»Die Frage der Macht und ihre inneren Mechanismen sind überall dieselben« |
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| Olivier Assayas (Viennale 2012) | ||
| (Foto: Manfred Werner · https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) | ||
Nach mehr als 20 Filmen, darunter Die wilde Zeit um die Mai-Revolte in Frankreich, Personal Shopper, der dem Franzosen in Cannes den Regiepreis einbrachte, Carlos – Der Schakal über den venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, oder die Serie „Irma Vep“ hat Olivier Assayas nun das herausfordernde Werk zwischen Wahrheit und Fiktion, Ideologie und Strategie mit Stars wie Jude Law, Paul Dano und Alicia Vikander verfilmt. Er belässt es wie die literarische Vorlage nicht bei der Aufstiegsstory des einstigen KGB-Agenten Wladimir Putin zum totalitären „Zar“ in der post-sowjetischen Ära, sondern fokussiert sich auf die Grundlagen der modernen politischen Welt, die zerstörerische Nähe zur Macht, deren Konsequenzen wir täglich spüren.
Margret Köhler traf den alerten Drehbuchautor, Regisseur und Exponent des französischen Autorenkinos in Paris zum Interview.
artechock: Was war Ihr „Starting Point“?
Olivier Assayas: Giuliano da Empoli schickte mir sein Manuskript schon Anfang 2022 vor der Veröffentlichung, aber die filmische Umsetzung war mir nicht klar. Die Zusammenhänge über politische Macht in Russland schienen mir doch zu kompliziert. Aber dann habe ich mich mit Emmanuel Carrère zusammengetan und gemeinsam das Drehbuch geschrieben. Wir kennen uns schon lange und kommen beide aus der Filmkritik. Er weiß gut Bescheid über das postsowjetische Russland. Ich finde es schon wahnsinnig, wie sich die Politik und ihre Methoden verändert haben und sich immer noch verändern. Diesen zeitgenössischen Aspekt, diesen verstörenden Umbruch hat man im Kino so noch nicht aufgegriffen. Egal, wo wir hinschauen, es mag Nuancen geben, aber die Frage der Macht und ihre inneren Mechanismen sind überall dieselben. Der Film zeigt die Folgen des politisch Bösen auf und versucht, dessen Wesen darzustellen, seine Funktionsweise. Deshalb ist Der Magier im Kreml auch kein Film über Wladimir Putin und die Geschichte seines Aufstiegs, sondern hat universellen Charakter.
artechock: Haben Sie mit diesem Film Ihre Komfortzone verlassen?
Olivier Assayas: Da war ich nie drin, denken Sie an Schicksal der Gefühle oder Carlos – Der Schakal, der war politisch und gleichzeitig ein Genrefilm. Ich sehe da schon eine Kontinuität. Ich hatte das Gefühl, mich neu orientieren, neue Dinge ausprobieren und woanders hingehen zu müssen. Wenn ich ein Projekt mit so einer Portion Ehrgeiz angehe und mich so stark engagiere, weiß ich schon warum.
artechock: Am Anfang zeigen Sie Momente der Freiheit und der Lebenslust nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, einen Hauch Zuversicht.
Olivier Assayas: Dieser Teil entstammt nicht dem Buch, er lag mir am Herzen. Ich hätte mir nicht träumen lassen, einen Film über diese Epoche zu erzählen. Zu Beginn der 1990er Jahre nahm ich an einer Woche des französischen Films in Russland teil und traf Studenten, junge Cineasten, eine Jugend voller Energie. Sie hatten bis 1989 in einer bleiernen Gesellschaft gelebt und spürten nun „the wind of Change“, eine neue Welt. Und davon wollten sie profitieren. Ich habe diese neue Kraft gespürt, den Glauben der Jungen an die Zukunft. Und dann der Schock, die totale Umkehr. Ihre Hoffnungen brutal zerschmettert durch Putins Griff nach der Macht. Ihre zerstörten Träume, das Zertrampeln des zarten Pflänzchens Demokratie. Diesen Aspekt musste ich einfach einbringen. Es ist deprimierend nach dieser kurzen Phase des Aufbruchs Russland als Land zu erleben, in dem Oppositionelle verhaftet und unter dubiosen Umständen sterben, Zensur und Kontrolle sich wie Mehltau über alles legen. Kein Hauch von Freiheit mehr.
artechock: Hatten Sie sich schon vorher mit Russland beschäftigt?
