22.10.2026

Das Kino als Labor der Wirklichkeit

Do you love me - Lana Daher
Filme dürfen auch überfordern: Lana Dahers Do You Love Me
(Foto: Lana Daher)

Weniger Filme, mehr Experimente, überraschende Begegnungen: Die 14. Ausgabe von DOXS RUHR hat gezeigt, wie lebendig und politisch Dokumentarfilmkultur für ein junges Publikum sein kann und warum die Zukunft des Kinos auch davon abhängt, wer darüber sprechen darf

Von Axel Timo Purr

Es gibt Festivals, die jedes Jahr größer werden wollen. Mehr Filme, mehr Gäste, mehr Veran­stal­tungen, mehr Aufmerk­sam­keit. Und es gibt Festivals, die sich die Freiheit nehmen, genau das Gegenteil zu versuchen. Die 14. Ausgabe von DOXS RUHR, dem Doku­men­tar­film­fes­tival für junges Publikum, hat sich für Letzteres entschieden. Statt eines vier­zig­sei­tigen Programm­ka­ta­logs gab es gerade einmal acht Seiten, weniger Filme, dafür mehr Raum für Begeg­nungen, Diskus­sionen und Expe­ri­mente. Ein „Festi­val­for­schungs­frei­se­mester“, wie die Festi­val­ma­cher:innen ihre dies­jäh­rige Ausgabe selbst bezeich­neten. Kein Rückzug, sondern ein Aufbruch unter verän­derten Vorzei­chen.

Unter dem Motto „Reworking Reality“ ging es vom 7. bis 18. Oktober in sieben Städten des Ruhr­ge­biets um weit mehr als die Vermitt­lung doku­men­ta­ri­scher Bilder. Es ging um die Frage, wem diese Bilder gehören, wer sie inter­pre­tiert und wie sich die gewohnten Hier­ar­chien zwischen Film­schaf­fenden, Vermittler:innen und Publikum aufbre­chen lassen. Rund 2.500 Schüler:innen besuchten die morgend­li­chen und mittäg­li­chen Schul­vor­füh­rungen, weitere 650 Menschen die abend­li­chen Veran­stal­tungen des jungen kura­to­ri­schen Netzwerks kino.for you. Ein Festival also, das sich nicht nur für die Wirk­lich­keit inter­es­siert, die seine Filme zeigen, sondern ebenso für jene, die im Kinosaal entsteht. Das ist kein geringer Anspruch und einer, der erstaun­lich oft eingelöst wurde.

Schon der Eröff­nungs­film hätte kaum besser gewählt sein können. In Dies ist kein fran­zö­si­scher Film („Ceci n’est pas un film français“) von Tom Adjibi, einer belgisch-fran­zö­si­schen Produk­tion, wird das doku­men­ta­ri­sche Filme­ma­chen selbst zum Gegen­stand einer zunehmend grotesken Selbst­be­fra­gung. Adjibi will einen Film über seine Erfah­rungen als rassi­fi­zierter Schau­spieler in Brüssel drehen. Doch kaum hat er begonnen, zerfallen seine vermeint­li­chen Gewiss­heiten. Wer darf über Rassismus sprechen? Wer will überhaupt darüber sprechen? Warum verwei­gern Kolleg:innen Inter­views über die stereo­typen Rollen, auf die sie immer wieder reduziert werden? Und wie lässt sich ein Filmteam bezahlen, wenn das Geld fehlt? Viel­leicht hilft zunächst ein Schreib­work­shop in der Bretagne. Was wie eine Satire auf die Film­in­dus­trie beginnt, entwi­ckelt sich zu einer ebenso komischen wie ernst­haften Reflexion über die Wider­sprüche des eigenen Vorhabens. Ein Film, der sich selbst nicht schont, sondern beständig seine Voraus­set­zungen infrage stellt. Damit formu­liert er gewis­ser­maßen das künst­le­ri­sche Programm dieser Festi­val­aus­gabe: Die Bereit­schaft, Unsi­cher­heit nicht als Defizit zu begreifen, sondern als Voraus­set­zung für Erkenntnis.

