Das Kino als Labor der Wirklichkeit |
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| Filme dürfen auch überfordern: Lana Dahers Do You Love Me | ||
| (Foto: Lana Daher) | ||
Von Axel Timo Purr
Es gibt Festivals, die jedes Jahr größer werden wollen. Mehr Filme, mehr Gäste, mehr Veranstaltungen, mehr Aufmerksamkeit. Und es gibt Festivals, die sich die Freiheit nehmen, genau das Gegenteil zu versuchen. Die 14. Ausgabe von DOXS RUHR, dem Dokumentarfilmfestival für junges Publikum, hat sich für Letzteres entschieden. Statt eines vierzigseitigen Programmkatalogs gab es gerade einmal acht Seiten, weniger Filme, dafür mehr Raum für Begegnungen, Diskussionen und Experimente. Ein „Festivalforschungsfreisemester“, wie die Festivalmacher:innen ihre diesjährige Ausgabe selbst bezeichneten. Kein Rückzug, sondern ein Aufbruch unter veränderten Vorzeichen.
Unter dem Motto „Reworking Reality“ ging es vom 7. bis 18. Oktober in sieben Städten des Ruhrgebiets um weit mehr als die Vermittlung dokumentarischer Bilder. Es ging um die Frage, wem diese Bilder gehören, wer sie interpretiert und wie sich die gewohnten Hierarchien zwischen Filmschaffenden, Vermittler:innen und Publikum aufbrechen lassen. Rund 2.500 Schüler:innen besuchten die morgendlichen und mittäglichen Schulvorführungen, weitere 650 Menschen die abendlichen Veranstaltungen des jungen kuratorischen Netzwerks kino.for you. Ein Festival also, das sich nicht nur für die Wirklichkeit interessiert, die seine Filme zeigen, sondern ebenso für jene, die im Kinosaal entsteht. Das ist kein geringer Anspruch und einer, der erstaunlich oft eingelöst wurde.
Schon der Eröffnungsfilm hätte kaum besser gewählt sein können. In Dies ist kein französischer Film („Ceci n’est pas un film français“) von Tom Adjibi, einer belgisch-französischen Produktion, wird das dokumentarische Filmemachen selbst zum Gegenstand einer zunehmend grotesken Selbstbefragung. Adjibi will einen Film über seine Erfahrungen als rassifizierter Schauspieler in Brüssel drehen. Doch kaum hat er begonnen, zerfallen seine vermeintlichen Gewissheiten. Wer darf über Rassismus sprechen? Wer will überhaupt darüber sprechen? Warum verweigern Kolleg:innen Interviews über die stereotypen Rollen, auf die sie immer wieder reduziert werden? Und wie lässt sich ein Filmteam bezahlen, wenn das Geld fehlt? Vielleicht hilft zunächst ein Schreibworkshop in der Bretagne. Was wie eine Satire auf die Filmindustrie beginnt, entwickelt sich zu einer ebenso komischen wie ernsthaften Reflexion über die Widersprüche des eigenen Vorhabens. Ein Film, der sich selbst nicht schont, sondern beständig seine Voraussetzungen infrage stellt. Damit formuliert er gewissermaßen das künstlerische Programm dieser Festivalausgabe: Die Bereitschaft, Unsicherheit nicht als Defizit zu begreifen, sondern als Voraussetzung für Erkenntnis.
Wie produktiv dieser Ansatz sein kann, zeigte sich an einem Mittwochmorgen in der Lichtburg, dem altehrwürdigen Kino Gelsenkirchens. Dort lief unter anderem der zwanzigminütige niederländische Dokumentarfilm Lante Kluiving, der sich mit dem Stottern und dem alltäglichen Kampf um sprachliche Selbstbestimmung auseinandersetzt. Das Ticken einer Uhr wird dabei zum akustischen Ausdruck einer Gesellschaft, in der Kommunikation immer schneller
und reibungsloser funktionieren soll. Doch was bedeutet das für jemanden, für den jedes Wort eine Anstrengung ist?
Ein Film über eine Behinderung, der zugleich die vermeintliche Selbstverständlichkeit eines gesellschaftlichen Ideals infrage stellt: jederzeit verfügbar zu sein, jederzeit antworten zu können, jederzeit die richtigen Worte zu finden.
