16.04.2026

Der Antideutsche

Mario Adorf Berlinale 2019
Mario Adorf auf der Berlinale 2019
(Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

Zum Tod von Mario Adorf, dem einzigen Weltstar aus Deutschland, dem »Mann, der N-Tschotschi erschoß«

Von Rüdiger Suchsland

»Ich habe die Eifel immer als meine Heimat empfunden – diese steinige Eifel. Da komme ich her.«
– Mario Adorf im Gespräch

»Im Laufe des Lebens hat man dann das Gesicht, das man verdient.«
– Volker Schlön­dorff zum Tod von Mario Adorf

»Isch mach disch nieder, Schim­merlos, … isch ruinier disch. Isch mach disch fertig. Isch kleb disch zu von oben bis unten mit meinem Jeld. Isch kauf disch einfach. … Ich schieb et dir hinten und vorne rein, isch scheiß disch so was von zu mit meinem Jeld, dass du keine ruhige Minute mehr hast.« Heinrich Haffen­loher, rhei­ni­scher Kleb­stoff­fa­bri­kant, steht im Bade­mantel am Hotelpool und droht dem Klatsch­re­porter. Schim­merlos soll ihn in die Münchner Schi­ckeria befördern. In keinem Nachruf auf Mario Adorf hat diese Szene aus der Münchner Fern­seh­serie »Kir Royal« gefehlt.

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Ein Profi. Man sollte das wirklich nicht unter­schätzen. Mario Adorf war sowohl »no nonsense«, wenn die Leute schlecht waren, schlecht vorbe­reitet, narziss­tisch, eitel, wenn sie ihn, den Schau­spieler nicht wert­schätzten. Aber er war auch überaus geschmeidig, wenn man ihm auf Augenhöhe begegnete: selbst­ver­s­tänd­lich Material für die Figuren, die man für ihn geschrieben hatte, auch wenn er sich die dann akribisch, »mit jeder Faser«, in allen Gesten aneignete. Alte Schule, auch da.

Bei den drei öffent­li­chen Gesprächen, die ich mit ihm bei Film­fes­ti­vals geführt habe, gehört er zu den unkom­pli­zier­testen, ange­nehmsten Gesprächs­part­nern. Diese Stimme, dieses Gesicht, dieser kraft­volle Körper sind unver­gess­lich.

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Die Gesten mussten sitzen.

Mario Adorf, der jetzt mit 95 Jahren gestorben ist, war ein hoch­sen­si­bler Komödiant und Menschen­er­for­scher. Der einzige Weltstar aus Deutsch­land nach Romy Schnei­ders Tod, und wie diese zu groß für dieses Land, zu dem er auf Distanz blieb, seit 65 Jahren, seit er, jung und erfolg­reich, ins Ausland ging, nach Rom zur Cinecittá. Und nicht unpassend in Paris ist er gestorben.

Aber er sagte auch über seine Herkunft: »Ich habe die Eifel immer als meine Heimat empfunden – diese steinige Eifel. Da komme ich her.«
Überhaupt die Herkunft: Ein unehe­li­ches Kind im Dritten Reich und in der sehr frühen Bundes­re­pu­blik. Hinter seinem Rücken wurde getu­schelt, die selbst­be­wusste Mutter brachte ihm bei, nichts auf das Gerede der anderen zu geben.

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In seinen Rollen war Adorf, das vaterlose Kind, das auch privat kein perfekter Vater war, dann der Chef-Patriarch der guten alten Bundes­re­pu­blik.

Diese ganzen Rollen, mit denen er zu verschmelzen schien: Der macht­be­wusste Baulöwe Schuckert in Lola von Rainer Werner Fass­binder; der Klebstoff-Fabrikant Heinrich Haffen­loher in Helmut Dietls »Kir Royal«; der »Große Bellheim« in Dieter Wedels Fern­seh­serie, und viele mehr...

Aber eben auch der Schurke, der »schmie­rige Südländer«, der Mafiaboss, vor allem aber der Mörder von Winnetous Schwester in Winnetou I und der Siegfried-Mörder Hagen bei den Nibe­lun­gen­fest­spielen in Worms, die er mit gegründet hatte – Mario Adorf war auch ein Anti­fa­schist und Anti­deut­scher, ein Zerstörer deutscher Lieb­lings­my­then und Selbst­ge­wiss­heiten.

Hitler hatte er nie gespielt, aber er schlüpfte als Deutscher in Italien sogar in die Rolle des Duce.

Ein Alphatier, das Wucht und Viel­sei­tig­keit verband.

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Begonnen hatte er ganz anders: »Nehmt den mal, der hat Kraft und Naivität«, sagte Hans Schwei­ckert, der damalige Intendant der Münchner Kammer­spiele, als Adorf die Aufnah­me­prü­fung für das Kammer­spiel-Ensemble 1955 fast schon vermas­selt hatte. Zuvor war er auf der Falcken­berg-Schule gewesen. Dann bis 1962 an den Kammer­spielen, unter anderem beim Emigranten Fritz Kortner.

Ein anderer Emigrant war Robert Siodmak gewesen. Die Rolle eines weichen, naiv-brutalen Seri­en­mör­ders während des NS-Staats in dessen »Nachts wenn der Teufel kam«, einem weiterhin unter­schätzten Meis­ter­werk von »Papas Kino« in der frühen Bundes­re­pu­blik, hat Adorf berühmt gemacht. Als er, so erzählte es Adorf im Gespräch, für den Part bei Siodmak vorsprach, forderte der ihn auf:
»'Schaun Se mal bese'. Ich hab' also versucht, bese zu schauen. Da sagte er: 'das ist doch nicht bese. Beser, schaun se mal beser!' Bis er selber seine Jacke auszog und die Brille wegnahm und dann guckte und sagte: 'Das ist bese.'«

Für sein Filmdebüt bekam Adorf den Bundes­film­preis; man wurde aufmerksam auf den Nach­wuchs­schau­spieler. Nach diesem ersten großen Kino­er­folg reihte sich schnell Rolle an Rolle, etwa in der Schach­no­velle mit Curd Jürgens. Dann kam noch größeres: »Ich hatte ja erstmal das Glück, 1961 ins Ausland gerufen zu werden.« Es half Adorf, dass er fließend Deutsch, Fran­zö­sisch, Englisch und Italie­nisch sprach.

So spielte er dann unter Billy Wilder, Sam Peckinpah, Sergio Corbucci und vielen anderen.

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Einmal musste Mario Adorf im Gespräch laut lachen: »Wenn man ganz oben ist, dann sagt man über einen: er macht gar nichts mehr. Das ist aller­dings gar nicht so einfach. Es ist nicht so, dass der Schau­spieler, der nichts mehr macht, nichts macht. Er lässt nur vieles weg. Und das Wesent­liche bleibt.
Der Anfänger am Theater hat es viel schwerer, er muss ja erstmal die Menschen auf sich aufmerksam machen.«