01.03.2018
Berlinale 2018

Games wären auch noch eine Möglichkeit!

Aminatou Echard
Wohin geht der Weg? So mag er sich manchmal fühlen: der Berlinale-Direktor als Gladiator im Kampf gegen die Kritiker

Die Berlinale ist schön unbe­re­chenbar, haltlos obszön und nur ober­fläch­lich »politisch«. Außerdem: Ein paar konkrete Vorschläge zur Programm­kür­zung – Ein Beitrag zur Berlinale-Debatte

Von Dunja Bialas

»Die Berlinale ist Scheiße!«, schleu­dert mir ein Berliner Kollege entgegen. Hm, denke ich mir, die Berlinale ist alles mögliche, aber bestimmt nicht Scheiße. In manchen Kreisen aber ist es sinnlos geworden, ein Gespräch über die Berlinale zu beginnen. Hass und Wut kommen einem entgegen, wenn man nachfragt. In einer öffent­li­chen Diskus­si­ons­runde, die während der Berlinale abge­halten wurde, pole­mi­siert ein Filme­ma­cher, das Programm der Berlinale, so wie es ist, könnten auch Affen zusam­men­stellen. Wow. Er schlägt außerdem die Abschaf­fung der einzelnen Sektionen vor. Kinder- und Jugend­filme sollten ins allge­meine Programm einge­glie­dert, Doku­men­tar­filme nicht mehr ausge­wiesen werden.

Nur in Berlin, so habe ich den Eindruck, können Debatten derart hoch­ko­chen. Das wirkt dann auch mal provin­ziell. Stichwort: die Besetzung der dffb-Leitung. Stichwort: die Volks­bühne und Chris Dercon. Stichwort: Kosslick und die Berlinale. Bei all der Aufregung bleibt am Ende sogar für so manchen Unter­zeichner des öffent­li­chen Regisseur*innen-Briefs unklar, wem der Unmut gilt. Dem bestehenden Festival? Dem zu erwar­tenden Beset­zungs­ver­fahren? Kosslick? Dietrich Brüg­ge­mann hat aus der Unschärfe des Protests seine Konse­quenz gezogen und ist bei der neuen Unter­zeich­nungs­runde nicht mehr dabei.

Die Forderung nach einem öffent­lich ausge­schrie­benen und trans­pa­renten Beset­zungs­ver­fahren, bei dem nicht nur die Film­funk­ti­onäre mitwirken, kann man unein­ge­schränkt unter­s­tützen. Kunst und Kultur sind heute weit­ge­hend Poli­ti­ker­sache geworden, wird bran­chen­fi­xierten Gremien über­tragen, die nur im Blick haben: die Krea­tiv­wirt­schaft, den Markt, die Rendite für die öffent­liche Inves­ti­tion ins jeweilige Kultur­ob­jekt. Die Berlinale aber will inter­na­tional betrachtet sein, und es sollte daher auch inter­na­tional nach einer Nachfolge gesucht werden. Noch wird Berlin als europäi­sches A-Festival in einem Atemzug mit Cannes und Venedig genannt. Doch es verliert an Renommee, zu unbe­deu­tend, zu divers sind die program­mierten Filme.

Aus eigenem Eindruck, der sich seit Jahren wieder­holt, kann ich sagen, dass die Berlinale ein riesiger Späti ist. Hier findet man alles, was man braucht. Große Produk­tionen, Filmkunst und Kunstfilm, Kinder­film, Doku­men­ta­tionen, Queer Cinema. Und auch, was keiner braucht. Zweit­klas­sige Produk­tionen, Euro­pud­ding, Themen­filme, Filme von der Festival-Rester­ampe. Die Berlinale hat ein Pole-Position-Problem. Es ist das erste Festival im Kalen­der­jahr nach Sundance. Cannes, das wich­tigste europäi­sche Festival ist im Mai dran, viele Produk­tionen warten das ab. Venedig im späten Sommer kann auf Filme zugreifen, die Cannes nicht mehr geschafft haben. Dazwi­schen und danach schieben sich noch die A-Festivals von Locarno und San Sebastian, die ebenfalls Premieren wollen.

