06.08.2026
Cinema Moralia – Folge 395

Die Nerven der Filmkritik

Everytime
»Darf man von diesem Film genervt sein?«
(Foto: eksystent distribution)

Falsche Bewegungen: Weimarer Verhältnisse, Veroneser Wein, Nacktheit und der Engel der Geschichte – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 395. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Enola Gay. You should have stayed at home yesterday/«
Ah-ha, words can′t describe/ The feeling and the way you lied/
These games you play/ They're gonna end in more than tears some day/
Ah-ha, Enola Gay/ It shouldn′t ever have to end this way
It’s 8:15/ And that’s the time that it′s always been/
We got your message on the radio/ Condi­tions normal and you′re coming home...
– OMD, »Enola Gay«

»Wir müssen den Helden und ebenso den Narren entdecken, der in unsrer Leiden­schaft der Erkenntnis steckt, wir müssen unsrer Torheit ab und zu froh werden, um unsrer Weisheit froh bleiben zu können!«
– Friedrich Nietzsche »Die Fröhliche Wissen­schaft«

Wir lesen heute alles – außer Bücher. Wieso zum Teufel aber kommen wir darauf, dass wir Filme lesen sollten? Die Zurecht­stut­zung von Kino auf Text ist barba­risch.

Filme sollte man sehen, spüren, fühlen, aber vor allem immer wieder sehen. Filme sollte man natürlich auch denken. Lesen müssen wir sie erst zual­ler­letzt.

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Es war ein merk­wür­diger und bemer­kens­werter Text. Wann kommt es schon einmal vor, dass eine Tages­zei­tung mitten aus dem libe­ral­bür­ger­li­chen Main­stream, einen kleinen zarten Autoren­film und Tage vor Filmstart bespricht, aus heiterem Himmel.
Der Text galt Everytime von Sandra Wollner.

Aber eigent­lich hat die SZ ihn gar nicht bespro­chen, sondern abge­watscht: Mit der Über­schrift »Darf man von diesem Film genervt sein?« Das ist schon erklärungs­be­dürftig, das hätte die SZ mal besser zur Odyssee geschrieben. Das wäre ein starker Gegner gewesen. Aber so? Ganz schön schräg und billig und traurig, liebe SZ. Habt ihr nichts Besseres tun? Was ist denn da passiert?

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Man darf natürlich auch von diesem Film genervt sein. Man wird es auch sein, vor allem wenn man keine Geduld und keine Ahnung hat.

Aber sollte man es? Das ist die eigent­liche Frage und was sagt es über einen aus, wenn man hiervon genervt ist? Vor allem wenn es sich um einen profes­sio­nellen Film­kri­tiker handelt?

Die Frage hat das gleiche Niveau wie die jener Leute, die heute zu verschie­denen Anlässen rheto­risch und kontra­fak­tisch fragen: »Darf man das noch sagen?« Die Antwort ist klar: Man darf. Man wird aber Wider­spruch, zum Teil auch scharfe Gegenrede erdulden müssen.

Darum also: Was ist das für eine enge und verengte, was ist das für eine natu­ra­lis­ti­sche Vorstel­lung von Kino, wenn man allen Ernstes der Ansicht ist, dass das, was auf der Leinwand zu sehen ist, den Gesetzen der drei­di­men­sio­nalen physi­ka­li­schen Welt gehorchen muss? Von einer Welt, von der wir doch schon seit Einstein und Heisen­berg wissen, das diese vermeint­lich starren physi­ka­li­schen Gesetze fluide sind, dass sie Geheim­nisse bergen, die wir in drei Dimen­sionen nicht denken und uns vorstellen können. Genau davon handelt dieser Film.

