Der Antideutsche |
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| Mario Adorf auf der Berlinale 2019 | ||
| (Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons) | ||
»Ich habe die Eifel immer als meine Heimat empfunden – diese steinige Eifel. Da komme ich her.«
– Mario Adorf im Gespräch»Im Laufe des Lebens hat man dann das Gesicht, das man verdient.«
– Volker Schlöndorff zum Tod von Mario Adorf
»Isch mach disch nieder, Schimmerlos, … isch ruinier disch. Isch mach disch fertig. Isch kleb disch zu von oben bis unten mit meinem Jeld. Isch kauf disch einfach. … Ich schieb et dir hinten und vorne rein, isch scheiß disch so was von zu mit meinem Jeld, dass du keine ruhige Minute mehr hast.« Heinrich Haffenloher, rheinischer Klebstofffabrikant, steht im Bademantel am Hotelpool und droht dem Klatschreporter. Schimmerlos soll ihn in die Münchner Schickeria befördern. In keinem Nachruf auf Mario Adorf hat diese Szene aus der Münchner Fernsehserie »Kir Royal« gefehlt.
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Ein Profi. Man sollte das wirklich nicht unterschätzen. Mario Adorf war sowohl »no nonsense«, wenn die Leute schlecht waren, schlecht vorbereitet, narzisstisch, eitel, wenn sie ihn, den Schauspieler nicht wertschätzten. Aber er war auch überaus geschmeidig, wenn man ihm auf Augenhöhe begegnete: selbstverständlich Material für die Figuren, die man für ihn geschrieben hatte, auch wenn er sich die dann akribisch, »mit jeder Faser«, in allen Gesten aneignete. Alte Schule, auch da.
Bei den drei öffentlichen Gesprächen, die ich mit ihm bei Filmfestivals geführt habe, gehört er zu den unkompliziertesten, angenehmsten Gesprächspartnern. Diese Stimme, dieses Gesicht, dieser kraftvolle Körper sind unvergesslich.
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Die Gesten mussten sitzen.
Mario Adorf, der jetzt mit 95 Jahren gestorben ist, war ein hochsensibler Komödiant und Menschenerforscher. Der einzige Weltstar aus Deutschland nach Romy Schneiders Tod, und wie diese zu groß für dieses Land, zu dem er auf Distanz blieb, seit 65 Jahren, seit er, jung und erfolgreich, ins Ausland ging, nach Rom zur Cinecittá. Und nicht unpassend in Paris ist er gestorben.
Aber er sagte auch über seine Herkunft: »Ich habe die Eifel immer als meine Heimat empfunden – diese steinige Eifel. Da komme ich her.«
Überhaupt die Herkunft: Ein uneheliches Kind im Dritten Reich und in der sehr frühen Bundesrepublik. Hinter seinem Rücken wurde getuschelt, die selbstbewusste Mutter brachte ihm bei, nichts auf das Gerede der anderen zu geben.
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In seinen Rollen war Adorf, das vaterlose Kind, das auch privat kein perfekter Vater war, dann der Chef-Patriarch der guten alten Bundesrepublik.
Diese ganzen Rollen, mit denen er zu verschmelzen schien: Der machtbewusste Baulöwe Schuckert in Lola von Rainer Werner Fassbinder; der Klebstoff-Fabrikant Heinrich Haffenloher in Helmut Dietls »Kir Royal«; der »Große Bellheim« in Dieter Wedels Fernsehserie, und viele mehr...
Aber eben auch der Schurke, der »schmierige Südländer«, der Mafiaboss, vor allem aber der Mörder von Winnetous Schwester in Winnetou I und der Siegfried-Mörder Hagen bei den Nibelungenfestspielen in Worms, die er mit gegründet hatte – Mario Adorf war auch ein Antifaschist und Antideutscher, ein Zerstörer deutscher Lieblingsmythen und Selbstgewissheiten.
Hitler hatte er nie gespielt, aber er schlüpfte als Deutscher in Italien sogar in die Rolle des Duce.
Ein Alphatier, das Wucht und Vielseitigkeit verband.
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Begonnen hatte er ganz anders: »Nehmt den mal, der hat Kraft und Naivität«, sagte Hans Schweickert, der damalige Intendant der Münchner Kammerspiele, als Adorf die Aufnahmeprüfung für das Kammerspiel-Ensemble 1955 fast schon vermasselt hatte. Zuvor war er auf der Falckenberg-Schule gewesen. Dann bis 1962 an den Kammerspielen, unter anderem beim Emigranten Fritz Kortner.
Ein anderer Emigrant war Robert Siodmak gewesen. Die Rolle eines weichen, naiv-brutalen Serienmörders während des NS-Staats in dessen »Nachts wenn der Teufel kam«, einem weiterhin unterschätzten Meisterwerk von »Papas Kino« in der frühen Bundesrepublik, hat Adorf berühmt gemacht. Als er, so erzählte es Adorf im Gespräch, für den Part bei Siodmak vorsprach, forderte der ihn auf:
»'Schaun Se mal bese'. Ich hab' also versucht, bese zu schauen. Da sagte er: 'das ist doch nicht bese.
Beser, schaun se mal beser!' Bis er selber seine Jacke auszog und die Brille wegnahm und dann guckte und sagte: 'Das ist bese.'«
Für sein Filmdebüt bekam Adorf den Bundesfilmpreis; man wurde aufmerksam auf den Nachwuchsschauspieler. Nach diesem ersten großen Kinoerfolg reihte sich schnell Rolle an Rolle, etwa in der Schachnovelle mit Curd Jürgens. Dann kam noch größeres: »Ich hatte ja erstmal das Glück, 1961 ins Ausland gerufen zu werden.« Es half Adorf, dass er fließend Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch sprach.
So spielte er dann unter Billy Wilder, Sam Peckinpah, Sergio Corbucci und vielen anderen.
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Einmal musste Mario Adorf im Gespräch laut lachen: »Wenn man ganz oben ist, dann sagt man über einen: er macht gar nichts mehr. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Es ist nicht so, dass der Schauspieler, der nichts mehr macht, nichts macht. Er lässt nur vieles weg. Und das Wesentliche bleibt.
Der Anfänger am Theater hat es viel schwerer, er muss ja erstmal die Menschen auf sich aufmerksam machen.«