31.08.2017
74. Filmfestspiele von Venedig

I win-win im La-La-Lagunenland

Lemkes Making Judith
»Die« Deutschen schicken diesmal »einen Chinesen«. Human Flow von Ai Weiwei

Der Zauber des Kinos: Zum Auftakt der Film­fest­spiele von Venedig – Notizen aus Venedig, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

Hoffnung, gute Laune und irgendwie medi­ter­rane Spät­som­mer­stim­mung weckt er, der Trailer, der seit gut zehn Jahren jeden Film bei den Film­fest­spielen von Venedig einleitet. Zu sehen sind dazu animierte Film­zi­tate aus italie­ni­schen Film­klas­si­kern, die den Zauber des Kinos beschwören – das Nashorn des berühmten Federico Fellini ist darunter das prägnan­teste.

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Der Zauber des Kinos – er dürfte die kommenden knapp zwei Wochen in Venedig bestimmen. Dieses Festival, das älteste aller Film­fes­ti­vals überhaupt, das 1932, also in der Hochphase des italie­ni­schen Faschismus zum ersten Mal stattfand, und demnach heute seinen 86. Geburtstag feiert, wenn es auch wegen welt­kriegs- und später finanz­be­dingter Unter­bre­chungen erst zum 74. Mal statt­findet, hat in seiner abwechs­lungs­rei­chen Geschichte diesen Zauber immer beschworen.
Venedig ist das heiterste und entspann­teste unter den großen Film­fes­ti­vals – trotzdem die Lagu­nen­stadt seit dem Mittel­alter eine stolze alte Handels­me­tro­pole ist, sind Markt und Geschäf­te­ma­cherei hier zumindest vom Festival relativ fern. Eher dominiert die weise Gelas­sen­heit und Melan­cholie eines Imperiums, das seine beste Zeit schon lange hinter sich hat. Lebens­froh versucht man darum, den Spät­sommer am Lidost­rand vor der Lagune von Venedig so lang wie möglich zu genießen und dazu einfach ein paar schöne Filme zu sehen.

Die müssen nicht notwendig alle im Wett­be­werb um den Goldenen Löwen laufen – nirgendwo gibt es so viele Filme »außer Konkur­renz«. Darunter sind in diesem Jahr Filme vom belgi­schen Nach­wuchs­star Michel Roskam, von der Argen­ti­nierin Lucretia Martel, von Hongkong-Genie John Woo, von Hollywood-Altmeister William Friedkin, der vor über 40 Jahren mit Der Exorzist die ganze Welt scho­ckierte, von den wilden US-Inde­pend­ents James Toback und Abel Ferrara. Man merkt schon: Die Ameri­kaner liebt man ganz besonders in Venedig

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Auch der Eröff­nungs­film ist wieder mal, wie im letzten Jahr La La Land, ein Holly­wood­pro­dukt: Down­si­zing, also »Verklei­ne­rung« – damit geht es heute Abend los. »Down­si­zing« ist ein Wort, mit dem man das Abwirt­schaften und den Ausver­kauf eines Unter­neh­mens bezeichnet, die Zers­tö­rung von funk­tio­nie­renden Netz­werken und Zusam­men­hängen. So heißt der Eröff­nungs­film – hoffent­lich kein böses Omen für das Festival, für die Zukunft des Kinos, oder gar für die Welt­poltik in Zeiten von Donald Trump.
Aber damit ist nicht zu rechnen, denn dieser Film stammt schließ­lich vom ameri­ka­ni­schen Regisseur Alexander Payne, der eigent­lich seit jeher für heiter-schmun­zelnde Menschen­freund­lich­keit im Kino steht, und dessen Filme sämtlich intel­li­gente Komödien sind, Verlie­rer­komö­dien aller­dings.
Diesmal klingt alles eher wie verfilmter Dada: Matt Damon spielt den männ­li­chen Teil eines einfachen, ameri­ka­ni­schen Ehepaars aus dem Mittleren Westen, das als Antwort auf die Über­be­völ­ke­rung beschließt, seine Körper­größe mit wissen­schaft­li­chen Mitteln verklei­nern zu lassen.
Matt Damon werden wir in diesen Tagen noch einmal begegnen: Auch in Subur­bicon der sehn­lichst erwar­teten neuen Komödie von George Clooney, spielt er die Haupt­rolle.

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Nicht alles aber kommt aus Amerika. Der Mexikaner Gúillermo del Toro und der Japaner Hirokazu Kore-eda sind bei seit knapp 20 Jahren feste Größen im Gegen­warts­kino. Auf ihre neuen Filme, Kore-edas Thriller The Third Murder und De Toros Fanta­sy­film The Shape of Water darf man sich freuen. Thriller, Fantasy – auch Venedig feuert das Auto­ren­kino, aber hier hat man weniger Angst vor Genre­stoffen, als ande­ren­orts, wo so etwas gern in die Scham-Ecke der Neben­reihe verbannt wird.

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Der deutsche Film ist in Venedig im Gegensatz zu den Vorjahren gar nicht vertreten. Oder doch? »Ai Weiwei startet für Deutsch­land«, trompete vor ein paar Tagen eine Tages­zei­tung im Jargon eines Olym­pia­de­be­richt­erstat­ters.
Oder: »Dissident fordert Hollywood-Größen heraus«, als handle es sich um Wrestling. Und wenn es schon ein Gladia­to­ren­wett­kampf sein soll, dann ist noch die Frage, wer hier David und wer hier Goliath ist?

Der schrul­lige Chinese, Dauergast in den Museen dieser Welt, ist jeden­falls viel geris­sener als manche glauben, und ein Profi des Selbst­mar­ke­ting. Jetzt hat er auch einen Film gemacht, Human Flow. Und worum geht's? Genau. Um Flücht­linge. Dazu hat derzeit ja jeder etwas zu sagen, jetzt also auch der chine­si­sche Dissident. Sind wir nicht alle Flücht­linge? Weil Ai Weiwei in Berlin lebt, und wir Deutschen ja das Muster­land der Flücht­lings­kri­sen­be­wäl­ti­gung sind, gab es dafür auch nicht zu wenig deutsches Förder­geld, und die Deutschen können mangels anderer guter Filme den Chinesen einbür­gern. Zumindest künst­le­risch – eine Traum­kom­bi­na­tion. Win-Win sozusagen.

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A propos: Und wer wird gewinnen? Wir können ja mal wetten: Ai Weiwei – ein Künstler und ein Dissident, und dann noch eine Arbeit über Flücht­linge – das klingt zumindest wie ein Film, an dem gar keine Jury vorbei kommt. Es sei denn, er ist richtig schlecht. Oder so gut, das ihn keiner versteht. Wetten, dass?
Aber egal wer gewinnt: Auch das dies­jäh­rige Venedig-Programm verspricht in jedem Fall ein ungemein aufre­gendes und abwechs­lungs­rei­ches Festival zu werden.

(to be continued)

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