08.10.2026

Letzte Filme

Last Movies
Welche Filme haben berühmte Persönlichkeiten als letztes gesehen? – Stanley Schtinters Filmgeschichte Last Movies
(Foto: UNDERDOX · Stanley Schtinter)

Mit dem Thema »Erinnern« taucht das 21. UNDERDOX in Geschichte und Filmgeschichte ein – und versteht dies auch als Statement zur Erinnerungskultur

Von Dunja Bialas

Aus der schmerz­haften Erfahrung, mitzu­er­leben, wie Erin­ne­rung aus dem Gedächtnis geliebter Menschen verschwindet, haben wir 20 Jahre nach der Gründung von UNDERDOX das Erinnern zum Thema erhoben. Erinnern, nicht etwa Erin­ne­rung: Die Verbform ist absicht­lich. Erinnern verstehen wir als aktiven Prozess, der stets aufs Neue vollzogen werden muss, um lebendig zu sein. Unser Thema begreifen wir, neben der persön­li­chen Einfär­bung, die uns den Impuls gab, auch als affir­ma­tives Statement zur Erin­ne­rungs­kultur – gerade auch ange­sichts der besorg­nis­er­re­genden poli­ti­schen Backlashs.

Der Doku­men­tar­film – um ihn, in seiner expe­ri­men­tellen oder essay­is­ti­schen Form, geht es bei UNDERDOX – hält Momente fest, die später, beim Sehen, vergangen sind. Man könnte also sagen, dass der Film als solches die Vergan­gen­heit vor dem Vergessen bewahrt. Das ist auch banal. Wie aber werden Filme zu Orten des Erinnerns? Also zu einer absichts­vollen Hinwen­dung zur Vergan­gen­heit?

Lebendige Archive

Erin­nernde Filme befreien die Bilder aus den Archiven, wieder­be­leben sie durch eine neue Kontex­tua­li­sie­rung. Das von UNDERDOX einge­la­dene »Archivio Aperto«, ein Festival aus Bologna, hat sich dem Home-Movie und den Schmal­film­for­maten verschrieben. Im Rahmen unseres »Young Curators«-Programm und in Zusam­men­ar­beit mit dem Archivio Aperto hat Stella Kluge eine Auswahl inter­na­tio­naler Kurzfilme nach München gebracht, die das Erinnern mit dem Archiv­ma­te­rial und der Rekon­tex­tua­li­sie­rung voll­ziehen.

Erin­ne­rungs­kultur

Einen Film, ganz aus Found-Footage von Spiel­filmen, hat der deutsch-polnische Filme­ma­cher Michal Kosa­kowski in Holo­fic­tion kompi­liert. Aus Tausenden von fiktio­nalen Film­aus­schnitten seziert er so eine Ikono­grafie des Holo­causts. Er unter­scheidet drei Phasen: die Pionier­phase (während der Kriegs­zeit), die Konso­li­die­rung nach den Auschwitz-Prozessen und die Kano­ni­sche Phase bis 2000. In letzterer finden sich Filme, an die man sofort denkt: Steven Spiel­bergs Schindler’s List (1993) natürlich, und Roberto Benignis La vita è bella (1997).

Die fiktio­nalen Darstel­lungen von Situa­tionen, die bei den Betrach­tern augen­blick­lich »Holocaust« asso­zi­ieren – das macht sie ikonisch –, sind in vielerlei Hinsicht Nach-Bilder der doku­men­ta­ri­schen Aufnahmen, die ameri­ka­ni­sche und sowje­ti­sche Kame­ramänner bei der Befreiung der Konzen­tra­ti­ons­lager machten. Die Aufnahmen spielten eine zentrale Rolle bei den Auschwitz-Prozessen und dienten als Beweis­mittel. Indem der Spielfilm die histo­ri­schen Aufnahmen nach­bil­dete und sie in Geschichten einbet­tete, bewahrte er sie im kollek­tiven Gedächtnis – der Film ist so auch ein Ort der Erin­ne­rungs­kultur.

