09.07.2026

Der Mann, der die Festivals liebte

The River
Der Fluss von Tsai Ming-liang lief 1997 bei der Berlinale
(Foto: Peripher · Tsai Ming-liang)

Kein anderer hat die Berlinale länger geleitet. Der Weltbürger und Festivaldirektor Moritz de Hadeln ist jetzt gestorben

Von Rüdiger Suchsland

»Ich bin Ketten­rau­cher, trinke Whisky und liebe meine Arbeit.«
– Moritz de Hadeln, zitiert in der SZ

Gibt es das ein zweites Mal? Dass einer bei drei verschie­denen A-Festivals Chef gewesen ist? Es hat schon seinen guten Grund, dass die maßgeb­liche Biografie über Moritz de Hadeln den Titel »Mister Film­fes­tival« trägt.

Nun ist Quantität keine Qualität, das wusste de Hadeln nur zu gut. Er wusste, dass man das Prestige eines Amtes nie mit dem seiner Person verwech­seln soll, eine Botschaft, die seine Nach­folger bitter lernen mussten, und die anderen noch bevor­steht.
Aber umgekehrt nutzt alle Qualität nichts, wenn keiner die Filme anschaut, oder man keine Lust mehr hat, ein Festival zu besuchen oder seine eigenen Filme dorthin zu geben – so wie es vielen inter­na­tio­nalen Besuchern gerade mit der 76-jährigen Berlinale geht, mit der de Hadelns Name vor allem verbunden bleiben wird: 21 Jahre lang war er ihr Chef, von 1980 bis 2001.

Als de Hadeln der Berlinale vorstand, war das anders. Da wurde auch viel über die Berlinale gemeckert, so wie heute, wahr­schein­lich sogar um einiges mehr, weil man damals ein Film­fes­tival noch nicht als natio­nal­pa­trio­ti­sche Veran­stal­tung ansah, die man als deutscher Jour­na­list und Filme­ma­cher ähnlich zu unter­s­tützen hat wie die Fußball-Natio­nal­mann­schaft. Aller­dings war die Berlinale damals auf Augenhöhe mit Cannes und in manchem viel­leicht besser als Venedig. Erst de Hadelns Nach­folger haben das deutsche A-Festival herun­ter­ge­wirt­schaftet und das kaputt gemacht, was vor allem de Hadeln in den 20 Jahren davor aufgebaut hatte.

Aber dieser Mann war einiges mehr als nur ein sehr erfolg­rei­cher Berlinale-Leiter.

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»Indeed, diplomacy was not far behind the love for cinema.«
– Moritz de Hadeln

Er war ein Kosmo­polit. 1940 im engli­schen Exil als Enkel eines Berliner Emigranten und Kunst­his­to­ri­kers geboren, als Sohn eines briti­schen Offiziers und einer rumä­ni­schen Malerin, wuchs de Hadeln in Groß­bri­tan­nien und Italien auf, studierte in Frank­reich und sprach alle diese Sprachen fließend. 1968 erwarb er neben der briti­schen auch die Schweizer Staats­bür­ger­schaft.
»Später heiratete er zum Entsetzen seiner Eltern eine Deutsche«, schrieb sein Biograph Christian Jungen.
So ganz war er nirgendwo zuhause oder überall ein bisschen – damit teilt er das Schicksal vieler Flücht­linge. De Hadeln war zwar nicht jüdisch, erwähnte aber später, dass es als Berlinale-Chef »einen Vorteil darstellte, dass ich selbst kein Deutscher war. Oft hatten meine Verhand­lungs­partner gedacht, ich sei Jude, ohne mich danach zu fragen, und ich tat dann einfach so, als wäre ich einer.«

In jungen Jahren besuchte der film­in­ter­es­sierte Student bereits Visconti am Set von Der Leopard und Antonioni privat zuhause in Rom. 1969 gründete er mit seiner Frau Erika de Hadeln das Doku­men­tar­film­fes­tival Nyon, das unter beider Leitung zu einem der drei wich­tigsten seiner Art weltweit avan­cierte. Dann, 1972 wurde er Direktor in Locarno, brachte Größen wie Andrei Tarkowski und Pier Paolo Pasolini nach Locarno, bevor er 1979 zum Berlinale-Leiter ernannt wurde.

