Cinema Moralia – Folge 395
Die Nerven der Filmkritik |
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| »Darf man von diesem Film genervt sein?« | ||
| (Foto: eksystent distribution) | ||
»Enola Gay. You should have stayed at home yesterday/«
Ah-ha, words can′t describe/ The feeling and the way you lied/
These games you play/ They're gonna end in more than tears some day/
Ah-ha, Enola Gay/ It shouldn′t ever have to end this way
It’s 8:15/ And that’s the time that it′s always been/
We got your message on the radio/ Conditions normal and you′re coming home...
– OMD, »Enola Gay«»Wir müssen den Helden und ebenso den Narren entdecken, der in unsrer Leidenschaft der Erkenntnis steckt, wir müssen unsrer Torheit ab und zu froh werden, um unsrer Weisheit froh bleiben zu können!«
– Friedrich Nietzsche »Die Fröhliche Wissenschaft«
Wir lesen heute alles – außer Bücher. Wieso zum Teufel aber kommen wir darauf, dass wir Filme lesen sollten? Die Zurechtstutzung von Kino auf Text ist barbarisch.
Filme sollte man sehen, spüren, fühlen, aber vor allem immer wieder sehen. Filme sollte man natürlich auch denken. Lesen müssen wir sie erst zuallerletzt.
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Es war ein merkwürdiger und bemerkenswerter Text. Wann kommt es schon einmal vor, dass eine Tageszeitung mitten aus dem liberalbürgerlichen Mainstream, einen kleinen zarten Autorenfilm und Tage vor Filmstart bespricht, aus heiterem Himmel.
Der Text galt Everytime von Sandra Wollner.
Aber eigentlich hat die SZ ihn gar nicht besprochen, sondern abgewatscht: Mit der Überschrift »Darf man von diesem Film genervt sein?« Das ist schon erklärungsbedürftig, das hätte die SZ mal besser zur Odyssee geschrieben. Das wäre ein starker Gegner gewesen. Aber so? Ganz schön schräg und billig und traurig, liebe SZ. Habt ihr nichts Besseres tun? Was ist denn da passiert?
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Man darf natürlich auch von diesem Film genervt sein. Man wird es auch sein, vor allem wenn man keine Geduld und keine Ahnung hat.
Aber sollte man es? Das ist die eigentliche Frage und was sagt es über einen aus, wenn man hiervon genervt ist? Vor allem wenn es sich um einen professionellen Filmkritiker handelt?
Die Frage hat das gleiche Niveau wie die jener Leute, die heute zu verschiedenen Anlässen rhetorisch und kontrafaktisch fragen: »Darf man das noch sagen?« Die Antwort ist klar: Man darf. Man wird aber Widerspruch, zum Teil auch scharfe Gegenrede erdulden müssen.
Darum also: Was ist das für eine enge und verengte, was ist das für eine naturalistische Vorstellung von Kino, wenn man allen Ernstes der Ansicht ist, dass das, was auf der Leinwand zu sehen ist, den Gesetzen der dreidimensionalen physikalischen Welt gehorchen muss? Von einer Welt, von der wir doch schon seit Einstein und Heisenberg wissen, das diese vermeintlich starren physikalischen Gesetze fluide sind, dass sie Geheimnisse bergen, die wir in drei Dimensionen nicht denken und uns vorstellen können. Genau davon handelt dieser Film.
Vor allem im Kino aber muss es doch darum gehen, unsere Dimensionen zu erweitern, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit zu sprengen, zum Zerplatzen zu bringen oder meinetwegen auch ganz zart und achtsam aufzulösen und durchlässig zu machen. Wenn man von so einem Film wie Everytime bereits genervt ist, dann bin ich heilfroh, dass diese ach so genervten, nach so gestressten Filmkritiker von heute noch nicht auf der Welt waren und keine Filmkritiken geschrieben haben, als Luis Bunuel gemeinsam mit Salvador Dali mit der Rasierklinge ein Frauenauge zerschnitt; oder als Fritz Lang einen Serienmörder verteidigte und vorher schon das große Verbrechen eines Achsensprungs begangen hat – genau aus dem gleichen Grund, warum Sandra Wollner tut, was sie tut – nämlich um die Wirklichkeit aus den Angeln zu heben und zum Taumeln zu bringen. Was würden diese Filmkritiker über Filme von Hitchcock und Godard schreiben, über Antonioni bei dem auch eine 360°-Drehung genügt, um eine Hauptfigur zum Verschwinden zu bringen? Glücklicherweise sind alle diese Regisseure tot und müssen diese Art von Filmkritik nicht erdulden.