Das Schweigen brechen

Die Kran­ken­haus­morde in der NS-Zeit gingen unter dem Stichwort »Eutha­nasie« in die Geschichte ein. Die sich ihm widmende Münchner Geden­kinitia­tive setzt diesen Euphe­mismus nur in Anfüh­rungs­zei­chen, wenn sie Angehö­rige der Opfer findet und sie vorsichtig dazu ermutigt, von der Fami­li­en­ge­schichte zu erzählen. Oft verbindet sich mit ihr Scham, was auch eine Folge des öffent­li­chen Umgangs mit dem Thema Behin­de­rung und Psych­ia­trie ist. Sibylle Tiedemann von der Geden­kinitia­tive zeigt Das Schweigen brechen von Robert Drome in Anwe­sen­heit von Angehö­rigen. Andreas Grützner ergänzt mit seinem mit dem Preis der deutschen Film­kritik ausge­zeich­neten Kurzfilm Eigent­lich wollte ich nicht so lange bleiben das Programm durch einen Blick in die Psych­ia­trie, erstellt aus Super-8-Material, das er als Pfleger in den Acht­zi­ger­jahren gefilmt hat.

Das Vergan­gene ist nicht tot

Die Befragung der (noch) intakten Erin­ne­rung von Angehö­rigen steht im Mittel­punkt von Laura Coppens Sedimente. Der Film legt Zeugnis ab von der deutsch-deutschen Geschichte. Im Mittel­punkt steht der Großvater der Filme­ma­cherin. Im Krieg geboren, in der DDR aufge­wachsen und zum Arzt ausge­bildet, später von der Stasi als IM ange­worben, dann jäh fallen­ge­lassen, als er sich weigerte, den Kontakt zu seiner Tochter abzu­bre­chen, die sich in einen Spanier verliebt hatte und nach Madrid ausreiste. »Wir sind das Volk!«, Christa Wolfs Rede am 4. November 1989 in Ost-Berlin. Besuch auf dem Wald­friedhof, wo die Oma ihre Ruhe­stätte hat. »Jetzt kann ich nicht mehr, ich kann nicht so lange stehen«, sagt der Opa in die Kamera. 16mm. Super-8-Erin­ne­rungen der jungen Großel­tern, Sommer­ur­laub, Verliebt­sein, schwarzes Haar. Beide Ärzte im Arbeiter- und Bauern­staat, obwohl dem Opa ein klein­bür­ger­li­ches Bewusst­sein attes­tiert wurde.

Laura Coppens ordnet nicht, sie sammelt an, gräbt asso­ziativ zusammen mit dem Opa in den Schichten seines Gedächt­nisses, zieht Foto­gra­fien, Briefe, E-Mails und die Stasi-Akten zu Rate. Will verstehen, was den Opa umtreibt, was die Fami­li­en­ge­schichte ist, deren Sedimente den Unter­grund der Gegenwart bilden. »Das Vergan­gene ist nicht tot«, schreibt Christa Wolf in »Kind­heits­muster«. Laura Coppens hat Zitate aus dem Roman in die mecha­ni­sche Schreib­ma­schine Marke Erika getippt, nimmt sie als Kapi­tel­ü­ber­schriften oder wie das kurze Inne­halten durch Sinn­sprüche. Allzu schwer lässt sie sie nicht über dem Film hängen, wie auch ihr Film Sedimente nicht allzu schwer ist. Das Verhältnis von Opa und Enkelin ist leicht, kommu­ni­kativ, nicht bemüht, offen, nicht fürs Wohn­zimmer aufbe­wahrt. Ist lebendig, nicht mühsam hervor­ge­holt.

Letzte Filme

Während der britische Film­künstler Stanley Schtinter in seinem Film Schnee­witt­chen noch ganz auf Bilder verzich­tete, hat er nun in Last Movies eine Fülle an Found-Footage zusam­men­ge­tragen und zeigt all die Filme, die berühmte Persön­lich­keiten als letztes gesehen haben, bevor der Tod für immer ihre Erin­ne­rungen an das, was sie gesehen und gelebt hatten, auslöschte. So wurde der Gangster John Dillinger getötet, als er aus dem Kino kam. Gesehen hatte er Manhatten Melodrama von W.S. Van Dyke und George Cukor. Dieser sah The Graduate und starb. R.W. Fass­binder sah Michael Curtiz’ 20000 Years In Sing Sing, dann ereilte ihn der Herz­still­stand. Sprecher Jeremy Irons knüpft die Bezüge. Heraus­ge­kommen ist eine zuerst unter­halt­same, dann auch traurige, aber niemals nekro­phile Neuord­nung der Film­ge­schichte.