08.08.2019
Cinema Moralia – Folge 201

Vive la France, bonsoir, Allemagne

Tenet
Auf 70mm nur fürs Kino gemacht: Tenet von Christopher Nolan

Warum in Frank­reich das Kino funk­tio­niert und wie in Deutsch­land die öffent­liche Hand das Sterben des Mediums Kino finan­ziert – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­gän­gers, 201. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Paris ist nicht bloß die Haupt­stadt von Frank­reich, sondern der ganzen zivi­li­sierten Welt. … Versam­melt ist hier alles, was groß ist durch Liebe und Hass, durch Fühlen und Denken, durch Wissen oder Können, durch Glück oder Unglück, durch Zukunft oder Vergan­gen­heit.«
(Heinrich Heine)

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Der Filme­ma­cher Chris­to­pher Nolan, ob man ihn nun richtig mag, oder nicht, ist ohne Frage der wich­tigste, also kulturell einfluss­reichste Regisseur unseres Zeit­al­ters. Nicht del Toro, nicht Tarantino, auch leider nicht mehr Godard und nicht mal, wer hätte es gedacht, Til Schweiger.

Jetzt wurde der erste Teaser seines neuen Films Tenet, eines Spio­na­ge­thril­lers veröf­fent­licht. Aber wir haben ihn noch nicht gesehen. Wir können ihn nicht sehen! Denn er wird bisher nur im Kino gezeigt. Ist das nun eine Frechheit gegenüber seinen Fans, zum Beispiel in München? Oder ist es nicht ganz wunderbar, dass dieser Regisseur das Kino und das Film­ma­te­rial – Nolan dreht nicht digital, sondern in diesem Fall auf 70mm und im IMAX-Format – wirklich vertei­digt. Dass da einer ist, der es sich erlauben kann und der darum dem Kino ein Allein­stel­lungs­merkmal gibt, das diesem gebührt.

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Wir würden ja niemals der Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters abspre­chen, dass auch sie sich wirklich ums Kino bemüht. Dass sie ein veri­ta­bles und ernst gemeintes Interesse daran hat, den Standort Kino zu stärken. Viel­leicht nicht mehr in fünf Jahren, aber jetzt. Was ich aber nicht glaube, ist, dass sie immer gut beraten und umfang­reich infor­miert wird – sondern im Gegenteil ziemlich einseitig.

Das Grütters-Interview in der »Süddeut­schen«, aus dem wir vergan­gene Woche schon zitiert hatten, war in der Hinsicht sehr aufschluss­reich. Taktisch und rheto­risch war das Konzept klar: Die Dinge laufen schlecht, obwohl Grütters mehr Geld gibt, brechen die Zuschauer weg. Also »nennt« Grütters die Fehler und Probleme – dann kann sie ja nicht dran schuld sein, oder?

Viel­leicht aber doch. Viel­leicht sind die Erfolgs­kri­te­rien genau so schräg, wie die der Länder­för­derer, und viel­leicht trägt eine Förder­po­litik, die auf »Leucht­türme« und Pres­ti­ge­pro­jekte setzt und die Breite verdorren lässt, gehörig zur Misere bei. Vor allem ist auch die Förderei im BKM höchst wider­sprüch­lich.

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Ein Beispiel hierfür: Beim vom BKM hoch geför­derten Film­fes­tival von Berlin läuft der deutsche Film Ich war zuhause, aber… von Angela Schanelec im Wett­be­werb und gewinnt sogar den Silbernen Bären für Beste Regie.
Dann beantragt der Verleiher beim BKM Verleih­för­de­rung. Diese wird nicht gewährt. Natürlich redet man sich beim BKM auf die »Unab­hän­gig­keit der Jury­ent­schei­dung« heraus, und wer wollte schon etwas gegen unab­hän­gige Jurys sagen?

Aber wie kann das sein?? Wie ist das in Gottes Namen möglich??? Das BKM ist ja nicht irgend­eine von Tante Emma geführte Länder­butze, sondern angeblich die »kultu­relle Film­för­de­rung«. Ein schwie­riger Film (den ich persön­lich auch gar nicht besonders schätze, aber es geht ums Prinzip), ein schwie­riger Film, der mehr als alle Wiedemann & Bergs & X- und Y-Filme zusammen auf kultu­relle Förderung ange­wiesen ist, und der nebenbei die Behaup­tung wider­legen könnte, dass man in Deutsch­land nur mit Schrott im Kino Geld verdienen kann, und dass die Berlinale und ihre Preise eh nix wert sind, und an der Kasse nichts bringen, einem solchen Film verwehrt man das, was man allen möglichen Filmen zugesteht: Unter­s­tüt­zung bei Kinostart im schwie­rigen Gelände.