Vor allem im Kino aber muss es doch darum gehen, unsere Dimen­sionen zu erweitern, unsere Vorstel­lung von der Wirk­lich­keit zu sprengen, zum Zerplatzen zu bringen oder meinet­wegen auch ganz zart und achtsam aufzu­lösen und durch­lässig zu machen. Wenn man von so einem Film wie Everytime bereits genervt ist, dann bin ich heilfroh, dass diese ach so genervten, nach so gestressten Film­kri­tiker von heute noch nicht auf der Welt waren und keine Film­kri­tiken geschrieben haben, als Luis Bunuel gemeinsam mit Salvador Dali mit der Rasier­klinge ein Frau­en­auge zerschnitt; oder als Fritz Lang einen Seri­en­mörder vertei­digte und vorher schon das große Verbre­chen eines Achsen­sprungs begangen hat – genau aus dem gleichen Grund, warum Sandra Wollner tut, was sie tut – nämlich um die Wirk­lich­keit aus den Angeln zu heben und zum Taumeln zu bringen. Was würden diese Film­kri­tiker über Filme von Hitchcock und Godard schreiben, über Antonioni bei dem auch eine 360°-Drehung genügt, um eine Haupt­figur zum Verschwinden zu bringen? Glück­li­cher­weise sind alle diese Regis­seure tot und müssen diese Art von Film­kritik nicht erdulden.

Aber wir, die wenigen Kollegen, die ein bisschen anders drauf sind, als dieser schnöde Main­stream und ihr, das ganz normale allge­meine Publikum, Leser und Hörer, müsst es erdulden, weil ihr euch nicht dagegen wehrt!
Es wäre Zeit für einen Aufstand gegen den Main­stream! Gegen Main­stream­me­dien, gegen Main­stream­filme und gegen Main­stream­film­kritik.

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Der Film­kritik von heute fehlt in weiten Teilen ein Sinn für Lust und Exzess. Die außerhalb des Kinos, und die in den Filmen.

Die Lust- und Exzess­feind­schaft der Film­kritik, das einsei­tige Vers­tändnis des Kinos und der unter­schwel­lige Hass auf die Freiheit der Bilder, die Feier jedweder Normie­rung steht in propor­tio­nalem Verhältnis zur Verwen­dung von latei­ni­schen Ausdrü­cken, von Fremd­wör­tern und Begriffen aus der Kultur­wis­sen­schaft.

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Film­kritik ist eben das gerade nicht. Sie ist keine Kultur­wis­sen­schaft mit anderen Mitteln. Film­kritik kann von der Kultur­wis­sen­schaft genauso viel und genauso wenig lernen, wie von der Natur­wis­sen­schaft und von der Sport­be­richt­erstat­tung.

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Heimat von Edgar Reitz gehört für mich den großen Kino­er­leb­nissen; tatsäch­lich habe ich die Serie zuerst im Kino gesehen; vor allem Die zweite Heimat im seiner­zeit neu eröff­neten Prinz­re­gen­ten­theater in München ist mir eine sehr intensive Erin­ne­rung. Denn ich war damals ungefähr so alt, wie die Figuren im Film, die auch aus ganz anderen Teilen Deutsch­lands nach München gekommen waren und zu studieren und die Welt zu entdecken und dort für sich ihre zweite Heimat zu finden.

Darum ist es mir ein beson­deres Vergnügen, am kommenden Wochen­ende erstmals nach Simmern zu kommen, in den Ort, in dem Heimat gedreht wurde, und in dem Edgar Reitz selbst das »Heimat Europa Film­fes­tival« gegründet hat. In diesem Jahr kreisen das Programm und einige der Filme um »Die Goldenen Zwanziger«, und dies ist auch der formale Grund, warum ich hinfahre: Eine Einladung zu einem Gespräch über den »Film der Goldenen Zwanziger« am kommenden Sonntag um 18 Uhr. Ich freue mich über jeden, der Lust hat, auch in den Hunsrück zu kommen.
Ein paar Vorü­ber­le­gungen weniger zum Thema, als zu dem, was im Hinter­grund im Raum steht, der Frage nach »Weimar« – leben wir in Weimarer Verhält­nissen?
Meine Antwort ist kein Erschre­cken, sondern eher ein Hoffent­lich! Es würde uns gut tun. Wir müssten mehr in der Weimarer Republik leben, wir brauchen mehr, nicht weniger Weimar. Diese rein poli­ti­sche Denkweise »Bonn ist nicht Weimar« ist sympa­thisch, aber ohne Frage falsch und überaus einseitig. Den Weimar ist »Fun« (US-Histo­riker Eric Weitz), Weimar ist Tanz auf dem Vulkan, nicht Verzweif­lung und Quie­tismus, Weimar ist Avant­garde, ist Kunst, ist Fort­schritts­glauben und es ist das Wissen, dass nichts sicher ist.
Wir müssen von Weimar lernen, dass nichts sicher ist, dass wir endlich unsere Denk­rich­tung um 180 Grad verändern: Nicht mehr nach hinten blicken, sondern nach vorne schauen.

