19.03.2026

Aus Verletzlichkeit wird Stärke

Mira
Ellen Edith Pultz-Hansen in Marie Limkildes Mira
(Foto: Buff #43)

Junge Mädchen stehen im Mittelpunkt der europäischen Familienfilme beim 43. BUFF Malmö Film Festival

Von Annika Gustafsson

Die Stop-Motion-Animation Olivia and the Invisible Earth­quake (L’Olivia i el terra­trèmol invisible, Spanien/Chile/Frank­reich/Belgien/Schweiz 2025) unter der Regie von Irene Iborra wurde beim BUFF Malmö Film Festival mit dem Kinder­film­preis der Stadt Malmö ausge­zeichnet – der höchsten Ehrung des tradi­ti­ons­rei­chen Festivals. Ein würdiger Gewinner, der bemer­kens­werte Gemein­sam­keiten mit mehreren der acht Beiträge im Wett­be­werb um den besten Kinder­film aufweist, und nicht nur dort, sondern auch im Wett­be­werb um den besten Jugend­film. Besonders erfreu­lich ist dabei, dass Mädchen und junge Teen­age­rinnen im Mittel­punkt stehen – nachdem Geschichten über Jungen den inter­na­tio­nalen Kinder­film über viele Jahre hinweg dominiert haben.

Die zwölf­jäh­rige Olivia lebt mit ihrem kleinen Bruder Tim und ihrer arbeits­losen Mutter zusammen, einer Schau­spie­lerin, die vergeb­lich versucht, Rollen in Werbe­spots zu ergattern. Der Vater existiert für die Geschwister nur in ihren Träumen. Passend dazu lautet das Thema des Festivals 2026 übrigens „Träume und Albträume“. Als die Hypothek nicht mehr bezahlt werden kann, wird die Familie zwangs­geräumt und in eine herun­ter­ge­kom­mene Wohnung in einem Wohn­kom­plex für Menschen in finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten umge­sie­delt. Um Tim die schmerz­haften Verän­de­rungen zu erleich­tern, behauptet Olivia, all das sei Teil eines Horror­films, den sie auf ihrem Handy dreht.

Das im Kern sozi­al­rea­lis­ti­sche Drama besticht durch eine außer­ge­wöhn­lich prägnante visuelle Sprache: Olivias Gefühle mate­ria­li­sieren sich buchs­täb­lich als Risse in Wänden, Böden und Straßen, als würde die Welt um sie herum ausein­an­der­bre­chen. In einer Szene stürzt sie sogar ins Meer, wo ein bedroh­li­cher Hai kreist. Immer wieder scheint sie den Halt zu verlieren – sowohl wörtlich als auch meta­pho­risch. Eine ebenso poetische wie wirkungs­volle Bild­sprache.

Doch ein Kinder­film darf nicht ausschließ­lich düster sein, selbst wenn er reale Probleme wie Arbeits­lo­sig­keit schildert und auf den krisen­ge­schüt­telten europäi­schen Wohnungs­markt verweist. Auch jungen Zuschaue­rinnen und Zuschauern müssen Licht und Hoffnung geboten werden. Olivia und Tim begegnen in ihrer neuen Nach­bar­schaft kreativen und soli­da­ri­schen Menschen, die schließ­lich zu einer Demons­tra­tion gegen die aktuelle Situation auf dem Wohnungs­markt aufrufen – unter dem histo­ri­schen Slogan „No pasarán“, der im Kampf gegen den Faschismus während des Spani­schen Bürger­kriegs (1936–1939) geprägt wurde. Dadurch gewinnt die Geschichte eine zusätz­liche histo­ri­sche Dimension, was in zeit­genös­si­schen Kinder­filmen eher selten ist, sich jedoch hervor­ra­gend für den Unter­richt eignet, da das Haupt­pu­blikum des BUFF tagsüber aus Schul­klassen aus Malmö und den umlie­genden Gemeinden besteht.

Auch der Spielfilm Mira (Dänemark 2025) unter der Regie von Marie Limkilde nutzt gezielt Anima­ti­ons­ele­mente, um die Gefühls­welt seiner zwölf­jäh­rigen Haupt­figur sichtbar zu machen – insbe­son­dere in den Momenten, in denen Mira ihrem Tagebuch ihre Gedanken anver­traut. Der Film basiert auf drei Comic­bänden von Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi.

Mira, über­zeu­gend und nuanciert gespielt von der Debü­tantin Ellen Edith Pultz-Hansen, lebt mit ihrer allein­er­zie­henden Mutter im Zentrum von Kopen­hagen, dessen urbane Atmo­sphäre der Film mit viel Lokal­ko­lorit einfängt. Am liebsten verbringt Mira ihre Freizeit mit ihren Freunden Louis und Naja, mit denen sie aus wegge­wor­fenem Material kleine Kunst­werke baut. Doch die Welt der sozialen Medien spielt eine immer größere Rolle – besonders nachdem Beate neu in die Klasse kommt. Sie hat zahl­reiche Follower auf ihrem Instagram-Account, auf dem sie über Make-up, Jungs und erste Verliebt­heiten spricht. Bald beginnt Naja, sich stärker an Beate und ihrem Kreis zu orien­tieren, zu dem Mira keinen Zugang hat – nicht zuletzt, weil sie selbst noch nie verliebt war.

Marie Limkilde verknüpft diese Freund­schafts­krise über­zeu­gend mit wieder­keh­renden Fragen nach Miras unbe­kanntem leib­li­chen Vater. Die Mutter führt häufig wech­selnde Bezie­hungen, was Miras Nach­denken über Liebe und Bindung weiter verstärkt. Einen stabilen Anker­punkt bildet in ihrem Leben allein die verläss­liche Groß­mutter.

In Mira verbinden sich das facet­ten­reiche Drehbuch, die präzise Kame­rafüh­rung und die über­zeu­genden schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen zu einem stimmigen, durch­dachten Film, der eine Realität abbildet, die vielen Familien – und insbe­son­dere jungen Zuschaue­rinnen und Zuschauern – vertraut sein dürfte. Die Schul­vor­füh­rung im Rahmen des BUFF machte deutlich, wie stark der Film sein Publikum zu fesseln vermag.

Mira verhan­delt auf ernste, zugleich spannende und durchaus unter­halt­same Weise das Verhältnis zwischen der Welt der Erwach­senen und der heran­wach­senden Gene­ra­tion – mit anderen Worten: ein univer­selles Thema. Auf den ersten Blick fehlt ihm viel­leicht die scharfe gesell­schafts­kri­ti­sche Zuspit­zung von Olivia and the Invisible Earth­quake. Doch je länger der Film nachwirkt, desto deut­li­cher entfaltet sich seine stille, nach­hal­tige Tiefe.
Ich verlasse das BUFF schließ­lich mit der Über­zeu­gung, dass das Kinder- und Jugend­kino weiterhin über ein enormes kreatives und thema­ti­sches Potenzial verfügt. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren entstanden einige der inno­va­tivsten und mutigsten schwe­di­schen Filme gerade im Bereich des Kinder­films – etwa durch Regis­seu­rinnen wie Suzanne Osten oder Marie-Louise Ekman. Eine Zeit, an die man sich mit einer gewissen Nostalgie erinnert – und die zugleich für das 1984 gegrün­dete BUFF bis heute prägend geblieben ist.