Letzte Filme |
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| Welche Filme haben berühmte Persönlichkeiten als letztes gesehen? – Stanley Schtinters Filmgeschichte Last Movies | ||
| (Foto: UNDERDOX · Stanley Schtinter) | ||
Von Dunja Bialas
Aus der schmerzhaften Erfahrung, mitzuerleben, wie Erinnerung aus dem Gedächtnis geliebter Menschen verschwindet, haben wir 20 Jahre nach der Gründung von UNDERDOX das Erinnern zum Thema erhoben. Erinnern, nicht etwa Erinnerung: Die Verbform ist absichtlich. Erinnern verstehen wir als aktiven Prozess, der stets aufs Neue vollzogen werden muss, um lebendig zu sein. Unser Thema begreifen wir, neben der persönlichen Einfärbung, die uns den Impuls gab, auch als affirmatives Statement zur Erinnerungskultur – gerade auch angesichts der besorgniserregenden politischen Backlashs.
Der Dokumentarfilm – um ihn, in seiner experimentellen oder essayistischen Form, geht es bei UNDERDOX – hält Momente fest, die später, beim Sehen, vergangen sind. Man könnte also sagen, dass der Film als solches die Vergangenheit vor dem Vergessen bewahrt. Das ist auch banal. Wie aber werden Filme zu Orten des Erinnerns? Also zu einer absichtsvollen Hinwendung zur Vergangenheit?
Erinnernde Filme befreien die Bilder aus den Archiven, wiederbeleben sie durch eine neue Kontextualisierung. Das von UNDERDOX eingeladene »Archivio Aperto«, ein Festival aus Bologna, hat sich dem Home-Movie und den Schmalfilmformaten verschrieben. Im Rahmen unseres »Young Curators«-Programm und in Zusammenarbeit mit dem Archivio Aperto hat Stella Kluge eine Auswahl internationaler Kurzfilme nach München gebracht, die das Erinnern mit dem Archivmaterial und der Rekontextualisierung vollziehen.
Einen Film, ganz aus Found-Footage von Spielfilmen, hat der deutsch-polnische Filmemacher Michal Kosakowski in Holofiction kompiliert. Aus Tausenden von fiktionalen Filmausschnitten seziert er so eine Ikonografie des Holocausts. Er unterscheidet drei Phasen: die Pionierphase (während der Kriegszeit), die Konsolidierung nach den Auschwitz-Prozessen und die Kanonische Phase bis 2000. In letzterer finden sich Filme, an die man sofort denkt: Steven Spielbergs Schindler’s List (1993) natürlich, und Roberto Benignis La vita è bella (1997).
Die fiktionalen Darstellungen von Situationen, die bei den Betrachtern augenblicklich »Holocaust« assoziieren – das macht sie ikonisch –, sind in vielerlei Hinsicht Nach-Bilder der dokumentarischen Aufnahmen, die amerikanische und sowjetische Kameramänner bei der Befreiung der Konzentrationslager machten. Die Aufnahmen spielten eine zentrale Rolle bei den Auschwitz-Prozessen und dienten als Beweismittel. Indem der Spielfilm die historischen Aufnahmen nachbildete und sie in Geschichten einbettete, bewahrte er sie im kollektiven Gedächtnis – der Film ist so auch ein Ort der Erinnerungskultur.
Die Krankenhausmorde in der NS-Zeit gingen unter dem Stichwort »Euthanasie« in die Geschichte ein. Die sich ihm widmende Münchner Gedenkinitiative setzt diesen Euphemismus nur in Anführungszeichen, wenn sie Angehörige der Opfer findet und sie vorsichtig dazu ermutigt, von der Familiengeschichte zu erzählen. Oft verbindet sich mit ihr Scham, was auch eine Folge des öffentlichen Umgangs mit dem Thema Behinderung und Psychiatrie ist. Sibylle Tiedemann von der Gedenkinitiative zeigt Das Schweigen brechen von Robert Drome in Anwesenheit von Angehörigen. Andreas Grützner ergänzt mit seinem mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichneten Kurzfilm Eigentlich wollte ich nicht so lange bleiben das Programm durch einen Blick in die Psychiatrie, erstellt aus Super-8-Material, das er als Pfleger in den Achtzigerjahren gefilmt hat.
Die Befragung der (noch) intakten Erinnerung von Angehörigen steht im Mittelpunkt von Laura Coppens Sedimente. Der Film legt Zeugnis ab von der deutsch-deutschen Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Großvater der Filmemacherin. Im Krieg geboren, in der DDR aufgewachsen und zum Arzt ausgebildet, später von der Stasi als IM angeworben, dann jäh fallengelassen, als er sich weigerte, den Kontakt zu seiner Tochter abzubrechen, die sich in einen Spanier verliebt hatte und nach Madrid ausreiste. »Wir sind das Volk!«, Christa Wolfs Rede am 4. November 1989 in Ost-Berlin. Besuch auf dem Waldfriedhof, wo die Oma ihre Ruhestätte hat. »Jetzt kann ich nicht mehr, ich kann nicht so lange stehen«, sagt der Opa in die Kamera. 16mm. Super-8-Erinnerungen der jungen Großeltern, Sommerurlaub, Verliebtsein, schwarzes Haar. Beide Ärzte im Arbeiter- und Bauernstaat, obwohl dem Opa ein kleinbürgerliches Bewusstsein attestiert wurde.
Laura Coppens ordnet nicht, sie sammelt an, gräbt assoziativ zusammen mit dem Opa in den Schichten seines Gedächtnisses, zieht Fotografien, Briefe, E-Mails und die Stasi-Akten zu Rate. Will verstehen, was den Opa umtreibt, was die Familiengeschichte ist, deren Sedimente den Untergrund der Gegenwart bilden. »Das Vergangene ist nicht tot«, schreibt Christa Wolf in »Kindheitsmuster«. Laura Coppens hat Zitate aus dem Roman in die mechanische Schreibmaschine Marke Erika getippt, nimmt sie als Kapitelüberschriften oder wie das kurze Innehalten durch Sinnsprüche. Allzu schwer lässt sie sie nicht über dem Film hängen, wie auch ihr Film Sedimente nicht allzu schwer ist. Das Verhältnis von Opa und Enkelin ist leicht, kommunikativ, nicht bemüht, offen, nicht fürs Wohnzimmer aufbewahrt. Ist lebendig, nicht mühsam hervorgeholt.
Während der britische Filmkünstler Stanley Schtinter in seinem Film Schneewittchen noch ganz auf Bilder verzichtete, hat er nun in Last Movies eine Fülle an Found-Footage zusammengetragen und zeigt all die Filme, die berühmte Persönlichkeiten als letztes gesehen haben, bevor der Tod für immer ihre Erinnerungen an das, was sie gesehen und gelebt hatten, auslöschte. So wurde der Gangster John Dillinger getötet, als er aus dem Kino kam. Gesehen hatte er Manhatten Melodrama von W.S. Van Dyke und George Cukor. Dieser sah The Graduate und starb. R.W. Fassbinder sah Michael Curtiz’ 20000 Years In Sing Sing, dann ereilte ihn der Herzstillstand. Sprecher Jeremy Irons knüpft die Bezüge. Herausgekommen ist eine zuerst unterhaltsame, dann auch traurige, aber niemals nekrophile Neuordnung der Filmgeschichte.