Dokumentarfilm macht Schule |
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| Die vier Filme des DOXS RUHR – Festival*Highlight | ||
| (Plakat: Doxs Ruhr) | ||
Ralf Krämer im Gespräch mit Melika Gothe (Berlinale Young Audience Development/DOXS RUHR-Projektleitung), Gudrun Sommer (DOXS RUHR-Festivalleitung) und Matthias Wallraven (SchulKinoWochen Bremen, CITY 46/ Kommunalkino Bremen e.V.)
artechock: Die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern und Jugendlichen gilt als gering. Interessiert sich das junge Kinopublikum überhaupt für Dokumentarfilme?
Gudrun Sommer: Da fällt mir direkt der Film Do You Love Me ein. Den hat ein Lehrer einer Gesamtschule mit den Worten empfohlen: Das ist der ideale Film für die Tiktok-Generation. Mit kurzen, clip-artigen Sequenzen erinnert er an das Durchscrollen in Social-Media-Feeds. Das zeigt: auch Medien, mit denen sich die jüngeren Generationen heute umgeben, haben eine ästhetische Geschichte, an die Filme anknüpfen können. Zudem wird unterschätzt, dass Kinder und Jugendlichen eine total heterogene Gruppe sind. Die interessieren sich für vieles und unterschiedliches. Es gilt, diese Vielfalt ernst zu nehmen – ästhetisch wie inhaltlich.
Melika Gothe: Die vermeintliche Reizüberflutung in Do You Love Me kann unmittelbare Anknüpfungspunkte für die Rezeptionspraktiken junger Menschen bieten: einzelne Elemente werden zusammengesetzt, um Logiken zu schaffen. Für uns im Festivalkontext, geht die Frage, was Kinder interessiert auch immer damit einher, welche Gespräche nach einem Film entstehen können. Wir haben beispielsweise die Rückmeldungen von Filmvermittler:innen erhalten, dass sich gerade dann, wenn man die filmische Form entschlüsseln muss, eine weitere Gesprächsebene öffnet. Wenn sich Kinder auf einen Dokumentarfilm einlassen, geht das mit der Faszination einher, in ein anderes Leben reingucken zu können.
Matthias Wallraven: Wir haben beim Kinder- und Jugendfilmfest und bei den SchulKinoWochen Zirkuskind gezeigt. Für die Kinder waren das Darstellende und keine realen Personen. Schon stellen sich die Fragen: Was ist überhaupt Dokumentarfilm? Wie viel ist davon aber auch inszeniert? Für die Kids ist dieses Teilnehmen an realen Geschichten eine besondere Qualität. Lehrkräfte buchen wiederum gern dokumentarische Formate, weil sie glauben, dass sich damit mehr Inhalte vermitteln lassen, als mit Spielfilmen.
artechock: Das DOXS RUHR-Festival ist auf künstlerische und experimentelle Dokumentarfilme fürs junge Publikum spezialisiert. Einige davon werden nun im Rahmen eines Pilotprojekts bei den SchulKinoWochen in NRW und Bremen angeboten. Haben so auch mittellange Filme eine Chance, zu laufen?
Gudrun Sommer: Genau das testen wir mit Drei Versuche der Gojifizierung aus. Dieser mittellange Film wurde bisher von der Filmemacherin selbst verliehen und vertrieben – für die SchulKinoWochen ein Ausschlusskriterium – zumindest für einen größeren bundesweiten Einsatz. Wir haben mit sixpackfilm in Wien nun einen Weltvertrieb gefunden, der die Auswertung betreuen wird. Wie aber können wir über den Einzelfall hinaus eine Struktur für Filme schaffen, die sich für eine schulische Auswertung besonders eignen, aber bisher nicht in der Auswahl von Vision Kino für die SchulKinoWochen vorkamen?
artechock: Vor den Kindern und Jugendlichen müssen die jeweiligen Länderbüros der SchulKinoWochen, die Lehrkräfte und Kinos von den Filmen überzeugt werden. Wie gehen Sie das an?
