22.10.2026

Dokumentarfilm macht Schule

DOXS RUHR - Festival*Highlight
Die vier Filme des DOXS RUHR – Festival*Highlight
(Plakat: Doxs Ruhr)

Melika Gothe, Gudrun Sommer & Matthias Wallraven über ein Pilotprojekt zum Einsatz von festivalerprobten Dokumentarfilmen bei den SchulKinoWochen

Ralf Krämer im Gespräch mit Melika Gothe (Berlinale Young Audience Deve­lo­p­ment/DOXS RUHR-Projekt­lei­tung), Gudrun Sommer (DOXS RUHR-Festi­val­lei­tung) und Matthias Wallraven (SchulKi­noWochen Bremen, CITY 46/ Kommu­nal­kino Bremen e.V.)

artechock: Die Aufmerk­sam­keits­spanne von Kindern und Jugend­li­chen gilt als gering. Inter­es­siert sich das junge Kino­pu­blikum überhaupt für Doku­men­tar­filme?

Gudrun Sommer: Da fällt mir direkt der Film Do You Love Me ein. Den hat ein Lehrer einer Gesamt­schule mit den Worten empfohlen: Das ist der ideale Film für die Tiktok-Gene­ra­tion. Mit kurzen, clip-artigen Sequenzen erinnert er an das Durch­scrollen in Social-Media-Feeds. Das zeigt: auch Medien, mit denen sich die jüngeren Gene­ra­tionen heute umgeben, haben eine ästhe­ti­sche Geschichte, an die Filme anknüpfen können. Zudem wird unter­schätzt, dass Kinder und Jugend­li­chen eine total hete­ro­gene Gruppe sind. Die inter­es­sieren sich für vieles und unter­schied­li­ches. Es gilt, diese Vielfalt ernst zu nehmen – ästhe­tisch wie inhalt­lich.

Melika Gothe: Die vermeint­liche Reizü­ber­flu­tung in Do You Love Me kann unmit­tel­bare Anknüp­fungs­punkte für die Rezep­ti­ons­prak­tiken junger Menschen bieten: einzelne Elemente werden zusam­men­ge­setzt, um Logiken zu schaffen. Für uns im Festi­val­kon­text, geht die Frage, was Kinder inter­es­siert auch immer damit einher, welche Gespräche nach einem Film entstehen können. Wir haben beispiels­weise die Rück­mel­dungen von Film­ver­mittler:innen erhalten, dass sich gerade dann, wenn man die filmische Form entschlüs­seln muss, eine weitere Gesprächs­ebene öffnet. Wenn sich Kinder auf einen Doku­men­tar­film einlassen, geht das mit der Faszi­na­tion einher, in ein anderes Leben rein­gu­cken zu können.

Matthias Wallraven: Wir haben beim Kinder- und Jugend­film­fest und bei den SchulKi­noWochen Zirkus­kind gezeigt. Für die Kinder waren das Darstel­lende und keine realen Personen. Schon stellen sich die Fragen: Was ist überhaupt Doku­men­tar­film? Wie viel ist davon aber auch insze­niert? Für die Kids ist dieses Teil­nehmen an realen Geschichten eine besondere Qualität. Lehr­kräfte buchen wiederum gern doku­men­ta­ri­sche Formate, weil sie glauben, dass sich damit mehr Inhalte vermit­teln lassen, als mit Spiel­filmen.

artechock: Das DOXS RUHR-Festival ist auf künst­le­ri­sche und expe­ri­men­telle Doku­men­tar­filme fürs junge Publikum spezia­li­siert. Einige davon werden nun im Rahmen eines Pilot­pro­jekts bei den SchulKi­noWochen in NRW und Bremen angeboten. Haben so auch mittel­lange Filme eine Chance, zu laufen?

Gudrun Sommer: Genau das testen wir mit Drei Versuche der Goji­fi­zie­rung aus. Dieser mittel­lange Film wurde bisher von der Filme­ma­cherin selbst verliehen und vertrieben – für die SchulKi­noWochen ein Ausschluss­kri­te­rium – zumindest für einen größeren bundes­weiten Einsatz. Wir haben mit sixpack­film in Wien nun einen Welt­ver­trieb gefunden, der die Auswer­tung betreuen wird. Wie aber können wir über den Einzel­fall hinaus eine Struktur für Filme schaffen, die sich für eine schu­li­sche Auswer­tung besonders eignen, aber bisher nicht in der Auswahl von Vision Kino für die SchulKi­noWochen vorkamen?

artechock: Vor den Kindern und Jugend­li­chen müssen die jewei­ligen Länder­büros der SchulKi­noWochen, die Lehr­kräfte und Kinos von den Filmen überzeugt werden. Wie gehen Sie das an?