Aber wir, die wenigen Kollegen, die ein bisschen anders drauf sind, als dieser schnöde Mainstream und ihr, das ganz normale allgemeine Publikum, Leser und Hörer, müsst es erdulden, weil ihr euch nicht dagegen wehrt!
Es wäre Zeit für einen Aufstand gegen den Mainstream! Gegen Mainstreammedien, gegen Mainstreamfilme und gegen Mainstreamfilmkritik.
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Der Filmkritik von heute fehlt in weiten Teilen ein Sinn für Lust und Exzess. Die außerhalb des Kinos, und die in den Filmen.
Die Lust- und Exzessfeindschaft der Filmkritik, das einseitige Verständnis des Kinos und der unterschwellige Hass auf die Freiheit der Bilder, die Feier jedweder Normierung steht in proportionalem Verhältnis zur Verwendung von lateinischen Ausdrücken, von Fremdwörtern und Begriffen aus der Kulturwissenschaft.
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Filmkritik ist eben das gerade nicht. Sie ist keine Kulturwissenschaft mit anderen Mitteln. Filmkritik kann von der Kulturwissenschaft genauso viel und genauso wenig lernen, wie von der Naturwissenschaft und von der Sportberichterstattung.
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Heimat von Edgar Reitz gehört für mich den großen Kinoerlebnissen; tatsächlich habe ich die Serie zuerst im Kino gesehen; vor allem Die zweite Heimat im seinerzeit neu eröffneten Prinzregententheater in München ist mir eine sehr intensive Erinnerung. Denn ich war damals ungefähr so alt, wie die Figuren im Film, die auch aus ganz anderen Teilen Deutschlands nach München gekommen waren und zu studieren und die Welt zu entdecken und dort für sich ihre zweite Heimat zu finden.
Darum ist es mir ein besonderes Vergnügen, am kommenden Wochenende erstmals nach Simmern zu kommen, in den Ort, in dem Heimat gedreht wurde, und in dem Edgar Reitz selbst das »Heimat Europa Filmfestival« gegründet hat. In diesem Jahr kreisen das Programm und einige der Filme um »Die Goldenen Zwanziger«, und dies ist auch der formale Grund, warum ich hinfahre: Eine Einladung zu
einem Gespräch über den »Film der Goldenen Zwanziger« am kommenden Sonntag um 18 Uhr. Ich freue mich über jeden, der Lust hat, auch in den Hunsrück zu kommen.
Ein paar Vorüberlegungen weniger zum Thema, als zu dem, was im Hintergrund im Raum steht, der Frage nach »Weimar« – leben wir in Weimarer Verhältnissen?
Meine Antwort ist kein Erschrecken, sondern eher ein Hoffentlich! Es würde uns gut tun. Wir müssten mehr in der Weimarer Republik leben, wir brauchen mehr, nicht
weniger Weimar. Diese rein politische Denkweise »Bonn ist nicht Weimar« ist sympathisch, aber ohne Frage falsch und überaus einseitig. Den Weimar ist »Fun« (US-Historiker Eric Weitz), Weimar ist Tanz auf dem Vulkan, nicht Verzweiflung und Quietismus, Weimar ist Avantgarde, ist Kunst, ist Fortschrittsglauben und es ist das Wissen, dass nichts sicher ist.
Wir müssen von Weimar lernen, dass nichts sicher ist, dass wir endlich unsere Denkrichtung um 180 Grad verändern: Nicht mehr nach
hinten blicken, sondern nach vorne schauen.