Wenn das Publikum die Mode­ra­tion übernimmt

Wie produktiv dieser Ansatz sein kann, zeigte sich an einem Mitt­woch­morgen in der Lichtburg, dem altehr­wür­digen Kino Gelsen­kir­chens. Dort lief unter anderem der zwan­zig­mi­nü­tige nieder­län­di­sche Doku­men­tar­film Lante Kluiving, der sich mit dem Stottern und dem alltäg­li­chen Kampf um sprach­liche Selbst­be­stim­mung ausein­an­der­setzt. Das Ticken einer Uhr wird dabei zum akus­ti­schen Ausdruck einer Gesell­schaft, in der Kommu­ni­ka­tion immer schneller und reibungs­loser funk­tio­nieren soll. Doch was bedeutet das für jemanden, für den jedes Wort eine Anstren­gung ist?
Ein Film über eine Behin­de­rung, der zugleich die vermeint­liche Selbst­ver­s­tänd­lich­keit eines gesell­schaft­li­chen Ideals infrage stellt: jederzeit verfügbar zu sein, jederzeit antworten zu können, jederzeit die richtigen Worte zu finden.
Ein Lehrer stellte nach der Vorfüh­rung eine Verbin­dung zur Lebens­wirk­lich­keit vieler Jugend­li­cher in Gelsen­kir­chen her, wo zahl­reiche Schüler:innen Deutsch nicht als Erst­sprache sprechen. Die Erfahrung, sich nicht selbst­ver­s­tänd­lich ausdrü­cken zu können, sei ihnen keines­wegs fremd.

Noch bemer­kens­werter war aller­dings, was im Kinosaal selbst geschah. Die Film­ver­mitt­lerin zog sich zurück und überließ Schüler:innen aus dem Publikum die Mode­ra­tion. Was zunächst wie ein pädago­gi­sches Wagnis wirken mochte, funk­tio­nierte über­ra­schend gut. Die Jugend­li­chen stellten Fragen, reagierten aufein­ander, fanden eigene Zugänge zu einem Film, den mancher Erwach­sene viel­leicht für zu sperrig gehalten hätte.

Und genau darin lag die besondere Qualität der dies­jäh­rigen Ausgabe. In Workshops und Fort­bil­dungen zu Ableismus und Disa­bi­lity Studies, Adul­tismus, Körper­kom­mu­ni­ka­tion und Mode­ra­ti­ons­tech­niken wurde immer wieder unter­sucht, wie sich die Macht­ver­hält­nisse der Film­ver­mitt­lung verändern lassen. Nicht der Erwach­sene erklärt dem Kind die Welt, sondern unter­schied­liche Perspek­tiven treten in einen Austausch, dessen Ergebnis nicht bereits feststeht. Dass dazu auch Filme gehören, die sich einem schnellen Vers­tändnis verwei­gern, demons­trierte das Programm eindrucks­voll.

Im selben Gelsen­kir­chener Kino lief etwa Air Horse One von Asse Linder, ein grandios foto­gra­fierter und insze­nierter Film über Legacy, ein erfolg­rei­ches Turnier­pferd, das als kostbare Fracht um die Welt geflogen wird. Was zunächst wie ein etwas exzen­tri­sches Porträt aus dem inter­na­tio­nalen Pfer­de­sport erscheint, entpuppt sich als präzise Beob­ach­tung einer durch­ö­ko­no­mi­sierten Welt, in der selbst die Fürsorge für ein Tier Teil seiner volls­tän­digen Instru­men­ta­li­sie­rung geworden ist. Die Mecha­ni­sie­rung des Spit­zen­sports, das Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Kapital, zwischen Zuneigung und Verwer­tung; all das wird sichtbar, ohne dass der Film seine Fragen didak­tisch ausbuch­sta­bieren müsste.