Olivier Assayas: Ich war einige Male in Russland, bin aber kein Russlandexperte. Wichtig war mir die Glaubwürdigkeit. Bei den Vorbereitungen zum Dreh in Lettland traf ich russische Journalisten, die Vladislav Surkow kannten, der als Inspiration für Vadim Baranow im Film dient, und den Oligarchen Boris Berezovsky. Sie und die lettischen Produzenten erzählten mir einiges. Da habe ich viel erfahren über die Machtspiele, mit denen Surkow Putin ganz nach oben an die Macht hievte. Ein elender Drahtzieher, der mitschuldig war an den schlimmsten Auswüchsen. Er ist der erschreckende Beweis dafür, wie ein Avantgarde-Künstler, ein Mann der Kultur und Kosmopolit zur Inkarnation des Bösen wird, der Macht nicht widerstehen kann. Ein ausgekochter Manipulator. Wir haben ihn etwas menschlicher dargestellt als im Roman.
artechock: Gut und Böse überlappen sich, die Grenzen verschwimmen. Ist es diese Ambivalenz im Charakter von Baranow, die Sie triggert?
Olivier Assayas: Sagen wir mal so: Die Frage von Macht und Politik ist eine Abstraktion. Da gibt es den Menschen und die Ideologie. Beide sind nicht unbedingt deckungsgleich, können total gegensätzlich sein. Es können auch faszinierende Menschen mit furchtbarsten Ideen existieren, die man vielleicht zutiefst verabscheut. Man muss sich der Verführbarkeit dieser Leute widersetzen. Ich wollte deshalb nicht die glatte Seite zeigen, sondern auch die hässliche mit ihrer ganzen Brutalität und Unmenschlichkeit. Die Frage nach dem Bösen und seine Ambiguität gehört zur DNA des Kinos. Baranow verkörpert das Böse in seiner Zeit, aber ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch auch Menschlichkeit in sich trägt, im Guten wie im Schlechten.
artechock: Es geht auch um den Wandel von Macht, um tief gehende Veränderungen. Gibt es Ähnlichkeiten in der Politik von Donald Trump und Vladimir Putin?
Olivier Assayas: So unterschiedliche Personen zu vergleichen, die eine persönliche und politische Geschichte in sich tragen, ist schwierig. Es ist ja schon eine Weile her, seit sich Putins Russland von der Demokratie verabschiedet hat. Putin hat die Tür noch fester geschlossen als sie vorher war. Ichpflege eine tiefe Abneigung gegen Donald Trump und hätte mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können, dass er Aktionen unternimmt, die man auch „putinistisch“ nennen könnte. Trump nutzt knallhart die in Russland von Putin entwickelten politischen Methoden. Das macht mich verrückt. Ich glaube, das System der Demokratie, das US-amerikanische Verfassungsprinzip der „Checks and Balances“ , ist dabei, unter unseren Augen zu zerbröseln. Was mich in Angst versetzt. Wo ist eine starke Opposition, die das Wort ergreift und sich an das amerikanische Volk richtet, die aufrüttelt?
artechock: Hatten Sie eine filmische Referenz?
Olivier Assayas: Ich bin erst sehr spät darauf gekommen. Wir waren schon mit dem Drehbuchschreiben fertig, da habe ich mir Die Machtergreifung Ludwig des XIV, eine Analyse der Machtmechanismen, angeschaut und war überrascht über die Parallelen zu dem was Empoli und ich diskutiert hatten, wie die Macht die Opposition zum Schweigen bringt, indem sie dafür sorgt, dass der Schein einen größeren Stellenwert hat als die Wirklichkeit. Machtausübung heißt Druckausübung.
artechock: Da wir von Druck sprechen, wie frei waren Sie in Ihren künstlerischen Entscheidungen?
