16.07.2026
Cinema Moralia – Folge 394

Deutscher Film und deutscher Fußball

Die Odyssee
Ein schockierend missglückter Film: Christopher Nolans Odyssee
(Foto: Universal)

Überall ist Paraguay: Sind die Verhältnisse im deutschen Kino grundsätzlich anders? Sind sie besser? – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 394. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wir wollen Welt­klasse möglichst ohne maximalen Druck. Außer­ge­wöhn­liche Ergeb­nisse möglichst ohne Verzicht. So entsteht aber keine Spit­zen­leis­tung.« – Oliver Kahn

»Wir sind Mittelmaß. Das ist die Wahrheit. Die nackte Wahrheit.« – Bastian Schwein­steiger

Ich muss Sandalen nicht schön finden. Erst recht nicht, wenn Menschen Strümpfe unter den Sandalen tragen. Das hat etwas mit Ästhetik zu tun und deswegen hat es etwas mit Film­kritik zu tun. Man kann nicht über den Geschmack von Menschen sprechen und den Geschmack den sie in anderen Dingen an den Tag legen, voll­kommen von dem trennen, was sie dann in ihrer Arbeit machen. Viel­leicht müsste man das mal unter­su­chen: Sind Menschen, die Sandalen tragen, viel­leicht besonders gute Film­kri­tiker für Sandalen-Filme? Römische Legionäre tragen Sandalen, Jesus nicht nur im Kino und nun auch Odysseus. Wahr­schein­lich können am Altphi­lo­logen und Menschen mit Altgrie­chisch-Leis­tungs­kurs jetzt aber erklären, dass es sich nicht um Sandalen handelt, sondern irgend­welche myke­ni­schen Teile.

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Alle zwei Jahre wieder hat das Filmfest München mit der harten Konkur­renz durch Fußball-Welt­meis­ter­schaften oder -Euro­pa­meis­ter­schaften zu kämpfen. Nicht unbedingt, weil deswegen gleich alle Besucher wegblieben, aber doch insofern, als die Filmfest-Filme von den normalen Menschen plötzlich zumindest unbewusst daran gemessen werden, ob sie im Hinblick auf Hoffnung und Enttäu­schung, Spannung und Aufregung mit dem Geschehen auf dem Fußball­platz bezie­hungs­weise dem Flach­bild­schirm mithalten und die Zuschauer in ähnlicher Weise über­ra­schen können.

In diesem Jahr sah es da für das Filmfest ganz gut aus. Denn zumindest die deutsche Natio­nal­mann­schaft über­raschte durch ihren Auftritt – oder sollen wir sagen die Perfor­mance? – wirklich niemanden. Ich hatte am Film­fest­montag das Spiel gegen Paraguay in einem glück­li­cher­weise über­dachten Bier­garten mit drei Dutzend anderen, sehr netten Menschen gesehen, die zwar meistens auf Seiten der Deutschen, aber daran gemessen doch sehr gleich­gültig bis resi­gniert und jeden­falls gefasst waren. Viel­leicht lag das daran, dass die meisten von ihnen Filme­ma­cher sind, und sie in Gleich­gül­tig­keit und Resi­gna­tion daher schon Übung haben.
In jedem Fall war es ein super­schöner, sehr netter Abend, bei dem die deutsche Natio­nal­mann­schaft und ihr Ausscheiden nicht gestört hat, und die uner­war­teten Helden aus Paraguay, insbe­son­dere der mit allen nötigen Star-Quali­täten ausge­stat­tete Torhüter Orlando Gill, richtige Hollywood-Quali­täten hatten.

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Gewinnen tun sowieso meistens die Falschen. Wie so oft beim Förder­preis Deutscher Film. Diesmal aber sieht es besser aus, beim Filmfest, wie bei der WM.

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Fußball ist nicht nur ein Spiegel der Gesell­schaft, sondern auch der Welt­po­litik und so wie es eine Fußball-Geopo­litik gibt, gibt es selbst­ver­s­tänd­lich auch eine des Kinos. Manchmal ähneln sie sich haargenau, so zum Beispiel im Fall der angeblich neuen oder plötz­li­chen Stärke des arabi­schen Kinos – wo es sich doch vor allem um die Stärke der Petro­dol­lars handelt, mit denen sich auto­kra­ti­sche Regimes ins Weltkino einkaufen.

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Sehenden Auges ist der deutsche Fußball in die Kata­strophe gestürzt. Sehenden Auges nimmt man auch im deutschen Kino den Miss­erfolg in Kauf, nur um den Inter­essen der Länder­för­derer und dem Ego maßgeb­li­cher Fern­seh­ent­scheider Genüge zu tun. Julian Nagels­mann hat man zu Recht vorge­worfen, dass auf Ratschläge Dritter, auf Urteile von Experten, und Stim­mungen unter Fans und Bericht­erstat­tern nicht hören wollte.

Sind die Verhält­nisse im deutschen Kino grund­sätz­lich anders? Sie besser?