Ein Lehrer stellte nach der Vorführung eine Verbindung zur Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher in Gelsenkirchen her,
wo zahlreiche Schüler:innen Deutsch nicht als Erstsprache sprechen. Die Erfahrung, sich nicht selbstverständlich ausdrücken zu können, sei ihnen keineswegs fremd.
Noch bemerkenswerter war allerdings, was im Kinosaal selbst geschah. Die Filmvermittlerin zog sich zurück und überließ Schüler:innen aus dem Publikum die Moderation. Was zunächst wie ein pädagogisches Wagnis wirken mochte, funktionierte überraschend gut. Die Jugendlichen stellten Fragen, reagierten aufeinander, fanden eigene Zugänge zu einem Film, den mancher Erwachsene vielleicht für zu sperrig gehalten hätte.
Und genau darin lag die besondere Qualität der diesjährigen Ausgabe. In Workshops und Fortbildungen zu Ableismus und Disability Studies, Adultismus, Körperkommunikation und Moderationstechniken wurde immer wieder untersucht, wie sich die Machtverhältnisse der Filmvermittlung verändern lassen. Nicht der Erwachsene erklärt dem Kind die Welt, sondern unterschiedliche Perspektiven treten in einen Austausch, dessen Ergebnis nicht bereits feststeht. Dass dazu auch Filme gehören, die sich einem schnellen Verständnis verweigern, demonstrierte das Programm eindrucksvoll.
Im selben Gelsenkirchener Kino lief etwa Air Horse One von Asse Linder, ein grandios fotografierter und inszenierter Film über Legacy, ein erfolgreiches Turnierpferd, das als kostbare Fracht um die Welt geflogen wird. Was zunächst wie ein etwas exzentrisches Porträt aus dem internationalen Pferdesport erscheint, entpuppt sich als präzise Beobachtung einer durchökonomisierten Welt, in der selbst die Fürsorge für ein Tier Teil seiner vollständigen Instrumentalisierung geworden ist. Die Mechanisierung des Spitzensports, das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Kapital, zwischen Zuneigung und Verwertung; all das wird sichtbar, ohne dass der Film seine Fragen didaktisch ausbuchstabieren müsste.
An einem anderen Morgen, im Dortmunder Lichtspiel- und Kunsttheater, entwickelte sich aus einem Kurzfilmprogramm ein kleines Panorama dokumentarischer Möglichkeiten: Mariola Brillowskas vierminütiger Animationsfilm Polly Pocket verwandelt ein gefundenes Puppenkleid in ein vergnügliches Spiel mit Repräsentation, Kunst und Andersens Des Kaisers neue Kleider. Eine winzige, hochkomische Versuchsanordnung, die ganz nebenbei die Bedingungen ihrer eigenen Inszenierung reflektiert.
Nicht weniger eigenwillig war Siri Bråtveits Can Somebody Tell Me That Everything Will Be Fine. Gespräche aus norwegischen Internetforen werden an öffentlichen Orten nachgesprochen: am Bahnhof, im Schwimmbad, in einer Bibliothek. Plötzlich werden Fragen nach der Attraktivität hängender
Brüste, den Vor- und Nachteilen der Migration oder sogar nach einem begangenen Mord mit derselben beiläufigen Selbstverständlichkeit gestellt, mit der man gewöhnlich nach der nächsten Zugverbindung fragt.
Es ist, als wäre das kollektive Unbewusste der sozialen Medien plötzlich in die physische Öffentlichkeit entlassen worden. Der Film ist zutiefst komisch, verstörend und dabei auch von erstaunlicher Leichtigkeit. Vor allem aber führt er vor Augen, wie sehr die digitale
Kommunikation längst unsere Wahrnehmung von Intimität, Öffentlichkeit und Normalität verändert hat.
Und dann Follow Back von Rom Sheratzky, eine virtuose Arbeit zwischen Dokumentarfilm und Videokunst über digitale Beobachtung, einseitige Intimität und die Sehnsucht nach Nähe. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Wer überschreitet welche Grenze? Wann wird aus Zuneigung Kontrolle, wann aus dem Wunsch nach Nähe ein Übergriff?