De Hadeln war geschickt, diplo­ma­tisch, ziel­strebig, er konnte bei Bedarf charmant sein, aber auch ruppig.
Und er war kauzig.

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»Japaner sind keine Chinesen. Und ich sage Ihnen noch etwas: die Japaner sind anders als wir. Darum möchte ich Ihnen allen sagen, dass ich jedem von Ihnen jetzt höchst­per­sön­lich sein Geld für die Karte zurück­gebe – aber ich will nachher nichts hören!«

So habe ich ihn zum ersten Mal erlebt, 1996, 1997, bei meinen ersten Berlinale-Besuchen: mit sehr persön­li­chen Ansagen im Kino, auch als Direktor in einer Neben­reihe wie dem Forum oder dem Panorama, mit Aussagen, die man kurios und lustig finden konnte. Aber da war einer, der persön­lich für das einstand, was er zeigte, der immer mit Liebe und Enga­ge­ment darüber reden konnte, der mit Poli­ti­kern umging, aber dabei keine Schleim­spur hinter­ließ, der nie kroch, sondern seinen eigenen Kopf behielt.

Die Berliner Jour­na­listen, die das so nicht gewohnt waren und auch damals nicht immer die Edelsten ihrer Zunft, spotteten in diesen Jahren lieber in klein­bür­ger­li­cher Manier über den »Helmut Kohl der Berlinale« und hielten ihm in Spießer­dik­tion vor, dass er auch nach 20 Jahren Berlin »immer noch nicht richtig« Deutsch sprach.

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Moritz de Hadeln war anderes wichtiger: »Ich denke, ich darf stolz darauf sein, die ersten Filme von Roland Emmerich, Tsai Ming-liang, Gus Van Sant, Ang Lee und Zhang Yimou präsen­tiert zu haben. Und welche wunder­baren Erin­ne­rungen verbinde ich mit der Verlei­hung des Goldenen Ehren­bären für das Lebens­werk an Alec Guinness (1988), Dustin Hoffman (1989), Gregory Peck und Billy Wilder (1993), Sophia Loren (1994), Jack Lemmon (1996), Shirley MacLaine (1999) oder Kirk Douglas (2001) – um nur einige zu nennen.«

Zuweilen kämpfte er mit Luxus­pro­blemen: 1993 gelang es ihm, Gregory Peck als Ehrengast zu verpflichten, der den Goldenen Ehren­bären der Berlinale erhalten sollte. Peck erzählte seinem Freund Billy Wilder, er fahre nach Berlin, worauf dieser sagte, er wolle mitkommen. Dann kam ein Anruf von Wilders Agentin: ihr Klient wolle auch einen Bären. Wilder stellte dann – noch ehe er überhaupt einge­laden wurde – der Berlinale Bedin­gungen: Er wollte im Kempinski unter­ge­bracht werden, in einer Suite wohnen, im gleichen Flugzeug wie Gregory Peck reisen und die Studios in Babels­berg besuchen. Darauf schrieb de Hadeln Billy Wilders Agentin einen gehar­nischten Brief:
»Es gehört nicht zu unseren Geflo­gen­heiten, dass die Ehren­gäste unseres Festivals selber entscheiden, in welchem Hotel sie absteigen wollen und dann auch noch die Reser­va­tion einer Suite verlangen, geschweige denn, dass sie insis­tieren, eine persön­liche Einladung zu erhalten und dann noch selber festlegen, welchen Preis sie erhalten – obwohl noch gar nicht klar ist, ob wir überhaupt einen ausrichten wollen.«

Am Ende anstren­gender Verhand­lungen und nachdem die Verhält­nisse klar­ge­stellt waren, kam Wilder zusammen mit Peck nach Berlin, beide bekamen gemeinsam ihre Ehren­bären, Wilder besuchte Babels­berg und wohnte im Kempinkski. Die Einrich­tung seines Zimmers gefiel ihm so gut, dass er sie nach Los Angeles verschiffen ließ.

Aber auch im Umgang mit seinen Kritikern war er nicht zimper­lich. Seine bärbeißige Klarheit gegenüber Jour­na­listen war legendär, seine Auftritte auf Festi­val­bühnen wurden von manchen gefürchtet, von anderen geliebt.
Aber vor allem hatte er Erfolg. »Von heute aus wirkt seine Ägide als Festi­val­chef wie eine Blütezeit«, schreibt die FAZ treffend.

