03.08.2017

Theatiner Cine­philia

Vergangen, aber in ihren Filmen quicklebendig: die große Jeanne Moreau in Jules und Jim. Am 13.8. um 13:15 Uhr in einer Sondervorführung im Theatiner!

Das Theatiner huldigt zu seinem 60. Geburtstag der »Liebe zum Kino«

Von Dunja Bialas

Die einen nennen sie Nerds, für andere sind sie Teil einer wichtigen Kino­be­we­gung: die soge­nannten Cine­philen, die die Film­ge­schichte pflegen und es ganz besonders zu schätzen wissen, wenn die Meis­ter­werke von Zelluloid gespielt werden.

Die Wert­schät­zung des Zellu­loids in einer digi­ta­li­sierten Kino­land­schaft erinnert an die Anbetung des Vinyls ange­sichts der heute schon wieder unter­ge­gan­genen CD. Wenn man sich die Entwick­lung ansieht, die das Vinyl gegenüber dem Alu-beschich­teten Poly­car­bonat nahm, kann man nur hoffen, dass auch dem Zelluloid ein Comeback beschert ist: Platten gibt es heute wieder, sie sind sogar hip, und dies nicht nur in der DJ-Abteilung. Wer heute eine CD kauft, outet sich als nicht State of the art. Die Formel jetzt lautet: körper- und besitz­loser mp3-Stream. Oder eben der hippe Plat­ten­teller. Das Medium zum Anfassen.

Bastionen des 35mm-Films

Erwartet uns jetzt also eine Zelluloid-Renais­sance? Es gibt zahl­reiche Off-Kinos in Europa, die sich dem analogen Film, oftmals einher­ge­hend mit einer anderen, absei­tigen und nicht-kano­ni­sierten Film­ge­schichte, widmen. Fern vom Programm, das die großen Kine­ma­theken fahren. Kino Climates nennt sich ein Treffen der einschlä­gigen Kinos, wo Wissen über die Kunst der Projek­tion und Bezugs­adressen von Zelluloid-Sammlern ausge­tauscht werden. In Deutsch­land sind dies bespiels­weise das Münchner Werk­statt­kino, das Nürn­berger Kommkino, das Hanno­ve­raner Kino im Sprengel oder das Hamburger B-Movie, das soeben zu seinem 30. Geburtstag eine Debatte über eine »andere Kino­kultur« abhielt, an der auch »artechock« teilnahm.

Die Crux ist: Eine Renais­sance kann das Zelluloid nur dann erfahren, wenn es noch Kinos gibt, die »Film« zeigen können. Und sie sind wenige geworden. Neben den unkom­mer­zi­ellen Off-Kinos und den Kine­ma­theken erscheint ein reguläres Kino, das noch analoges Film­ma­te­rial abspielt, wie ein Dino­sau­rier inmitten der digitalen Kino-Evolution. Oft, so hat man den Eindruck, wissen die Kino­be­treiber nicht, welche Möglich­keiten das analoge Material bieten kann – auch für ein »Kino wie noch nie«-Gefühl, für das das digitale 3D einstehen soll. Im Savoy-Kino in Hamburg, dessen tech­ni­sche Ausstat­tung und Comfort mit dem Münchner Gloria-Palast vergleichbar ist, ist zum Beispiel derzeit Chris­to­pher Nolans Welt­kriegs­film Dunkirk auf spek­ta­kulären 70mm zu sehen.

In München gibt es außer dem Werk­statt­kino, dem Film­mu­seum, dem Isabella und dem Kino Münchner Freiheit, wo verein­zelt auch noch Retro-Film­ko­pien zum Einsatz kommen, noch die Theatiner Filmkunst für den analogen Film. Zumindest einen 35mm-Projektor konnte sich das Kino in der Theatiner-Passage erhalten, der andere musste dem DCP-Projektor weichen. Kino­be­trei­berin Marlies Kirchner war außerdem gut beraten, als sie eine Sound­an­lage wählte, die den Ton von beiden Projek­toren spielen kann. Die Unver­ein­bar­keit von analogem Projektor und neuer Sound­an­lage für die digitale Projek­tion hat oftmals einen unge­wollten Tod der Film­pro­jek­tion herbei­ge­führt, wie etwa im Rio Film­pa­last, wo es technisch unmöglich wurde, analog vorzu­führen. Der Teller­pro­jektor stand nach der Digi­ta­li­sie­rung wie ein Mahnmal des Fort­schritts funk­ti­onslos im Vorführ­raum des Kinos am Rosen­heimer Platz.