Melika Gothe: Wir haben großes Vertrauen in diese vier Filme und dass sie gut funk­tio­nieren werden. Aber bei den LehrerInnen und Kinos müssen wir uns einen Vertrau­ens­vor­schuss noch erar­beiten. Im Rahmen des Projekts suchen wir nach Synergien, um nach­hal­tiger mit den Filmen und dem Publikum zu arbeiten. Wir Festivals sind ja Teil der deutschen Kino­land­schaft, Teil der kultu­rellen Bildung und fragen uns: Wie kann unsere Arbeit in der weiteren Nutzung der Filme wirksam werden? Festivals, für die es in der Programm­ge­stal­tung erstmal keine Rolle spielt, ob ein deutscher Verleih an Bord ist, können beispiels­weise die Vorstel­lungen und Bilder von Kindern und Jugend­li­chen im deutschen Kino erweitern. Daraus ergibt sich dann die Frage, mit welchen Marke­ting­stra­te­gien können wir unsere Ziel­gruppe(n) erreichen? Welche Ressourcen gibt es dafür in den Kinos? Was motiviert LehrerInnen sich für Film A oder B zu entscheiden? Was lässt sich aus der Festi­val­prä­sen­ta­tion auf die reguläre Kino­vor­füh­rung oder SchulKi­noWochen über­tragen?

Matthias Wallraven: Wir als SchulKi­noWochen profi­tieren natürlich davon, dass Festi­val­perlen unser Programm berei­chern. Wir sind zwar auch auf Festivals unterwegs, aber oft frus­triert, wenn wir einen Film gesehen haben, der sich eignen würde, weil man weiß: den bekommen wir nicht in die Kinos. Von daher sind wir sehr dankbar, durch die Koope­ra­tion mit DOXS RUHR die Gele­gen­heit zu bekommen, Filme jenseits des Kino­all­tags in unser Programm einzu­speisen und in Sachen Begleit­ma­te­rial und Film­ver­mitt­lung von der unglaub­li­chen Vorarbeit zu profi­tieren, die von Festivals geleistet wird. Den ersten Aufschlag machen wir in Bremen und NRW, aber ich weiß, dass auch andere Projekt­büros heiß darauf sind.

artechock: Für die SchulKi­noWochen 2027 werden zunächst vier Filme durch das Projekt angeboten. Wie läuft das konkret?

Melika Gothe: Anmel­dungen von Lehr­kräften sind in NRW ab November möglich, in Bremen ab Januar. Wir inter­es­sieren uns besonders für den Moment, in dem sich Lehrer*innen für ihren Film entscheiden. Das DOXS RUHR – Festival*Highlight geht mit einem Bera­tungs­an­gebot einher. Die Idee ist, unsere Begeis­te­rung für die vier Filme in einem persön­li­chen Gespräch zu teilen und einen Raum zu öffnen, in dem Fragen und Erwar­tungen formu­liert werden können. Wir wollen neben Film­schaf­fenden und Programm­ver­ant­wort­li­chen auch LehrerInnen einladen, die im Rahmen von DOXS RUHR mit den Filmen gear­beitet haben. Was kann es Besseres geben, als bereits erprobte Empfeh­lungen von Kolle­gInnen?

Gudrun Sommer: Mit den SchulKi­noWochen Bremen und NRW arbeiten wir schon seit Monaten an diesem Prozess. Aber grund­sätz­lich könnte auch jedes andere Projekt­büro auf diese Filme zugreifen und sie den Kinos in den Bundes­län­dern anbieten.

artechock: Drei der vier Filme werden als fremd­spra­chige OmU-Fassungen angeboten. Ist es auch möglich, die deutschen Dialoge live einspre­chen zu lassen oder richten sich diese Filme ohnehin an ältere oder auch an Klassen, in denen z.B. Spanisch gelernt wird?

Matthias Wallraven: Eher letzteres. Beim Kinder­film­fest lassen wir auch Filme einspre­chen, aber in Bremen ist es nicht leicht, dafür ein Publikum zu finden. Viele können sich nicht vorstellen, wie das mit der Live-Einsprache funk­tio­niert. Wir könnten uns das mit unserem Budget bei den SchulKi­noWochen auch gar nicht leisten. Daher bieten wir OmU-Fassungen eigent­lich erst ab 14 Jahren an.