Für die Berlinale wird es also eng. Damsel, der im dies­jäh­rigen Wett­be­werb lief, war in Sundance bereits in der inter­na­tio­nalen Sektion »Premieren« zu sehen – ein Regel­bruch, den nur der Direktor vornehmen darf. Man kann aber aner­kennen, dass die Berlinale auch etwas aus ihrer Zwangs­lage macht. Das breite Spektrum, das sie präsen­tiert, kann als Profil­lo­sig­keit gelten, öffnet sich jedoch auch auf die große Band­breite des Film­schaf­fens. Dabei ziehen zunehmend expe­ri­men­telle Film­for­mate in den Wett­be­werb ein. Vor zwei Jahren sorgte der acht­s­tün­dige Lav Diaz A Lullaby to the Sorrowful Mystery für Aufmerk­sam­keit. Die Berlinale folgte damit den A-Festivals Locarno und Venedig, was dem Festival wiederum als »anbie­dernd« vorge­worfen wurde. Dieses Jahr gab es vom selben Regisseur den kaum mehr beach­teten vier­stün­digen Sprech­ge­sangs­film Season of the Devil im Wett­be­werb. Es war aber nicht der einzige Film, der die Konven­tionen auf den Kopf stellte. Der mutigste, weil in dieser Form am wenigsten erwartete, war Philip Grönings Mein Bruder heisst Robert und ist ein Idiot, der mit atem­be­rau­benden Bildern eines Kornfelds vor Tank­stelle aufwar­tete, in sprung­hafter, inkon­sis­tenter Montage die Zeit überwand und ein Geschwis­ter­pär­chen den Inzest entdecken ließ.

Ich stelle mir gerne vor, wie die versam­melte Film­kritik oder die Jury unter dem Vorsitz von Tom Tykwer vier Stunden phil­ip­pi­ni­schen Gesang über sich ergehen lässt. Das gefällt mir. Es gefällt mir auch deshalb, weil hier die Berlinale-Schere zwischen rotem Teppich und radikalem Kino aufklafft. Der Ruf der Berlinale der letzten Jahre könnte daher auch lauten: unbe­re­chenbar und heraus­for­dernd, keines­falls bequem zu sein. Wieso konnte sich eigent­lich dieser Ruf nicht durch­setzen? Liegt es doch an Kosslick, der mit beein­dru­ckender Ober­fläch­lich­keit aufwartet? Dem man keinen cine­as­ti­schen Tiefsinn zutraut?

Ein anderer Ruf aber hat sich fest­ge­setzt. Die Berlinale gilt seit jeher als »größtes poli­ti­sches Festival«. Das hat den Ursprung in der Geschichte der Berlinale, die 1951 im geteilten Berlin als »Schau­fenster zur freien Welt« begann und dessen program­mierte Filme die »Vers­tän­di­gung zwischen den Völkern« fördern sollten. Heute gilt das Festival als politisch, weil neuer­dings auch Doku­men­tar­filme im Wett­be­werb laufen und seit jeher auch die unter­re­prä­sen­tierten Regionen des Weltkinos ihren Platz finden – auch um das Programm zu füllen. Und weil von den berufenen Jurys oft das politisch Korrekte, nicht das ästhe­tisch Mutige ausge­zeichnet wird, wie es auch dieses Jahr mit dem semi-doku­men­ta­ri­schen Touch Me Not der Fall war. Was aber macht das Festival als solches politisch, wenn die Filme entspre­chend ihres Genres oder ihrer Herkunft die sozialen Frage­stel­lungen ohnehin mitbringen? Politisch wäre die Berlinale dann, wenn sie zu aktuellen Themen Stellung bezöge. Die Berlinale aber springt höchstens auf den Zug auf, der gerade vorbei­fährt, so wie dieses Jahr bei »Me Too« geschehen – um sich prompt in neue Skandale wie beim Film von Kim Ki-duk zu verhed­dern.

