13.08.2019
72. Locarno Film Festival 2019

Panzerkreuzer Locarno

Locarno Black Light
Bei der diesjährigen Locarno-Retrospektive »Black Light« zu sehen: Marcel Camus Orfeu Negro

Bravo, Madame Hinstin: Erschüt­tern, über­ra­schen, verstören, in Frage stellen, jede Regel unter­laufen, sich auf eine mutige Weise voll­kommen außerhalb der Konven­tion stellen – Volle Fahrt in die Zukunft: Locarno muss ein Schnell­boot werden, um aus dem Schatten der großen Contai­ner­schiffe zu treten; Notizen aus Locarno, 2. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wir müssen Geleit­züge bilden.«
Alexander Kluge

Die Mühlen mahlen nicht gerade schnell in Locarno. Bereits 2006, drei Festi­val­di­rek­toren früher, wurde es geplant, das Festi­val­ge­bäude in Form eines Renais­sance­pa­lastes, aber Fake, nämlich aus Beton und hoch­mo­dern, fast eine Art Berliner Stadt­schloss im Tessin, und Pala­ci­nema genannt, und 120 Millionen Franken teurer.

Vor einigen Jahren erst wurde das Pala­ci­nema dann eröffnet. Und seitdem scheiden sich an ihm die Geister. Es beher­bergt drei Kinosäle, die dringend nötig waren, jetzt aber immer noch zu klein sind, ein Restau­rant, eine VIP-Terrasse, die 98 Prozent der Festi­val­dauer leersteht, weil man sie exklusiv halten will, und auch der Eingang zu ihr exklusiv ist, allzu exklusiv.

Gerade darin, in der Geis­ter­schei­dung ist dieses Festi­val­ge­bäude aber in jedem Fall ein sehr tref­fendes Symbol für dieses überaus ambi­va­lente Film­fes­tival als solches. Das Pala­ci­nema ist ein Labyrinth mit seinen drei Eingängen und zwei bis vier unab­hän­gigen Struk­turen in einem – und wird auch von allen Mitar­bei­tern so genannt, allein heute von dreien unab­hängig vonein­ander. Von außen sieht es aus wie alt; es ist aber wie gesagt brandneu. Es ist chaotisch in seiner Struktur, aber bietet viele Möglich­keiten, es ist, trotzdem es frisch erscheint, an manchen Stellen schon brüchig und reno­vie­rungs­be­dürftig. Es hat zwar klas­si­sche Fassaden, aber ein ziemlich cheesy-neurei­ches Golddekor und -ornament an jeder Ecke in jedem Fenster.

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Das passt zu Locarno als solchem, denn die Stadt ist vom Festival im Kern erschüt­tert und verun­staltet worden.

In der Mitte Locarnos ist ein großer Kreisel, die »Mega-Rotonda«, die mit Buden und Verkaufs­ständen ein über­di­men­sio­niertes Scharnier zwischen male­ri­scher mittel­al­ter­li­cher Altstadt und dem durch Speku­la­ti­ons­bauten verun­stal­teten »Quartiere Nuovo« bildet. Die Filme laufen im FEVI, einer Art Basket­ball­halle, wo man auf Stahl­rohr­s­tühlen mit Plas­tik­sitzen 2000 Zuschauer unter­bringt. In jüngster Zeit hat Locarno mehrere Hotels verloren – umgekehrt steht das legendäre einstige »Herz des Film­fes­ti­vals«, das Grand Hotel seit 15 Jahren leer – in der reichen Schweiz lässt sich kein Mäzen finden, der bereit wäre, die alte Pracht wieder­auf­er­stehen zu lassen.

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In diesem Jahr also hat das Film­fes­tival von Locarno wieder einmal eine neue Leiterin, die Französin Lilli Hinstin (42), die zuvor das Film­fes­tival von Belfort leitete.