Während einer
Kussszene zwischen zwei Männern ertönten aus dem jungen Publikum Zwischenrufe und schließlich auch das Wort „Psycho“. Doch am Ende gab es geradezu frenetischen Applaus und eine Diskussion, die erheblich differenzierter ausfiel, als die vorherigen Reaktionen erwarten ließen.
Auch das ist eine Erfahrung, die sich durch dieses Festival zog: Ein Publikum darf widersprüchlich sein. Die erste spontane Reaktion ist nicht notwendigerweise schon das letzte Wort. Filmvermittlung beginnt womöglich genau dort, wo Irritation nicht vorschnell aufgelöst wird.
Natürlich funktioniert das nicht immer. Und gerade deshalb war es richtig, dass DOXS RUHR auch Filme zeigte, die ihr Publikum überfordern durften, konnten, mussten.
Lana Dahers Do You Love Me ist ein solcher Film. Aus mehr als 20.000 privaten und offiziellen Archivquellen montiert die Regisseurin ein ebenso zärtliches wie grausames, ebenso liebevolles wie melancholisches Porträt des Libanon. Menschen schminken sich, fahren Taxi, feiern Hochzeiten, verabschieden sich, singen, tanzen. Flugzeuge landen, Bomben explodieren,
Straßensperren werden errichtet, Begräbnisse abgehalten. Krieg und Frieden, Alltag und Ausnahmezustand gehen ineinander über, während die Musik den Rhythmus der Erinnerungen vorgibt.
Ein Film voller Lieder, Bilder und Gesichter, der nahezu vollständig auf die großen politischen Akteure verzichtet. Keine Politiker, keine erklärenden historischen Autoritäten. Dafür unzählige private Momente, aus denen sich allmählich eine kollektive Geschichte zusammensetzt. Ein
musikalisches Archiv eines Landes, dessen Menschen sich immer wieder neu fragen müssen, was Heimat überhaupt bedeuten kann.
Die Montage ist überwältigend, manchmal geradezu berauschend. Alte Musicalsequenzen wechseln mit privaten Aufnahmen, Bilder aus unterschiedlichen Jahrzehnten antworten einander, als existiere die Zeit nur noch als großer, vielstimmiger Erinnerungsraum.
Nach der Schulvorführung erklärte ein Schüler, er habe eigentlich den ganzen Film geschlafen
und nichts verstanden. Ein Satz von entwaffnender Ehrlichkeit. Ungefähr ein Drittel des Publikums meldete sich dagegen auf die Frage, wem der Film gefallen habe.
Man kann darüber klagen, dass ein so anspruchsvolles Werk nicht jedes jugendliche Publikum erreicht. Man kann aber ebenso fragen, warum es das eigentlich müsste. Die Zumutung einer ästhetischen Erfahrung gehört schließlich ebenso zum Kino wie die Begeisterung. Und das Eingeständnis, mit einem Film nichts anfangen zu
können, ist allemal produktiver als das pflichtschuldige Nachsprechen einer vermeintlich richtigen Interpretation.
Dass Do You Love Me bei anderen Vorführungen in Bochum und Essen mehr als 200 Besucher:innen anzog, zeigt überdies, wie sehr die Wahrnehmung eines Films von seinem jeweiligen Publikum und Kontext abhängt.
Die Vielfalt der Schulprogramme setzte sich im Abendprogramm des jungen kuratorischen Netzwerks kino.for you fort. Dabei wurde die Reise durch unterschiedliche dokumentarische Formen zugleich zu einer kleinen Ethnographie der Kinokultur des Ruhrgebiets.
Da war das winzige Kino Bastion in Bochum mit gerade einmal 16 Plätzen, das nicht nur Filme, sondern auch Konzerte beherbergt und auf dessen Toilette Harry Rowohlts Lesung aus dem Tagebuch eines Trinkers zu hören ist. Hier lief Daniela Magnani Hüllers Was an Empfindsamkeit bleibt, der nach seiner Berlinale-Premiere nun auch im Ruhrgebiet zu sehen
war.
