Der Mann, der die Festivals liebte |
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| Der Fluss von Tsai Ming-liang lief 1997 bei der Berlinale | ||
| (Foto: Peripher · Tsai Ming-liang) | ||
»Ich bin Kettenraucher, trinke Whisky und liebe meine Arbeit.«
– Moritz de Hadeln, zitiert in der SZ
Gibt es das ein zweites Mal? Dass einer bei drei verschiedenen A-Festivals Chef gewesen ist? Es hat schon seinen guten Grund, dass die maßgebliche Biografie über Moritz de Hadeln den Titel »Mister Filmfestival« trägt.
Nun ist Quantität keine Qualität, das wusste de Hadeln nur zu gut. Er wusste, dass man das Prestige eines Amtes nie mit dem seiner Person verwechseln soll, eine Botschaft, die seine Nachfolger bitter lernen mussten, und die anderen noch bevorsteht.
Aber umgekehrt nutzt alle Qualität nichts, wenn keiner die Filme anschaut, oder man keine Lust mehr hat, ein Festival zu besuchen oder seine eigenen Filme dorthin zu geben – so wie es vielen internationalen Besuchern gerade mit der
76-jährigen Berlinale geht, mit der de Hadelns Name vor allem verbunden bleiben wird: 21 Jahre lang war er ihr Chef, von 1980 bis 2001.
Als de Hadeln der Berlinale vorstand, war das anders. Da wurde auch viel über die Berlinale gemeckert, so wie heute, wahrscheinlich sogar um einiges mehr, weil man damals ein Filmfestival noch nicht als nationalpatriotische Veranstaltung ansah, die man als deutscher Journalist und Filmemacher ähnlich zu unterstützen hat wie die Fußball-Nationalmannschaft. Allerdings war die Berlinale damals auf Augenhöhe mit Cannes und in manchem vielleicht besser als Venedig. Erst de Hadelns Nachfolger haben das deutsche A-Festival heruntergewirtschaftet und das kaputt gemacht, was vor allem de Hadeln in den 20 Jahren davor aufgebaut hatte.
Aber dieser Mann war einiges mehr als nur ein sehr erfolgreicher Berlinale-Leiter.
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»Indeed, diplomacy was not far behind the love for cinema.«
– Moritz de Hadeln
Er war ein Kosmopolit. 1940 im englischen Exil als Enkel eines Berliner Emigranten und Kunsthistorikers geboren, als Sohn eines britischen Offiziers und einer rumänischen Malerin, wuchs de Hadeln in Großbritannien und Italien auf, studierte in Frankreich und sprach alle diese Sprachen fließend. 1968 erwarb er neben der britischen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft.
»Später heiratete er zum Entsetzen seiner Eltern eine Deutsche«, schrieb sein Biograph Christian
Jungen.
So ganz war er nirgendwo zuhause oder überall ein bisschen – damit teilt er das Schicksal vieler Flüchtlinge. De Hadeln war zwar nicht jüdisch, erwähnte aber später, dass es als Berlinale-Chef »einen Vorteil darstellte, dass ich selbst kein Deutscher war. Oft hatten meine Verhandlungspartner gedacht, ich sei Jude, ohne mich danach zu fragen, und ich tat dann einfach so, als wäre ich einer.«
In jungen Jahren besuchte der filminteressierte Student bereits Visconti am Set von Der Leopard und Antonioni privat zuhause in Rom. 1969 gründete er mit seiner Frau Erika de Hadeln das Dokumentarfilmfestival Nyon, das unter beider Leitung zu einem der drei wichtigsten seiner Art weltweit avancierte. Dann, 1972 wurde er Direktor in Locarno, brachte Größen wie Andrei Tarkowski und Pier Paolo Pasolini nach Locarno, bevor er 1979 zum Berlinale-Leiter ernannt wurde.
De Hadeln war geschickt, diplomatisch, zielstrebig, er konnte bei Bedarf charmant sein, aber auch ruppig.
Und er war kauzig.
