09.04.2026

»Die Frage der Macht und ihre inneren Mechanismen sind überall dieselben«

Olivier Assayas
Olivier Assayas (Viennale 2012)
(Foto: Manfred Werner · https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Olivier Assayas über Der Magier im Kreml, die Adaption von Giuliano da Empolis Roman über Putins Strippenzieher Vadim Baranow: ein Gespräch über Machtgier, Verführbarkeit, Mittäterschaft, systemische Gewalt – und das Universelle gegenwärtiger Politik

Nach mehr als 20 Filmen, darunter Die wilde Zeit um die Mai-Revolte in Frank­reich, Personal Shopper, der dem Franzosen in Cannes den Regie­preis einbrachte, Carlos – Der Schakal über den vene­zo­la­ni­schen Terro­risten Ilich Ramírez Sánchez, oder die Serie „Irma Vep“ hat Olivier Assayas nun das heraus­for­dernde Werk zwischen Wahrheit und Fiktion, Ideologie und Strategie mit Stars wie Jude Law, Paul Dano und Alicia Vikander verfilmt. Er belässt es wie die lite­ra­ri­sche Vorlage nicht bei der Aufstiegs­story des einstigen KGB-Agenten Wladimir Putin zum tota­li­tären „Zar“ in der post-sowje­ti­schen Ära, sondern fokus­siert sich auf die Grund­lagen der modernen poli­ti­schen Welt, die zerstö­re­ri­sche Nähe zur Macht, deren Konse­quenzen wir täglich spüren.

Margret Köhler traf den alerten Dreh­buch­autor, Regisseur und Exponent des fran­zö­si­schen Autoren­kinos in Paris zum Interview.

artechock: Was war Ihr „Starting Point“?

Olivier Assayas: Giuliano da Empoli schickte mir sein Manuskript schon Anfang 2022 vor der Veröf­fent­li­chung, aber die filmische Umsetzung war mir nicht klar. Die Zusam­men­hänge über poli­ti­sche Macht in Russland schienen mir doch zu kompli­ziert. Aber dann habe ich mich mit Emmanuel Carrère zusam­men­getan und gemeinsam das Drehbuch geschrieben. Wir kennen uns schon lange und kommen beide aus der Film­kritik. Er weiß gut Bescheid über das post­so­wje­ti­sche Russland. Ich finde es schon wahn­sinnig, wie sich die Politik und ihre Methoden verändert haben und sich immer noch verändern. Diesen zeit­genös­si­schen Aspekt, diesen vers­tö­renden Umbruch hat man im Kino so noch nicht aufge­griffen. Egal, wo wir hinschauen, es mag Nuancen geben, aber die Frage der Macht und ihre inneren Mecha­nismen sind überall dieselben. Der Film zeigt die Folgen des politisch Bösen auf und versucht, dessen Wesen darzu­stellen, seine Funk­ti­ons­weise. Deshalb ist Der Magier im Kreml auch kein Film über Wladimir Putin und die Geschichte seines Aufstiegs, sondern hat univer­sellen Charakter.

artechock: Haben Sie mit diesem Film Ihre Komfort­zone verlassen?

Olivier Assayas: Da war ich nie drin, denken Sie an Schicksal der Gefühle oder Carlos – Der Schakal, der war politisch und gleich­zeitig ein Genrefilm. Ich sehe da schon eine Konti­nuität. Ich hatte das Gefühl, mich neu orien­tieren, neue Dinge auspro­bieren und woanders hingehen zu müssen. Wenn ich ein Projekt mit so einer Portion Ehrgeiz angehe und mich so stark engagiere, weiß ich schon warum.

artechock: Am Anfang zeigen Sie Momente der Freiheit und der Lebens­lust nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­union, einen Hauch Zuver­sicht.

Olivier Assayas: Dieser Teil entstammt nicht dem Buch, er lag mir am Herzen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, einen Film über diese Epoche zu erzählen. Zu Beginn der 1990er Jahre nahm ich an einer Woche des fran­zö­si­schen Films in Russland teil und traf Studenten, junge Cineasten, eine Jugend voller Energie. Sie hatten bis 1989 in einer bleiernen Gesell­schaft gelebt und spürten nun „the wind of Change“, eine neue Welt. Und davon wollten sie profi­tieren. Ich habe diese neue Kraft gespürt, den Glauben der Jungen an die Zukunft. Und dann der Schock, die totale Umkehr. Ihre Hoff­nungen brutal zerschmet­tert durch Putins Griff nach der Macht. Ihre zerstörten Träume, das Zertram­peln des zarten Pflänz­chens Demo­kratie. Diesen Aspekt musste ich einfach einbringen. Es ist depri­mie­rend nach dieser kurzen Phase des Aufbruchs Russland als Land zu erleben, in dem Oppo­si­tio­nelle verhaftet und unter dubiosen Umständen sterben, Zensur und Kontrolle sich wie Mehltau über alles legen. Kein Hauch von Freiheit mehr.

artechock: Hatten Sie sich schon vorher mit Russland beschäf­tigt?

