27.05.2005
58. Filmfestspiele Cannes 2005

2046 – Erinnerungen an die Zukunft

2046

2046 – Erinnerungen an die Zukunft

Und eine erfreuliche Überraschung am letzten Abend

Von Rüdiger Suchsland

Schon der Festi­val­trailer von Cannes führt die Zuschauer in den – siebten? – Himmel: Stufe für Stufe schwebt durch blauen Raum, führt, mit rotem Teppich bedeckt, den Zuschauer in die Höhe, bis man plötzlich – platsch – begreift, dass man gerade eine Wasser­ober­fläche – viel­leicht das Ufer am Strand der Croisette – durch­dringt, und dann, imaginär nach Luft schnap­pend, eine ster­nen­nacht­blaue Höhe erreicht hat – wer das inter­pre­tieren will, bitte. Manchmal kann dieser Himmel aller­dings auch die Hölle sein – die der Kunst natürlich.

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Die Moral hat über die Kunst gesiegt, das Eindeu­tige, Grelle, über Mehr­deu­tig­keit und Sensi­bi­lität, Pamphlet über Atmo­sphäre, das Sendungs­be­wußt­sein über die Skepsis: Michael Moore heißt der große Sieger an der Croisette, Wong Kar-wai der Verlierer. Und dennoch ist der größte Sieger von allen das asia­ti­sche Kino.

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Mit der Goldenen Palme für Michael Moores Fahren­heit 9/11 hat die Jury um Quentin Tarantino bei den Film­fest­spielen von Cannes einen poli­ti­schen, keinen künst­le­ri­schen Preis vergeben. Das Kino der Welt stellt sich damit offen gegen George W. Bush. Moore zeigt in seiner beklem­menden Innen­an­sicht der USA ein Land, das von einer Clique von Reichen regiert wird, die über Leichen gehen, nicht zuletzt die ihrer eigenen Lands­leute, jener Soldaten aus den Armen­vier­teln der US-Metro­polen, die als Kano­nen­futter für Bushs Pläne dienen müssen. Und um ihre Position zu sichern unterhält die Familie Bush sogar mit dem saudi­schen Königs­haus excel­lente Bezie­hungen, wohl wissend, dass diese Haupt­fi­nan­ciers des isla­mi­schen Terro­rismus sind. Die meisten der vielen Fakten seines Films kann der Regisseur, der vor zwei Jahren mit Bowling for Columbine bekannt und mit seiner berühmten Oscar­preis­rede – »Shame on you, Mr. Bush!« – zum Star und zum Heiligen aller Bush-Gegner wurde, auch gut belegen. Insofern blieb selbst vielen Bush-Anhängern unter den US-Jour­na­listen nach der Vorfüh­rung seines Films in Cannes nur betroffen-verschämtes Schweigen.

Trotzdem lebt Moores Film bei aller Klarheit der Aussage, weniger von seinen großen Thesen, als von genauer Beob­ach­tung und kleinen Einsichten. Sie fügen sich zu einem Mosaik der Schande. Zugleich ist Fahren­heit 9/11, dessen Titel von Truffauts Orwell­scher Vision FAHRENHEIT 451 inspi­riert ist, aber in seinen besten Momenten eine filmisch elegante Tota­li­ta­ris­mus­studie. Über den Tag hinaus wird der Film freilich kaum Bestand haben – zu sehr bleibt alles eine Moment­auf­nahme mit schneller Halb­werts­zeit. Zudem muss man sich fragen, ob die Auszeich­nung vom Samstag Moores Anliegen nicht eher schadet. Wer ausge­rechnet in Frank­reich Preise gewinnt, steht im Land der »Homeland-Security« schnell unter Verdacht des fehlenden Patrio­tismus.

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Fahren­heit 9/11 war eher nicht reprä­sen­tativ für einen überaus starken Wett­be­werb, der das genaue Gegenteil jenes paus­bä­ckigen politisch-kultu­rellen Kompro­miss­kinos bot, das zuletzt erst die dies­jäh­rige Berlinale domi­nierte. Darum war die Jury auch nur zu beglück­wün­schen für den Mut, jenes biedere, pseu­do­po­li­ti­sche Konsens­kino völlig zu igno­rieren, das auf Festivals schon viel zu viele Erfolge feiert, und für das diesmal Emir Kusturica (Life Is a Miracle) und Walter Salles (Motor­cycle Diaries) standen. Dann lieber ein solches Pamphlet auszeichnen, als die Gesinnung des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Salons zu belohnen.

