Widerstand gegen den dramaturgischen Druck |
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| Gespräche und Tischrunden treiben das Abenteuer immer tiefer in die Nacht | ||
| (Foto: Piffl) | ||
Es hat nicht viel geregnet in diesem Sommer. Aber ausgerechnet vor der ersten Vorführung von Das geträumte Abenteuer mit Publikum auf dem Filmfest München – es war die erste Vorstellung nach Cannes – ging in München ein Platzregen nieder. Valeska Grisebach lief nur 20 Meter durch den Regen und beschloss dann, klatschnass, wieder kehrtzumachen. Viele sind zu spät zur Vorstellung gekommen, aber sie war schön, erzählt sie.
Das Gespräch führte Dunja Bialas
artechock: Das geträumte Abenteuer erinnert in vielem an deinen Film Western vor fast 10 Jahren. Durch die Genrebezüge, aber auch durch den abgelegenen Ort, der wieder in Bulgarien in einer Grenzregion liegt. Wo befinden wir uns und wie hat es dich dort hingeführt?
Valeska Grisebach: Wir sind, ausgehend von der Region im Südwesten, die wir aus Western kannten, die Grenze immer weitergefahren, bis zu Swilengrad, einem Grenzort im Dreiländereck von Bulgarien, Griechenland und derTürkei. Grenzregionen interessieren mich ganz allgemein als Raum. Sie sind Projektionsflächen für Abenteuer, Schmuggel, Versteck, aber es sind natürlich auch zeitgenössische, konkrete Orte. Bei Swilengrad liegt der größte Grenzübergang Europas und der zweitgrößte der Welt. Ich wusste nicht von vorneherein, dass wir dort drehen werden, erst nachdem wir mit den Menschen in Kontakt gekommen sind, mit vielen Frauen: Da ging plötzlich eine Erzählung los. Und ich wusste, dass dies genau der Ort ist, wo wir diesen Film machen sollten.
Zuerst kam die Abenteuerreise von Valeska, und dann der Film?
Es existierte schon vor der Reise das Fragment einer Erzählung, eine bestimmte Fragestellung, mit der wir losgezogen sind. Seit Western wusste ich, dass ich eine Frauenfigur mit einem männlich besetzten Genre interagieren lassen wollte, und ich wollte Erfahrungen aus der Nachwendezeit erzählen. Mich berührt, wie wir gesamteuropäisch durch die Erfahrung der Wende miteinander verbunden, diese Erfahrungen aber komplett unterschiedlich sind. Die 90er-Jahre in Bulgarien haben wenig mit den 90er-Jahren zu tun, die ich in West-Berlin erlebt habe. Ich hörte in Bulgarien immer wieder die Worte von einer männlichen Zeit und dass die Zeit keine Zeit für die Frauen war. Oder dass sie eine Zeit wie im Krieg war. Diese Kodierung verband sich mit meinem Interesse für die eher männlichen Genres und gab den Startpunkt für die Recherche, in der wir mit vielen Frauen und Männern dieser Generation sprachen.
Das »goldene Zeitalter der Männer«, wie es einmal im Film heißt, ist zum Zeitpunkt der Handlung schon vorbei. Veska, die Protagonistin des Films, spürt ihm nach und dringt dabei immer tiefer in die Mannosphäre ein. Das macht sie zur Heldin in einem Film, in dem sich ganz viele Western- mit Gangster-Elementen überlagern. Die Region, von der du sprichst, könnte auch die Frontier der EU sein. Die absolute Außengrenze, über die es nicht hinausgeht. Welche Rolle spielt diesmal der Western für dich?
Ich habe viel weniger bewusst über die Western-Konstruktion nachgedacht, obwohl sie natürlich mitgelaufen ist. Diese konfliktreiche, vielleicht auch kriegerische Erzählung brauchte genau diese Frontier, um aber auch genau von dem Gegenteil zu erzählen, dem Widerstand. Es geht um die Vergangenheit, aber auch darum, wie gegenwärtig sie ist: Die Heldenerzählungen und der Anspruch auf Machterzählungen sind gerade jetzt wieder sehr präsent. Es gibt einen unheimlichen Backlash. Ich fand es interessant, in der Vergangenheit etwas Aktuelles wiederzuentdecken.