An einem anderen Morgen, im Dort­munder Licht­spiel- und Kunst­theater, entwi­ckelte sich aus einem Kurz­film­pro­gramm ein kleines Panorama doku­men­ta­ri­scher Möglich­keiten: Mariola Bril­lowskas vier­minü­tiger Anima­ti­ons­film Polly Pocket verwan­delt ein gefun­denes Puppen­kleid in ein vergnüg­li­ches Spiel mit Reprä­sen­ta­tion, Kunst und Andersens Des Kaisers neue Kleider. Eine winzige, hoch­ko­mi­sche Versuchs­an­ord­nung, die ganz nebenbei die Bedin­gungen ihrer eigenen Insze­nie­rung reflek­tiert.
Nicht weniger eigen­willig war Siri Bråtveits Can Somebody Tell Me That Ever­y­thing Will Be Fine. Gespräche aus norwe­gi­schen Inter­net­foren werden an öffent­li­chen Orten nach­ge­spro­chen: am Bahnhof, im Schwimmbad, in einer Biblio­thek. Plötzlich werden Fragen nach der Attrak­ti­vität hängender Brüste, den Vor- und Nach­teilen der Migration oder sogar nach einem began­genen Mord mit derselben beiläu­figen Selbst­ver­s­tänd­lich­keit gestellt, mit der man gewöhn­lich nach der nächsten Zugver­bin­dung fragt.
Es ist, als wäre das kollek­tive Unbe­wusste der sozialen Medien plötzlich in die physische Öffent­lich­keit entlassen worden. Der Film ist zutiefst komisch, vers­tö­rend und dabei auch von erstaun­li­cher Leich­tig­keit. Vor allem aber führt er vor Augen, wie sehr die digitale Kommu­ni­ka­tion längst unsere Wahr­neh­mung von Intimität, Öffent­lich­keit und Norma­lität verändert hat.
Und dann Follow Back von Rom Sheratzky, eine virtuose Arbeit zwischen Doku­men­tar­film und Video­kunst über digitale Beob­ach­tung, einsei­tige Intimität und die Sehnsucht nach Nähe. Wer beob­achtet hier eigent­lich wen? Wer über­schreitet welche Grenze? Wann wird aus Zuneigung Kontrolle, wann aus dem Wunsch nach Nähe ein Übergriff?
Während einer Kussszene zwischen zwei Männern ertönten aus dem jungen Publikum Zwischen­rufe und schließ­lich auch das Wort „Psycho“. Doch am Ende gab es geradezu frene­ti­schen Applaus und eine Diskus­sion, die erheblich diffe­ren­zierter ausfiel, als die vorhe­rigen Reak­tionen erwarten ließen.

Auch das ist eine Erfahrung, die sich durch dieses Festival zog: Ein Publikum darf wider­sprüch­lich sein. Die erste spontane Reaktion ist nicht notwen­di­ger­weise schon das letzte Wort. Film­ver­mitt­lung beginnt womöglich genau dort, wo Irri­ta­tion nicht vorschnell aufgelöst wird.

Die Zumutung der Erin­ne­rung

Natürlich funk­tio­niert das nicht immer. Und gerade deshalb war es richtig, dass DOXS RUHR auch Filme zeigte, die ihr Publikum über­for­dern durften, konnten, mussten.

