Die schier unbändige Lust am Experiment |
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| Marjorie Conrads Filmessay The Joyless Economy | ||
| (Foto: Filmfest Oldenburg · Marjorie Conrad) | ||
Von Eckhard Haschen
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – die Reise ins nordwestliche Niedersachsen hat sich wieder einmal gelohnt! Irgendwie gelingt es Torsten Neumann und seinem Team immer wieder, genau die Filme und deren Macher:innen nach Oldenburg zu holen, die einen an die Zukunft des Kinos als kreativer Kunstform glauben lassen.
Dabei verfolgt das Festival einerseits konsequent seinen in den letzten Jahren verstärkt beschrittenen Weg, bislang wenig oder gar nicht gehörten Stimmen aus allen Teilen der Welt eine Plattform zu geben. Da erzählt die südafrikanische Regisseurin Zamo Mkhwanazi in ihrem ersten langen, von der Geschichte ihres Großvaters inspiriertem Film in eindringlichen Bildern von der Verschärfung des Apartheid-Regimes im Johannesburg des Jahres 1968. Oder da blättert die französisch-amerikanische Regisseurin Marjorie Conrad in ihrem einstündigen Filmessay The Joyless Economy auf höchst ungewöhnliche Weise, nämlich anhand von Tagebuchaufzeichnungen und einer gefundenen Videosammlung mit Werken von Bergman bis Jess Franko das Leben einer unbekannten Frau auf. Für den in jeder Hinsicht gewagten Film gab es zu Recht den Audacity-Award.
Wie man auch in schweren Zeiten mit leichter Hand originelle Geschichten erzählen kann, beweist Matthew Osubor in seiner mit dem Preis für den besten Erstlingsfilm ausgezeichneten Krimikomödie Big Daddy‘s Flowers. Er selbst spielt darin einen Blumenlieferanten, dem plötzlich klar wird, dass die Blumen nur eine Tarnung für Drogen sind und sein Chef alles andere ist als ein harmloser Blumenhändler. Dass der Film in vielem an den erfrischenden Geist der Independentfilme der Neunziger erinnert, mag ein wenig mit Osubors Mentor Alexandre Rockwell zu tun haben – die vielen überraschenden Regieeinfälle dürften aber auf sein eigenes Konto gehen.
Dass sich das Genre des Gefängnisfilms wenn auch nicht neu erfinden, so doch erneuern lässt, beweist Vincent Grashaw mit Bruton. Denn Grashaw hat zum einen in echten Gefängnissen gedreht und sich zum anderen von Anfang bis Ende von Brian Bruton, auf dessen wahrer tragikomischer Geschichte dieser Film basiert, beraten lassen. Hier ist nichts, oder fast nichts, wie Bruton selbst in Oldenburg zu Protokoll gab, geschönt, und auch wenn er längst nicht in jeder Hinsicht unschuldig ist, lässt sich der Schmerz, seine eigene heranwachsende Tochter jahrelang nicht sehen zu können, sehr gut nachempfinden.
Die Retrospektive war in diesem Jahr Neil LaBute gewidmet, dem in den späten 90er und frühen 2000er Jahren kontrovers diskutierten Regisseur von Dramen wie In the Company of Men, Your Friends and Neighbors oder Nurse Betty. Dass er in der Zwischenzeit nichts von seinem Talent, die schmalen Grenzen, zwischen Zärtlichkeit, latenter und offener Gewalt in der Beziehung zwischen Mann und Frau immer wieder neu auszuloten, verloren hat, beweisen die wenig beachteten Some Velvet Morning, House of Darkness und das als Weltpremiere gezeigte Kammerspiel Murderous. Wie er sich in Letzterem seinen eigenen Reim auf Filme wie Psycho oder Sleuth macht, ist schon höchst originell.
Nicht zu vergessen: Zoe Bell. Der legendären Stuntfrau und -koordinatorin, die durch ihre Rolle in Tarantinos Grindhouse: Death Proof auch als Schauspielerin reüssieren konnte, war ein vierteiliger Tribute gewidmet, bei dem sie stets freudig Auskunft über ihre Arbeit gab. Nicht zuletzt dafür fährt man jedes Jahr aufs Neue nach Oldenburg.