04.06.2026

Wahrheit des Kinos

Chronique d'un été
Jean Rouch und Edgar Morin (r.) diskutieren am Ende von Chronique d’un été den Erfolg ihres Filmprojekts
(Foto: Chronique d’un été · Jean Rouch, Edgar Morin)

Der französische Anthropologe Edgar Morin ist im Alter von 104 Jahren verstorben – Nachruf einer Cinephilen

Von Dunja Bialas

Edgar Morin hätte am 8. Juli seinen 105. Geburtstag gefeiert. Mit zittriger Stimme hätte er über das Geheimnis seines hohen Alters gespro­chen. Die Neugier und die Liebe, so sagt er mit 103 Jahren in die Kamera von Socio­logía Contem­po­ránea, seien der Grund für die longevité intellec­tu­elle. Morin lächelt. Er steht mitten in den Straßen von Paris.

Diese kleine Szene erinnert an den einzigen Film, den der Soziologe und Anthro­po­loge hinter­lassen hat. Chronique d’un été (Chronik eines Sommers) hat er 1960, im Alter von 39 Jahren, zusammen mit dem Ethno­logen Jean Rouch in den Straßen von Paris während eines Sommers gedreht. Der Praktiker Rouch wollte seine ethno­lo­gi­sche Methode auf die eigene, Pariser Umgebung anwenden, und nicht die unbe­kannten Bräuche und Rituale afri­ka­ni­scher Stämme filmen – lieber den eigenen, europäi­schen Seins­weisen auf den Grund gehen. Der Theo­re­tiker Morin setzte dem Film das anthro­po­lo­gi­sche und das kino­theo­re­ti­sche Fundament.

Zwei einfache Fragen gab Morin dem Kino­pro­jekt vor, die zufäl­ligen Passanten in den Straßen von Paris und Menschen, die für das Projekt ausge­wählt wurden, gestellt wurden. Die Fragen lauteten: Sind Sie glücklich? Wie leben Sie?

Es wurde viel geraucht und getrunken

Dazwi­schen sieht man Morin und Rouch, wie sie, immer die Zigarette in der Hand, vor vielen geleerten Rotwein­fla­schen, von jungen Menschen umringt, über ihren Film, der gerade entsteht, sprechen. Das »Cinéma vérité« war geboren, die Kino-Wahrheit, die nur im Moment des Filmens entstehen kann und durch die Bild-Montage – nicht aber in der Wirk­lich­keit selbst gefunden werden kann.

Chronique d’un été
Jean Rouch und Edgar Morin (r.) überreden Marceline Loridan, beim Film­pro­jekt mitzu­ma­chen (Still aus Chronique d’un été) (Foto: Chronique d’un été · Jean Rouch, Edgar Morin)

Chronique d’un été leitete eine neue Ära des Filme­ma­chens ein. Nicht so sehr wegen der verblüf­fenden Frage­technik – vom Einfachen gelangt Morin zum Philo­so­phi­schen und zur anthro­po­lo­gi­schen Grund­sätz­lich­keit –, mehr wegen der Kamera mit Synchronton, die Rouch zusammen mit dem kana­di­schen Kame­ra­mann Michel Brault entwi­ckelte. Der Synchronton machte die Nouvelle Vague, die das Kino hinaus auf die Straße brachte, erst möglich. In À bout de souffle (1960) hatte Jean-Luc Godard den Ton noch nach­syn­chro­ni­siert.

Die Nouvelle Vague kann damit Teil eines Cinéma vérité verstanden werden, das auf die Kino-Pravda (»Kino-Wahrheit«) des Russen Dziga Vertov zurück­geht. Unter dem »Kamera-Auge« (noch so ein Begriff von Vertov: Kino-Glaz) sollte sich die Realität in Frag­menten zeigen, die für das bloße mensch­liche Auge nicht sichtbar waren. Sie wurden in der Montage neu zusam­men­ge­setzt und ergaben eine tiefere Wahrheit über den Welt­zu­sam­men­hang.

Morin überi­telte seinen maßgeb­li­chen Essay »Pour un nouveau cinéma vérité«. Für ein neues Kino der Wahrheit. In Anknüp­fung an Vertov, veröf­fent­licht 1960 im »France-Obser­va­teur«. Er schreibt:

»Nur im cinéma vérité kann das moderne Kino jenes klare Bewusst­sein von Brüder­lich­keit verwirk­li­chen, in dem der Zuschauer sich seinem Mitmen­schen weniger fremd fühlt – weniger kalt, weniger unmensch­lich, weniger verkrustet in einem falschen Leben.«

Letztlich geht es auch darum: Es gibt keine Wahrheit im falschen Kino.

