

Ein Debüt ist der Mitt­woch­abend auch für Lili Hinstin – die 42-jährige Französin ist die neue künst­le­ri­sche Leiterin, nachdem der Italiener Carlo Chatrian in den vergan­genen sieben Jahren am Lago Maggiore das Zepter geführt hatte – was für ihn mit der Berufung zum neuen Leiter der Berlinale endete. Auch hier ist Locarno also ein Nach­wuchs­sprung­brett.
Zu ihrem Start setzt Hinstin auf maßvolle Erneue­rung. Mehr Frauen, viel Genre­filme – das ist noch nicht so originell. Schon eher die Retro­spek­tive »Black Light« über das Kino von, mit und über Schwarze – in Amerika und in Europa. Man kann die Filmliste »erratisch kuratiert« nennen, aber auch divers. Am Ende wird das Ergebnis vor Ort über­zeugen müssen. Wir werden berichten.

In Inter­views vorab hat Hinstin jeden­falls schon viel über die Schlüs­sel­rolle von Festivals räson­niert und Inter­es­santes gesagt, das so klingt, als lege sie tatsäch­lich wert auf ein Festival als Festival, nicht nur als Abspiel­platt­form und Indus­trie­messe, sondern auf ein Film­fes­tival als immer seltener werdende Kollek­ti­ve­rfah­rung. Stich­worte: »Arthouse-Film­er­lebnis«, »Event-Charakter«, man habe »Fun«, mache »Party«, treffe »Leute«. Das helfe letztlich dann auch wieder der Kino­branche.
Das einzige, was sie fürchte, ließ Hinstin vorab in der »Neuen Zürcher Zeitung« wissen, sei nur der Zwang zur Political Correct­ness, der heute fast alle Kultur­be­reiche zu durch­dringen scheine.

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