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Was wohl passiert wäre, wenn Wong Kar-wais Film früher gelaufen wäre im Wett­be­werb von Cannes? Man nahm es Wong Kar-wai übel, dass der Film sehr spät fertig wurde. Manche vermu­teten Eitelkeit, andere, er wollen den Hype künstlich anheizen, es besonders spannend machen. Alles Unsinn.

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Keine Frage: 2046 braucht Zeit, um im Kopf weiter­zu­ar­beiten, er war, ganz offen­sicht­lich, zu kompli­ziert, um auf Anhieb alle Herzen zu gewinnen – er wird trotzdem Bestand haben, und das meiste, was es in Cannes sonst zu sehen gab, über­dauern.

Wer bis Sonntag blieb, konnte das am eigenen Leib über­prüfen. Noch einmal gab es da 2046 zu sehen, als Nach­spiel­vor­stel­lung. Viele waren sogar zum zweiten Mal ins Kino gekommen, man war sich bewusst, dass der Film in dieser Form nie wieder zu sehen sein dürfte – oder viel­leicht in einigen Jahren als »Cannes Cut« auf DVD. Schon vor dem Festival war zu hören gewesen, Wong Kar-wai wolle an dem Film noch mindes­tens zwei Monate weiter­schneiden. Der Start­termin ist, jeden­falls in Deutsch­land für Januar 2005 vorge­sehen. Nur eine Goldene Palme hätte dies viel­leicht beschleu­nigen können. Dabei ist der gezeigte Film ganz wunderbar, das bestä­tigte die zweite Sichtung. Wenn man weiß, was auf einen zukommt, die falschen Erwar­tungen zerstoben sind, und man sich gelassen auf den Film, so wie er ist, einlassen kann, dann wirkt er noch mehr und, vor allem: emotio­naler. Ganz klar erscheint auf einmal, was beim ersten Mal kompli­ziert schien. Umgekehrt erscheint die Struktur verschlun­gener. Dass Anfang und Ende zusam­men­fallen, dass die Sätze des Off-Erzählers sich wieder­holen, hatte man beim ersten Mal nicht bemerkt. So ähnelt der Film struk­tu­rell einem Möbi­us­band, was auch ein neues Licht auf die zentrale Liebes­ge­schichte im Zentrum wirft: Ob diese nun wirklich 'real' ist, und nicht viel­leicht selbst nur eine weitere Story, die der Schrift­steller Chow erfindet, ist nun nicht mehr so klar. Er ist ein Mann, der in jeder Zukunft nur seiner Vergan­gen­heit begegnet, in jeder Frau nur die eine wieder­erkennt, die ihn einst verließ.

Metro­polis ohne Expres­sio­nismus, Blade Runner ohne Punk hatten wir vor vier Tagen hier geschrieben. Nicht falsch, aber ober­fläch­lich, gültig nur für einen Teil der Bilder und fast gar nicht für die Geschichte. Struk­tu­rell erscheint das alles nun eher als eine Wong-Kar-wai-Version von Hitch­cocks Vertigo und Lynchs Mulhol­land Drive.

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Preise sind im Prinzip wirklich nicht wichtig. Dafür muss man nicht einmal daran erinnern, welche Filme in Cannes alle nicht gewonnen haben, daran, dass Antonioni und Godard hier ausgebuht wurden, und alle möglichen noch. Trotzdem: wer elf Tage Filme guckt, hätte dann schon gern, dass eine Entschei­dung gefunden wird, die irgend­einen künst­le­ri­schen Sinn ergibt.