Warum pumpt man viel Geld in die Berlinale, sorgt aber nicht dafür, dass wenigs­tens die dort ausge­zeich­neten Filme auch vernünf­tige Start­chancen bekommen?

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Zweites Beispiel: Der Goldene Bär ging 2019 an den israe­li­schen Film Synonymes von Nadav Lapid. Der Film hat einen baye­ri­schen Verleih, Grandfilm. Selbst der Goldene Bär rettete Grandfilm nicht vor einem Ableh­nungs­be­scheid, diesmal der baye­ri­schen Film­för­de­rung vom FFF, deren Jury in ihrer unend­li­chen Weisheit dem Berli­na­le­si­eger Leber­käs­junkie (Constantin), Eine ganz heiße Nummer 2.0 (Constantin, die damit zusammen 250.000 Euro Verleih­för­de­rung bekam) und Filme der urbaye­ri­schen Unter­nehmen Wild Bunch und Studi­oCanal vorzog, die insgesamt 210.000 Euro – nicht Produk­tions- sondern Verleih­för­de­rung – Steu­er­gelder bekamen.

Hier läuft ganz, ganz viel falsch.

Und das darf nicht, und es kann auch nicht so bleiben. So finan­ziert die öffent­liche Hand das Sterben des Mediums Kino.

Die Berlinale, auch bestimmt nicht mein Lieb­lings­fes­tival, muss doch mindes­tens der eigenen Minis­terin und den eigenen Förderern soviel wert sein, dass wenigs­tens die dort besonders ausge­zeich­neten Filme von dieser Auszeich­nung auch kommer­ziell profi­tieren, anstatt umgekehrt vom Minis­te­rium noch eine schal­lende Ohrfeige zu bekommen.

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Das Kino, so heißt es immer wieder, sei ein sozialer Ort. Ein Ort des Austauschs, des gemein­samen Sehens und der Ausein­an­der­set­zung.
Aber wie sieht das in der Realität aus?

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Freunde beim Kino­be­such: Nicht in Berlin, sondern in Ebers­walde, Movie Magic, Der König der Löwen. Das Online-Ticketing funk­tio­niert nicht. Man kann nicht buchen: Das Ticketing funk­tio­niert nicht, »wir können gerade nicht zugreifen. Ich komme nicht ins System.« Soviel zum Thema Digi­ta­li­sie­rung. Das Telefon funk­tio­niert nicht. Man kann nicht heraus­finden, ob etwas frei ist. Vor Ort dann nur sechs Besucher. Die zwei Kinder müssen Erwach­se­nen­karten kaufen, weil Disney dem Kino aufge­drückt hat, den Kinder­film auch abends zu spielen. »Ich kann ihnen leider nur Erwach­sen­enti­ckets geben, weil wir abends keine Kinder­karten einbuchen können. Aber Montags kostet das ja auch nur ein Euro mehr als die Kinder­karte.«
Ok, zwei Kinder, zwei Erwach­sene, über 40 Euro Eintritt, dazu noch mal die gleiche Summe für Getränke und Snacks, macht für den Kinoabend 80 Euro ohne die Anfahrt, und dann nach dem Film ganz schnell wieder raus. Das war eine exem­pla­ri­sche Erfahrung: An jedem Woche­n­ende findet so etwas tausend­fach in Deutsch­land statt.
Das ganze System funk­tio­niert nicht.