Die Berlinale ist nicht politisch. Sie ist obszön. Die Stadt, in der das Festival statt­findet, ähnelt von Jahr zu Jahr mehr Fritz Langs futu­ris­ti­scher Großstadt »Metro­polis«, mit seiner Unter­stadt der Bettler. Hier sind Armut, Hunger, Drogen­sucht und Prosti­tu­tion alltäg­lich. Hier hält Kosslick seit 2007 seine Leib- und Magen­reihe »Kuli­na­ri­sches Kino« ab. Eine Entritts­karte kostet inklusive warmer Mahlzeit 95 Euro. Kosslick wird damit dem Unter­fangen der Film­aus­werter gerecht, das Kino­er­lebnis im Luxus­seg­ment anzu­sie­deln, die Gewinn­spanne nach oben zu treiben und auch die Popcorn-Verächter und Opern­gänger, die Mondänen und die Gelang­weilten ins Kino zu bringen. Poli­ti­sches oder gar cine­as­ti­sches Interesse: Null.

Wohin soll die Berlinale-Reise also gehen? Abgesehen von der recht abstrusen Forderung, die Sektionen abzu­schaffen, weil »Kino« nicht teilbar sei, wollen die großen Berlinale-Kritiker auch weniger Filme im Programm sehen. Wie genau das gemeint ist, wird nicht klar. Meinen die Kritiker, zu viel Diver­sität und daher zu wenig Profil vorzu­finden? Oder meinen sie schlichtweg: zu viel von allem? Die Berlinale ist wie die Haupt­stadt selbst: ein sich in alle Rich­tungen ausstre­ckendes uner­sätt­li­ches Riesen­monster. Die Berlinale ist aber auch ein dezi­diertes Publi­kums­fes­tival (330.000 verkaufte Tickets, was bei Eintritts­preisen von zwölf bis fünfzehn Euro über­rascht), eine Rarität unter den A-Festivals.

Wenn ein Programm verknappt wird, geht das in der Regel nicht auf Kosten der Publi­kums­hits, sondern der sperrigen, expe­ri­men­tellen Filme. Deshalb sollte man konkreter werden. Ich fordere: Weg mit den Berlinale-Specials! Weg mit der Serien-Schau! Entweder weg mit dem Forum Expanded, oder es besser zugäng­lich machen! Weg mit den Filmen außer Konkur­renz im Wett­be­werb! Weg mit der »Native«-Reihe mit ihren zwei Filmen! Und vor allem: Weg mit dem Kuli­na­ri­schen Kino! Aber seien wir jetzt mal ehrlich: All die Sektionen und Reihen haben uns bei unseren Berlinale-Besuchen bislang nicht gestört. Wir haben noch nicht einmal etwas von ihnen gehört.

Trends anderer Festivals ist, auch Film­pro­duk­tionen zu zeigen, die nicht fürs Kino gedacht sind, wie von Netflix oder Amazon. Auch dieses Jahr gab es mit Gus Van Sants Don't Worry, He Won't Get Far On Foot bereits einen Amazon-Film im Wett­be­werb, abge­si­chert dadurch, dass der Film auch einen Kinostart bekommen soll. Oder, ganz großes Ding: Virtual Reality. Sundance hatte dieses Jahr dazu einen Schwer­punkt. Games wären auch noch eine Möglich­keit!

Festival-Nost­al­giker wollen die Leitung wieder in kura­to­ri­schen und bran­chen­fernen Händen wissen. Sie werden vermut­lich bald der Zeit hinter­her­trauern, als dies noch als reelle Forderung erschien. Die Zukunft ist unauf­haltbar.

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