15.10.2026

Wider die einzige Geschichte

Take my Breath
Take My Breath von Nada Mezni Hafaiedh
(Foto: Leyth Production/Hamzeh Mystique Films)

Von Nigerias Tanzszene über die Wunden des ruandischen Genozids bis zu den musikalischen Verbindungen zwischen Westafrika und New Orleans: Die 16. Afrikanischen Filmtage München erzählen von Identität, Erinnerung und Selbstbestimmung und von einem Kontinent, der sich nicht auf eine einzige Geschichte reduzieren lässt

Von Axel Timo Purr

Es gibt Geschichten, die so oft erzählt werden, dass sie irgend­wann für die Wirk­lich­keit selbst gehalten werden. Die nige­ria­ni­sche Schrift­stel­lerin Chima­manda Ngozi Adichie hat dieses Phänomen in ihrem berühmten TED-Talk The Danger of a Single Story umrissen: die Gefahr, Menschen, Kulturen und ganze Konti­nente auf eine einzige Erzählung zu redu­zieren. Das Problem solcher Geschichten sei nicht unbedingt, dass sie falsch sind, sondern dass sie unvoll­s­tändig bleiben. Sie nehmen den Menschen ihre Viel­schich­tig­keit, indem sie eine Perspek­tive zur einzig gültigen erklären.

Kaum ein Kontinent ist von dieser Reduktion so sehr betroffen wie Afrika. Noch immer domi­nieren in der west­li­chen Wahr­neh­mung Bilder von Armut, Gewalt, Flucht und poli­ti­schen Krisen, während die kultu­relle Vielfalt, die gesell­schaft­li­chen Verän­de­rungen und die künst­le­ri­sche Inno­va­ti­ons­kraft seiner 54 Staaten häufig im Hinter­grund bleiben. Dabei hat sich gerade das afri­ka­ni­sche Kino in den vergan­genen Jahr­zehnten zu einer der aufre­gendsten filmi­schen Land­schaften der Welt entwi­ckelt. Ein Kino, das seine eigenen Geschichten erzählt, seine ästhe­ti­schen Tradi­tionen weiter­ent­wi­ckelt und sich zunehmend auch auf den großen inter­na­tio­nalen Festivals behauptet.

Die 16. Afri­ka­ni­schen Filmtage München, die am 17. und 18. Oktober 2026 im Gasteig HP8 statt­finden, setzen genau hier an. Seit 2011 bietet das Festival einen Raum für filmische Perspek­tiven jenseits vertrauter Klischees und medialer Stereo­type. Veran­staltet von der Filmstadt München e. V. in Koope­ra­tion mit der Münchner Stadt­bi­blio­thek, versteht es sich nicht nur als Schau­fenster afri­ka­ni­scher Filmkunst, sondern auch als Ort des kultu­rellen Austauschs und der Begegnung.

Das dies­jäh­rige Programm zeigt sechs Filme, deren Geschichten kaum unter­schied­li­cher sein könnten. Sie erzählen von jungen Tänzern in Nigeria, von den schwie­rigen Möglich­keiten der Versöh­nung nach dem Genozid in Ruanda, von der musi­ka­li­schen Verwandt­schaft zwischen Afrika und Amerika, von einer Kindheit im Schatten poli­ti­scher Umbrüche, von geschlecht­li­cher Identität und gesell­schaft­li­cher Ausgren­zung sowie von den Wider­sprüchen der Vater­schaft im heutigen Südafrika. Was sie verbindet, ist weniger eine gemein­same Ästhetik als die Weigerung, sich auf einfache Antworten festlegen zu lassen.

