Cinema Moralia – Folge 394
Deutscher Film und deutscher Fußball |
![]() |
|
| Ein schockierend missglückter Film: Christopher Nolans Odyssee | ||
| (Foto: Universal) | ||
»Wir wollen Weltklasse möglichst ohne maximalen Druck. Außergewöhnliche Ergebnisse möglichst ohne Verzicht. So entsteht aber keine Spitzenleistung.« – Oliver Kahn
»Wir sind Mittelmaß. Das ist die Wahrheit. Die nackte Wahrheit.« – Bastian Schweinsteiger
Ich muss Sandalen nicht schön finden. Erst recht nicht, wenn Menschen Strümpfe unter den Sandalen tragen. Das hat etwas mit Ästhetik zu tun und deswegen hat es etwas mit Filmkritik zu tun. Man kann nicht über den Geschmack von Menschen sprechen und den Geschmack den sie in anderen Dingen an den Tag legen, vollkommen von dem trennen, was sie dann in ihrer Arbeit machen. Vielleicht müsste man das mal untersuchen: Sind Menschen, die Sandalen tragen, vielleicht besonders gute Filmkritiker für Sandalen-Filme? Römische Legionäre tragen Sandalen, Jesus nicht nur im Kino und nun auch Odysseus. Wahrscheinlich können am Altphilologen und Menschen mit Altgriechisch-Leistungskurs jetzt aber erklären, dass es sich nicht um Sandalen handelt, sondern irgendwelche mykenischen Teile.
+ + +
Alle zwei Jahre wieder hat das Filmfest München mit der harten Konkurrenz durch Fußball-Weltmeisterschaften oder -Europameisterschaften zu kämpfen. Nicht unbedingt, weil deswegen gleich alle Besucher wegblieben, aber doch insofern, als die Filmfest-Filme von den normalen Menschen plötzlich zumindest unbewusst daran gemessen werden, ob sie im Hinblick auf Hoffnung und Enttäuschung, Spannung und Aufregung mit dem Geschehen auf dem Fußballplatz beziehungsweise dem Flachbildschirm mithalten und die Zuschauer in ähnlicher Weise überraschen können.
In diesem Jahr sah es da für das Filmfest ganz gut aus. Denn zumindest die deutsche Nationalmannschaft überraschte durch ihren Auftritt – oder sollen wir sagen die Performance? – wirklich niemanden. Ich hatte am Filmfestmontag das Spiel gegen Paraguay in einem glücklicherweise überdachten Biergarten mit drei Dutzend anderen, sehr netten Menschen gesehen, die zwar meistens auf Seiten der Deutschen, aber daran gemessen doch sehr gleichgültig bis resigniert und
jedenfalls gefasst waren. Vielleicht lag das daran, dass die meisten von ihnen Filmemacher sind, und sie in Gleichgültigkeit und Resignation daher schon Übung haben.
In jedem Fall war es ein superschöner, sehr netter Abend, bei dem die deutsche Nationalmannschaft und ihr Ausscheiden nicht gestört hat, und die unerwarteten Helden aus Paraguay, insbesondere der mit allen nötigen Star-Qualitäten ausgestattete Torhüter Orlando Gill, richtige Hollywood-Qualitäten hatten.
+ + +
Gewinnen tun sowieso meistens die Falschen. Wie so oft beim Förderpreis Deutscher Film. Diesmal aber sieht es besser aus, beim Filmfest, wie bei der WM.
+ + +
Fußball ist nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft, sondern auch der Weltpolitik und so wie es eine Fußball-Geopolitik gibt, gibt es selbstverständlich auch eine des Kinos. Manchmal ähneln sie sich haargenau, so zum Beispiel im Fall der angeblich neuen oder plötzlichen Stärke des arabischen Kinos – wo es sich doch vor allem um die Stärke der Petrodollars handelt, mit denen sich autokratische Regimes ins Weltkino einkaufen.
+ + +
Sehenden Auges ist der deutsche Fußball in die Katastrophe gestürzt. Sehenden Auges nimmt man auch im deutschen Kino den Misserfolg in Kauf, nur um den Interessen der Länderförderer und dem Ego maßgeblicher Fernsehentscheider Genüge zu tun. Julian Nagelsmann hat man zu Recht vorgeworfen, dass auf Ratschläge Dritter, auf Urteile von Experten, und Stimmungen unter Fans und Berichterstattern nicht hören wollte.
Sind die Verhältnisse im deutschen Kino grundsätzlich anders? Sie besser?