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»Japaner sind keine Chinesen. Und ich sage Ihnen noch etwas: die Japaner sind anders als wir. Darum möchte ich Ihnen allen sagen, dass ich jedem von Ihnen jetzt höchstpersönlich sein Geld für die Karte zurückgebe – aber ich will nachher nichts hören!«
So habe ich ihn zum ersten Mal erlebt, 1996, 1997, bei meinen ersten Berlinale-Besuchen: mit sehr persönlichen Ansagen im Kino, auch als Direktor in einer Nebenreihe wie dem Forum oder dem Panorama, mit Aussagen, die man kurios und lustig finden konnte. Aber da war einer, der persönlich für das einstand, was er zeigte, der immer mit Liebe und Engagement darüber reden konnte, der mit Politikern umging, aber dabei keine Schleimspur hinterließ, der nie kroch, sondern seinen eigenen Kopf behielt.
Die Berliner Journalisten, die das so nicht gewohnt waren und auch damals nicht immer die Edelsten ihrer Zunft, spotteten in diesen Jahren lieber in kleinbürgerlicher Manier über den »Helmut Kohl der Berlinale« und hielten ihm in Spießerdiktion vor, dass er auch nach 20 Jahren Berlin »immer noch nicht richtig« Deutsch sprach.
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Moritz de Hadeln war anderes wichtiger: »Ich denke, ich darf stolz darauf sein, die ersten Filme von Roland Emmerich, Tsai Ming-liang, Gus Van Sant, Ang Lee und Zhang Yimou präsentiert zu haben. Und welche wunderbaren Erinnerungen verbinde ich mit der Verleihung des Goldenen Ehrenbären für das Lebenswerk an Alec Guinness (1988), Dustin Hoffman (1989), Gregory Peck und Billy Wilder (1993), Sophia Loren (1994), Jack Lemmon (1996), Shirley MacLaine (1999) oder Kirk Douglas (2001) – um nur einige zu nennen.«
Zuweilen kämpfte er mit Luxusproblemen: 1993 gelang es ihm, Gregory Peck als Ehrengast zu verpflichten, der den Goldenen Ehrenbären der Berlinale erhalten sollte. Peck erzählte seinem Freund Billy Wilder, er fahre nach Berlin, worauf dieser sagte, er wolle mitkommen. Dann kam ein Anruf von Wilders Agentin: ihr Klient wolle auch einen Bären. Wilder stellte dann – noch ehe er überhaupt eingeladen wurde – der Berlinale Bedingungen: Er wollte im Kempinski untergebracht werden,
in einer Suite wohnen, im gleichen Flugzeug wie Gregory Peck reisen und die Studios in Babelsberg besuchen. Darauf schrieb de Hadeln Billy Wilders Agentin einen geharnischten Brief:
»Es gehört nicht zu unseren Geflogenheiten, dass die Ehrengäste unseres Festivals selber entscheiden, in welchem Hotel sie absteigen wollen und dann auch noch die Reservation einer Suite verlangen, geschweige denn, dass sie insistieren, eine persönliche Einladung zu erhalten und dann noch selber
festlegen, welchen Preis sie erhalten – obwohl noch gar nicht klar ist, ob wir überhaupt einen ausrichten wollen.«
Am Ende anstrengender Verhandlungen und nachdem die Verhältnisse klargestellt waren, kam Wilder zusammen mit Peck nach Berlin, beide bekamen gemeinsam ihre Ehrenbären, Wilder besuchte Babelsberg und wohnte im Kempinkski. Die Einrichtung seines Zimmers gefiel ihm so gut, dass er sie nach Los Angeles verschiffen ließ.
Aber auch im Umgang mit seinen Kritikern war er nicht zimperlich. Seine bärbeißige Klarheit gegenüber Journalisten war legendär, seine Auftritte auf Festivalbühnen wurden von manchen gefürchtet, von anderen geliebt.