Lana Dahers Do You Love Me ist ein solcher Film. Aus mehr als 20.000 privaten und offi­zi­ellen Archiv­quellen montiert die Regis­seurin ein ebenso zärt­li­ches wie grausames, ebenso liebe­volles wie melan­cho­li­sches Porträt des Libanon. Menschen schminken sich, fahren Taxi, feiern Hoch­zeiten, verab­schieden sich, singen, tanzen. Flugzeuge landen, Bomben explo­dieren, Straßen­sperren werden errichtet, Begräb­nisse abge­halten. Krieg und Frieden, Alltag und Ausnah­me­zu­stand gehen inein­ander über, während die Musik den Rhythmus der Erin­ne­rungen vorgibt.
Ein Film voller Lieder, Bilder und Gesichter, der nahezu volls­tändig auf die großen poli­ti­schen Akteure verzichtet. Keine Politiker, keine erklä­renden histo­ri­schen Auto­ri­täten. Dafür unzählige private Momente, aus denen sich allmäh­lich eine kollek­tive Geschichte zusam­men­setzt. Ein musi­ka­li­sches Archiv eines Landes, dessen Menschen sich immer wieder neu fragen müssen, was Heimat überhaupt bedeuten kann.
Die Montage ist über­wäl­ti­gend, manchmal geradezu berau­schend. Alte Musi­cal­se­quenzen wechseln mit privaten Aufnahmen, Bilder aus unter­schied­li­chen Jahr­zehnten antworten einander, als existiere die Zeit nur noch als großer, viel­stim­miger Erin­ne­rungs­raum.
Nach der Schul­vor­füh­rung erklärte ein Schüler, er habe eigent­lich den ganzen Film geschlafen und nichts verstanden. Ein Satz von entwaff­nender Ehrlich­keit. Ungefähr ein Drittel des Publikums meldete sich dagegen auf die Frage, wem der Film gefallen habe.
Man kann darüber klagen, dass ein so anspruchs­volles Werk nicht jedes jugend­liche Publikum erreicht. Man kann aber ebenso fragen, warum es das eigent­lich müsste. Die Zumutung einer ästhe­ti­schen Erfahrung gehört schließ­lich ebenso zum Kino wie die Begeis­te­rung. Und das Einge­ständnis, mit einem Film nichts anfangen zu können, ist allemal produk­tiver als das pflicht­schul­dige Nach­spre­chen einer vermeint­lich richtigen Inter­pre­ta­tion.
Dass Do You Love Me bei anderen Vorfüh­rungen in Bochum und Essen mehr als 200 Besucher:innen anzog, zeigt überdies, wie sehr die Wahr­neh­mung eines Films von seinem jewei­ligen Publikum und Kontext abhängt.

Ein Festival, das sich selbst befragt

Die Vielfalt der Schul­pro­gramme setzte sich im Abend­pro­gramm des jungen kura­to­ri­schen Netzwerks kino.for you fort. Dabei wurde die Reise durch unter­schied­liche doku­men­ta­ri­sche Formen zugleich zu einer kleinen Ethno­gra­phie der Kino­kultur des Ruhr­ge­biets.

Da war das winzige Kino Bastion in Bochum mit gerade einmal 16 Plätzen, das nicht nur Filme, sondern auch Konzerte beher­bergt und auf dessen Toilette Harry Rowohlts Lesung aus dem Tagebuch eines Trinkers zu hören ist. Hier lief Daniela Magnani Hüllers Was an Empfind­sam­keit bleibt, der nach seiner Berlinale-Premiere nun auch im Ruhr­ge­biet zu sehen war.
Vierzehn Jahre nachdem sie einen Femi­zid­ver­such durch einen Mitschüler überlebt hat, kehrt die Regis­seurin an die Orte ihrer Vergan­gen­heit zurück und spricht mit Menschen, die damals Teil ihrer Geschichte waren: einer Vertrau­ens­leh­rerin, einem Staats­an­walt, ihrer Halb­schwester, einer Freundin. Es geht um Verant­wor­tung, Erin­ne­rung und insti­tu­tio­nelles Versagen, aber auch um die Schwie­rig­keit, das eigene Leben in eine erzähl­bare Form zu bringen.
Nicht alle künst­le­ri­schen Entschei­dungen über­zeugen. Mitunter wird die Selbst­be­fra­gung so grund­sätz­lich, dass der Film in seinen theo­re­ti­schen Über­le­gungen stecken bleibt und die Dekon­struk­tion doku­men­ta­ri­scher Erzähl­formen wichtiger zu werden scheint als die Erzählung selbst. Doch gerade diese Ambi­va­lenz macht ihn zu einem passenden Beitrag für ein Festival, das auch die eigenen künst­le­ri­schen und pädago­gi­schen Gewiss­heiten über­prüfen will. Wer sich selbst ein Urteil bilden möchte, kann den Film übrigens seit dieser Woche und für ein ganzes Jahr in der ZDF-Mediathek entdecken.