Den Auftakt bildet am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 15:00 Uhr, im Gasteig HP8 der nige­ria­ni­sche Spielfilm When Nigeria Happens (Nigeria, 2025, 120 Min., OmenglU) von Ema Edosio Deelen. Als erster zeit­genös­si­scher Tanzfilm Nigerias verbindet er die Energie einer jungen urbanen Tanzszene mit einer Geschichte über soziale Ungleich­heit und die Fragi­lität künst­le­ri­scher Träume. Im Mittel­punkt steht eine Gruppe junger Tänze­rinnen und Tänzer, die davon träumen, eines Tages von ihrer Kunst leben zu können. Doch als Fagbo verzwei­felt versucht, Geld für die Behand­lung seiner kranken Mutter aufzu­treiben, geraten nicht nur seine eigenen Hoff­nungen, sondern auch der Zusam­men­halt der Gruppe unter Druck.
Der Tanz wird dabei zum Ausdruck eines Lebens­ge­fühls, das zwischen Aufbruch und exis­ten­zi­eller Unsi­cher­heit oszil­liert. Wo gesell­schaft­liche Verhält­nisse indi­vi­du­elle Entfal­tung erschweren, wird der eigene Körper zum Instru­ment der Selbst­be­haup­tung. Zugleich stellt der Film die Frage, welchen Preis junge Menschen für ihre Träume zahlen müssen, wenn wirt­schaft­liche Not und familiäre Verant­wor­tung kaum Raum für künst­le­ri­sche Freiheit lassen. When Nigeria Happens feierte 2025 seine Welt­pre­miere als Eröff­nungs­film der Sektion „Open Doors“ beim Film­fes­tival von Locarno. Im Anschluss an die Münchner Vorfüh­rung findet ein Film­ge­spräch via Zoom mit Regis­seurin, Co-Dreh­buch­au­torin und Co-Produ­zentin Ema Edosio Deelen statt, moderiert von Barbara Off (DOK.fest München).

Ebenfalls am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 18:15 Uhr, folgt Ben'imana (Gabun/Ruanda/Frank­reich/Norwegen, 2026, 101 Min., OmenglU) von Marie-Clemen­tine Dusabe­jambo. Der Film führt ins Ruanda des Jahres 2012, fast zwei Jahr­zehnte nach dem Genozid von 1994. Vénéranda, selbst eine Über­le­bende des Völker­mords, leitet Gespräche zwischen Opfern und den Familien der Täter. Ihre Arbeit ist von der Über­zeu­gung getragen, dass Versöh­nung möglich sein muss, selbst dort, wo die Vergan­gen­heit unüber­windbar erscheint. Doch als sie von der unge­planten Schwan­ger­schaft ihrer Tochter erfährt, gerät ihr eigenes mora­li­sches Selbst­ver­s­tändnis ins Wanken.
Dusabe­jambo verknüpft damit die großen Fragen gesell­schaft­li­cher Versöh­nung mit den Wider­sprüchen privater Bezie­hungen. Wie lässt sich Vergebung einfor­dern, wenn man selbst Schwie­rig­keiten hat, Entschei­dungen anderer Menschen zu akzep­tieren? Und wie weit reicht die Bereit­schaft zur Vers­tän­di­gung, wenn die eigenen Über­zeu­gungen infrage gestellt werden? Ben'imana erzählt von den Grenzen mora­li­scher Gewiss­heiten und davon, dass Versöh­nung nicht nur eine poli­ti­sche Aufgabe ist, sondern immer auch eine zutiefst persön­liche Heraus­for­de­rung. Der Film feierte seine Welt­pre­miere 2026 in der Sektion „Un Certain Regard“ der Film­fest­spiele von Cannes und wurde mit der Caméra d’Or ausge­zeichnet.