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Man sollte meinen, dass zumindest profes­sio­nelle Kritiker genug Sensi­bi­lität besitzen, um zu erkennen, was Wong Kar-wai da gelungen ist. Aber nein – ober­fläch­liche Eindrücke wurden auch in diesem Fall zu unum­stöß­li­chen Einsichten; und manche Kritiker waren dem Film auch einfach nicht gewachsen. Das gilt zumindest für jene, die plötzlich Wong vorwerfen, sich selbst zu parodieren, und den aller­größten Selbst­par­odisten, Kusturica für authen­tisch halten. Oder seine Brüder im Geiste, die Salon­au­then­tiker Salles und Gatlif. Und Old Boy gilt den gleichen dann als ein böser, besten­falls belang­loser Film. Oder besser noch: Als »Genre›, ein Lieb­lings­schimpf­wort der alten Zuschauer-Garde, die am gleichen Ort schon Anfang der 90er auch Lynch und Greenaway nicht verstanden hat.‹«

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Richtiges Genre und großes Kino war, ich habe das schon geschrieben, Zhang Yimous House of Flying Daggers. Ein Bekannter erzählte, er habe in der Vorstel­lung schräg hinter Tarantino gesessen, und Tarantino habe dauernd vor Begeis­te­rung im Kino hin und her gehüpft.Was Tarantino in Fahren­heit 9/11 gemacht hat, wissen wir leider nicht.

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Lust, Peter-Sellers-Filme zu sehen, bekam man im letzten Wett­be­werbs­film, The Life and Death of Peter Sellers von Stephen Hopkins. Die Film­bio­gra­phie des großen briti­schen Komikers und ein ausge­zeich­neter Film. Herrlich entspannt, schnell und gutge­launt, eigent­lich der perfekte Abschluss­film, aber dafür eben zu geist­reich. Für den schil­lernden Auftritt in der Titel­rolle hätte Geoffrey Rush locker eine Goldene Palme verdient. Ein böser, liebens­werter, unan­ge­nehmer, faszi­nie­render Mensch. Als der wahre Dämon entpuppt sich die Mutter...

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Viele Filme in Cannes waren diesmal origi­nelle, aber gleich­wohl pädago­gi­sche Lektionen, ebenso viele waren Horror­filme. Einer der besten lief im »Certain Regard«, Hotel von der Öster­rei­cherin Jessica Haussner. Ein rätsel­hafter Film, der außer durch seinen Witz gerade durch seine Offenheit besticht, dadurch, dass er Leer­stellen und Offen­heiten hinter­lässt, die im Betrachter nach­wirken. Weitab vom Lärm der Großstadt liegt das »Hotel Waldhaus«. Iréne, die neue Empfangs­dame in dem noblen Berghotel, begreift allmäh­lich, daß ihre Vorgän­gerin kürzlich unter myste­riösen Umständen verschwunden ist. Die Polizei ermittelt ohne greifbare Ergeb­nisse, manche erzählen ihr von einer alten Legende: 1591 wurde hier eine Frau als Hexe verbrannt... Als Iréne Näheres heraus­zu­finden versucht, stößt sie bei den übrigen Hotel­an­ge­stellten zunächst auf Gleich­gül­tig­keit und dann zunehmend auf Feind­se­lig­keit. Iréne spürt, daß etwas Ungreif­bares sie bedroht. Wo sind ihre Beob­ach­tungen real, wo beginnt ihr ihre Einbil­dungs­kraft einen Streich zu spielen? Stilis­tisch sehr genau und streng gezeichnet, lässt Hotel Erin­ne­rungen an Kubricks Shining und Lynchs Lost Highway wach werden, ein ebenso ausge­klü­gelter, dabei stiller Horror­film, der grelle Effekte nicht nötig hat. Mag manches auch schon von den genannten Vorbil­dern her vertraut sein, wirkt es doch unge­bro­chen. Dabei stammt Hotel immer aus der Mitte unserer europäi­schen Wirk­lich­keit, verbindet diese Alltäg­lich­keit mit der geheim­nis­vollen Atmo­sphäre eines Grimm­schen Märchens . Und »der Wald steht still und schweiget...«

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Über die Tage ist es immer wärmer geworden, man schwitzt noch Späta­bends und auch drinnen ist es nicht viel kühler. Wem es nachts zum Schlafen zu früh ist, und wer keine Einladung für eine Party hat, der trifft sich im »Petit Majestic« einer Bar zwei Straßen hinter der Croisette. Genauer gesagt: davor. Denn drinnen herrschen Saun­a­tem­pe­ra­turen, die man nur zum Gang auf die Toilette auf sich nimmt. Draußen aber bilden sich Trauben von Menschen, bestimmt 200 um ca. 2 Uhr nachts, vorzugs­weise aus England und Deutsch­land. Man trinkt Bier aus Belgien, 3 Euro für 0,3cl – für Cannes ein durchaus fairer Preis. Früher erzählt einer, der es wissen muss, hatten die Briten ihre »eigene« Stamm­kneipe, die machte aber zu, daher kam es zu dieser merk­wür­digen Entente Cordiale. Früher, als der deutsche Film noch mehr gelitten war an der Croisette, tranken hier auch Herzog und Wenders, Fass­binder und Schlön­dorff. Früher war alles besser, oder?