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Erinnern wir uns: Im Jahr 1997 liefen im Wett­be­werb die neuen Filme von Anthony Minghella, Tsai Ming-Liang, Andrzej Wajda, Raúl Ruiz, Spike Lee, Richard Atten­bo­rough, Miloš Forman, Wolfgang Becker, Claude Berri, Masahiro Shinoda, John Singleton, Baz Luhrmann und einige mehr. 1998 liefen im Wett­be­werb die Film der Coen-Brüder, von Quentin Tarantino, Jim Sheridan, Walter Salles, Gus Van Sant, Stanley Kwan, Michael Winter­bottom, Alain Resnais, Michael Gwisdek, Neil Jordan, Pupi Avati, Jacques Doillon, Barry Levinson und anderen.
Man könnte ähnlich namhafte Listen für fast jedes de Hadeln-Jahr aufstellen. Die Behaup­tung, dass die Umstände seinen Nach­fol­gern ein ähnliches Programm unmöglich machen, ist reine Legen­den­bil­dung. Die Berlinale-Leitungen seit 2001 sind einfach schlech­tere Film-Diplo­maten und an anderen Dingen inter­es­siert. Ein Glück für Cannes und Venedig.

Direkt nach seiner Berlinale-Zeit, 2002 und 2003, war de Hadeln kurz­zeitig Leiter von Venedig, um die kultur­po­li­ti­schen Folgen von Silvio Berlus­conis Regierung abzu­fe­dern. Auch das gelang ihm mit Bravour, und er ebnete das Gelände für Marco Müller.

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Moritz de Hadeln reprä­sen­tierte jene Zeit des 20. Jahr­hun­derts, als das Kino schwierig sein durfte, als es noch nicht »inklusiv« sein und es allen recht machen wollte.

Dieser Festi­val­leiter liebte gerade nicht die Ameri­kaner, sondern arbeitete einfach mit ihnen. Ähnlich wie mit den Osteu­ropäern, die er förderte, insbe­son­dere Polen und Ostdeut­sche, aber wohl auch nicht liebte. So wenig wie das west­deut­sche Kino – wer will es ihm verdenken?
Geliebt hat Moritz de Hadeln vor allem das Kino der drei chine­si­schen Staaten Volks­re­pu­blik, Taiwan und Hongkong. Unter seiner Ägide und vor der Konkur­renz aus Cannes liefen in Berlin die ersten Filme von Zhang Yimou, von Wong Kar-wai, von Tsai Ming-liang und von Ang Lee, der zweimal in den 90er Jahren den Goldenen Bären gewann, bevor ihm gleiches in Venedig glückte.

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Heute unvor­stellbar, dass man de Hadeln damals vorwarf, zuviele ameri­ka­ni­sche Filme im Wett­be­werb zu zeigen. Was nicht alle verstanden: Die starke Präsenz ameri­ka­ni­scher Filme und Filme­ma­cher war von entschei­dender Bedeutung, um auch Filme aus Osteuropa zu zeigen – es herrschte Kalter Krieg und Berlin stand unter dem Vier­mäch­te­statut.

»Meine Aufgabe bestand in all den Jahren darin, größere Krisen in den Ost-West-Bezie­hungen zu vermeiden und zugleich die Unab­hän­gig­keit des Festivals vor unan­ge­mes­senen Kompro­missen zu bewahren. Zwischen allen Stühlen zu sitzen, war nicht immer einfach«, erklärte er später.

»Sein Programm fordert Neugier für das Unbe­kannte, es gilt als wenig publi­kums­freund­lich, also arm an Regie- und Schau­spieler-Prominenz«, so schrieb der »Spiegel« 1983 über de Hadeln, und meinte das ausdrück­lich als Lob.

Wer mehr über Moritz de Hadeln erfahren möchte, dem sei wärmstens das unter­halt­same, anek­do­ten­reiche Buch des früheren NZZ-Film­re­dak­teurs und heutigen Filmfest-Zürich-Leiters Christian Jungen empfohlen:
»Moritz de Hadeln: Mister Film­fes­tival«, erschienen 2018 im Verlag Rüffer & Rub.