24.09.2026

Die schier unbändige Lust am Experiment

Marjorie Conrad: The Joyless Economy
Marjorie Conrads Filmessay The Joyless Economy
(Foto: Filmfest Oldenburg · Marjorie Conrad)

Das 33. Internationale Filmfest Oldenburg hat seinen Ruf als mutigstes Indie-Festival einmal mehr bestätigt

Von Eckhard Haschen

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wieder­holen – die Reise ins nord­west­liche Nieder­sachsen hat sich wieder einmal gelohnt! Irgendwie gelingt es Torsten Neumann und seinem Team immer wieder, genau die Filme und deren Macher:innen nach Oldenburg zu holen, die einen an die Zukunft des Kinos als kreativer Kunstform glauben lassen.

Dabei verfolgt das Festival einer­seits konse­quent seinen in den letzten Jahren verstärkt beschrit­tenen Weg, bislang wenig oder gar nicht gehörten Stimmen aus allen Teilen der Welt eine Plattform zu geben. Da erzählt die südafri­ka­ni­sche Regis­seurin Zamo Mkhwanazi in ihrem ersten langen, von der Geschichte ihres Groß­va­ters inspi­riertem Film in eindring­li­chen Bildern von der Verschär­fung des Apartheid-Regimes im Johan­nes­burg des Jahres 1968. Oder da blättert die fran­zö­sisch-ameri­ka­ni­sche Regis­seurin Marjorie Conrad in ihrem eins­tün­digen Filmessay The Joyless Economy auf höchst unge­wöhn­liche Weise, nämlich anhand von Tage­buch­auf­zeich­nungen und einer gefun­denen Video­samm­lung mit Werken von Bergman bis Jess Franko das Leben einer unbe­kannten Frau auf. Für den in jeder Hinsicht gewagten Film gab es zu Recht den Audacity-Award.

Wie man auch in schweren Zeiten mit leichter Hand origi­nelle Geschichten erzählen kann, beweist Matthew Osubor in seiner mit dem Preis für den besten Erst­lings­film ausge­zeich­neten Krimi­komödie Big Daddy‘s Flowers. Er selbst spielt darin einen Blumen­lie­fe­ranten, dem plötzlich klar wird, dass die Blumen nur eine Tarnung für Drogen sind und sein Chef alles andere ist als ein harmloser Blumen­händler. Dass der Film in vielem an den erfri­schenden Geist der Inde­pend­ent­filme der Neunziger erinnert, mag ein wenig mit Osubors Mentor Alexandre Rockwell zu tun haben – die vielen über­ra­schenden Regie­ein­fälle dürften aber auf sein eigenes Konto gehen.

Dass sich das Genre des Gefäng­nis­films wenn auch nicht neu erfinden, so doch erneuern lässt, beweist Vincent Grashaw mit Bruton. Denn Grashaw hat zum einen in echten Gefäng­nissen gedreht und sich zum anderen von Anfang bis Ende von Brian Bruton, auf dessen wahrer tragi­ko­mi­scher Geschichte dieser Film basiert, beraten lassen. Hier ist nichts, oder fast nichts, wie Bruton selbst in Oldenburg zu Protokoll gab, geschönt, und auch wenn er längst nicht in jeder Hinsicht unschuldig ist, lässt sich der Schmerz, seine eigene heran­wach­sende Tochter jahrelang nicht sehen zu können, sehr gut nach­emp­finden.

Die Retro­spek­tive war in diesem Jahr Neil LaBute gewidmet, dem in den späten 90er und frühen 2000er Jahren kontro­vers disku­tierten Regisseur von Dramen wie In the Company of Men, Your Friends and Neighbors oder Nurse Betty. Dass er in der Zwischen­zeit nichts von seinem Talent, die schmalen Grenzen, zwischen Zärt­lich­keit, latenter und offener Gewalt in der Beziehung zwischen Mann und Frau immer wieder neu auszu­loten, verloren hat, beweisen die wenig beach­teten Some Velvet Morning, House of Darkness und das als Welt­pre­miere gezeigte Kammer­spiel Murderous. Wie er sich in Letzterem seinen eigenen Reim auf Filme wie Psycho oder Sleuth macht, ist schon höchst originell.

Nicht zu vergessen: Zoe Bell. Der legen­dären Stuntfrau und -koor­di­na­torin, die durch ihre Rolle in Taran­tinos Grind­house: Death Proof auch als Schau­spie­lerin reüs­sieren konnte, war ein vier­tei­liger Tribute gewidmet, bei dem sie stets freudig Auskunft über ihre Arbeit gab. Nicht zuletzt dafür fährt man jedes Jahr aufs Neue nach Oldenburg.