Wider die einzige Geschichte |
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| Take My Breath von Nada Mezni Hafaiedh | ||
| (Foto: Leyth Production/Hamzeh Mystique Films) | ||
Von Axel Timo Purr
Es gibt Geschichten, die so oft erzählt werden, dass sie irgendwann für die Wirklichkeit selbst gehalten werden. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat dieses Phänomen in ihrem berühmten TED-Talk The Danger of a Single Story umrissen: die Gefahr, Menschen, Kulturen und ganze Kontinente auf eine einzige Erzählung zu reduzieren. Das Problem solcher Geschichten sei nicht unbedingt, dass sie falsch sind, sondern dass sie unvollständig bleiben. Sie nehmen den Menschen ihre Vielschichtigkeit, indem sie eine Perspektive zur einzig gültigen erklären.
Kaum ein Kontinent ist von dieser Reduktion so sehr betroffen wie Afrika. Noch immer dominieren in der westlichen Wahrnehmung Bilder von Armut, Gewalt, Flucht und politischen Krisen, während die kulturelle Vielfalt, die gesellschaftlichen Veränderungen und die künstlerische Innovationskraft seiner 54 Staaten häufig im Hintergrund bleiben. Dabei hat sich gerade das afrikanische Kino in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der aufregendsten filmischen Landschaften der Welt entwickelt. Ein Kino, das seine eigenen Geschichten erzählt, seine ästhetischen Traditionen weiterentwickelt und sich zunehmend auch auf den großen internationalen Festivals behauptet.
Die 16. Afrikanischen Filmtage München, die am 17. und 18. Oktober 2026 im Gasteig HP8 stattfinden, setzen genau hier an. Seit 2011 bietet das Festival einen Raum für filmische Perspektiven jenseits vertrauter Klischees und medialer Stereotype. Veranstaltet von der Filmstadt München e. V. in Kooperation mit der Münchner Stadtbibliothek, versteht es sich nicht nur als Schaufenster afrikanischer Filmkunst, sondern auch als Ort des kulturellen Austauschs und der Begegnung.
Das diesjährige Programm zeigt sechs Filme, deren Geschichten kaum unterschiedlicher sein könnten. Sie erzählen von jungen Tänzern in Nigeria, von den schwierigen Möglichkeiten der Versöhnung nach dem Genozid in Ruanda, von der musikalischen Verwandtschaft zwischen Afrika und Amerika, von einer Kindheit im Schatten politischer Umbrüche, von geschlechtlicher Identität und gesellschaftlicher Ausgrenzung sowie von den Widersprüchen der Vaterschaft im heutigen Südafrika. Was sie verbindet, ist weniger eine gemeinsame Ästhetik als die Weigerung, sich auf einfache Antworten festlegen zu lassen.
Den Auftakt bildet am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 15:00 Uhr, im Gasteig HP8 der nigerianische Spielfilm When Nigeria Happens (Nigeria, 2025, 120 Min., OmenglU) von Ema Edosio Deelen. Als erster zeitgenössischer Tanzfilm Nigerias verbindet er die Energie einer jungen urbanen Tanzszene mit einer Geschichte über soziale Ungleichheit und die Fragilität
künstlerischer Träume. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe junger Tänzerinnen und Tänzer, die davon träumen, eines Tages von ihrer Kunst leben zu können. Doch als Fagbo verzweifelt versucht, Geld für die Behandlung seiner kranken Mutter aufzutreiben, geraten nicht nur seine eigenen Hoffnungen, sondern auch der Zusammenhalt der Gruppe unter Druck.
Der Tanz wird dabei zum Ausdruck eines Lebensgefühls, das zwischen Aufbruch und existenzieller Unsicherheit oszilliert. Wo
gesellschaftliche Verhältnisse individuelle Entfaltung erschweren, wird der eigene Körper zum Instrument der Selbstbehauptung. Zugleich stellt der Film die Frage, welchen Preis junge Menschen für ihre Träume zahlen müssen, wenn wirtschaftliche Not und familiäre Verantwortung kaum Raum für künstlerische Freiheit lassen. When Nigeria Happens feierte 2025 seine
Weltpremiere als Eröffnungsfilm der Sektion „Open Doors“ beim Filmfestival von Locarno. Im Anschluss an die Münchner Vorführung findet ein Filmgespräch via Zoom mit Regisseurin, Co-Drehbuchautorin und Co-Produzentin Ema Edosio Deelen statt, moderiert von Barbara Off (DOK.fest München).