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Was läuft anders in einem Markt, der mit 20 Millionen Einwoh­nern weniger rund doppelt so viele Kino­be­suche verzeichnet wie Deutsch­land? Gute Frage. »Vive la France!« ruft dazu jetzt Kim Ludolf Koch, der Geschäfts­führer der Cineplex-Gruppe bei »Blick­punkt Film«. Auf einer Reise nach Frank­reich hat er allerhand gelernt. Um Sitz­kom­fort geht es nicht, um Popcorn auch nicht – all das Gerede von angeb­li­chen häss­li­chen, unbe­quemen Kinos kann man schon mal streichen. »Beinahe vers­tö­rend waren geringe Sitz­platz­breiten und Reihen­ab­stände – auch bei Neubauten.« »Selbst in großen und gut laufenden Multi­plexen lag der Neben­um­satz nach Aussage der Manager nie über 2,50 Euro pro Besucher.«

»Alle der von uns besuchten Film­theater beginnen mit dem Spiel­be­trieb um 10:00 Uhr morgens, manchmal sogar noch früher. Bis mittags gibt es redu­zierte Preise, danach werden relativ hohe Einheits­preise (in Paris zwischen zehn und 14 Euro) über die ganze Woche hinweg verlangt. Aller­dings gibt es deutliche Rabatte für bestimmte Ziel­gruppen wie Kinder, Schüler, Studenten, Senioren und Auszu­bil­dende. Der Haupt­grund dafür, dass der durch­schnitt­liche Eintritts­preis in Frank­reich um rund zwei Euro unter dem deutschen Wert liegt (2018: 6,64 Euro vs. 8,54 Euro) dürfte aller­dings in der mitt­ler­weile weit­ver­brei­teten Anwendung von Flatrate-Karten liegen. Hier gibt es bei den großen Ketten Pathé, der mitt­ler­weile Pathé gehö­renden Kette Gaumont, UGC und auch den Programm­kinos von MK2 drei verschie­dene Angebote. Für Besucher unter 26 Jahren kostet die monat­liche Flat rund 18 Euro, für älteres Publikum 23 Euro. Für einen Aufpreis von drei Euro gilt die Flatrate auch für 3D-Filme. Eine in Deutsch­land bislang noch unbe­kannte, weitere Variante stellt die Flatrate für zwei Personen dar. Der nament­lich erfasste Inhaber kann für 33 Euro im Monat stets eine weitere Person mit ins Kino nehmen. Nach Angaben der verschie­denen Kinos liegt der dortige Anteil der Flatrate-Kunden am Gesamt­be­such bereits zwischen 25 und 40 Prozent.«

Man muss das einfach lesen. Es wird klar, dass es um Vielfalt des Angebots geht – der Filme, nicht des Popcorns – und um Neugier der Zuschauer.
Alle Filme werden im Original und unter­ti­telt gezeigt.

Und es geht um Geld: Fast eine Milliarde Euro wird in Frank­reich pro Jahr von der Förderung inves­tiert. In Deutsch­land gerade einmal ein Drittel. Und mehr Geld bleibt bei den Kinos.

Wichtig auch, dass Koch klar macht: Der Vorsprung von Frank­reich war nicht immer so groß. Er ist nicht gott­ge­geben, sondern von der schlechten deutschen Politik mit Steu­er­gel­dern finan­ziert.

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In Belgien hat man – sehr über­ra­schend – entdeckt, dass Jugend­liche weniger ins Kino gehen. Und dann hat man mit 500.000 Euro – großzügig für dieses kleine Land – ein soge­nanntes »Jef«-Programm ins Leben gerufen. Das sieht vor, dass Jugend­liche eigene Filmclubs gründen. Diese Filmclubs entstehen in Schulen, Biblio­theken, Horts, überall. Das Ganze orga­ni­siert sich über einen You-Tube-Canal, in dem die Kids mitein­ander chatten und sich über Filme austau­schen. Sie bekommen eine kura­tierte Auswahl, aus denen die einzelnen Clubs selber »ihren« Film aussuchen dürfen. Power to the People: Die Jugend­li­chen können mit Stolz sagen, dass sie »ihre Filme selbst kura­tieren.«
Nach der Einfüh­rungs­phase hat man jetzt umge­stellt auf ein Abo-Modell, wo die Eltern zahlen. Es sind nicht-gewerb­liche Kino­be­treiber, die das durch­führen – die Kinder gucken sich Filme an, die sie nicht von selber gucken würden. In Deutsch­land würde all das schon daran scheitern, dass man kein Geld von der FFA bekommen würde, weil sie Angst vor den Kino-Verbänden haben.

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Übrigens: Der Zuschau­er­er­folg von Film­fes­ti­vals beweist, dass das Home-Enter­tain­ment-Argument (»Ich hab 'n Streaming-Abo, wozu dann noch Kino?«) vorge­schoben und falsch ist.

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.