03.09.2026
Cinema Moralia – 395. Folge

Die Zeit der guten Filme

Der Name der Rose
Früher Mega-Erfolg der Constantin unter Bernd Eichinger: Der Name der Rose
(Foto: Constantin)

Und die massive Krise der Constantin – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 395. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Manche Rich­tungen diffa­mieren Theorie selber als eine Form von Unter­drü­ckung; wie wenn nicht Praxis mit jener weit unmit­tel­barer zusam­men­hinge.«
– Theoder W. Adorno

Das Sommer­loch, das für Medien und Kinos und Film­ver­leiher immer noch existiert, ist nicht nur die Zeit der Film­kunst­wo­chen und der US-Block­buster; es ist auch die Zeit der guten Filme. Hier ist mal Platz und Raum, in Medien wie auf der Leinwand, für das Sperrige, Elitäre, Schwie­rige, Lustvolle, Unor­tho­doxe, für Über­schrei­tung und Mut. Everytime, Teenage Sex and Death at Camp Miasma und Vaterland – nehmen wir nur mal diese drei. Seht sie Euch an! Jetzt!! So lange es noch geht!!!
Denn bald, schon nächste Woche steigt die Dosis des Durch­schnitts und der Kunst­feind­schaft, der Ignoranz und Geschmack­lo­sig­keit rapide an, und bald wird die Kombi­na­tion aus vermeint­li­chen Publi­kums­filmen und Wellness-Arthouse wieder alles domi­nieren, echte Film­kultur in weiten Teilen verdrängen, jeden­falls in die Defensive treiben.

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Nur Bran­chen­ferne konnten ernsthaft über­rascht sein über die Nach­richten, die in den letzten Wochen in immer kürzerer Schlag­zahl in Bezug auf die Constantin in den Medien auftauchten. Der eigent­liche Hammer war der ausge­zeich­nete Text von Hans-Georg Rodek in der »Welt« unter dem Titel »Der Constantin-Schock«.

Kurz zuvor bereits hatte man hören können, dass eines der Aushän­ge­schilder des Münchner Medi­en­un­ter­neh­mens, die mit großem Bohei angekün­digte Serie zum Erfolgs­roman »Die Päpstin« – diesmal glück­li­cher­weise ohne Sönke Wortmann, den lang­wei­ligen Regisseur der miss­glückten Kino­ver­sion – mit der Haupt­dar­stel­lerin Jella Haase kurz vor Dreh­be­ginn komplett abgesagt worden war. Das war nicht nur deswegen unge­wöhn­lich, weil diese Absage die Verant­wort­li­chen sehr viel kostet – zumindest für die Stars muss man Ausfall­gagen bezahlen –, sondern noch mehr, weil sie einen enormen Pres­ti­ge­ver­lust bedeutet und die Notlage offen­sicht­lich macht.

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Jella Haase auf den Spuren von Johanna Wokalek, und das in der ARD – das galt den PR-Jour­na­listen des Boulevard als »Hoch­karäter«. In jedem Fall war es mit einem Budget von 20 Millionen Euro eines der größten deutschen Film- und Fern­seh­vor­haben des Jahres. In der frän­ki­schen Hohen­zol­lern­fes­tung Wülzburg waren bereits Kulissen aufgebaut, die nun wieder abgebaut und einge­la­gert werden. Was für den Stopp ausschlag­ge­bend war, ist unklar.
Klar ist aber, dass ein Finan­zie­rungs­partner kurz­fristig abge­sprungen war, und die Constantin nicht genug Rücklagen hat. Bisher ist nicht gesichert, dass die einge­la­gerten Kulissen noch einmal zum Einsatz kommen.

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»Die Constantin Film AG ist Deutsch­lands Kino-Gigant. Doch plötzlich muss die Münchener Block­buster-Schmiede um ihre Zukunft bangen. 12,7 Millionen Aktien sind verpfändet. Warum? Die Spur führt in die Schweiz«, schreibt Rodek.