Olivier Assayas: Die Finanzierung war die Hölle. Da fand man immer Gründe, abzusagen. Die US-Studios machen Geschäfte mit Russland, auch viele andere Partner scheuten das Risiko. Und nach einem politischen Film und dazu noch in solch einem Umfang lecken sich die Produzenten nicht gerade die Finger. Es gab genug Hindernisse, der Druck zeigte sich hauptsächlich im ökonomischen Bereich.
artechock: Warum drehten Sie auf englisch?
Olivier Assayas: Das war keine Wahl, sondern eine Bedingung. Natürlich hätte ich gerne den Film in Russland auf russisch gedreht, aber das war nicht vorstellbar, wie auch der Einsatz von russischen Schauspielern. Die wären wahrscheinlich anschließend vor Gericht gelandet. Gedreht haben wir dann hauptsächlich in Lettland. Auch die französische Sprache wäre eine Option gewesen, aber dann hätte es an der Finanzierung gehakt. Wir haben auch nicht das ganze Buch, sondern nur Teile davon adaptiert. Bei unserem Budget hieß es hopp oder top.
artechock: Wie haben Sie das tolle Casting zusammengestellt?
Olivier Assayas: Für Baranow hatte ich sofort Paul Dano im Kopf, er hat diese gewisse Ausstrahlung und etwas Slawisches, spielt jede Nuance aus. Und wollte oft Dialogzeilen im historischen Kontext erklärt haben, damit er nur alles richtig machte. Putin kennt jeder und Jude Law ist sehr englisch, ähnelt ihm wirklich nicht. Aber warum sollten wir einen unbekannten Schauspieler nehmen, nur weil er Putin körperlich ähnelte? Jude erfindet Putin von innen heraus neu, gibt den selbstbewussten Macher, sollte aber bewusst etwas hölzern wirken. Nicht zu vergessen Alicia Vikander als Baranows unabhängige Frau, die ihm den Spiegel vorhält und die wir etwas mehr in den Vordergrund stellen. Alicia hatte ich schon beim Schreiben im Kopf.
artechock: Sie sind Autorenfilmer, liebäugeln aber auch mit Stars. Beißt sich das nicht?
Olivier Assayas: Es geht mir nicht um Stars. Ich liebe es, mit großen Schauspielern zu arbeiten, realisiere aber immer noch Autorenfilme. Das erlaubt mir, die Filme zu machen, die ich will im ambitionierten französischen Kino. Aber wenn man auf englisch arbeitet, öffnen sich mehr Türen und auch der Zugang zu großen Schauspielern mit ihrem Talent, ihrer Tiefe und Vielfalt, die jeder Regisseur sucht. Die stünden mir im engen Rahmen des französischen Kinos nicht zur Verfügung.
artechock: Die Krisen überschlagen sich: Gaza, Iran, Israel, Ukraine... Sind Sie noch Optimist oder sagen Sie „Mon Dieu“, wollen nichts mehr sehen und hören?
Olivier Assayas: Mich interessieren Politik und die Welt, in der wir leben, auch wenn es nicht die ideale ist. Es passieren Dinge, die wir nicht für möglich gehalten haben. Da bestimmt in USA ein Narzisst die Politik und ein Despot in Russland. Es wird immer schlimmer. Aber vielleicht überrascht uns eine bessere Zukunft, auch wenn wir uns das in diesen dunklen Zeiten nicht vorstellen können.
artechock: Der Putinismus scheint fest im Sattel zu sitzen und von einer Opposition ist nicht viel zu merken.
Olivier Assayas: Alexander Nawalny war ein Held für mich. Die russische Opposition ist bewundernswürdig, sie kämpft für eine andere Zukunft ihres Landes, für Freiheit und Demokratie und glaubt daran. Wir sitzen hier in einem schicken Pariser Hotel und sollten und hüten, über die Opposition zu urteilen oder Ratschläge zu erteilen.