Neue Filmkunst

Die Theatiner Filmkunst jedoch hat sich mit dem Erhalt der analogen Projek­tion den Dialog mit der eigenen Geschichte bewahrt. Walter Kirchner, der 1957 das Kino eröffnete, war ein Pionier des Film­ver­leihs. Mit seiner »Neuen Filmkunst«, die er 1953 in Göttingen gründete, brachte er als erster die in der Nazi-Zeit verbo­tenen Werke auf die Leinwand, zeigte die Filme von Fritz Lang und Sergei Eisen­stein und machte das Kino des italie­ni­schen Neo-Realismo bekannt. Später brachte er die fran­zö­si­sche Nouvelle Vague nach Deutsch­land und die Filme von Luis Buñuel, und er ist sicher­lich nicht ganz unschuldig daran, dass sich Ende der 1960er Jahre der Neue Deutsche Film formierte – der gegen Papas Kino antrat, wie die Franzosen.

Seine Verleih­tä­tig­keit ging in den 1970er Jahren in die Lupe GmbH über, ein Fundus für die Filme von Antonioni, Bergman, Fellini und Pasolini und das Reper­toire-Kino ganz allgemein. Das Göttinger Archiv, in dem die analogen Kopien lagerten, wurde vor ein paar Jahren aufgelöst und kam bei verschie­denen Sammlern, Privat­ar­chiven oder auch im Archiv des Werk­statt­kinos unter. Bernd Brehmer, einer der Vierer­bande des Keller-Kinos, hat hier Vorschub geleistet und nach wochen­langer Auswer­tung vor Ort mehrere Tonnen an Kirchner-Zelluloid ins Münchner Archiv gebracht.

Aus Liebe zum Kino

Zum 60. Geburtstag der Theatiner Filmkunst bekam Brehmer von Kino­be­trei­berin Marlies Kirchner den Auftrag, ein Jubiläums­pro­gramm mit den Filmen zusam­men­zu­stellen, die das Kino in den letzten 60 Jahren gezeigt hat, möglichst in 35mm. Heraus­ge­kommen ist eine einzig­ar­tige Hommage an die Geschichte des Kinos und auch an Marlies Kirchner, die das Kino seit 1958 als Thea­ter­lei­terin führt und seit 1975 alleine betreibt. Im Zentrum der umfas­senden Retro­spek­tive mit 24 Werken stehen vor allem Filme aus den 1950ern und 1960ern Jahren, mit Rück­bli­cken bis in die 1930er und 1940er Jahre hinein. Schwer­punkte liegen dabei auf dem Neo-Realismo und der Nouvelle Vague, wobei nicht vergessen wird, dass diese nicht aus dem Nichts entstanden und nach­wirkten (der jüngste in der Retro­spek­tive enhaltene Film ist Jacques Rivettes La belle noiseuse von 1991). Einzel­werke aus den wichtigen Strö­mungen des Weltkinos bezeugen, wie der Globus in der Vergan­gen­heit insgesamt von Cine­philie erfasst war: Das brasi­lia­ni­sche Cinema Novo ist mit Macunaíma (1969) vertreten, das soge­nannte Tauwetter des sowje­ti­schen Films mit Wenn die Kraniche ziehen (1957) oder barock-anar­chi­sches Avant­garde-Kino mit Ken Russells Mahler (1974). Ganz besonders hervor­heben muss man auch Shadows, John Casse­vetes' Filmdebüt von 1959, mit dem er das New Hollywood in Gang brachte.

Das Theatiner hat sich seit dem Beginn der Retro­spek­tive in eine Pilger­s­tätte des Analog­films verwan­delt. Täglich um 18:15 Uhr füllt sich das Kino, die zahl­rei­chen Besucher wollen die Klassiker und Raritäten auf 35mm sehen, auch weil sie die fran­zö­si­schen Komödien ein wenig satt haben.

Wir gratu­lieren der Theatiner Filmkunst zu ihrem 60. Geburtstag. Wenn ausnahms­weise wir einen Geburts­tags­wunsch frei hätten, dann würden wir uns wünschen: Dass die Retro­spek­tive immer so weiter­geht.

Retro­spek­tive »Aus Liebe zum Kino« noch bis 16.08.2017 in der Theatiner Filmkunst. Am 13.08.2017 feiert das Kino seinen 60. Geburtstag mit To Have and Have Not (11:00 Uhr).

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Trans­pa­renz­note: Die Autorin unseres Specials ist orga­ni­sa­to­ri­sche Leiterin und Programm­be­ra­terin der 65. Film­kunst­wo­chen.