Die Constantin taumelt. Ihr geht es peu à peu schlechter, seit der bran­chen­er­fah­rene Martin Mosz­ko­wicz die Firmen­lei­tung an den jungen, feschen, aber letzt­end­lich uner­fah­renen und nicht eben kino­af­finen Oliver Berben abgegeben hat (nicht ganz seine Perso­nal­ent­schei­dung, wie zu hören war). Berben inter­es­siert sich für Serien und spricht auf CDU-Partei­tagen, aber wie der »Päpstin«-Fall zeigt, kann er offenbar auch Serien nicht sicher finan­zieren.

Die Serie solle die Handlung »auf unfassbar freche, moderne und politisch sehr inkor­rekte Weise« neu erzählen, hatte Berben angekün­digt. Hohle Worte.

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Mit Deutsch­lands Kino­gi­gantem muss auch der deutsche Film um seine Zukunft bangen. Denn die Constantin ist zwar genau genommen gar keine deutsche Firma mehr, gilt aber als der wich­tigste und jeden­falls größte deutsche Hersteller und Auswerter von Filmen. 39 der 100 kommer­ziell erfolg­reichsten deutschen Filme der letzten 20 Jahre stammen aus der Münchener Firma, darunter frag­wür­diges Geschichts­en­ter­tain­ment wie Der Untergang, Der Baader Meinhof Komplex, aber auch die Resident Evil-Reihe, Fack ju Göhte, und die bisher zehn »Eberhofer«-Verfil­mungen, sowie die Wortmann-Sülze Der Nach/Vor/Spitzname.

Übervater Bernd Eichinger (gestorben 2011) brachte die Firma 1999 im Zuge der Dotcom-Blase an die Börse. In der Folge ging der Besitz an die Schweizer Medi­en­hol­ding Highlight Commu­ni­ca­tions AG. Sie kaufte gegen den Willen des damaligen Constantin-Vorstands immer mehr Anteile, bis sie schließ­lich zum hundert­pro­zen­tigen Eigen­tümer wurde.
Nun aber befindet sich, wie die »Welt« berichtet, die Highlight in massiver Schief­lage: Die »Welt« spricht von einer Warnung vor einer möglichen Zahlungs­un­fähig­keit.

»Die Verbind­lich­keiten gegenüber einem Banken­kon­sor­tium beliefen sich 'auf 74,5 Millionen Franken, welche am 30. November 2026 zur Rück­zah­lung fällig' seien. Als Sicher­heit für ihre Gläubiger hat die Highlight alle 12,7 Millionen Constantin-Aktien beliehen, sie liegen als Pfand bei der größten Schweizer Bank, der UBS.«

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Inhalt­lich steht bei der Constantin wenig Kino an und gar kein gutes: Statt­dessen Serien-Remakes erfolg­rei­cher Kinofilme: »Das Parfum«, »Die Kinder vom Bahnhof Zoo« und eben die »Päpstin«.

Kollege Rodek schreibt auch von »Schock­wellen in der deutschen Film­ge­meinde«.

Lars-Olav Beier kommen­tierte im »Spiegel«: »Die Politik der Constantin, viel auszu­geben, um damit viel zu verdienen, ist riskant. Sie geht nicht zuletzt auf Bernd Eichinger zurück, der die Firma Ende der Sieb­zi­ger­jahre übernahm. Er besaß einen seltenen Instinkt für Film­stoffe und setzte sie mit enormer Power um, koste es, was es wolle. Wer hätte gedacht, dass man aus Umberto Ecos langem und komplexem Roman 'Der Name der Rose' einen Kinohit machen könnte? Eichinger war davon überzeugt, trieb ein Budget auf, das sich mit Hollywood messen konnte, und nahm Sean Connery unter Vertrag. Der Film spielte ein Viel­fa­ches seiner Kosten ein.«

Aber Eichinger dachte über Deutsch­lands Grenzen hinaus. Woran denkt Oliver Berben?