Wie hieße das etwa auch, wir müssten uns aus der baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft von Walter Benjamin und seinen Thesen zur Geschichte befreien – Denk­auf­gabe, nicht nur für Laura Laabs.

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Vor zehn Tagen war ich erstmals auf dem »SAN GIO’ VIDEOFESTIVAL« in Verona, das in diesem Jahr seine 32. Ausgabe feierte (vom 23. bis 27. Juli). Hier dominiert der Vorteil einer inten­siven Betei­li­gung, eines direkten, maßge­schnei­derten Dialogs, das mein Freund Ugo Brus­a­porco schon im 32. Jahr veran­staltet. Es gibt einen Wett­be­werb für Langfilme, vor allem aber laufen Kurzfilme.

Fabio Biasio schreibt auf Ytali: »Alles begann mit einigen Freunden, die eine gren­zen­lose Leiden­schaft für das Kino verband – ebenso wie die Liebe zur guten Küche, zu gutem Wein und vor allem zu den mensch­li­chen Bezie­hungen.
Keine Holly­wood­stars, keine Schein­werfer, keine roten Teppiche: einfach gutes Kino, origi­nelle Arbeiten von Regis­seuren und Film­kol­lek­tiven aus Mexiko, Aser­bai­dschan, Schweden und Italien.«

Zu einer so einzig­ar­tigen wie wunder­baren Festi­val­er­fah­rung wird alles dadurch, dass man auch jeden Tag eine Winzerei besucht und dadurch viel über den Ort und seine realen Probleme erfährt.

Man wird bei diesem Festival syste­ma­tisch unter Drogen gesetzt wie Odysseus und seine Gefährten am Strand der Lofoten, so wie im Film von Chris­to­pher Nolan von Calypso. Eine der Drogen ist Wein. Eine der Drogen ist auch das Kino. Eine der Drogen ist das Netz aus Chaos und Empathie, das um die Besucher herum­ge­sponnen wird, ein Netz, dem man sich nicht entziehen kann, das sich enger und enger um einen zieht: hier ein Foto­termin, da ein Auto, aus dem man nicht aussteigen kann, dort fungiert ein Film­wis­sen­schaftler als Keato­nesker Reise-Führer, der nicht zugeben möchte, dass er den Weg noch weniger kennt, als wir mit Google Maps, bis ein Anruf des Festi­val­di­rek­tors ihn unsanft aus seinen Träumen weckt.

Verona im Film, das sind natürlich erstmal die Shake­speare-Verfil­mungen, die meistens nicht viel mit Verona zu tun haben.

Grund­sätz­lich befinden wir uns hier im Veneto, also in dem Terri­to­rium, das von der Republik Venedig unter­worfen wurde und Teil der See-Republik gewesen ist. Das hat ihren Stolz gekränkt, und wenn man Veronesen auf die vielen Vene­zianer Löwen anspricht verzerrt sich das Gesicht zu einem zitro­nen­ar­tigen Ausdruck.

Perfekt wurde alles durch den Abstecher ins noch schönere Mantua, eine kleine imposante Stadt, die wie aus der Zeit gefallen wirkt.

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München ist ein lustiger Ort. Neulich, beim letzten Besuch in der geliebten alten Heimat, fiel mir zum Beispiel jenes Schild in der Gast­stätte »Stehaus­schank«, Ecke Türken­straße/Schel­lings­traße auf. Dort, wie gesagt »Stehaus­schank«, hängt ein großes Schild »Keine Getränke draußen ohne Tisch und Sitzplatz«. Stehaus­schank heißt also in München Tisch und Sitzplatz. »Kurios, kurios« hätte dazu der aus Lübeck stammende Münchner Schrift­steller Thomas Mann formu­liert.