Gudrun Sommer: Festivals erstellen häufig für Kinder­filme Voice-Over-Fassungen, die nach­haltig genutzt werden könnten. Wenn man weiß, dass ein Film eine Perspek­tive bei den SchulKi­noWochen hat, wäre das ein Grund mehr, in die Sprach­fas­sung zu inves­tieren. Der Aufbau von Struk­turen, die Begleit­ma­te­rial zur Verfügung stellen, deutsche oder auch barrie­re­freie Fassungen möglich machen, braucht Zeit. Aber vieles ist möglich, wenn man im Vorhinein weiß, wofür man es macht.

Matthias Wallraven: Meine Empfeh­lung für die KoKi-Kolle­gInnen: Macht mit bei den SchulKi­noWochen, grade wenn ihr die Möglich­keit habt, selbst ein Programm zu kura­tieren. Es ist die Chance, zukünf­tiges Publikum ins Kino zu bekommen – und das wollen wir doch alle!

Doku­men­ta­ri­sche Festival-High­lights für die SchulKi­noWochen 2027

NIŇXS
Regie: Kani Lapuerta, Mexiko, Deutsch­land 2025, 92 Min. (Missin­gFilms)
Schon der Vorspann verblüfft. Während auf schwarzem Grund die übliche, endlose Reihe von Produk­ti­ons­firmen und Förder­insti­tu­tionen erscheint, hört man Stimmen aus dem Off. Prot­ago­nistin Karla fragt unge­duldig: Wozu gibt es die ganzen Logos? Geht das nicht ein bisschen schneller? Regisseur Kani Lapuerta beant­wortet ihre Fragen in aller Ruhe. Genauso wird er auch während des Films immer wieder mitreden, wenn Karla in ihrer Erzählung hin und her springen will. Mit viel Witz und Charme beschreibt „Niñxs“ Karlas Aufwachsen als Trans-Mädchen in Mexiko. Und ganz beiläufig vermit­telt der Film ein Bewusst­sein für formale Gestal­tung und filmi­sches Erzählen.

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Drei Versuche Der Goji­fi­zie­rung
Regie: Michaela Kobsa-Mark, Deutsch­land 2024, 48 Min. (sixpack Film)
Michaela reicht’s. Sie möchte keine Jüdin mehr sein. Die immer gleichen Erwar­tungen und
Zuschrei­bungen ist sie leid. Mit den Tradi­tionen – ebenso wie mit der Frage: „Wo kommst
du wirklich her?“ – kann sie wenig anfangen. Also will sie raus. Wie jede gute (nicht ganz)
Deutsche hat sie für ihren Flucht­ver­such einen Plan: 3,62 Million Unter­schriften sammeln.
Der erste von drei Versuchen, den komplexen Verstri­ckungen ihrer Zugehö­rig­keit mithilfe
neuer Bündnisse zu entkommen.
Ist Identität eine Frage der Wahl? Ein Selbst­ver­such mit Zuschauer*innen.

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Do You Love Me
Regie: Lana Daher, Frank­reich, Deutsch­land, Katar, Libanon 2025, 79 Min. (Rapid Eye Movies)
»Desori­en­tie­rung ist ganz normal: Will­kommen im Libanon« DO YOU LOVE ME ist eine spie­le­ri­sche und persön­liche Reise durch die audio­vi­su­elle Erin­ne­rung des Libanon, die volls­tändig aus Archiv­ma­te­rial besteht. Es ist ein Liebes­brief an Beirut, der 70 Jahre Film, Fernsehen, Heim­vi­deos und Foto­grafie umfasst und die kollek­tive Psyche der Libanesen erforscht, die von Freude und Intimität, Zers­törung und Verlust geprägt ist. Durch die Augen von Bürgern, Filme­ma­chern und Künstlern rekon­stru­iert der Film eine frag­men­tierte Geschichte in einem Land ohne natio­nales Archiv und feiert den kreativen Ausdruck als Wider­stand, Erneue­rung und Möglich­keit, Erin­ne­rungen zu bewahren.

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The Cowboy
Regie: André Hörmann, Deutsch­land, USA 2025, 89 Min. (Salzgeber)
»Für mich ist es okay, dass ich kein Telefon und keinen Fernseher habe« sagt der elfjäh­rige Crowley. Dafür kann er reiten, trifft aus großer Entfer­nung Blech­büchsen mit dem Gewehr und lebt mit seiner Familie auf einer Ranch in der endlosen Weite von Colorado. Der deutsche Regisseur André Hörmann hat Crowley zehn Jahre lang immer wieder besucht und mit der Kamera begleitet. Der Junge will Cowboy werden und wächst mit klar defi­nierten Werten auf, die Freiheit, eine bestimmte Art von Männ­lich­keit und fami­liären Zusam­men­halt in den Mittel­punkt stellen. Als sein großer Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt, gerät Crowleys Welt ins Wanken.