Im Metro­polis, dem alten Bahn­hofs­kino Bochums, führte ein Kurz­film­pro­gramm ein weiteres Mal in den Libanon. Isabelle Mecattafs Keine Angst, nur traurig beob­achtet eine Familie in Beirut, die versucht, trotz der Bombar­die­rungen etwas von ihrem Alltag zu bewahren. Menschen essen, reden, sitzen auf dem Sofa. Sie lachen, viel­leicht gerade deshalb, weil die Alter­na­tive das Weinen wäre. Es ist eine intime Ergänzung zu Lana Dahers großem Archiv­mo­saik, als würde man aus dessen histo­ri­schen Bildern plötzlich in eine einzelne Wohnung eintreten.
Clara Lacombes Per Luftlinie erzählt dagegen die Flucht eines Fünf­zehn­jäh­rigen von Guinea nach Frank­reich in einer faszi­nie­renden Verbin­dung aus expe­ri­men­tellen Bildern, grafi­schen Über­la­ge­rungen und Super-8-Material. Anstatt auf die gewohnten emotio­nalen Mecha­nismen doku­men­ta­ri­scher Flucht­er­zäh­lungen zurück­zu­greifen, schafft der Film durch seine formalen Brüche eine produk­tive Distanz. Die Erfahrung wird dadurch nicht weniger erschüt­ternd, sondern gewinnt gerade in ihrer künst­le­ri­schen Über­set­zung eine andere Inten­sität.
Und schließ­lich Derin Erenoglus zehn­minü­tiger Fragmente: die Geschichte von Issa aus Sierra Leone, der nach sechs Jahren in Deutsch­land abge­schoben wird. Ein Koffer bleibt zurück, während sein Besitzer mit einem anderen das Land verlassen muss. Ein ganzes Leben reduziert auf wenige Gegen­s­tände, Erin­ne­rungen und die behörd­liche Entschei­dung, dass Zugehö­rig­keit jederzeit wider­rufen werden kann. Selten benötigt ein Film so wenig, um so viel sichtbar zu machen.

Von der Leinwand in die gesell­schaft­liche Wirk­lich­keit

Im Bochumer Kino Endsta­tion wiederum war Rati Tsite­ladzes A Song Without Home zu sehen, die Geschichte der jungen trans Frau Adelina, die nach elf Jahren fami­liärer Isolation in Georgien versucht, sich in Öster­reich ein selbst­be­stimmtes Leben aufzu­bauen. Gleich­zeitig bleibt ihre Mutter in einem von Gewalt und gesell­schaft­li­cher Ausgren­zung bestimmten Umfeld zurück. Der Film erzählt von Freiheit und ihren Grenzen, von fami­liären Bindungen und den hohen Kosten, die das Recht auf ein eigenes Leben noch immer haben kann.

Doch es führen bekann­ter­weise viele Wege nach Rom. Ein Panel im queeren Kultur­raum Fluid schlug etwa ganz ohne filmi­schen Kontext eine Verbin­dung zwischen filmi­scher Darstel­lung und gelebter Gegenwart. Mit dem Schrift­steller Fatbardh Kqiku, der simbab­wi­schen Künst­lerin JRDN und Pam vom DOXS RUHR wurden Fragen disku­tiert, die weit über den Film hinaus­reichten: Wie lässt sich eine Zukunft denken, in der queere und trans Menschen nicht nur geschützt, sondern selbst­ver­s­tänd­lich Teil des gesell­schaft­li­chen Lebens sind?
Was die Filme zuvor als indi­vi­du­elle und histo­ri­sche Erfahrung gezeigt hatten, wurde hier zum Gegen­stand eines unmit­tel­baren gesell­schaft­li­chen Austauschs. Darin liegt viel­leicht eine der faszi­nie­rendsten Leis­tungen von DOXS RUHR: Das Festival versteht Kino nicht als abge­schlos­senen ästhe­ti­schen Raum, sondern als einen Ort, von dem Verbin­dungen in andere gesell­schaft­liche Wirk­lich­keiten ausgehen.