Melika Gothe: Wir haben großes Vertrauen in diese vier Filme und dass sie gut funktionieren werden. Aber bei den LehrerInnen und Kinos müssen wir uns einen Vertrauensvorschuss noch erarbeiten. Im Rahmen des Projekts suchen wir nach Synergien, um nachhaltiger mit den Filmen und dem Publikum zu arbeiten. Wir Festivals sind ja Teil der deutschen Kinolandschaft, Teil der kulturellen Bildung und fragen uns: Wie kann unsere Arbeit in der weiteren Nutzung der Filme wirksam werden? Festivals, für die es in der Programmgestaltung erstmal keine Rolle spielt, ob ein deutscher Verleih an Bord ist, können beispielsweise die Vorstellungen und Bilder von Kindern und Jugendlichen im deutschen Kino erweitern. Daraus ergibt sich dann die Frage, mit welchen Marketingstrategien können wir unsere Zielgruppe(n) erreichen? Welche Ressourcen gibt es dafür in den Kinos? Was motiviert LehrerInnen sich für Film A oder B zu entscheiden? Was lässt sich aus der Festivalpräsentation auf die reguläre Kinovorführung oder SchulKinoWochen übertragen?
Matthias Wallraven: Wir als SchulKinoWochen profitieren natürlich davon, dass Festivalperlen unser Programm bereichern. Wir sind zwar auch auf Festivals unterwegs, aber oft frustriert, wenn wir einen Film gesehen haben, der sich eignen würde, weil man weiß: den bekommen wir nicht in die Kinos. Von daher sind wir sehr dankbar, durch die Kooperation mit DOXS RUHR die Gelegenheit zu bekommen, Filme jenseits des Kinoalltags in unser Programm einzuspeisen und in Sachen Begleitmaterial und Filmvermittlung von der unglaublichen Vorarbeit zu profitieren, die von Festivals geleistet wird. Den ersten Aufschlag machen wir in Bremen und NRW, aber ich weiß, dass auch andere Projektbüros heiß darauf sind.
artechock: Für die SchulKinoWochen 2027 werden zunächst vier Filme durch das Projekt angeboten. Wie läuft das konkret?
Melika Gothe: Anmeldungen von Lehrkräften sind in NRW ab November möglich, in Bremen ab Januar. Wir interessieren uns besonders für den Moment, in dem sich Lehrer*innen für ihren Film entscheiden. Das DOXS RUHR – Festival*Highlight geht mit einem Beratungsangebot einher. Die Idee ist, unsere Begeisterung für die vier Filme in einem persönlichen Gespräch zu teilen und einen Raum zu öffnen, in dem Fragen und Erwartungen formuliert werden können. Wir wollen neben Filmschaffenden und Programmverantwortlichen auch LehrerInnen einladen, die im Rahmen von DOXS RUHR mit den Filmen gearbeitet haben. Was kann es Besseres geben, als bereits erprobte Empfehlungen von KollegInnen?
Gudrun Sommer: Mit den SchulKinoWochen Bremen und NRW arbeiten wir schon seit Monaten an diesem Prozess. Aber grundsätzlich könnte auch jedes andere Projektbüro auf diese Filme zugreifen und sie den Kinos in den Bundesländern anbieten.
artechock: Drei der vier Filme werden als fremdsprachige OmU-Fassungen angeboten. Ist es auch möglich, die deutschen Dialoge live einsprechen zu lassen oder richten sich diese Filme ohnehin an ältere oder auch an Klassen, in denen z.B. Spanisch gelernt wird?
Matthias Wallraven: Eher letzteres. Beim Kinderfilmfest lassen wir auch Filme einsprechen, aber in Bremen ist es nicht leicht, dafür ein Publikum zu finden. Viele können sich nicht vorstellen, wie das mit der Live-Einsprache funktioniert. Wir könnten uns das mit unserem Budget bei den SchulKinoWochen auch gar nicht leisten. Daher bieten wir OmU-Fassungen eigentlich erst ab 14 Jahren an.
Gudrun Sommer: Festivals erstellen häufig für Kinderfilme Voice-Over-Fassungen, die nachhaltig genutzt werden könnten. Wenn man weiß, dass ein Film eine Perspektive bei den SchulKinoWochen hat, wäre das ein Grund mehr, in die Sprachfassung zu investieren. Der Aufbau von Strukturen, die Begleitmaterial zur Verfügung stellen, deutsche oder auch barrierefreie Fassungen möglich machen, braucht Zeit. Aber vieles ist möglich, wenn man im Vorhinein weiß, wofür man es macht.