Zum Abschluss des ersten Festi­val­tages steht am Samstag, den 17. Oktober 2026 um 20:30 Uhr, der Doku­men­tar­film Tukki – Des Racines Au Bayou (From Roots to Bayou) (Ghana/Nigeria/Senegal/Frank­reich/USA, 2026, 92 Min., OmenglU) von Alune Wade und Vincent Le Gal auf dem Programm. Der sene­ga­le­si­sche Jazz­mu­siker Wade begibt sich auf eine musi­ka­li­sche Reise durch Senegal, Ghana und Nigeria bis nach New Orleans, um gemeinsam mit lokalen Musikern sein Album „New African Orleans“ aufzu­nehmen. Jede Station dieser Reise erschließt einen anderen musi­ka­li­schen, histo­ri­schen oder kultu­rellen Aspekt des Jazz und seiner afri­ka­ni­schen Wurzeln.
Dabei wird Musik zu einer Sprache der Erin­ne­rung, die histo­ri­sche Tren­nungen über­windet, ohne sie vergessen zu machen. Denn die Verbin­dungen zwischen west­afri­ka­ni­schen Musik­tra­di­tionen und dem Jazz von New Orleans sind untrennbar mit der Geschichte des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels und der afri­ka­ni­schen Diaspora verbunden. Was einst durch Gewalt ausein­an­der­ge­rissen wurde, findet in musi­ka­li­schen Rhythmen, Impro­vi­sa­tionen und Begeg­nungen neue Formen des Zusam­men­halts. Tukki – Des Racines Au Bayou ist damit mehr als die Doku­men­ta­tion einer Album­pro­duk­tion: Der Film eröffnet einen Blick auf kultu­relle Verflech­tungen, die sich natio­nalen Grenzen ebenso entziehen wie einfachen Vorstel­lungen von Herkunft und Zugehö­rig­keit. Beim Africa Inter­na­tional Film Festival 2025 wurde er als bester inter­na­tio­naler Doku­men­tar­film ausge­zeichnet. Die Vorfüh­rung findet in Koope­ra­tion mit dem DOK.fest München statt. Anschließend lädt das Festival zu einem Get-together mit Drinks, Snacks und Musik ein.

Am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 14:00 Uhr, eröffnet Akinola Davies Jr.s Spielfilm My Father’s Shadow (Nigeria/Irland/Groß­bri­tan­nien, 2025, 94 Min., OmdU) den zweiten Festi­valtag. Schau­platz ist Lagos im Jahr 1993, als Nigeria nach den annul­lierten Präsi­dent­schafts­wahlen in eine schwere poli­ti­sche Krise geriet. Vor diesem histo­ri­schen Hinter­grund erzählt Davies von einem Vater und seinen beiden Söhnen: Folarin durch­quert mit Akin und Remi die pulsie­rende Millio­nen­me­tro­pole, während die poli­ti­sche Unsi­cher­heit zunehmend auch ihre Heimreise gefährdet.
Was zunächst wie ein gemein­samer Ausflug erscheint, wird zu einer Annähe­rung zwischen einem Vater und seinen Kindern, deren Beziehung von Distanz und unaus­ge­spro­chenen Erwar­tungen geprägt ist. Die poli­ti­sche Geschichte Nigerias bildet dabei nicht bloß den Hinter­grund, sondern dringt unmit­telbar in den fami­liären Alltag ein. Die Unge­wiss­heit über die Zukunft des Landes spiegelt sich in der Unsi­cher­heit einer Vater-Sohn-Beziehung, in der Nähe und Fremdheit auf eigen­tüm­liche Weise neben­ein­ander bestehen. My Father’s Shadow verbindet so die Perspek­tive kind­li­cher Wahr­neh­mung mit einer histo­ri­schen Zäsur und erzählt davon, wie sich poli­ti­sche Umbrüche in persön­liche Erin­ne­rungen einschreiben. Der Film feierte 2025 seine Welt­pre­miere in der Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes und war damit der erste nige­ria­ni­sche Film in der offi­zi­ellen Auswahl des Festivals. Er erhielt eine besondere Erwähnung für die Caméra d’Or.