Die zahl­rei­chen Holz­ver­schläge vor den Kneipen sind so etwas wie das neue Münchner Allein­stel­lungs­merkmal, sie unter­scheiden es sofort erkennbar von Berlin, wo es solche Verschläge zwar auch gibt, aber viel seltener. In München sind sie die Regel und mit ihnen die Auswei­tung des privaten Schank­raums in die Öffent­lich­keit und die Verrin­ge­rung öffent­li­cher Plätze. Bemerkbar ist auch die grund­sätz­liche Verpol­le­rung und Verna­ge­lung der Stadt, die in Berlin gar nicht möglich wäre, weil dort kein Platz ist, weil die Baustellen von den neuen Berliner Wahr­zei­chen umgürtet sind, den rotweißen »Absperr­baken« aus Plastik, die den Berliner Bären längst abgelöst haben.

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Der öffent­liche recht­liche Rundfunk wird aus Beiträgen aller finan­ziert. Sein Auftrag ist Unab­hän­gig­keit, nicht Gefäl­lig­keit gegenüber bestimmten Gruppen der Bevöl­ke­rung oder bestimmten Ideo­lo­gien.

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Die Debatte um Wenders und Nastassja Kinski und ihre neuesten Wendungen, zeigen mal wieder, wie verludert der öffent­liche Diskurs in Deutsch­land gerade ist.

Alles wird mit allem vermengt, Äpfel mit Bananen gleich­ge­setzt und keiner inter­es­siert sich überhaupt dafür, Argumente der anderen Seite zu verstehen. Und natürlich wird diese meine Bemerkung hier wieder die besonders Wohl­wol­lenden veran­lassen, zu denken oder zu schreiben, jeden­falls mir zu unter­stellen: »Aber Du Rüdiger, Du möchtest natürlich hier als Einziger alle Seiten verstehen und wohl­wol­lend sein und Du bist der Checker, der den Diskurs durch­schaut.«
Nein, das bin ich nicht. Will ich auch nicht. Und ob ich alles verstehen möchte? Aller­dings möchte ich alles zumindest so weit verstehen, dass ich beur­teilen kann, ob mich etwas nicht inter­es­siert, weil ich viel­leicht bestimmte Seiten nicht verstehen möchte und mich nicht weiter darauf einlassen möchte. Ich glaube schon, dass ich zumindest versuche, trans­pa­rent mit meinen Gedanken und Beweg­gründen umzugehen. Was man schreibt, wird natürlich immer gerne gegen einen verwendet und Neben­sätze aus dem Zusam­men­hang gerissen, dienen dazu, einem das Wort im Mund herum­zu­drehen.

Also weiter: Nacktheit im Kino ist seit der Geburt des Kinos ein Mittel zur Befreiung der Menschen und zum Aufbre­chen gesell­schaft­li­cher Tabus, zum Kampf gegen konser­va­tive Bieder­männer, Bieder­frauen und vor allem gegen die Brand­stifter der Diskurse. Das Nacktheit heute zum Mittel der Unter­drü­ckung der Menschen erklärt wird n– von konser­va­tiven Bieder­män­nern und Brand­stif­tern, die sich als links maskieren, verrät sehr viel über unsere gegen­wär­tigen Zeiten und fast nichts über die Filme, um die es geht.

Auch nicht über den Film von Wenders.

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Wer Falsche Bewegung noch unzen­siert sehen möchte, kann dies tun. Man wird den Film auf zahl­rei­chen Seiten in der legalen Grauzone ebenso finden, wie ganz legal in den weiterhin erhält­li­chen Wenders-Editionen auf DVD, die im Gegensatz zu Einzel­aus­gaben weiterhin erhält­lich sind. Aber bestimmt nicht mehr lange.

Der Wert dieser Samm­ler­s­tücke wird steigen. Der Film selbst und die läppische Szene sind es nicht wert, das muss man gleich dazu schreiben.

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Eine Süddeut­sche Zeitung kostete am 23 07.2026 4,50 €. Sie hatte 24 Seiten in drei soge­nannten Büchern à 8 Seiten. Also 18,75 Cent pro Seite. Aber eigent­lich sind es mehr, denn man muss eine Seite Anzeige für Leser­reisen und eine Seite mit den Kursen des Tages abziehen, bei denen man sich fragen kann, warum man das eigent­lich nicht im Internet nachlesen kann.
Die FAZ am gleichen Tag bietet zum Preis von 4,10 € 32 Seiten in fünf Büchern. Das sind 12,81 Cent pro Seite.
Die Wochen­zei­tung Die Zeit bietet zum Preis von 7,60 Euro 54 Seiten, also 14,07 Cent pro Seite.