Man merkt schon im ersten Jahr eine neue Hand­schrift. Auch wenn ihr Vorgänger Carlo Chatrian sich mit einem unge­wöhn­lich guten Programm verab­schie­dete, im Gegensatz zu den Jahren zuvor auf nichts, auch nicht auf den Etat, Rücksicht nahm, und es wenigs­tens einmal richtig krachen ließ. Trotzdem ist schon im ersten Hinstin-Jahr etwas mehr Mut zum Radikalen, Sperrigen erkennbar, etwas mehr Interesse für die Ränder des Kinos. Damit ist auf der einen Seite das Genrekino gemeint. Aber auch das visuell Extreme, über das wir hier noch genauer berichten werden, auch der parti­ku­lare Blick, etwa in der Retro­spek­tive »Black Light« zum Kino der Schwarzen und über Schwarze.

Aber auch das Interesse für die andere Seite. Dorthin, wo das Kino in den Bereich der bildenden Kunst und Video­kunst übergeht, der bewegten Bilder, die auch in einem Museum oder einer Galerie ihren Platz haben könnten.

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Man merkt den neuen Drive aber auch an einem Interesse für Formen, in denen die Grenze zwischen dem Doku­men­ta­ri­schen und dem Fiktio­nalen verschwimmt.

Man merkt ihn schließ­lich nicht zuletzt in den öffent­li­chen Äuße­rungen der neuen Direk­torin. Sie schreibt zum Beispiel im Programm­heft, ein Film­fes­tival sollte »erschüt­tern, über­ra­schen, verstören und in Frage stellen«, ein Festival dürfe manchmal eklek­tisch sein, es solle offen sein »in jede Richtung«, gegenüber allen Formen der Reprä­sen­ta­tion. Die grund­sätz­liche »Berufung« eines Festivals sei es, jede Regel zu unter­laufen, mit dem Ziel sich auf eine mutige Weise voll­kommen außerhalb der Konven­tion zu stellen.

Bravo, Madame Hinstin!

So etwas möchte man mal von deutschen Festi­val­di­rek­toren hören. Von wenigs­tens einem Einzigen. Nicht weniger verrä­te­risch, was sie nicht tut: Keine Erwähnung der Industrie. Kein Blabla über »Publi­kums­fes­tival«. Kein Lob der Funk­ti­onäre. Keine Erwähnung der angeb­li­chen Bedeutung des natio­nalen Films. Die Schweizer sollten sich nicht so haben und nicht »so klein machen«, so Hinstin in unserem Gespräch. Aber auch dazu ein andermal.

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Ein Film­fes­tival wie das von Locarno ist zwar ein soge­nanntes A-Festival, aber doch das vom Finan­zi­ellen her mit Abstand kleinste unter den großen Festivals. Zugleich zeigt man sehr, sehr viele Filme – rund 250.

Wie schafft es also ein solches, wenn man es so nennen möchte, »Contai­ner­schiff«, sich trotzdem in ein flinkes kleines Schnell­boot, einen Panzer­kreuzer zu verwan­deln, der beweglich und fix der Konkur­renz der anderen Festivals voraus zu sein in der Lage ist, und also in einem gewissen Sinn immer wieder mal aus dem Schatten der großen »Schlacht­schiffe« Cannes, Venedig und Berlin treten zu können?

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Locarno muss dafür die Extreme ausloten, und hellwach sein. Es muss dafür auch im Zwei­fels­fall der Zukunft den Vorzug vor der Gegenwart geben – sich also ein bisschen gegen die Gegenwart wenden, sich ihr gegenüber skeptisch verhalten.

Was Mut macht, was die Hoffnung weckt, dass dies Locarno unter der neuen Direk­torin Lilli Hinstin gelingen könnte, ist vor allem ihre klare Wendung gegen die Film­in­dus­trie, ihre klare Posi­tio­nie­rung als Festival der Filmkunst und nicht des Kinos als eines Konsum­guts.

Hinstin macht mit ihrer Auswahl klar, dass ein Festival ein Diener und eine Plattform für die Kunst sein muss, und kein Sklave der Industrie sein darf. Die Haltung der dies­jäh­rigen Locarno-Ausgabe ist eine, von der sicher­lich auch andere größere Festivals und z.B. auch die neue Leitung der Berlinale eine Menge lernen kann.

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