Ebenfalls am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 18:15 Uhr, folgt Ben'imana (Gabun/Ruanda/Frankreich/Norwegen, 2026, 101 Min., OmenglU) von Marie-Clementine Dusabejambo. Der Film führt ins Ruanda des Jahres 2012, fast zwei Jahrzehnte nach dem Genozid von 1994. Vénéranda, selbst eine Überlebende des Völkermords, leitet Gespräche zwischen Opfern und den
Familien der Täter. Ihre Arbeit ist von der Überzeugung getragen, dass Versöhnung möglich sein muss, selbst dort, wo die Vergangenheit unüberwindbar erscheint. Doch als sie von der ungeplanten Schwangerschaft ihrer Tochter erfährt, gerät ihr eigenes moralisches Selbstverständnis ins Wanken.
Dusabejambo verknüpft damit die großen Fragen gesellschaftlicher Versöhnung mit den Widersprüchen privater Beziehungen. Wie lässt sich Vergebung einfordern, wenn man selbst
Schwierigkeiten hat, Entscheidungen anderer Menschen zu akzeptieren? Und wie weit reicht die Bereitschaft zur Verständigung, wenn die eigenen Überzeugungen infrage gestellt werden? Ben'imana erzählt von den Grenzen moralischer Gewissheiten und davon, dass Versöhnung nicht nur eine politische Aufgabe ist, sondern immer auch eine zutiefst
persönliche Herausforderung. Der Film feierte seine Weltpremiere 2026 in der Sektion „Un Certain Regard“ der Filmfestspiele von Cannes und wurde mit der Caméra d’Or ausgezeichnet.
Zum Abschluss des ersten Festivaltages steht am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 20:30 Uhr, der Dokumentarfilm Tukki – Des Racines Au Bayou (From Roots to Bayou) (Ghana/Nigeria/Senegal/Frankreich/USA, 2026, 92 Min., OmenglU) von Alune Wade und Vincent Le Gal auf dem Programm. Der senegalesische Jazzmusiker Wade begibt sich auf
eine musikalische Reise durch Senegal, Ghana und Nigeria bis nach New Orleans, um gemeinsam mit lokalen Musikern sein Album „New African Orleans“ aufzunehmen. Jede Station dieser Reise erschließt einen anderen musikalischen, historischen oder kulturellen Aspekt des Jazz und seiner afrikanischen Wurzeln.
Dabei wird Musik zu einer Sprache der Erinnerung, die historische Trennungen überwindet, ohne sie vergessen zu machen. Denn die Verbindungen zwischen
westafrikanischen Musiktraditionen und dem Jazz von New Orleans sind untrennbar mit der Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels und der afrikanischen Diaspora verbunden. Was einst durch Gewalt auseinandergerissen wurde, findet in musikalischen Rhythmen, Improvisationen und Begegnungen neue Formen des Zusammenhalts. Tukki – Des Racines Au Bayou ist damit mehr als die Dokumentation einer Albumproduktion: Der Film eröffnet einen Blick auf kulturelle Verflechtungen, die sich nationalen Grenzen ebenso entziehen wie einfachen Vorstellungen von Herkunft und Zugehörigkeit. Beim Africa International Film Festival 2025 wurde er als bester internationaler Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Vorführung findet in Kooperation mit dem DOK.fest München statt. Anschließend lädt das
Festival zu einem Get-together mit Drinks, Snacks und Musik ein.
Am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 14:00 Uhr, eröffnet Akinola Davies Jr.s Spielfilm My Father’s Shadow (Nigeria/Irland/Großbritannien, 2025, 94 Min., OmdU) den zweiten Festivaltag. Schauplatz ist Lagos im Jahr 1993, als Nigeria nach den annullierten Präsidentschaftswahlen in eine schwere politische Krise geriet. Vor diesem historischen Hintergrund
erzählt Davies von einem Vater und seinen beiden Söhnen: Folarin durchquert mit Akin und Remi die pulsierende Millionenmetropole, während die politische Unsicherheit zunehmend auch ihre Heimreise gefährdet.
Was zunächst wie ein gemeinsamer Ausflug erscheint, wird zu einer Annäherung zwischen einem Vater und seinen Kindern, deren Beziehung von Distanz und unausgesprochenen Erwartungen geprägt ist. Die politische Geschichte Nigerias bildet dabei nicht bloß den Hintergrund,
sondern dringt unmittelbar in den familiären Alltag ein. Die Ungewissheit über die Zukunft des Landes spiegelt sich in der Unsicherheit einer Vater-Sohn-Beziehung, in der Nähe und Fremdheit auf eigentümliche Weise nebeneinander bestehen. My Father’s Shadow verbindet so die Perspektive kindlicher Wahrnehmung mit einer historischen Zäsur und erzählt
davon, wie sich politische Umbrüche in persönliche Erinnerungen einschreiben. Der Film feierte 2025 seine Weltpremiere in der Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes und war damit der erste nigerianische Film in der offiziellen Auswahl des Festivals. Er erhielt eine besondere Erwähnung für die Caméra d’Or.
