Happy Birthday, Mr. Communist |
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| Looking for Eric: Soccer saved his life | ||
| (Foto: Sixteen Film) | ||
1953, als er am Tag des Arbeiteraufstands in Ost-Berlin seinen Geburtstag feierte, wurde er 17. Was er da wohl gedacht hat, an diesem 17. Juni 1953? Wir werden ihn fragen, wenn wir ihn das nächste Mal treffen. Vielleicht wieder in einem 5-Sterne-Hotel, wie dem »Hotel des Bains« am Lido von Venedig, wo wir ihn das allererste Mal getroffen haben, vor einem Vierteljahrhundert. Einem Grand Hotel alten Schlages, in dem Thomas Mann bei einem Urlaub zu seinem »Tod in Venedig« inspiriert wurde, und Luchino Visconti die Verfilmung dieser Novelle drehte. Das passt zu Ken Loach, der ein Kommunist alten Schlages ist, und darum kein Problem damit hat, an so einem Ort zu residieren und Champagner zu trinken – denn heißt Kommunismus nicht eigentlich, dass alle Champagner trinken sollten, anstatt in Sack und Asche zu gehen?
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Ein 15-Jähriger findet einen abgerichteten Falken und in ihm plötzlich den Freund und Partner, den er in seiner Familie und in dem Arbeiterwohnviertel der kleinen, allzu anständigen Leute mit dem engen Horizont nicht finden konnte.
Kes, Ken Loachs Film von 1969, war sein Durchbruch. Er bietet einen stillen Gegenentwurf zu einer Welt, die dem 15-jährigen kaum Perspektiven bietet. Loach erzählt nicht von großen Revolutionen, sondern von unscheinbaren Momenten der Selbstbehauptung. Die raue Industrielandschaft Nordenglands wird dabei zur Kulisse einer Gesellschaft, die Kinder früh nach ihrem ökonomischen Nutzen sortiert. Gerade weil der Regisseur jede Sentimentalität und jeden Moralismus vermeidet, entfaltet die Geschichte ihre nachhaltige Kraft. Der Flug des Falken wird zum Bild einer Freiheit, die nur für kurze Zeit möglich scheint.
Seit damals, also seit sechs Jahrzehnten, erzählt Loach von Solidarität, sozialer Ungleichheit und menschlicher Würde. Dabei ging es ihm nie um bloße Sozialreportagen, sondern um die Frage nach Humanität, Solidarität und Gerechtigkeit. Mit einer dokumentarisch anmutenden Bildsprache und großer Nähe zu seinen Figuren schuf Loach ein Werk, das politisch ist, nicht moralisierend, und weitgehend auf schlichte Parolen verzichtet – seine Filme erzählen von den Folgen wirtschaftlicher Umbrüche und davon, wie Menschen versuchen, ihre Menschlichkeit zu bewahren.
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Heute ist er einer der wichtigsten und bekanntesten britischen Regisseure – und seit 60 Jahren aus dem Weltkino nicht mehr wegzudenken: Ken Loach, der trotzige britische Klassenkämpfer und feinsinnige Analytiker der Widersprüche unserer mal mehr, mal weniger sozialen Marktwirtschaft.
Geboren in der Nähe von Coventry als Sohn eines Fabrikarbeiters, hat er das Bewusstsein der Herkunft aus der Arbeiterklasse bis heute bewahrt – und die Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen und den Erfahrungsformen des Proletariats bestimmt sein Lebenswerk. In Oxford studierte er Jura, begann mit experimentellem Theater, ging zum Militär und kam dann bei der BBC unter. Seine ersten Arbeiten sind einige Folgen der Serie »Task Force Police«, einer Kriminalserie, die in den 60er- und 70er-Jahren das Fernsehen revolutionierte.
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Die Welt von Ken Loach ist einfach-kompliziert. Einfach, weil in seinen Filmen die Armen gut sind, die Reichen böse; weil bei armen Menschen letztlich die Familien immer zusammenhalten und jemand, der etwas Falsches tut, es früher oder später bereut, während die anderen am Ende nur auf den Profit schauen und ihnen die Ausbeutung von Menschen egal ist: Humanisten gegen Antihumanisten.
Man kann ihnen mit guten Gründen vorwerfen, dass sie »topical« sind, wie man das in britischem Englisch nennt, inhaltistisch.
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Kompliziert ist sie aber auch, denn ganz so schlicht sind diese Filme keineswegs. Und es geht nie nur um den Inhalt, sondern auch darum, etwas Neues zu erzählen, um die Form, und um Schönheit. Von »Beauty« spricht Loach im Gespräch immer wieder.
Immer wieder arbeitet Loach mit Laien, dreht an Originalschauplätzen, mit Handkamera und mit improvisierten Dialogen, die allerdings auf oft monatelangen Vorrecherchen basieren – auch diese Methode ist von seinen frühen Theatererfahrungen geprägt.
Die Idealvorstellung ist, dass sich die stilistischen Unterschiede zwischen Fiktionen und Reportagen bis zur Unkenntlichkeit verwischen sollten. Darum nutzt er dokumentarische Darstellungsweisen bewusst, knüpft an Cinema-Verité-Vorbilder an, sowie an das englische »free cinema.«
Ein zweiter wichtiger Einfluss ist Bertolt Brecht und seine manchmal spröden Parabeln über die Geschichte der Linken und der Arbeiterbewegung.