Matthias Wallraven: Meine Empfehlung für die KoKi-KollegInnen: Macht mit bei den SchulKinoWochen, grade wenn ihr die Möglichkeit habt, selbst ein Programm zu kuratieren. Es ist die Chance, zukünftiges Publikum ins Kino zu bekommen – und das wollen wir doch alle!
NIŇXS
Regie: Kani Lapuerta, Mexiko, Deutschland 2025, 92 Min. (MissingFilms)
Schon der Vorspann verblüfft. Während auf schwarzem Grund die übliche, endlose Reihe von Produktionsfirmen und Förderinstitutionen erscheint, hört man Stimmen aus dem Off. Protagonistin Karla fragt ungeduldig: Wozu gibt es die ganzen Logos? Geht das nicht ein bisschen schneller? Regisseur Kani Lapuerta beantwortet ihre Fragen in aller Ruhe. Genauso wird er auch während
des Films immer wieder mitreden, wenn Karla in ihrer Erzählung hin und her springen will. Mit viel Witz und Charme beschreibt „Niñxs“ Karlas Aufwachsen als Trans-Mädchen in Mexiko. Und ganz beiläufig vermittelt der Film ein Bewusstsein für formale Gestaltung und filmisches Erzählen.
+ + +
Drei Versuche Der Gojifizierung
Regie: Michaela Kobsa-Mark, Deutschland 2024, 48 Min. (sixpack Film)
Michaela reicht’s. Sie möchte keine Jüdin mehr sein. Die immer gleichen Erwartungen und
Zuschreibungen ist sie leid. Mit den Traditionen – ebenso wie mit der Frage: „Wo kommst
du wirklich her?“ – kann sie wenig anfangen. Also will sie raus. Wie jede gute (nicht ganz)
Deutsche hat sie für ihren Fluchtversuch einen
Plan: 3,62 Million Unterschriften sammeln.
Der erste von drei Versuchen, den komplexen Verstrickungen ihrer Zugehörigkeit mithilfe
neuer Bündnisse zu entkommen.
Ist Identität eine Frage der Wahl? Ein Selbstversuch mit Zuschauer*innen.
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Do You Love Me
Regie: Lana Daher, Frankreich, Deutschland, Katar, Libanon 2025, 79 Min. (Rapid Eye Movies)
»Desorientierung ist ganz normal: Willkommen im Libanon« DO YOU LOVE ME ist eine spielerische und persönliche Reise durch die audiovisuelle Erinnerung des Libanon, die vollständig aus Archivmaterial besteht. Es ist ein Liebesbrief an Beirut,
der 70 Jahre Film, Fernsehen, Heimvideos und Fotografie umfasst und die kollektive Psyche der Libanesen erforscht, die von Freude und Intimität, Zerstörung und Verlust geprägt ist. Durch die Augen von Bürgern, Filmemachern und Künstlern rekonstruiert der Film eine fragmentierte Geschichte in einem Land ohne nationales Archiv und feiert den kreativen Ausdruck als Widerstand, Erneuerung und Möglichkeit, Erinnerungen zu bewahren.
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The Cowboy
Regie: André Hörmann, Deutschland, USA 2025, 89 Min. (Salzgeber)
»Für mich ist es okay, dass ich kein Telefon und keinen Fernseher habe« sagt der elfjährige Crowley. Dafür kann er reiten, trifft aus großer Entfernung Blechbüchsen mit dem Gewehr und lebt mit seiner Familie auf einer Ranch in der endlosen Weite von Colorado. Der deutsche Regisseur André
Hörmann hat Crowley zehn Jahre lang immer wieder besucht und mit der Kamera begleitet. Der Junge will Cowboy werden und wächst mit klar definierten Werten auf, die Freiheit, eine bestimmte Art von Männlichkeit und familiären Zusammenhalt in den Mittelpunkt stellen. Als sein großer Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt, gerät Crowleys Welt ins Wanken.