Aber vor allem hatte er Erfolg. »Von heute aus wirkt seine Ägide als Festivalchef wie eine Blütezeit«, schreibt die FAZ treffend.
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Erinnern wir uns: Im Jahr 1997 liefen im Wettbewerb die neuen Filme von Anthony Minghella, Tsai Ming-Liang, Andrzej Wajda, Raúl Ruiz, Spike Lee, Richard Attenborough, Miloš Forman, Wolfgang Becker, Claude Berri, Masahiro Shinoda, John Singleton, Baz Luhrmann und einige mehr. 1998 liefen im Wettbewerb die Film der Coen-Brüder, von Quentin Tarantino, Jim Sheridan, Walter Salles, Gus Van Sant, Stanley Kwan, Michael Winterbottom, Alain Resnais, Michael Gwisdek, Neil Jordan, Pupi
Avati, Jacques Doillon, Barry Levinson und anderen.
Man könnte ähnlich namhafte Listen für fast jedes de Hadeln-Jahr aufstellen. Die Behauptung, dass die Umstände seinen Nachfolgern ein ähnliches Programm unmöglich machen, ist reine Legendenbildung. Die Berlinale-Leitungen seit 2001 sind einfach schlechtere Film-Diplomaten und an anderen Dingen interessiert. Ein Glück für Cannes und Venedig.
Direkt nach seiner Berlinale-Zeit, 2002 und 2003, war de Hadeln kurzzeitig Leiter von Venedig, um die kulturpolitischen Folgen von Silvio Berlusconis Regierung abzufedern. Auch das gelang ihm mit Bravour, und er ebnete das Gelände für Marco Müller.
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Moritz de Hadeln repräsentierte jene Zeit des 20. Jahrhunderts, als das Kino schwierig sein durfte, als es noch nicht »inklusiv« sein und es allen recht machen wollte.
Dieser Festivalleiter liebte gerade nicht die Amerikaner, sondern arbeitete einfach mit ihnen. Ähnlich wie mit den Osteuropäern, die er förderte, insbesondere Polen und Ostdeutsche, aber wohl auch nicht liebte. So wenig wie das westdeutsche Kino – wer will es ihm verdenken?
Geliebt hat Moritz de Hadeln vor allem das Kino der drei chinesischen Staaten Volksrepublik, Taiwan und Hongkong. Unter seiner Ägide und vor der Konkurrenz aus Cannes liefen in Berlin die ersten
Filme von Zhang Yimou, von Wong Kar-wai, von Tsai Ming-liang und von Ang Lee, der zweimal in den 90er Jahren den Goldenen Bären gewann, bevor ihm gleiches in Venedig glückte.
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Heute unvorstellbar, dass man de Hadeln damals vorwarf, zuviele amerikanische Filme im Wettbewerb zu zeigen. Was nicht alle verstanden: Die starke Präsenz amerikanischer Filme und Filmemacher war von entscheidender Bedeutung, um auch Filme aus Osteuropa zu zeigen – es herrschte Kalter Krieg und Berlin stand unter dem Viermächtestatut.
»Meine Aufgabe bestand in all den Jahren darin, größere Krisen in den Ost-West-Beziehungen zu vermeiden und zugleich die Unabhängigkeit des Festivals vor unangemessenen Kompromissen zu bewahren. Zwischen allen Stühlen zu sitzen, war nicht immer einfach«, erklärte er später.
»Sein Programm fordert Neugier für das Unbekannte, es gilt als wenig publikumsfreundlich, also arm an Regie- und Schauspieler-Prominenz«, so schrieb der »Spiegel« 1983 über de Hadeln, und meinte das ausdrücklich als Lob.
Wer mehr über Moritz de Hadeln erfahren möchte, dem sei wärmstens das unterhaltsame, anekdotenreiche Buch des früheren NZZ-Filmredakteurs und heutigen Filmfest-Zürich-Leiters Christian Jungen empfohlen:
»Moritz de Hadeln: Mister Filmfestival«, erschienen 2018 im Verlag Rüffer & Rub.