Auch im Kino wünschte man sich eine grundsätzliche Reorganisation und einen Neuaufbau. Die Filmausbildung muss besser werden. Weniger differenziert und verspartet, sondern grundsätzlicher auf eine (andere) Idee von Kino ausgerichtet. Deutschland muss seine Vorstellung von Kino und von »guten Filmen« neu justieren, muss von Frankreich, von Hollywood, von Lateinamerika und von Asien lernen, was erfolgreiches und schönes Kinos ausmacht. Daraus ist die Idee eines deutschen Films zu entwickeln: Wie wollen wir erzählen? Was sind deutsche Bilder? Oder europäische?
Man muss also den deutschen Film ganz grundsätzlich neu denken – und vielleicht könnte der Rest der Gesellschaft dann sogar wieder etwas vom deutschen Film lernen.
+ + +
Das Lieblingswort der Deutschen ist Weckruf. Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der WM gegen Paraguay war für den deutschen Fußball auch wieder so etwas: ein Weckruf.
Aber hier gilt das gleiche, wie für die Bundesregierung: Wie viele Weckrufe braucht ihr? Wenn ihr doch alles wisst, was gemacht werden sollte, ja dann macht es! Redet nicht immer darüber, sondern handelt.
Vielleicht müsste man wirklich besser die ganze deutsche Filmförderung abschaffen. Denn sie ist ebenso reformunfähig wie im Fußballbereich der DFB.
+ + +
Der Fußball ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft. Deutschland ist kritikunfähig geworden. Zwei Jahre nach 2024 spricht man in Fußball-Deutschland immer noch über das Handspiel des Spaniers Cucurella im Viertelfinale, von dem nicht mal gesagt ist, dass dies überhaupt zum Elfmeter geführt hätte, und dass dieser zu einem Sieg geführt hätte. Aber in Deutschland ist man seitdem der gefühlte Europameister.
Nach dem Aus gegen Paraguay hört man, man könne jetzt nicht nur Julian
Nagelsmann kritisieren, und solle »nicht immer die Spieler fertig machen«. Aber was soll man denn sonst tun? Soll man behaupten, es hätte gegen Paraguay ein Fußball-Feuerwerk gegeben?
+ + +
Im Film laufen die Debatten parallel: Angst vor Funktionären, Beißhemmung gegenüber Kollegen. Die stille Emigration: Lästern über die Filmakademie und ihre Geschäftsführung im kleinen Kreis, und vielleicht ein leiser Austritt aber keine öffentliche Stellungnahme, was falsch läuft: Aus Angst, aus Konfliktscheu, aus Bequemlichkeit.
+ + +
Der Sportkommentator Alfred Draxler forderte im »Doppelpass« neue Eliten für den Fußball, aber er meinte es grundsätzlich und politisch: »Ein Land, das in der Grundschule die Bundesjugendspiele abschafft, mit der Begründung, dass sich die Schlechteren nicht zurückgesetzt fühlen sollen, wird keine Eliten hervorbringen und wird auch keine Leistung produzieren.« Man habe »ja auch das Gefühl, dass wir in Deutschland generell gerade nicht so ganz viel gebacken bekommen.«
+ + +
Sky-Moderator Marco Hagemann machte am gleichen Ort den »bescheuerten Föderalismus« zum Symbol für die deutsche Selbstverzwergung und forderte mehr Zentralisierung: »Warum müssen sich in Deutschland vier oder fünf Standorte um Olympia bewerben? Weil keiner bereit ist, sein großes Ego mal zurückzustellen. Jede Region versucht nur ihre eigene Stärke zu zeigen man schaut nicht auf das große Ganze. Warum kann man das nicht mal bündeln?«
+ + +
Kommt das jemandem bekannt vor? So kommt die Fußballdebatte schnell in die Mitte der Gesellschaft und auf politische Grundthemen. Stichworte »Wohlfühloase« und die »Bereitschaft der Deutschen zu kämpfen« oder eigene »Privilegien zu opfern«.
+ + +
Über die Odyssee von Christopher Nolan werde ich hier erst nächste Woche schreiben. Ich muss mich noch erholen. Denn in meinem ersten Eindruck ist dies ein schockierend missglückter Film, der keine Linie hat, nichts zu erzählen und einfach nur traurig ist – gerade wenn man Christopher Nolans Filme normalerweise liebt.
+ + +
»Im Grunde ziehe ich das Eingebildete dem Realen in den meisten Bereichen vor – Filme, Frauen, Fußball, Essen, Orte. Ich begeistere mich für Filme, die nie gemacht wurden. Denn sie sind voller Überraschungen.«
– David Thomson, 2010