04.12.2008
Cinema Moralia – Folge 15

Ohne »Teenager-Behinderten-Bonus«

Torpedo
Torpedo von Helene Hegemann
(Foto: Filmgalerie 451)

Weisheiten an deutschen Filmhochschulen, deutsche Filme, Woody Allen und Helene Hegemann- Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 15. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Erzähl doch etwas von Dir selber« – das ist so eine jener Weis­heiten, wie sie Studenten auf Film­hoch­schulen gesagt bekommen, wenn sie einen Stoff suchen. Nähe zum Gegen­stand, so glaubt man, befördere auto­ma­tisch die Qualität der Kunst, eine Annahme, die ebenso richtig ist, wie völlig falsch. Denn jeder ist ja auch erst der Schöpfer seiner Biogra­phie. Und das Kino ist unter allen Künsten wohl diejenige, die die erstaun­lichsten Selbst­er­fin­dungen ermög­licht, zutiefst ehrlich und völlig masken­haft zugleich, eine Zauber­kunst der Verwand­lung. Neulich konnte man in der Berliner Volks­bühne Torpedo ansehen, einen kurzen großen deutschen Film, in dem die Regis­seurin Helene Hegemann diese Kunst vorführt, den Münch­hausen-Trick, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Denn dieser Film, ihr Regie­debüt, das zuvor auf den Hofer Filmtagen Premiere hatte, ist nicht nur Kunst und ganz und gar erfunden – das ist Torpedo auch –, er ist zugleich, wie gute Kunst sehr oft, auto­bio­gra­fisch.

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»Mia ist fünfzehn und stark trau­ma­ti­siert« – so liest sich der Plot zu diesem Film, und weiter: »Nach dem Tod ihrer Mutter zieht sie zu ihrer Tante und wird somit in deren Leben und in die links­re­si­gna­tive Kultur­szene Berlins kata­pul­tiert.« Das ist so ziemlich genau Hegemanns eigene Geschichte, und auch wenn es die Regis­seurin vers­tänd­li­cher­weise nicht gern hört, muss man an dieser Stelle doch verraten, dass Hegemann erst 16 ist. Den Film hat sie mit 15 gedreht, mit 14 geschrieben, und als ihre Mutter starb und sie nach Berlin zog, war sie 13. »Die mögen meinen Film viel­leicht nur, weil ich so jung bin.« – die Furcht ange­sichts begeis­terter Reak­tionen ist vers­tänd­lich, aber völlig unbe­gründet. Denn wüsste man es nicht besser, würde man Hegemann nach diesem Film für eine erwach­sene Frau halten, die offen­sicht­lich ein bisschen spinnt, aber das sehr produktiv, die etwas zuviel von Theater und Musik versteht, und dies alles in ihrem Film verquirlt hat, weshalb Torpedo unglaub­lich tolle Szenen, aber auch ein paar miss­glückte Momente hat, man über manches wirklich streiten kann, aber es insgesamt doch ein ganz erstaun­li­cher Film ist, ohne jede Frage ein Highlight in einem recht grauen deutschen Kinojahr.

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»Bei der Berlinale 2007 kam sie um die Ecke« erzählt Susann Schimk, die Torpedo in ihrer Berliner »Credo Film« produ­ziert hat. Ganz ohne Film­för­de­rung – dort lehnte man den Antrag ab – und ohne die Betei­li­gung eines TV-Senders, obwohl man denken würde, dass dieser Film eigent­lich genau das ist, wofür Redak­tionen wie das »Kleine Fern­seh­spiel« des ZDF einmal gegründet wurden.

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Man trieb das nötige Geld – 50.000 Euro – anders auf, die Betei­ligten arbei­teten »zum kommu­nis­ti­schen Einheits­preis«, und dafür, dass Hegemanns Schule Ja sagte, wurde ein Teil des Drehs ganz offiziell in ein »Praktikum« umge­wan­delt. Jetzt plant die Regis­seurin bereits wieder einen neuen Film, diesmal eine »Medea«-Geschichte. Ein Hörspiel hat sie schon letztes Jahr geschrieben, ihr erster Roman soll bei Rowohlt erscheinen, und kürzlich hat sie neben Sandra Hüller die Haupt­rolle im neuen Film von Nicolette Krebitz gespielt, der sich unter anderem um Ulrike Meinhof dreht, und im kommenden Jahr zu sehen sein wird.
Bei soviel Aktivität, muss sich Hegemann eher um anderes Sorgen machen, als dass man sie auf »diesen komischen Teenager-Behin­derten-Bonus« reduziert. Nein, man muss sich Helene Hegemann als eine sehr ernst­zu­neh­mende Künst­lerin vorstellen.