Wie hieße das etwa auch, wir müssten uns aus der babylonischen Gefangenschaft von Walter Benjamin und seinen Thesen zur Geschichte befreien – Denkaufgabe, nicht nur für Laura Laabs.
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Vor zehn Tagen war ich erstmals auf dem »SAN GIO’ VIDEOFESTIVAL« in Verona, das in diesem Jahr seine 32. Ausgabe feierte (vom 23. bis 27. Juli). Hier dominiert der Vorteil einer intensiven Beteiligung, eines direkten, maßgeschneiderten Dialogs, das mein Freund Ugo Brusaporco schon im 32. Jahr veranstaltet. Es gibt einen Wettbewerb für Langfilme, vor allem aber laufen Kurzfilme.
Fabio Biasio schreibt auf Ytali: »Alles begann mit einigen Freunden, die eine grenzenlose Leidenschaft für das Kino verband – ebenso wie die Liebe zur guten Küche, zu gutem Wein und vor allem zu den menschlichen Beziehungen.
Keine
Hollywoodstars, keine Scheinwerfer, keine roten Teppiche: einfach gutes Kino, originelle Arbeiten von Regisseuren und Filmkollektiven aus Mexiko, Aserbaidschan, Schweden und Italien.«
Zu einer so einzigartigen wie wunderbaren Festivalerfahrung wird alles dadurch, dass man auch jeden Tag eine Winzerei besucht und dadurch viel über den Ort und seine realen Probleme erfährt.
Man wird bei diesem Festival systematisch unter Drogen gesetzt wie Odysseus und seine Gefährten am Strand der Lofoten, so wie im Film von Christopher Nolan von Calypso. Eine der Drogen ist Wein. Eine der Drogen ist auch das Kino. Eine der Drogen ist das Netz aus Chaos und Empathie, das um die Besucher herumgesponnen wird, ein Netz, dem man sich nicht entziehen kann, das sich enger und enger um einen zieht: hier ein Fototermin, da ein Auto, aus dem man nicht aussteigen kann, dort fungiert ein Filmwissenschaftler als Keatonesker Reise-Führer, der nicht zugeben möchte, dass er den Weg noch weniger kennt, als wir mit Google Maps, bis ein Anruf des Festivaldirektors ihn unsanft aus seinen Träumen weckt.
Verona im Film, das sind natürlich erstmal die Shakespeare-Verfilmungen, die meistens nicht viel mit Verona zu tun haben.
Grundsätzlich befinden wir uns hier im Veneto, also in dem Territorium, das von der Republik Venedig unterworfen wurde und Teil der See-Republik gewesen ist. Das hat ihren Stolz gekränkt, und wenn man Veronesen auf die vielen Venezianer Löwen anspricht verzerrt sich das Gesicht zu einem zitronenartigen Ausdruck.
Perfekt wurde alles durch den Abstecher ins noch schönere Mantua, eine kleine imposante Stadt, die wie aus der Zeit gefallen wirkt.
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München ist ein lustiger Ort. Neulich, beim letzten Besuch in der geliebten alten Heimat, fiel mir zum Beispiel jenes Schild in der Gaststätte »Stehausschank«, Ecke Türkenstraße/Schellingstraße auf. Dort, wie gesagt »Stehausschank«, hängt ein großes Schild »Keine Getränke draußen ohne Tisch und Sitzplatz«. Stehausschank heißt also in München Tisch und Sitzplatz. »Kurios, kurios« hätte dazu der aus Lübeck stammende Münchner Schriftsteller Thomas Mann formuliert.