Vierzehn Jahre nachdem sie einen Femizidversuch durch einen Mitschüler überlebt hat, kehrt die Regisseurin an die Orte ihrer Vergangenheit zurück und spricht mit Menschen, die damals Teil ihrer Geschichte waren: einer Vertrauenslehrerin, einem Staatsanwalt, ihrer Halbschwester, einer Freundin. Es geht um Verantwortung, Erinnerung und institutionelles Versagen, aber auch um die Schwierigkeit, das eigene Leben in eine erzählbare Form zu bringen.
Nicht alle
künstlerischen Entscheidungen überzeugen. Mitunter wird die Selbstbefragung so grundsätzlich, dass der Film in seinen theoretischen Überlegungen stecken bleibt und die Dekonstruktion dokumentarischer Erzählformen wichtiger zu werden scheint als die Erzählung selbst. Doch gerade diese Ambivalenz macht ihn zu einem passenden Beitrag für ein Festival, das auch die eigenen künstlerischen und pädagogischen Gewissheiten überprüfen will. Wer sich selbst ein Urteil bilden
möchte, kann den Film übrigens seit dieser Woche und für ein ganzes Jahr in der ZDF-Mediathek entdecken.
Im Metropolis, dem alten Bahnhofskino Bochums, führte ein Kurzfilmprogramm ein weiteres Mal in den Libanon. Isabelle Mecattafs Keine Angst, nur traurig beobachtet eine Familie in Beirut, die versucht, trotz der Bombardierungen etwas von ihrem Alltag zu bewahren. Menschen essen, reden, sitzen auf dem Sofa. Sie lachen, vielleicht gerade deshalb, weil die Alternative das Weinen wäre. Es ist eine intime Ergänzung zu Lana Dahers großem Archivmosaik, als
würde man aus dessen historischen Bildern plötzlich in eine einzelne Wohnung eintreten.
Clara Lacombes Per Luftlinie erzählt dagegen die Flucht eines Fünfzehnjährigen von Guinea nach Frankreich in einer faszinierenden Verbindung aus experimentellen Bildern, grafischen Überlagerungen und Super-8-Material. Anstatt auf die gewohnten emotionalen Mechanismen dokumentarischer Fluchterzählungen zurückzugreifen, schafft der Film durch seine
formalen Brüche eine produktive Distanz. Die Erfahrung wird dadurch nicht weniger erschütternd, sondern gewinnt gerade in ihrer künstlerischen Übersetzung eine andere Intensität.
Und schließlich Derin Erenoglus zehnminütiger Fragmente: die Geschichte von Issa aus Sierra Leone, der nach sechs Jahren in Deutschland abgeschoben wird. Ein Koffer bleibt zurück, während sein Besitzer mit einem anderen das Land verlassen muss. Ein ganzes Leben reduziert auf
wenige Gegenstände, Erinnerungen und die behördliche Entscheidung, dass Zugehörigkeit jederzeit widerrufen werden kann. Selten benötigt ein Film so wenig, um so viel sichtbar zu machen.
Im Bochumer Kino Endstation wiederum war Rati Tsiteladzes A Song Without Home zu sehen, die Geschichte der jungen trans Frau Adelina, die nach elf Jahren familiärer Isolation in Georgien versucht, sich in Österreich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Gleichzeitig bleibt ihre Mutter in einem von Gewalt und gesellschaftlicher Ausgrenzung bestimmten Umfeld zurück. Der Film erzählt von Freiheit und ihren Grenzen, von familiären Bindungen und den hohen Kosten, die das Recht auf ein eigenes Leben noch immer haben kann.
Doch es führen bekannterweise viele Wege nach Rom. Ein Panel im queeren Kulturraum Fluid schlug etwa ganz ohne filmischen Kontext eine Verbindung zwischen filmischer Darstellung und gelebter Gegenwart. Mit dem Schriftsteller Fatbardh Kqiku, der simbabwischen Künstlerin JRDN und Pam vom DOXS RUHR wurden Fragen diskutiert, die weit über den Film hinausreichten: Wie lässt sich eine Zukunft denken, in der queere und trans Menschen nicht nur geschützt, sondern selbstverständlich
Teil des gesellschaftlichen Lebens sind?