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Vor der Film­ge­schichte zählt zwar nur die Qualität, doch könnte es Woody Allen mit seinem neuen Film Vicky Cristina Barcelona wieder einmal zu einem größeren Erfolg auch beim Publikum und damit an der Kasse schaffen. Zwar ist auf der reinen Einnah­me­seite nahezu jeder Woody-Allen-Film erfolg­rei­cher als seine Vorgänger. Das liegt ganz einfach an der Zunahme der Eintritts­preise. Aussa­ge­kräf­tiger sind aber die Zuschau­er­zahlen. Und während in Frank­reich trotz gerin­gerer Bevöl­ke­rungs­zahl ein Woody-Allen-Film als Miss­erfolg gilt, wenn er nicht mindes­tens eine Million Zuschauer ins Kino lockt, gilt in Deutsch­land schon eine halbe Million als großer Erfolg. Die Millio­nen­grenze knackte in Deutsch­land nur ein einziger Allen-Film: Hannah und ihre Schwes­tern, der auch einer seiner besten ist, und 1986 1.005.000 Zuschauer ins Kino lockte. Dahinter liegt dann schon einer von Allens neuesten Filmen: Match Point an dessen 860.000 Besuchern 2005 gewiß auch Scarlett Johansson auf dem Kino­plakat einen gewissen Anteil hatte. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, warum sie seitdem noch zweimal – in Scoop und jetzt wieder – dabei war. Über eine halbe Million Zuschauer gingen auch noch in The Purple Rose of Cairo (840.000), Radio Days (540.000) und Der Stadt­neu­ro­tiker (502.000). Als besondere Erfolge von Allens 41 Kinostarts seit 1969 (!) gelten auch Bullets Over Broadway (470.000), Everyone Says I Love You (450.000), und Mighty Aphrodite (420.000). Ein durch­schnitt­li­cher Allen Film kommt auf etwa 200.000 Zuschauer, während selbst heutige Allen-Klassiker wie Play it Again, Sam (59.000) oder Manhattan (152.000) unter den ökono­mi­schen Erwar­tungen blieben. Der größte Mißerfolg Allens: Seine Bergman-Hommage Innen­leben von 1979 mit nur 13.900 Zuschauern – was für manchen deutschen Film aber schon ein relativer Erfolg wäre. Zuschau­er­zahlen hängen aller­dings auch oft mit dem Marketing der Verleiher zusammen, die einem Film heute weit weniger Zeit geben, als früher, um sich im Kino zu entwi­ckeln. Darum können Inter­es­senten oft den Film gar nicht mehr sehen, weil er bereits nach wenigen Wochen im Kino durch Neues verdrängt wurde.

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Dabei lag eine der besten Allen-Perioden Ende der 90er: Groß­ar­tige Allen-Filme, in denen er aber zugleich immer bitterer, ja verbit­tert erschien: Decon­s­truc­ting Harry war eine Allen-Dekon­struk­tion, Celebrity eine Abrech­nung mit der Glamour­presse und zugleich mit jenen, die weder für ihre Werke berühmt, also Künstler, noch für sich selbst geliebt, also Stars sind, sondern »prominent« – weswegen man das gleich in der Bezeich­nung dazu sagen muss. Dann kam Hollywood Ending, der die Abrech­nung mit dem anderen, dem Nicht-Woody-Allen-Kino schon im Titel trägt – und passen­der­weise als einer der ganz wenigen Allen Filme gar keinen deutschen Verleih fand. In Frank­reich sahen ihn über eine Million. Immerhin auf DVD ist er erhält­lich.

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Über das so schöne wie unend­liche Thema »Der deutsche Film« kann man mal wieder morgen, Donnerstag-Abend (4.12.) disku­tieren, im Rahmen des alles in allem groß­ar­tigen Inde­pen­dent-Festivals »Around the World in 14 Films« – dessen Schwer­punkt keines­wegs auf dem deutschen Film liegt. Ab 19.30 Uhr disku­tieren im Berliner Kino Babylon die Jour­na­listen Hanns Georg Rodek (Die Welt), Jan Schulz-Ojala (Tages­spiegel) und Robert Weixlbauer (Tip) das Kinojahr 2008. Ob es nun die glück­lichste Idee war, mit Felix Neun­zer­ling einen Moderator zu verpflichten, der über seine Firma »ZOOM Medi­en­fa­brik« tagtäg­lich PR für deutsche Filme machen muss und darf, und der von den Herren Redak­teuren dann wieder Abdrucke seiner Pres­se­mit­tei­lungen haben möchte, ist eine andere Frage – aber wir freuen uns erstmal ganz opti­mis­tisch auf eine kontro­verse, nicht schön­fär­bende Diskus­sion.

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Am soge­nannten »Deutschen Abend« gibt es danach dann deutschen Film­nach­wuchs zu sehen, ab 21.15 am gleichen Ort, in Form dreier mittel­langer Filme, die am Freitag dann noch mal wieder­holt werden: Auf Der Strecke, Schau­steins Letzter Film und eben Torpedo. Dazu haben wir oben schon alles gesagt.

(To be continued)

Rüdiger Suchsland

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.