| Mexiko/E 2026 · 102 min. · FSK: ab 6 Regie: Fernando Eimbcke Drehbuch: Fernando Eimbcke, Vanesa Garnica Kamera: Maria Secco Darsteller: Teresa Sánchez, Bastián Escobar, Hugo Ramirez u.a. |
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| Komik und Trauer dicht beieinander... | ||
| (Foto: Piffl Medien) | ||
Es beginnt mit einer Fliege. Einer jener lästigen Kreaturen, die sich nicht vertreiben lassen, die immer wiederkehren, die summen und kreisen und sich hartnäckig weigern, zu verschwinden. Fernando Eimbcke nimmt sich viel Zeit für dieses kleine Insekt, vielleicht etwas zu viel. Denn die Symbolik scheint allzu offensichtlich: Was einen einmal heimgesucht hat, wird man nicht mehr los. Doch dann geschieht etwas Erstaunliches. Aus der anfänglichen Schwere entwickelt sich ein Film von solcher Leichtigkeit, dass man am Ende kaum glauben mag, wie viel Traurigkeit in ihm Platz gefunden hat.
„Moscas“ heißt „Fliegen“, und der mexikanische Regisseur erzählt seine Geschichte in einem Schwarzweiß, das nicht nach Vergangenheit aussieht, sondern die Gegenwart auf eigentümliche Weise verwandelt. In einem Wohnblock von Mexiko-Stadt lebt die 55-jährige Witwe Olga (Teresita Sánchez), eine Frau, die sich in ihrer Einsamkeit eingerichtet hat wie in einer Wohnung, deren Fenster man nur noch selten öffnet. Alles hat seinen Platz, alles folgt seinen Regeln. Selbst die Trauer scheint längst Teil der täglichen Ordnung geworden zu sein.
Doch Olga braucht Geld für eine Operation am großen Zeh. Also vermietet sie ein Zimmer an Tulio (Hugo Ramírez), dessen Frau schwer an Krebs erkrankt ist und im Krankenhaus direkt gegenüber liegt. Die Nähe zur Klinik ist für ihn und seinen kleinen Sohn Cristian (Bastián Escobar) die einzige Möglichkeit, ihr wenigstens räumlich nahe zu sein. Allerdings hat Tulio Olga verschwiegen, dass er nicht allein einziehen wird. So wird aus dem heimlichen Arrangement allmählich eine Begegnung, die niemand geplant hat und die doch alle Beteiligten verändert.
Eimbcke, der gemeinsam mit Vanesa Garnica das Drehbuch schrieb, vertraut dabei auf die Kraft der kleinen Gesten. Auf Blicke, die länger dauern, als man erwartet. Auf das Schweigen zwischen zwei Sätzen. Auf Gesichter, in denen sich ganze Geschichten abspielen, ohne dass jemand ein Wort sagen müsste.
Eine der subtilsen, schönsten Szenen zeigt Vater und Sohn, während aus der Wohnung über ihnen unüberhörbar die Geräusche eines Liebesakts dringen. Die Kamera bleibt bei ihren Gesichtern, registriert Verlegenheit, Neugier, Irritation und jenes stille Einverständnis, das manchmal nur zwischen Menschen entstehen kann, die einander sehr nahestehen. Es ist ein Gesichtspanorama von hinreißender Komik und überwältigender Zärtlichkeit.
Eine ähnliche Szene ist das Fiebermessen, bei dem zwischen Cristian und Olga plötzlich ein Kuss statt ein Fieberthermometer im Raum steht und zu einer Geste von solcher Zärtlichkeit wird, dass sich darin die ganze, bislang unausgesprochene Sehnsucht Olgas offenbart. Eimbcke braucht keine großen Erklärungen. Seine Figuren finden zueinander, indem sie einander beobachten, sich umeinander kümmern, gelegentlich auch nur gemeinsam schweigen.
Bei aller Zärtlichkeit und lyrischen Leichtigkeit verliert Eimbcke nie die gesellschaftliche Wirklichkeit aus dem Blick. Fast nebenbei seziert er mit gnadenloser Präzision das mexikanische Gesundheitssystem: Besuchsregeln, die so einfach erscheinen und sich doch als undurchdringliches Regelwerk erweisen, Medikamente, die für gewöhnliche Menschen kaum erschwinglich sind. Es sind die unscheinbaren Grausamkeiten eines Systems, in dem Krankheit nicht nur Leiden bedeutet, sondern auch eine Frage des Geldes und des Zugangs ist. Eimbcke klagt jedoch nicht an, er beobachtet und lässt die Realität wirken.
Und dann ist da noch „Cosmic Defenders Pro“, ein alter Arcade-Spielautomat, der zur vierten Hauptfigur wird. In seinem künstlichen Universum, zwischen elektronischen Geräuschen und digitalen Kämpfen, eröffnet sich eine zweite Wirklichkeit. Eine, in der man verlieren und wieder von vorne anfangen kann. In der das Scheitern nicht endgültig ist und jeder neue Versuch eine kleine Hoffnung bedeutet. Der Automat wird zum heimlichen Herzstück des Films, zu einem Ort der Annäherung und schließlich zu einer ebenso originellen wie berührenden Katharsis.
Überhaupt besitzt Moscas – Fliegen und andere Gäste eine wunderbare Fähigkeit, Komik und Trauer ineinander übergehen zu lassen, ohne die eine gegen die andere auszuspielen. Besonders eindrucksvoll gelingt das in einer Trauerszene gegen Ende, in der Kekse eine entscheidende Rolle spielen. Niemand muss etwas erklären. Und plötzlich lachen alle, obwohl der Tod im Raum steht. Vielleicht sogar gerade deshalb. Es ist einer jener seltenen Augenblicke im Kino, in denen sich das ganze Gewicht des Lebens und seiner Schwere für einen Moment in etwas Federleichtes verwandelt.
Vieles an diesem Film könnte auch auf einer Theaterbühne stattfinden. Die wenigen Räume, die sorgfältig komponierten Begegnungen, das präzise Zusammenspiel der Figuren verleihen ihm die Geschlossenheit eines Kammerspiels. Doch Eimbckes Kino lebt gerade von dem, was sich nicht auf die Bühne übertragen ließe: den feinsten Regungen eines Gesichts, den Abstufungen des Lichts, der Poesie eines scheinbar nebensächlichen Details, dem Blick aus dem Fenster in ein Einerlei aus Unorten.
Am Ende sind Vater und Sohn wieder verschwunden. Die Wohnung ist dieselbe geblieben, und doch ist nichts mehr wie zuvor. Olga ist erneut allein. Aber die Stille hat einen anderen Klang bekommen Wo anfangs eine Fliege summte, erklingt nun Cha-Cha-Cha. Ein kleines Wunder, wie so vieles in diese Film.