Aus Verletzlichkeit wird Stärke |
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| Ellen Edith Pultz-Hansen in Marie Limkildes Mira | ||
| (Foto: Buff #43) | ||
Die Stop-Motion-Animation Olivia and the Invisible Earthquake (L’Olivia i el terratrèmol invisible, Spanien/Chile/Frankreich/Belgien/Schweiz 2025) unter der Regie von Irene Iborra wurde beim BUFF Malmö Film Festival mit dem Kinderfilmpreis der Stadt Malmö ausgezeichnet – der höchsten Ehrung des traditionsreichen Festivals. Ein würdiger Gewinner, der bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit mehreren der acht Beiträge im Wettbewerb um den besten Kinderfilm aufweist, und nicht nur dort, sondern auch im Wettbewerb um den besten Jugendfilm. Besonders erfreulich ist dabei, dass Mädchen und junge Teenagerinnen im Mittelpunkt stehen – nachdem Geschichten über Jungen den internationalen Kinderfilm über viele Jahre hinweg dominiert haben.
Die zwölfjährige Olivia lebt mit ihrem kleinen Bruder Tim und ihrer arbeitslosen Mutter zusammen, einer Schauspielerin, die vergeblich versucht, Rollen in Werbespots zu ergattern. Der Vater existiert für die Geschwister nur in ihren Träumen. Passend dazu lautet das Thema des Festivals 2026 übrigens „Träume und Albträume“. Als die Hypothek nicht mehr bezahlt werden kann, wird die Familie zwangsgeräumt und in eine heruntergekommene Wohnung in einem Wohnkomplex für Menschen in finanziellen Schwierigkeiten umgesiedelt. Um Tim die schmerzhaften Veränderungen zu erleichtern, behauptet Olivia, all das sei Teil eines Horrorfilms, den sie auf ihrem Handy dreht.
Das im Kern sozialrealistische Drama besticht durch eine außergewöhnlich prägnante visuelle Sprache: Olivias Gefühle materialisieren sich buchstäblich als Risse in Wänden, Böden und Straßen, als würde die Welt um sie herum auseinanderbrechen. In einer Szene stürzt sie sogar ins Meer, wo ein bedrohlicher Hai kreist. Immer wieder scheint sie den Halt zu verlieren – sowohl wörtlich als auch metaphorisch. Eine ebenso poetische wie wirkungsvolle Bildsprache.
Doch ein Kinderfilm darf nicht ausschließlich düster sein, selbst wenn er reale Probleme wie Arbeitslosigkeit schildert und auf den krisengeschüttelten europäischen Wohnungsmarkt verweist. Auch jungen Zuschauerinnen und Zuschauern müssen Licht und Hoffnung geboten werden. Olivia und Tim begegnen in ihrer neuen Nachbarschaft kreativen und solidarischen Menschen, die schließlich zu einer Demonstration gegen die aktuelle Situation auf dem Wohnungsmarkt aufrufen – unter dem historischen Slogan „No pasarán“, der im Kampf gegen den Faschismus während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) geprägt wurde. Dadurch gewinnt die Geschichte eine zusätzliche historische Dimension, was in zeitgenössischen Kinderfilmen eher selten ist, sich jedoch hervorragend für den Unterricht eignet, da das Hauptpublikum des BUFF tagsüber aus Schulklassen aus Malmö und den umliegenden Gemeinden besteht.
Auch der Spielfilm Mira (Dänemark 2025) unter der Regie von Marie Limkilde nutzt gezielt Animationselemente, um die Gefühlswelt seiner zwölfjährigen Hauptfigur sichtbar zu machen – insbesondere in den Momenten, in denen Mira ihrem Tagebuch ihre Gedanken anvertraut. Der Film basiert auf drei Comicbänden von Sabine Lemire und Rasmus Bregnhøi.
Mira, überzeugend und nuanciert gespielt von der Debütantin Ellen Edith Pultz-Hansen, lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter im Zentrum von Kopenhagen, dessen urbane Atmosphäre der Film mit viel Lokalkolorit einfängt. Am liebsten verbringt Mira ihre Freizeit mit ihren Freunden Louis und Naja, mit denen sie aus weggeworfenem Material kleine Kunstwerke baut. Doch die Welt der sozialen Medien spielt eine immer größere Rolle – besonders nachdem Beate neu in die Klasse kommt. Sie hat zahlreiche Follower auf ihrem Instagram-Account, auf dem sie über Make-up, Jungs und erste Verliebtheiten spricht. Bald beginnt Naja, sich stärker an Beate und ihrem Kreis zu orientieren, zu dem Mira keinen Zugang hat – nicht zuletzt, weil sie selbst noch nie verliebt war.
Marie Limkilde verknüpft diese Freundschaftskrise überzeugend mit wiederkehrenden Fragen nach Miras unbekanntem leiblichen Vater. Die Mutter führt häufig wechselnde Beziehungen, was Miras Nachdenken über Liebe und Bindung weiter verstärkt. Einen stabilen Ankerpunkt bildet in ihrem Leben allein die verlässliche Großmutter.
In Mira verbinden sich das facettenreiche Drehbuch, die präzise Kameraführung und die überzeugenden schauspielerischen Leistungen zu einem stimmigen, durchdachten Film, der eine Realität abbildet, die vielen Familien – und insbesondere jungen Zuschauerinnen und Zuschauern – vertraut sein dürfte. Die Schulvorführung im Rahmen des BUFF machte deutlich, wie stark der Film sein Publikum zu fesseln vermag.
Mira verhandelt auf ernste, zugleich spannende und durchaus unterhaltsame Weise das Verhältnis zwischen der Welt der Erwachsenen und der heranwachsenden Generation – mit anderen Worten: ein universelles Thema. Auf den ersten Blick fehlt ihm vielleicht die scharfe gesellschaftskritische Zuspitzung von Olivia and the Invisible Earthquake. Doch je länger der Film nachwirkt, desto deutlicher entfaltet sich seine stille, nachhaltige Tiefe.
Ich verlasse das BUFF schließlich mit der Überzeugung, dass das Kinder- und Jugendkino weiterhin über ein enormes kreatives und thematisches Potenzial verfügt. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren entstanden einige der
innovativsten und mutigsten schwedischen Filme gerade im Bereich des Kinderfilms – etwa durch Regisseurinnen wie Suzanne Osten oder Marie-Louise Ekman. Eine Zeit, an die man sich mit einer gewissen Nostalgie erinnert – und die zugleich für das 1984 gegründete BUFF
bis heute prägend geblieben ist.