Heute trifft man keine Regis­seure, nur seines­glei­chen, Produ­zenten und miss­traui­sche Festi­val­leiter, die nach dem neuesten Gerücht fahnden, sowie einen Herren vom Auswär­tigen Amt, der meint, als deutscher Film­jour­na­list solle man doch ein wenig patrio­tisch sein. Und wenn man einen deutschen Film eher schlecht findet, »dann über die Dinge schreiben, die man daran gut findet.« Aber das tun noch nicht einmal die Sport­re­porter – und wenn die nicht patrio­tisch sind, wer dann?

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Am letzten Abend ist klar, dass von Wein­gart­ners Auftritt, dem ersten Film aus Deutsch­land 11 Jahren Abwe­sen­heit, auch nicht mehr geblieben ist, als von jedem anderen durch­schnitt­li­chen Wett­be­werbs­film. »Wie ein Hype entsteht...« schrieb Tobias Kniebe in der Süddeut­schen Zeitung. Aber – es ist doch überhaupt kein Hype entstanden, es sei denn in den Köpfen einiger deutscher Film­kri­tiker, die sich aus unbe­kannten Gründen vor Begeis­te­rung gar nicht mehr einbe­kommen haben. Warum wird immer davon geredet, der Film sei in Cannes besonders gut aufge­nommen worden? Viel­leicht muss man eine Sache nur lang genug behaupten, damit sie einer auch glaubt. Viel­leicht war auch schon so lange kein deutscher Film mehr in Cannes, dass manchen einfach die Erfah­rungs­werte fehlen. Hier ist nämlich prin­zi­piell bei einer Premiere noch etwas mehr los als in Hof.

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Aber noch mal: Der Film hat keinen besonders inter­es­siert, außer die Deutschen selber. Die fran­zö­si­schen Kritiken waren schlecht, die anderen gleich­gültig, die Ameri­kaner haben über den Film gleich gar nicht geschrieben. Außer Variety, vorher. Und dort nannten sie den Film den öster­rei­chi­schen Wett­be­werbs­bei­trag – weil der Regisseur Öster­rei­cher ist. Der Beifall war freund­lich, ja, eine Vier­tel­stunde – ich habe nicht mitge­stoppt. Aber klar, dass es für manche schwere Kost weniger Beifall gibt als für einen flockig-leichten, etwas dünnen Film, der Humor hat und keinen stört. Und auch für den Hongkong-Film BREAKING NEWS gab es bestimmt zehn Minuten Applaus – um halb drei Uhr nachts.

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Das Gegen­ar­gu­ment: Man muss sich doch mal freuen. Aber warum eigent­lich? Warum muss ich, nur weil ich in München wohne, zum FC Bayern halten?

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Letzter Abend, letzter Gang nach Hause, eine erfreu­liche Über­ra­schung. Auf dem Gehweg kommt einem Park Chun-wook entgegen, der korea­ni­sche Regisseur von Old Boy. Der hat mal Philo­so­phie studiert, und man würde jetzt gern mit ihm darüber plaudern, warum ihn Rache so faszi­niert, und was das mit seinem Lieb­lings­schrift­steller Stendhal zu tun hat. Aber Park hat drei Frauen im Schlepptau. Wer das wohl sein mag? Mutter, Schwester, Gattin? Oder drei Produ­zen­tinnen? Pres­se­frauen? Edel­nutten? Viel­leicht seine Body­guards. Jeden­falls ange­nehmer, als die von Michael Moore. In Cannes ist alles möglich. Außer dass wir beide jetzt wirklich plaudern. Also sage ich Hallo!, »Congra­tu­la­tions«, er lächelt nett und überlegt, ob er mich kennen muss. Immerhin ein guter Abschluß. Wir sind, wie schon bemerkt, gern patrio­tisch. Aber fürs Kino.