Im Anschluss, am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 16:30 Uhr, folgt Take My Breath (Tunesien, 2023, 96 Min., OmenglU) von Nada Mezni Hafaiedh. Der Spielfilm erzählt die Geschichte von Shams, deren zunächst friedliches Leben auf einer tunesischen Insel zerbricht, als ihre Intergeschlechtlichkeit bekannt wird. Plötzlich wird sie zur Zielscheibe gesellschaftlicher
Ausgrenzung und persönlicher Bedrohung. Auf der Flucht vor einem unerbittlichen Verfolger gelangt sie nach Tunis, wo sie versucht, ein neues Verhältnis zu sich selbst und ihrer Identität zu finden.
Hafaiedh widmet sich damit einem Thema, das nicht nur in nordafrikanischen Gesellschaften von Tabus, Vorurteilen und rigiden Geschlechternormen geprägt ist. Der Film stellt die Frage, wem das Recht zusteht, über die Identität eines Menschen zu bestimmen, und was geschieht, wenn der
eigene Körper nicht den gesellschaftlich vorgeschriebenen Kategorien entspricht. Die Flucht von der Insel in die Großstadt wird dabei auch zu einer Bewegung aus der Fremdbestimmung in Richtung Selbstermächtigung. Take My Breath erzählt von Verletzlichkeit und Ausgrenzung, aber ebenso vom Beharren auf einem selbstbestimmten Leben. Hauptdarstellerin Amina Ben
Ismail wurde für ihre Darstellung beim Festival du Film Arabe de Casablanca 2024 als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
Den Abschluss der 16. Afrikanischen Filmtage bildet am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 18:30 Uhr, der südafrikanische Spielfilm The Heart Is A Muscle (Südafrika/Saudi-Arabien, 2025, 86 Min., OmenglU) von Imran Hamdulay. Was als fröhlicher Kindergeburtstag beginnt, gerät aus den Fugen, als Ryans fünfjähriger Sohn plötzlich verschwindet. In seiner Panik
begeht der Vater einen folgenschweren Fehler, dessen Konsequenzen ihn zwingen, sich mit seiner Vergangenheit und seiner Verantwortung auseinanderzusetzen.
Hamdulay nimmt diesen Moment des Kontrollverlusts zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit Männlichkeit, Schuld und den Möglichkeiten persönlicher Veränderung. Im Zentrum steht ein Vater, dessen Vorstellung von Stärke und Fürsorge auf die Probe gestellt wird. Wie sehr bestimmen frühere Erfahrungen unser
gegenwärtiges Handeln? Und ist es möglich, sich von den Mustern zu lösen, die man selbst übernommen hat? Der Titel des Films verweist bereits auf die Spannung zwischen emotionaler Verletzlichkeit und der Vorstellung männlicher Härte. The Heart Is A Muscle fragt danach, was es bedeutet, Verantwortung nicht nur für andere, sondern auch für die eigenen
Entscheidungen zu übernehmen. Der Film feierte seine Weltpremiere 2025 in der Sektion „Panorama“ der Berlinale und wurde mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet.
Damit entfaltet das Programm der 16. Afrikanischen Filmtage München ein Panorama, das von den Straßen Lagos‘ über die Erinnerungslandschaften Ruandas bis zu den musikalischen Verbindungen zwischen Dakar und New Orleans reicht. Es erzählt von Menschen, die sich gegen gesellschaftliche Zuschreibungen behaupten, von Familien, die mit den Schatten der Vergangenheit leben, und von einer Kunst, die dort neue Möglichkeiten eröffnet, wo politische und soziale Verhältnisse
Grenzen setzen.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke dieses Festivalwochenendes: Es versucht nicht, eine neue, vermeintlich authentische Geschichte Afrikas an die Stelle der alten zu setzen. Es zeigt vielmehr, dass es diese eine Geschichte gar nicht geben kann. Und dass Kino dort am lebendigsten ist, wo es die Vielfalt menschlicher Erfahrungen sichtbar macht, statt sie auf vertraute Bilder zu reduzieren.