Cinema Moralia – 395. Folge
Die Zeit der guten Filme |
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| Früher Mega-Erfolg der Constantin unter Bernd Eichinger: Der Name der Rose | ||
| (Foto: Constantin) | ||
»Manche Richtungen diffamieren Theorie selber als eine Form von Unterdrückung; wie wenn nicht Praxis mit jener weit unmittelbarer zusammenhinge.«
– Theoder W. Adorno
Das Sommerloch, das für Medien und Kinos und Filmverleiher immer noch existiert, ist nicht nur die Zeit der Filmkunstwochen und der US-Blockbuster; es ist auch die Zeit der guten Filme. Hier ist mal Platz und Raum, in Medien wie auf der Leinwand, für das Sperrige, Elitäre, Schwierige, Lustvolle, Unorthodoxe, für Überschreitung und Mut. Everytime, Teenage Sex and Death at Camp Miasma und Vaterland – nehmen wir nur mal diese drei. Seht sie Euch an! Jetzt!! So lange es noch geht!!!
Denn bald, schon nächste Woche steigt die Dosis des Durchschnitts und der Kunstfeindschaft, der Ignoranz und
Geschmacklosigkeit rapide an, und bald wird die Kombination aus vermeintlichen Publikumsfilmen und Wellness-Arthouse wieder alles dominieren, echte Filmkultur in weiten Teilen verdrängen, jedenfalls in die Defensive treiben.
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Nur Branchenferne konnten ernsthaft überrascht sein über die Nachrichten, die in den letzten Wochen in immer kürzerer Schlagzahl in Bezug auf die Constantin in den Medien auftauchten. Der eigentliche Hammer war der ausgezeichnete Text von Hans-Georg Rodek in der »Welt« unter dem Titel »Der Constantin-Schock«.
Kurz zuvor bereits hatte man hören können, dass eines der Aushängeschilder des Münchner Medienunternehmens, die mit großem Bohei angekündigte Serie zum Erfolgsroman »Die Päpstin« – diesmal glücklicherweise ohne Sönke Wortmann, den langweiligen Regisseur der missglückten Kinoversion – mit der Hauptdarstellerin Jella Haase kurz vor Drehbeginn komplett abgesagt worden war. Das war nicht nur deswegen ungewöhnlich, weil diese Absage die Verantwortlichen sehr viel kostet – zumindest für die Stars muss man Ausfallgagen bezahlen –, sondern noch mehr, weil sie einen enormen Prestigeverlust bedeutet und die Notlage offensichtlich macht.
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Jella Haase auf den Spuren von Johanna Wokalek, und das in der ARD – das galt den PR-Journalisten des Boulevard als »Hochkaräter«. In jedem Fall war es mit einem Budget von 20 Millionen Euro eines der größten deutschen Film- und Fernsehvorhaben des Jahres. In der fränkischen Hohenzollernfestung Wülzburg waren bereits Kulissen aufgebaut, die nun wieder abgebaut und eingelagert werden. Was für den Stopp ausschlaggebend war, ist unklar.
Klar ist aber, dass ein
Finanzierungspartner kurzfristig abgesprungen war, und die Constantin nicht genug Rücklagen hat. Bisher ist nicht gesichert, dass die eingelagerten Kulissen noch einmal zum Einsatz kommen.
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»Die Constantin Film AG ist Deutschlands Kino-Gigant. Doch plötzlich muss die Münchener Blockbuster-Schmiede um ihre Zukunft bangen. 12,7 Millionen Aktien sind verpfändet. Warum? Die Spur führt in die Schweiz«, schreibt Rodek.
Die Constantin taumelt. Ihr geht es peu à peu schlechter, seit der branchenerfahrene Martin Moszkowicz die Firmenleitung an den jungen, feschen, aber letztendlich unerfahrenen und nicht eben kinoaffinen Oliver Berben abgegeben hat (nicht ganz seine Personalentscheidung, wie zu hören war). Berben interessiert sich für Serien und spricht auf CDU-Parteitagen, aber wie der »Päpstin«-Fall zeigt, kann er offenbar auch Serien nicht sicher finanzieren.
Die Serie solle die Handlung »auf unfassbar freche, moderne und politisch sehr inkorrekte Weise« neu erzählen, hatte Berben angekündigt. Hohle Worte.
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Mit Deutschlands Kinogigantem muss auch der deutsche Film um seine Zukunft bangen. Denn die Constantin ist zwar genau genommen gar keine deutsche Firma mehr, gilt aber als der wichtigste und jedenfalls größte deutsche Hersteller und Auswerter von Filmen. 39 der 100 kommerziell erfolgreichsten deutschen Filme der letzten 20 Jahre stammen aus der Münchener Firma, darunter fragwürdiges Geschichtsentertainment wie Der Untergang, Der Baader Meinhof Komplex, aber auch die Resident Evil-Reihe, Fack ju Göhte, und die bisher zehn »Eberhofer«-Verfilmungen, sowie die Wortmann-Sülze Der Nach/Vor/Spitzname.
Übervater Bernd Eichinger (gestorben 2011) brachte die Firma 1999 im Zuge der Dotcom-Blase an die Börse. In der Folge ging der Besitz an die Schweizer Medienholding Highlight Communications AG. Sie kaufte gegen den Willen des damaligen Constantin-Vorstands immer mehr Anteile, bis sie schließlich zum hundertprozentigen Eigentümer wurde.
Nun aber befindet sich, wie die »Welt« berichtet, die Highlight in massiver Schieflage: Die »Welt« spricht von einer Warnung vor einer
möglichen Zahlungsunfähigkeit.
»Die Verbindlichkeiten gegenüber einem Bankenkonsortium beliefen sich 'auf 74,5 Millionen Franken, welche am 30. November 2026 zur Rückzahlung fällig' seien. Als Sicherheit für ihre Gläubiger hat die Highlight alle 12,7 Millionen Constantin-Aktien beliehen, sie liegen als Pfand bei der größten Schweizer Bank, der UBS.«
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Inhaltlich steht bei der Constantin wenig Kino an und gar kein gutes: Stattdessen Serien-Remakes erfolgreicher Kinofilme: »Das Parfum«, »Die Kinder vom Bahnhof Zoo« und eben die »Päpstin«.
Kollege Rodek schreibt auch von »Schockwellen in der deutschen Filmgemeinde«.
Lars-Olav Beier kommentierte im »Spiegel«: »Die Politik der Constantin, viel auszugeben, um damit viel zu verdienen, ist riskant. Sie geht nicht zuletzt auf Bernd Eichinger zurück, der die Firma Ende der Siebzigerjahre übernahm. Er besaß einen seltenen Instinkt für Filmstoffe und setzte sie mit enormer Power um, koste es, was es wolle. Wer hätte gedacht, dass man aus Umberto Ecos langem und komplexem Roman 'Der Name der Rose' einen Kinohit machen könnte? Eichinger war davon überzeugt, trieb ein Budget auf, das sich mit Hollywood messen konnte, und nahm Sean Connery unter Vertrag. Der Film spielte ein Vielfaches seiner Kosten ein.«
Aber Eichinger dachte über Deutschlands Grenzen hinaus. Woran denkt Oliver Berben?