Was die Filme zuvor als individuelle und historische Erfahrung gezeigt hatten, wurde hier zum Gegenstand eines unmittelbaren gesellschaftlichen Austauschs. Darin liegt vielleicht eine der faszinierendsten Leistungen von DOXS RUHR: Das Festival versteht Kino nicht als abgeschlossenen ästhetischen Raum, sondern als einen Ort, von dem Verbindungen in andere gesellschaftliche Wirklichkeiten ausgehen.
Diese Haltung prägte auch den diesjährigen STIMMEN STÄRKEN-Award. Die aus jungen Mitgliedern von kino.for you bestehende Jury verzichtete erstmals darauf, einen einzelnen Siegerfilm auszuwählen, und zeichnete stattdessen alle fünf nominierten Arbeiten gleichberechtigt aus: ademi, Dies ist kein französischer Film, Im Licht der Sandbank, Some of Us Really Can’t und Was an Empfindsamkeit bleibt.
Man mag über die Abschaffung einer Rangfolge bei einem Filmpreis streiten. Doch die Entscheidung ist zumindest konsequent: Unterschiedliche künstlerische Perspektiven müssen nicht zwangsläufig in eine Hierarchie gebracht werden, um gewürdigt zu werden.
Den vielleicht spektakulärsten Ausdruck fand diese Öffnung des Festivals schließlich im Bochumer Rathaus. Dort verwandelten sechs Drag-Künstler:innen den Repräsentationsflur in eine Bühne für Lip-Sync, Tanz und Gesang. Queers & Queens, die erste vom Festival organisierte Newcomer-Drag-Show an diesem Ort, verzeichnete rund 450 Anmeldungen bei einer Kapazität von nur 250 Plätzen.
Es war ein Abend, an dem die Grenzen zwischen Festivalpublikum, queerer Community
und städtischer Öffentlichkeit zumindest für einige Stunden durchlässig wurden. Dass mit Oberbürgermeister Jörg Lukat auch die offizielle Stadtgesellschaft vertreten war, verlieh der Veranstaltung eine zusätzliche, fast schon ironische, politische Dimension.
Nach zwei Wochen zwischen der Gelsenkirchener Lichtburg, dem Dortmunder Lichtspiel- und Kunsttheater, dem Metropolis, dem Endstation und den kleinen, oft eigensinnigen Kulturorten Bochums und weiteren Kinos in Essen, Moers, Mühlheim und Witten, erschien diese Rathausveranstaltung wie ein folgerichtiger Abschluss. Aus einer Reise durch die Vielfalt dokumentarischer Formen war auch eine Entdeckungsreise durch die soziale und kulturelle Topographie des Ruhrgebiets geworden.
Am Ende blieb eigentlich nur ein Wunsch: dass dieses außergewöhnliche Festivalexperiment die mitunter beinahe klösterlichen Mauern der eigenen Festivalblase noch entschiedener hinter sich lassen möge. Denn bei aller Begeisterung für die Filme, die mutige Programmierung und die Offenheit gegenüber neuen Formen der Vermittlung stellt sich die Frage, wie sich diese Erfahrungen über die wenigen Festivaltage hinaus bewahren und verbreiten lassen. Gerade dort, wo Dokumentarfilme auf Jugendliche treffen, die mit experimentellen Formen zunächst wenig anfangen können, zeigt sich, welch enormes Potenzial in einer Vermittlung liegt, die nicht belehren, sondern neugierig machen will.
Eine Antwort darauf und die Erfüllung auch des letzten Wunsches ist jedoch bereits in Sicht. Mit einem neuen Pilotprojekt, dem DOXS RUHR-Festival-Highligt-Projekt, das festivalerprobte Dokumentarfilme in die SchulKinoWochen bringen soll, könnte DOXS RUHR seine Erfahrungen künftig in einem sehr viel größeren Rahmen nutzbar machen. Was bislang im geschützten Raum eines experimentierfreudigen Festivals erprobt wurde, bekäme damit die Chance, weit über das Ruhrgebiet hinaus Wirkung zu entfalten.