Auch im Kino wünschte man sich eine grund­sätz­liche Reor­ga­ni­sa­tion und einen Neuaufbau. Die Filmaus­bil­dung muss besser werden. Weniger diffe­ren­ziert und verspartet, sondern grund­sätz­li­cher auf eine (andere) Idee von Kino ausge­richtet. Deutsch­land muss seine Vorstel­lung von Kino und von »guten Filmen« neu justieren, muss von Frank­reich, von Hollywood, von Latein­ame­rika und von Asien lernen, was erfolg­rei­ches und schönes Kinos ausmacht. Daraus ist die Idee eines deutschen Films zu entwi­ckeln: Wie wollen wir erzählen? Was sind deutsche Bilder? Oder europäi­sche?

Man muss also den deutschen Film ganz grund­sätz­lich neu denken – und viel­leicht könnte der Rest der Gesell­schaft dann sogar wieder etwas vom deutschen Film lernen.

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Das Lieb­lings­wort der Deutschen ist Weckruf. Das Ausscheiden der deutschen Natio­nal­mann­schaft im Sech­zehn­tel­fi­nale der WM gegen Paraguay war für den deutschen Fußball auch wieder so etwas: ein Weckruf.

Aber hier gilt das gleiche, wie für die Bundes­re­gie­rung: Wie viele Weckrufe braucht ihr? Wenn ihr doch alles wisst, was gemacht werden sollte, ja dann macht es! Redet nicht immer darüber, sondern handelt.

Viel­leicht müsste man wirklich besser die ganze deutsche Film­för­de­rung abschaffen. Denn sie ist ebenso reform­un­fähig wie im Fußball­be­reich der DFB.

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Der Fußball ist eben ein Spie­gel­bild der Gesell­schaft. Deutsch­land ist kritik­un­fähig geworden. Zwei Jahre nach 2024 spricht man in Fußball-Deutsch­land immer noch über das Handspiel des Spaniers Cucurella im Vier­tel­fi­nale, von dem nicht mal gesagt ist, dass dies überhaupt zum Elfmeter geführt hätte, und dass dieser zu einem Sieg geführt hätte. Aber in Deutsch­land ist man seitdem der gefühlte Euro­pa­meister.
Nach dem Aus gegen Paraguay hört man, man könne jetzt nicht nur Julian Nagels­mann kriti­sieren, und solle »nicht immer die Spieler fertig machen«. Aber was soll man denn sonst tun? Soll man behaupten, es hätte gegen Paraguay ein Fußball-Feuerwerk gegeben?

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Im Film laufen die Debatten parallel: Angst vor Funk­ti­onären, Beißhem­mung gegenüber Kollegen. Die stille Emigra­tion: Lästern über die Film­aka­demie und ihre Geschäfts­füh­rung im kleinen Kreis, und viel­leicht ein leiser Austritt aber keine öffent­liche Stel­lung­nahme, was falsch läuft: Aus Angst, aus Konflikt­scheu, aus Bequem­lich­keit.

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Der Sport­kom­men­tator Alfred Draxler forderte im »Doppel­pass« neue Eliten für den Fußball, aber er meinte es grund­sätz­lich und politisch: »Ein Land, das in der Grund­schule die Bundes­ju­gend­spiele abschafft, mit der Begrün­dung, dass sich die Schlech­teren nicht zurück­ge­setzt fühlen sollen, wird keine Eliten hervor­bringen und wird auch keine Leistung produ­zieren.« Man habe »ja auch das Gefühl, dass wir in Deutsch­land generell gerade nicht so ganz viel gebacken bekommen.«

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Sky-Moderator Marco Hagemann machte am gleichen Ort den »bescheu­erten Föde­ra­lismus« zum Symbol für die deutsche Selbst­ver­zwer­gung und forderte mehr Zentra­li­sie­rung: »Warum müssen sich in Deutsch­land vier oder fünf Standorte um Olympia bewerben? Weil keiner bereit ist, sein großes Ego mal zurück­zu­stellen. Jede Region versucht nur ihre eigene Stärke zu zeigen man schaut nicht auf das große Ganze. Warum kann man das nicht mal bündeln?«

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Kommt das jemandem bekannt vor? So kommt die Fußball­de­batte schnell in die Mitte der Gesell­schaft und auf poli­ti­sche Grund­themen. Stich­worte »Wohl­füh­l­oase« und die »Bereit­schaft der Deutschen zu kämpfen« oder eigene »Privi­le­gien zu opfern«.

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Über die Odyssee von Chris­to­pher Nolan werde ich hier erst nächste Woche schreiben. Ich muss mich noch erholen. Denn in meinem ersten Eindruck ist dies ein scho­ckie­rend miss­glückter Film, der keine Linie hat, nichts zu erzählen und einfach nur traurig ist – gerade wenn man Chris­to­pher Nolans Filme norma­ler­weise liebt.

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»Im Grunde ziehe ich das Einge­bil­dete dem Realen in den meisten Bereichen vor – Filme, Frauen, Fußball, Essen, Orte. Ich begeis­tere mich für Filme, die nie gemacht wurden. Denn sie sind voller Über­ra­schungen.«
– David Thomson, 2010