Wie gefährlich ist es, aktuelle mafiöse Strukturen zu thematisieren?
Es gehört zu meinem Beruf, soweit es geht, aufzupassen. Wir hatten ein Netz an Leuten, die uns zu anderen Menschen gebracht haben, bei denen wir dadurch einen Leumund hatten. Je länger man sich kennt, desto mehr wächst dieses Vertrauen. Es gab natürlich auch welche, die mit niemandem sprechen wollten. In der Grenzregion werden viele Geschäfte gemacht, legale und illegale. Da rollt eine wirklich fette Kugel! Für mich ist es sehr verständlich, dass jeder etwas von diesem Kuchen abbekommen möchte. Dabei entsteht viel Kreativität. Das enthält auch der Begriff »Dalavera«, der im Film fällt. Das Wort kommt aus dem Türkischen und meint ein Geschäft, ein legales oder einen Betrug. Auf jeden Fall werden hier kreativ die Möglichkeiten einer Situation ausgeschöpft. Das tollste Dalavera ist eins, an dem alle verdienen. Eine Frau hat einmal zu mir gesagt: Was für dich ein Gangster ist, ist für uns überhaupt kein Gangster. Das hat auch mit dieser Form von Kreativität zu tun.
Diese Normalität teilt sich immer wieder mit. Iliya, der Mafia-Boss, lebt in seiner Villa mit Leibwächtern und präsentiert sich gleichzeitig als Familienvater. Die klassische Opposition zwischen Gut und Böse löst sich auf. Auch in der Verbundenheit der Figuren durch ihre gemeinsame Vergangenheit.
Ja, es ist eine ambivalente Geschichte, weil die letztlich feudalistischen Strukturen Machtverhältnisse bedeuten, in denen man sich auch bewegen kann. Veska ist eine Figur, die das hinterfragt. Die Machtverhältnisse sind für sie mit sehr konkreten und schmerzhaften Erfahrungen verbunden. Erst einmal aber beobachtet sie und trifft daraus Entscheidungen.
Ist Veska ein Alter Ego von Valeska? Das geht mit der Namensähnlichkeit los…
Das wurde zu einem Scherz unter uns allen! Da hat mir mein Unterbewusstsein einen Streich gespielt, Ich habe tatsächlich zwei tolle – beeindruckendste – Frauen kennengelernt, die Veska hießen. Es war eine Verbeugung vor ihnen, diesen Namen zu wählen. Während des Drehs wurden unsere Namen dann immer verwechselt.
Und ihr seht euch auch ähnlich.
Ja, ich versuche das jetzt mit Humor zu nehmen…
Die Archäologin als Stellvertreterin der Filmemacherin hat tatsächlich auch etwas Motivisches, weil du viel mit Recherche arbeitest. Auch bei dir gibt es dieses Nachforschen, das Tiefergraben, das Aufspüren von Geschichten. Das kommt mir weniger wie ein dokumentarisches Vorgehen vor, mehr wie die Arbeit einer Archäologin.
Das war für mich eine hilfreiche Verbindung für die Figur von Veska. Hätte ich mir ihren Beruf in Berlin am Schreibtisch ausgedacht, hätte ich mir gesagt: Na, das ist aber ein bisschen zu dick Butter aufs Brot! In der Recherche kam ich an diesen Ort mit dem Turm, an dem tatsächlich ein archäologisches Team gearbeitet hat. Eine Frau aus Sofia hat das Team geleitet. Plötzlich erschien es schlüssig, dass das ein Motiv sein könnte, das die Figuren begleitet. Es geht darum, sich mit etwas zu beschäftigen, das vergraben ist, das Auge fürs Detail zu haben und eine große Aufmerksamkeit für die Umgebung mitzubringen.