Olivier Assayas: Ich war einige Male in Russland, bin aber kein Russ­land­ex­perte. Wichtig war mir die Glaub­wür­dig­keit. Bei den Vorbe­rei­tungen zum Dreh in Lettland traf ich russische Jour­na­listen, die Vladislav Surkow kannten, der als Inspi­ra­tion für Vadim Baranow im Film dient, und den Olig­ar­chen Boris Bere­zovsky. Sie und die letti­schen Produ­zenten erzählten mir einiges. Da habe ich viel erfahren über die Macht­spiele, mit denen Surkow Putin ganz nach oben an die Macht hievte. Ein elender Draht­zieher, der mitschuldig war an den schlimmsten Auswüchsen. Er ist der erschre­ckende Beweis dafür, wie ein Avant­garde-Künstler, ein Mann der Kultur und Kosmo­polit zur Inkar­na­tion des Bösen wird, der Macht nicht wider­stehen kann. Ein ausge­kochter Mani­pu­lator. Wir haben ihn etwas mensch­li­cher darge­stellt als im Roman.

artechock: Gut und Böse über­lappen sich, die Grenzen verschwimmen. Ist es diese Ambi­va­lenz im Charakter von Baranow, die Sie triggert?

Olivier Assayas: Sagen wir mal so: Die Frage von Macht und Politik ist eine Abstrak­tion. Da gibt es den Menschen und die Ideologie. Beide sind nicht unbedingt deckungs­gleich, können total gegen­sätz­lich sein. Es können auch faszi­nie­rende Menschen mit furcht­barsten Ideen exis­tieren, die man viel­leicht zutiefst verab­scheut. Man muss sich der Verführ­bar­keit dieser Leute wider­setzen. Ich wollte deshalb nicht die glatte Seite zeigen, sondern auch die hässliche mit ihrer ganzen Bruta­lität und Unmensch­lich­keit. Die Frage nach dem Bösen und seine Ambi­guität gehört zur DNA des Kinos. Baranow verkör­pert das Böse in seiner Zeit, aber ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch auch Mensch­lich­keit in sich trägt, im Guten wie im Schlechten.

artechock: Es geht auch um den Wandel von Macht, um tief gehende Verän­de­rungen. Gibt es Ähnlich­keiten in der Politik von Donald Trump und Vladimir Putin?

Olivier Assayas: So unter­schied­liche Personen zu verglei­chen, die eine persön­liche und poli­ti­sche Geschichte in sich tragen, ist schwierig. Es ist ja schon eine Weile her, seit sich Putins Russland von der Demo­kratie verab­schiedet hat. Putin hat die Tür noch fester geschlossen als sie vorher war. Ichpflege eine tiefe Abneigung gegen Donald Trump und hätte mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können, dass er Aktionen unter­nimmt, die man auch „puti­nis­tisch“ nennen könnte. Trump nutzt knallhart die in Russland von Putin entwi­ckelten poli­ti­schen Methoden. Das macht mich verrückt. Ich glaube, das System der Demo­kratie, das US-ameri­ka­ni­sche Verfas­sungs­prinzip der „Checks and Balances“ , ist dabei, unter unseren Augen zu zerbrö­seln. Was mich in Angst versetzt. Wo ist eine starke Oppo­si­tion, die das Wort ergreift und sich an das ameri­ka­ni­sche Volk richtet, die aufrüt­telt?

artechock: Hatten Sie eine filmische Referenz?

Olivier Assayas: Ich bin erst sehr spät darauf gekommen. Wir waren schon mit dem Dreh­buch­schreiben fertig, da habe ich mir Die Mach­ter­grei­fung Ludwig des XIV, eine Analyse der Macht­me­cha­nismen, ange­schaut und war über­rascht über die Paral­lelen zu dem was Empoli und ich disku­tiert hatten, wie die Macht die Oppo­si­tion zum Schweigen bringt, indem sie dafür sorgt, dass der Schein einen größeren Stel­len­wert hat als die Wirk­lich­keit. Macht­ausü­bung heißt Druck­ausü­bung.

artechock: Da wir von Druck sprechen, wie frei waren Sie in Ihren künst­le­ri­schen Entschei­dungen?