Im Anschluss, am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 16:30 Uhr, folgt Take My Breath (Tunesien, 2023, 96 Min., OmenglU) von Nada Mezni Hafaiedh. Der Spielfilm erzählt die Geschichte von Shams, deren zunächst fried­li­ches Leben auf einer tune­si­schen Insel zerbricht, als ihre Inter­ge­schlecht­lich­keit bekannt wird. Plötzlich wird sie zur Ziel­scheibe gesell­schaft­li­cher Ausgren­zung und persön­li­cher Bedrohung. Auf der Flucht vor einem uner­bitt­li­chen Verfolger gelangt sie nach Tunis, wo sie versucht, ein neues Verhältnis zu sich selbst und ihrer Identität zu finden.
Hafaiedh widmet sich damit einem Thema, das nicht nur in nord­afri­ka­ni­schen Gesell­schaften von Tabus, Vorur­teilen und rigiden Geschlech­ter­normen geprägt ist. Der Film stellt die Frage, wem das Recht zusteht, über die Identität eines Menschen zu bestimmen, und was geschieht, wenn der eigene Körper nicht den gesell­schaft­lich vorge­schrie­benen Kate­go­rien entspricht. Die Flucht von der Insel in die Großstadt wird dabei auch zu einer Bewegung aus der Fremd­be­stim­mung in Richtung Selbst­er­mäch­ti­gung. Take My Breath erzählt von Verletz­lich­keit und Ausgren­zung, aber ebenso vom Beharren auf einem selbst­be­stimmten Leben. Haupt­dar­stel­lerin Amina Ben Ismail wurde für ihre Darstel­lung beim Festival du Film Arabe de Casablanca 2024 als beste Schau­spie­lerin ausge­zeichnet.

Den Abschluss der 16. Afri­ka­ni­schen Filmtage bildet am Sonntag, den 18. Oktober 2026 um 18:30 Uhr, der südafri­ka­ni­sche Spielfilm The Heart Is A Muscle (Südafrika/Saudi-Arabien, 2025, 86 Min., OmenglU) von Imran Hamdulay. Was als fröh­li­cher Kinder­ge­burtstag beginnt, gerät aus den Fugen, als Ryans fünf­jäh­riger Sohn plötzlich verschwindet. In seiner Panik begeht der Vater einen folgen­schweren Fehler, dessen Konse­quenzen ihn zwingen, sich mit seiner Vergan­gen­heit und seiner Verant­wor­tung ausein­an­der­zu­setzen.
Hamdulay nimmt diesen Moment des Kontroll­ver­lusts zum Ausgangs­punkt einer Ausein­an­der­set­zung mit Männ­lich­keit, Schuld und den Möglich­keiten persön­li­cher Verän­de­rung. Im Zentrum steht ein Vater, dessen Vorstel­lung von Stärke und Fürsorge auf die Probe gestellt wird. Wie sehr bestimmen frühere Erfah­rungen unser gegen­wär­tiges Handeln? Und ist es möglich, sich von den Mustern zu lösen, die man selbst über­nommen hat? Der Titel des Films verweist bereits auf die Spannung zwischen emotio­naler Verletz­lich­keit und der Vorstel­lung männ­li­cher Härte. The Heart Is A Muscle fragt danach, was es bedeutet, Verant­wor­tung nicht nur für andere, sondern auch für die eigenen Entschei­dungen zu über­nehmen. Der Film feierte seine Welt­pre­miere 2025 in der Sektion „Panorama“ der Berlinale und wurde mit dem Preis der Ökume­ni­schen Jury ausge­zeichnet.

Damit entfaltet das Programm der 16. Afri­ka­ni­schen Filmtage München ein Panorama, das von den Straßen Lagos‘ über die Erin­ne­rungs­land­schaften Ruandas bis zu den musi­ka­li­schen Verbin­dungen zwischen Dakar und New Orleans reicht. Es erzählt von Menschen, die sich gegen gesell­schaft­liche Zuschrei­bungen behaupten, von Familien, die mit den Schatten der Vergan­gen­heit leben, und von einer Kunst, die dort neue Möglich­keiten eröffnet, wo poli­ti­sche und soziale Verhält­nisse Grenzen setzen.
Viel­leicht liegt gerade darin die besondere Stärke dieses Festi­val­wo­chen­endes: Es versucht nicht, eine neue, vermeint­lich authen­ti­sche Geschichte Afrikas an die Stelle der alten zu setzen. Es zeigt vielmehr, dass es diese eine Geschichte gar nicht geben kann. Und dass Kino dort am leben­digsten ist, wo es die Vielfalt mensch­li­cher Erfah­rungen sichtbar macht, statt sie auf vertraute Bilder zu redu­zieren.