2019 erschien das Buch zur Entste­hung des Films in neuer Auflage. Edgar Morin, 98, hatte alle überlebt, die beim Film mitge­wirkt hatten: Jean Rouch, der 2005 gestorben war, den Produ­zenten Pierre Braun­berger (verstorben 1990), den Kame­ra­mann Michel Brault (2013) und auch Raoul Coutard (2016), der als zweiter Kame­ra­mann in Chronique d’un été dabei war und gefühlt alle Filme der Nouvelle Vague foto­gra­fierte. Im 2019 verfassten Vorwort erinnert Morin an den Druck des Produ­zenten, das erstellte »kine­ma­to­gra­phi­sche Dokument« von 20 Stunden auf 90 Minuten zu kürzen. Aber »mindes­tens sechs Stunden« seien höchst inter­es­sant, schreibt Morin, und spricht von einer »vers­tüm­melten Fassung« des veröf­fent­lichten Films, der auf die »emotio­nalen Momente« zuge­schnitten wurde. Eine Fünf-Stunden-Fassung wurde schließ­lich restau­riert, die Produ­zenten-Erbin verhin­derte am Ende das Erscheinen. Morin nennt die lange Fassung die »authen­ti­sche« und ein Meis­ter­werk, zugleich sieht er ein Kunstwerk in Gefahr.

Gespei­cherte Ekto­plasmen und Astral­körper: die Träume

Auch wenn er nur diesen einen Film gemacht hat, hat Morin sich mit dem Kino in seiner anthro­po­lo­gi­schen Dimension ausein­an­der­ge­setzt. In »Le cinéma ou l’homme imagi­n­aire« (»The cinema, or, The imaginary man«) (1978) nähert er sich dem Kino an als »Schlag unseres Herzens« und »Leiden­schaften unserer Seele« – die meta­pho­ri­sche, pathe­ti­sche und blumige Sprache macht das Denken von Morin so univer­sell und wesent­lich. »Über die Filme«, so schreibt er, kämen die Träume »in unseres waches Leben, um es zu formen, um uns beizu­bringen zu leben – oder nicht zu leben.« Wir verar­beiten die Träume in den Filmen, sozia­li­sieren sie, machen sie nützlich, oder aber sie verlieren sich in uns, und wir uns in ihnen. »Da sind sie also, die Träume: als gespei­cherte Ekto­plasmen, Astral­körper, die sich von uns nähren und uns ernähren, Archive der Seele … Es wird nötig sein, sie zu befragen – es gilt, das Imaginäre wieder in die mensch­liche Wirk­lich­keit zu inte­grieren.«

Sind Sie glücklich? Wie leben Sie?

Sind Sie glücklich? Wie leben Sie? Wir wollten Morin die Fragen zurük­geben, die er selbst an das Leben der anderen gerichtet hatte. Im Juli 2025 kontak­tiere ich ihn per E-Mail und erzähle ihm von dem Film­pro­jekt, das ich zusammen mit Amelie Hoch­häusler in Angriff genommen hatte – ein Remake – oder »Re-Fake« – von Chronik eines Sommers, das wir Wahrheit eines Sommers nennen.

Wahrheit eines Sommers
Re-Fake: Jeanne Rouge (Dunja Bialas) und Morin (Rainer Haustein) überreden Marceline (Amelie Hoch­häusler), beim Film­pro­jekt mitzu­ma­chen (Foto: films pour demain)

»Je suis très intéressé«, schreibt er uns, er sei sehr inter­es­siert. Und dass er uns sehr gerne in Paris treffen wolle. Nur vorher müsse er noch in den Urlaub fahren. Nach seiner Rückkehr antwor­tete er uns nicht mehr persön­lich, wollte uns aber immer noch treffen. »Morin erneuert seine Bereit­schaft, Sie zu sehen«, schreibt uns die »Fondation Edgar Morin« feierlich. Als wir in Paris eintreffen, kommt die Absage: Morin müsse sich vor allem: ausruhen.

Tous les hommes sont mortels, alle Menschen sind sterblich, schreibt Simone de Beauvoir 1946 in ihrem exis­ten­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. Morin, im selben Jahr wie Sophie Scholl geboren, hatte in der fran­zö­si­schen Résis­tance gekämpft. »Edgar Morin« war bereits sein zweites Pseudonym aus der Zeit des Zweiten Welt­kriegs, nachdem sein erstes enttarnt worden war. Eigent­lich ist er Edgar Nahoum, Sohn einer jüdischen Familie mit grie­chi­schen Wurzeln. Als einer, der ein Jahr­hun­dert und mehr durch­quert hatte, der sich bis zuletzt zum Leben unter den Bedin­gungen der Moderne geäußert hat, erscheint er wie der unsterb­liche, zum Weiter­leben verdammte Prot­ago­nist aus Simon de Beauvoirs Roman. Und je älter Morin wurde, desto unwahr­schein­li­cher erschien es, dass er sterben würde. Als hätte ihn das hohe Alter vor dem Sterben beschützt. Und ihn unsterb­lich gemacht.

Wir wollten wir ihm außerdem doch noch zwei Fragen stellen. Ihm unseren Film zeigen! Und so rufen wir ihm, im Wortsinn des Nachrufs: tatsäch­lich nach. Edgar Morin, wie sehr hätten wir uns gewünscht, Sie hätten unseren Film noch gesehen!

Seine Fragen, die wir ihm zurück­geben wollten, können in der Ablei­tungen seiner Äuße­rungen beant­wortet werden. Die Anthro­po­logie von Morin war eine Lebens­phi­lo­so­phie. Ein Savoir vivre, das nicht schon beim Hedo­nismus vorbei ist. Wichtig sei, während man lebt: über das Leben selbst ein Bewusst­sein zu erlangen. So hat er es einmal gesagt.

Es steht fest, am Ende eines undenkbar langen Lebens: Wir können uns Edgar Morin als einen glück­li­chen Menschen vorstellen.