Olivier Assayas: Die Finan­zie­rung war die Hölle. Da fand man immer Gründe, abzusagen. Die US-Studios machen Geschäfte mit Russland, auch viele andere Partner scheuten das Risiko. Und nach einem poli­ti­schen Film und dazu noch in solch einem Umfang lecken sich die Produ­zenten nicht gerade die Finger. Es gab genug Hinder­nisse, der Druck zeigte sich haupt­säch­lich im ökono­mi­schen Bereich.

artechock: Warum drehten Sie auf englisch?

Olivier Assayas: Das war keine Wahl, sondern eine Bedingung. Natürlich hätte ich gerne den Film in Russland auf russisch gedreht, aber das war nicht vorstellbar, wie auch der Einsatz von russi­schen Schau­spie­lern. Die wären wahr­schein­lich anschließend vor Gericht gelandet. Gedreht haben wir dann haupt­säch­lich in Lettland. Auch die fran­zö­si­sche Sprache wäre eine Option gewesen, aber dann hätte es an der Finan­zie­rung gehakt. Wir haben auch nicht das ganze Buch, sondern nur Teile davon adaptiert. Bei unserem Budget hieß es hopp oder top.

artechock: Wie haben Sie das tolle Casting zusam­men­ge­stellt?

Olivier Assayas: Für Baranow hatte ich sofort Paul Dano im Kopf, er hat diese gewisse Ausstrah­lung und etwas Slawi­sches, spielt jede Nuance aus. Und wollte oft Dialog­zeilen im histo­ri­schen Kontext erklärt haben, damit er nur alles richtig machte. Putin kennt jeder und Jude Law ist sehr englisch, ähnelt ihm wirklich nicht. Aber warum sollten wir einen unbe­kannten Schau­spieler nehmen, nur weil er Putin körper­lich ähnelte? Jude erfindet Putin von innen heraus neu, gibt den selbst­be­wussten Macher, sollte aber bewusst etwas hölzern wirken. Nicht zu vergessen Alicia Vikander als Baranows unab­hän­gige Frau, die ihm den Spiegel vorhält und die wir etwas mehr in den Vorder­grund stellen. Alicia hatte ich schon beim Schreiben im Kopf.

artechock: Sie sind Autoren­filmer, liebäu­geln aber auch mit Stars. Beißt sich das nicht?

Olivier Assayas: Es geht mir nicht um Stars. Ich liebe es, mit großen Schau­spie­lern zu arbeiten, reali­siere aber immer noch Autoren­filme. Das erlaubt mir, die Filme zu machen, die ich will im ambi­tio­nierten fran­zö­si­schen Kino. Aber wenn man auf englisch arbeitet, öffnen sich mehr Türen und auch der Zugang zu großen Schau­spie­lern mit ihrem Talent, ihrer Tiefe und Vielfalt, die jeder Regisseur sucht. Die stünden mir im engen Rahmen des fran­zö­si­schen Kinos nicht zur Verfügung.

artechock: Die Krisen über­schlagen sich: Gaza, Iran, Israel, Ukraine... Sind Sie noch Optimist oder sagen Sie „Mon Dieu“, wollen nichts mehr sehen und hören?

Olivier Assayas: Mich inter­es­sieren Politik und die Welt, in der wir leben, auch wenn es nicht die ideale ist. Es passieren Dinge, die wir nicht für möglich gehalten haben. Da bestimmt in USA ein Narzisst die Politik und ein Despot in Russland. Es wird immer schlimmer. Aber viel­leicht über­rascht uns eine bessere Zukunft, auch wenn wir uns das in diesen dunklen Zeiten nicht vorstellen können.

artechock: Der Puti­nismus scheint fest im Sattel zu sitzen und von einer Oppo­si­tion ist nicht viel zu merken.

Olivier Assayas: Alexander Nawalny war ein Held für mich. Die russische Oppo­si­tion ist bewun­derns­würdig, sie kämpft für eine andere Zukunft ihres Landes, für Freiheit und Demo­kratie und glaubt daran. Wir sitzen hier in einem schicken Pariser Hotel und sollten und hüten, über die Oppo­si­tion zu urteilen oder Ratschläge zu erteilen.