Diese Haltung prägte auch den dies­jäh­rigen STIMMEN STÄRKEN-Award. Die aus jungen Mitglie­dern von kino.for you bestehende Jury verzich­tete erstmals darauf, einen einzelnen Sieger­film auszu­wählen, und zeichnete statt­dessen alle fünf nomi­nierten Arbeiten gleich­be­rech­tigt aus: ademi, Dies ist kein fran­zö­si­scher Film, Im Licht der Sandbank, Some of Us Really Can’t und Was an Empfind­sam­keit bleibt.

Man mag über die Abschaf­fung einer Rangfolge bei einem Filmpreis streiten. Doch die Entschei­dung ist zumindest konse­quent: Unter­schied­liche künst­le­ri­sche Perspek­tiven müssen nicht zwangs­läufig in eine Hier­ar­chie gebracht werden, um gewürdigt zu werden.

Den viel­leicht spek­ta­kulärsten Ausdruck fand diese Öffnung des Festivals schließ­lich im Bochumer Rathaus. Dort verwan­delten sechs Drag-Künstler:innen den Reprä­sen­ta­ti­ons­flur in eine Bühne für Lip-Sync, Tanz und Gesang. Queers & Queens, die erste vom Festival orga­ni­sierte Newcomer-Drag-Show an diesem Ort, verzeich­nete rund 450 Anmel­dungen bei einer Kapazität von nur 250 Plätzen.
Es war ein Abend, an dem die Grenzen zwischen Festi­val­pu­blikum, queerer Community und städ­ti­scher Öffent­lich­keit zumindest für einige Stunden durch­lässig wurden. Dass mit Ober­bür­ger­meister Jörg Lukat auch die offi­zi­elle Stadt­ge­sell­schaft vertreten war, verlieh der Veran­stal­tung eine zusätz­liche, fast schon ironische, poli­ti­sche Dimension.

Nach zwei Wochen zwischen der Gelsen­kir­chener Lichtburg, dem Dort­munder Licht­spiel- und Kunst­theater, dem Metro­polis, dem Endsta­tion und den kleinen, oft eigen­sin­nigen Kultur­orten Bochums und weiteren Kinos in Essen, Moers, Mühlheim und Witten, erschien diese Rathaus­ver­an­stal­tung wie ein folge­rich­tiger Abschluss. Aus einer Reise durch die Vielfalt doku­men­ta­ri­scher Formen war auch eine Entde­ckungs­reise durch die soziale und kultu­relle Topo­gra­phie des Ruhr­ge­biets geworden.

Raus aus der Festi­val­b­lase

Am Ende blieb eigent­lich nur ein Wunsch: dass dieses außer­ge­wöhn­liche Festi­val­ex­pe­ri­ment die mitunter beinahe klös­ter­li­chen Mauern der eigenen Festi­val­b­lase noch entschie­dener hinter sich lassen möge. Denn bei aller Begeis­te­rung für die Filme, die mutige Program­mie­rung und die Offenheit gegenüber neuen Formen der Vermitt­lung stellt sich die Frage, wie sich diese Erfah­rungen über die wenigen Festi­val­tage hinaus bewahren und verbreiten lassen. Gerade dort, wo Doku­men­tar­filme auf Jugend­liche treffen, die mit expe­ri­men­tellen Formen zunächst wenig anfangen können, zeigt sich, welch enormes Potenzial in einer Vermitt­lung liegt, die nicht belehren, sondern neugierig machen will.

Eine Antwort darauf und die Erfüllung auch des letzten Wunsches ist jedoch bereits in Sicht. Mit einem neuen Pilot­pro­jekt, dem DOXS RUHR-Festival-Highligt-Projekt, das festi­val­er­probte Doku­men­tar­filme in die SchulKi­noWochen bringen soll, könnte DOXS RUHR seine Erfah­rungen künftig in einem sehr viel größeren Rahmen nutzbar machen. Was bislang im geschützten Raum eines expe­ri­men­tier­freu­digen Festivals erprobt wurde, bekäme damit die Chance, weit über das Ruhr­ge­biet hinaus Wirkung zu entfalten.