Die zahlreichen Holzverschläge vor den Kneipen sind so etwas wie das neue Münchner Alleinstellungsmerkmal, sie unterscheiden es sofort erkennbar von Berlin, wo es solche Verschläge zwar auch gibt, aber viel seltener. In München sind sie die Regel und mit ihnen die Ausweitung des privaten Schankraums in die Öffentlichkeit und die Verringerung öffentlicher Plätze. Bemerkbar ist auch die grundsätzliche Verpollerung und Vernagelung der Stadt, die in Berlin gar nicht möglich wäre, weil dort kein Platz ist, weil die Baustellen von den neuen Berliner Wahrzeichen umgürtet sind, den rotweißen »Absperrbaken« aus Plastik, die den Berliner Bären längst abgelöst haben.
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Der öffentliche rechtliche Rundfunk wird aus Beiträgen aller finanziert. Sein Auftrag ist Unabhängigkeit, nicht Gefälligkeit gegenüber bestimmten Gruppen der Bevölkerung oder bestimmten Ideologien.
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Die Debatte um Wenders und Nastassja Kinski und ihre neuesten Wendungen, zeigen mal wieder, wie verludert der öffentliche Diskurs in Deutschland gerade ist.
Alles wird mit allem vermengt, Äpfel mit Bananen gleichgesetzt und keiner interessiert sich überhaupt dafür, Argumente der anderen Seite zu verstehen. Und natürlich wird diese meine Bemerkung hier wieder die besonders Wohlwollenden veranlassen, zu denken oder zu schreiben, jedenfalls mir zu unterstellen: »Aber Du Rüdiger, Du möchtest natürlich hier als Einziger alle Seiten verstehen und wohlwollend sein und Du bist der Checker, der den Diskurs durchschaut.«
Nein, das bin ich
nicht. Will ich auch nicht. Und ob ich alles verstehen möchte? Allerdings möchte ich alles zumindest so weit verstehen, dass ich beurteilen kann, ob mich etwas nicht interessiert, weil ich vielleicht bestimmte Seiten nicht verstehen möchte und mich nicht weiter darauf einlassen möchte. Ich glaube schon, dass ich zumindest versuche, transparent mit meinen Gedanken und Beweggründen umzugehen. Was man schreibt, wird natürlich immer gerne gegen einen verwendet und Nebensätze aus dem
Zusammenhang gerissen, dienen dazu, einem das Wort im Mund herumzudrehen.
Also weiter: Nacktheit im Kino ist seit der Geburt des Kinos ein Mittel zur Befreiung der Menschen und zum Aufbrechen gesellschaftlicher Tabus, zum Kampf gegen konservative Biedermänner, Biederfrauen und vor allem gegen die Brandstifter der Diskurse. Das Nacktheit heute zum Mittel der Unterdrückung der Menschen erklärt wird n– von konservativen Biedermännern und Brandstiftern, die sich als links maskieren, verrät sehr viel über unsere gegenwärtigen Zeiten und fast nichts über die Filme, um die es geht.
Auch nicht über den Film von Wenders.
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Wer Falsche Bewegung noch unzensiert sehen möchte, kann dies tun. Man wird den Film auf zahlreichen Seiten in der legalen Grauzone ebenso finden, wie ganz legal in den weiterhin erhältlichen Wenders-Editionen auf DVD, die im Gegensatz zu Einzelausgaben weiterhin erhältlich sind. Aber bestimmt nicht mehr lange.
Der Wert dieser Sammlerstücke wird steigen. Der Film selbst und die läppische Szene sind es nicht wert, das muss man gleich dazu schreiben.
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Eine Süddeutsche Zeitung kostete am 23 07.2026 4,50 €. Sie hatte 24 Seiten in drei sogenannten Büchern à 8 Seiten. Also 18,75 Cent pro Seite. Aber eigentlich sind es mehr, denn man muss eine Seite Anzeige für Leserreisen und eine Seite mit den Kursen des Tages abziehen, bei denen man sich fragen kann, warum man das eigentlich nicht im Internet nachlesen kann.
Die FAZ am gleichen Tag bietet zum Preis von 4,10 € 32 Seiten in fünf Büchern. Das sind 12,81 Cent pro Seite.
Die
Wochenzeitung Die Zeit bietet zum Preis von 7,60 Euro 54 Seiten, also 14,07 Cent pro Seite.