Du hast den Film als Erinnerungsarbeit erzählt und viel Handlung in die Dialoge gelegt. Man muss höllisch aufpassen, während die Oberflächenstruktur ganz einfach ist. Ein Hin und Her, bei dem man die Region mit den Figuren im Auto erkundet. Erst die Dialoge bringen alles zum Vorschein. Wieso hast du dich dafür entschieden?
Die Konflikterzählung entwickelt einen großen Druck und schreit eigentlich nach einem Duell. Das wollte ich nicht bedienen. Wie aber lässt sich über die Frage, wer stark und wer schwach ist, sonst erzählen? Da sind die Erzählungen, die Tischrunden, in denen die Menschen zusammensitzen und gemeinsam in den Geschichten stecken. Das ist für mich ein Widerstand gegen diesen dramaturgischen Druck.
Und wie hast du mit den Schauspielern gearbeitet, die ja Laien sind und für die viel Text auch eine Herausforderung darstellt?
Den vielen Text musste ich dann auch zur Seite legen. Es ging so: Wir sitzen zusammen, und ich erzähle den Dialog. Das geht über Stunden. Teilweise haben wir das in Proben gestellt. Der Dialog wird von Mund zu Mund weitergereicht und dabei verändert. Beim Drehen haben wir dann gesehen, was funktioniert und was nicht. Die Wiederholungen hatten auch so etwas wie Textlernen, das wird dann stabil. Sie haben mir auch Dialoge angeboten, da kommen dann die Lebenserfahrung, ihr Wissen und vor allem auch ihre Sprache hinein. Die Ideen sind Geschenke des Ensembles, das die langen Dialogpassagen bewältigt hat. Ich war sehr beeindruckt. Die Zeit spielt eine große Rolle, und die Sicherheit, die ich wiederum herstellen kann.
Du hast mit einem rein bulgarischen Cast gedreht. Wie fühlte sich das an?
Zuerst dachte ich: Was mache ich da eigentlich, als deutsche Regisseurin in Bulgarien? Ich bin gespannt, wie es wird, wenn der Film in Bulgarien gesehen wird. Zentral ist die Frage: Wer erzählt hier wessen Geschichte? Filmemachen hat aber viel damit zu tun, dass man etwas nicht weiß und deshalb mit Menschen in Kontakt tritt.
[Anmerkung: Das geträumte Abenteuer geht für Bulgarien als offizieller Kandidat in der Kategorie »Bester internationaler Spielfilm« für die Oscars ins Rennen.]
Der Titel »Das geträumte Abenteuer« spannt einen großen Interpretationsraum auf. Der Film spielt viel in der Nacht und hat dadurch etwas Traumhaftes, Phantasmagorisches. Wie die Villa mit der Party, die viel von Sehnsüchten erzählt, aber auch von Macht und Ohnmacht. Was ist für dich das Geträumte?
Die männlichen Genres funktionieren wie eine Kulisse, auf die die Frau schaut, von außen. Sie macht das fast wie eine Voyeurin. Und dann tut sie einen Schritt hinein. Das hat auch mit meiner Seherfahrung als Frau in Bezug auf diese Filme zu tun. Als Frau ist man aus der Erzählung ausgeschlossen und mit dem männlichen Blick konfrontiert.
Veska ist nicht komplett Teil des Abenteuers…
Gleichzeitig ist da auch die Anziehung und etwas sehr Gewalttätiges. Es ist eine sehr ambivalente Geschichte.
Die sich auf die Vergangenheit bezieht. Sie ist da und trotzdem auch nicht richtig da.
Die Gewalterzählungen aus der Zeit und die Idee, dass die Nächte den Männern gehörten, dass die Orte nicht für Frauen waren, das alles liegt in dem Geträumten … Ich kann aber auch verstehen, dass man als Frau genau dorthin will. In diesen Nächten lag ein großes Versprechen. Tanzen gehen, Sexualität, Macht. Das Geld, das da geflossen ist, daran wollte man teilhaben, obwohl es gefährlich ist. Das ist das Abenteuer.