Land and Freedom über die Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg ist vielleicht der allerwichtigste und allerbeste Film, den Ken Loach je gedreht hat, denn hier trennt Loach nicht nur einleuchtend und sensibel die Geschichte der sozialistischen, anarchistischen und trotzkistischen Linken von der des Stalinismus und deren Hegemonialansprüchen, die schon in den 30er Jahren die Linke und die Idee des Sozialismus verraten haben – »da hörte die Kommunistische Partei auf eine revolutionäre Partei zu sein« kommentiert der Regisseur –, er zeigt auch eine Hauptfigur, die aus Parteigehorsam Menschen hinrichtet, die ihm persönlich nahestehen.
Die gesellschaftlichen Institutionen, wie etwa die Psychiatrie, die Gewerkschaften, die Kirche, Banken und natürlich die Fabrik und »die Partei«, sind auch sein Thema. Das zeigt den Einfluss der Epoche, in der Loach lebte. Wenn es einen Theoretiker gäbe, den man als prägend für ihn beschreiben kann, dann ist dies vielleicht der Franzose Michel Foucault und dessen immer neue Perspektiven auf die Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse und der Macht gesellschaftlicher Institutionen.
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Ken Loach macht es sich nicht einfach. Es geht nicht um Moral in seinen Filmen, im Gegenteil: Der überzeugte Trotzkist mag das Moralisieren überhaupt nicht. Ihm geht es um Analyse, um präzises Schildern von Strukturen und Institutionen, um gesellschaftliche Klassen, um Produktionsverhältnisse.
Und um die Familie. Sie, die eine Institution, die älter ist als der moderne Kapitalismus, der aber Ausbeutung, Abhängigkeit und Zwangsverhältnisse ebenso vertraut ist, diese Familie steht in den allermeisten Ken-Loach-Filmen im Zentrum oder direkt daneben. Manchmal ist die Familie auch eine Ersatzfamilie, etwa die in enger Freundschaft verbundene Gruppe einiger arbeitsloser Trinkkumpane, oder der Trupp von Gleisarbeitern, der seit Jahr und Tag routiniert direkt in der Gefahrenzone auf der Strecke schuftet – in The Navigators, einer stillen Chronik des sozialen Verschleißes im Zeitalter der Privatisierung.
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Loachs Filme zeichnen sich häufig durch dokumentarische Nüchternheit aus, seine Dramen entfalten sich nicht in großen Gesten, sondern in den kleinen Demütigungen des Arbeitsalltags. Loach verzichtet auf Pathos und lässt den Figuren ihre Würde, gerade wenn das System sie zunehmend entrechtet.
Oft hält Ken Loach zu den ganz Jungen, etwa im erwähnten Kes, weil sie die Hoffnung, die Zukunft verkörpern und noch nicht verhärtet sind von der Lebenserfahrung. Dieser Film wurde stilprägend für den sozialen Realismus und – dank seines Humors – auch für erfolgreiche Komödien anderer, wie zum Beispiel Billy Elliot. Zweimal gewann Ken Loach die Goldene Palme von Cannes – nicht unbedingt für seine besten Filme, aber das geht ihm nicht allein so.
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Hervorzuheben ist neben der im Grunde erschreckenden Aktualität seiner Filme auch die ungemeine Vielfalt dieses Regisseurs, der keineswegs der schlichte Anwalt der Unterklassen ist, zu dem er oft abgestempelt wird. Wäre er das, wäre es ja gar nicht schlimm. Aber Ken Loach ist eben auch ein sensibler Regisseur historischer Momente, etwa in seinem Film The Wind That Shakes the Barley über den irischen Aufstand, und vor allem in Land and Freedom zur Zeit seiner Geburt.
In Zeiten der Fußball-WM muss man darum auch daran erinnern, dass dem Fußballfan Ken Loach sogar das fast Unmögliche gelang: einen schönen und in jeder Hinsicht überzeugenden Fußballfilm zu drehen. In seiner Komödie Looking for Eric, in der sich ein Postbote mit dem Fußball-Rebellen Eric Cantona identifiziert.
Da überrascht Ken Loach ausnahmsweise, indem er seinen sozialrealistischen Kosmos um eine magische Dimension erweitert. Der überforderte Postbote begegnet seinem Idol Eric Cantona, der als imaginärer Ratgeber in sein Leben tritt. Was zunächst wie eine skurrile Komödie erscheint, entpuppt sich als kluge Reflexion über Freundschaft, Selbstvertrauen und die heilende Kraft kollektiver Solidarität. Loach verbindet die Lebenswelt der englischen Arbeiterklasse mit dem Mythos des Fußballs, ohne in nostalgische Verklärung zu verfallen. Cantona verkörpert dabei weniger den gefeierten Sportstar als vielmehr eine innere Stimme, die den Protagonisten dazu ermutigt, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Besser als Gott jedenfalls!
Zwischen Humor und Melancholie entfaltet der Film eine ungewöhnliche Leichtigkeit, die Loachs politisches Kino um eine verspielte Note bereichert. Und Eric Cantona selbst spielte mit, und sagte den legendären Satz: »I am not a man, I am Cantona«.
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Wichtig ist schließlich auch die vierteilige Fernsehserie »Tage der Hoffnung« über den Generalstreik 1926, in der wiederum die britischen Sozialdemokraten der Labour Party die Schurken darstellen, etwa der britische Geschichtsheld Winston Churchill.
Geprägt ist dieser Regisseur auch von den Verhärtungen der Thatcher-Ära wie von den New-Labour-Ideen des Tony Blair, den der Hardliner Loach wiederum als Verrat interpretiert – obwohl es ja darum ging, unter dem Label eines Dritten Wegs von der Sozialdemokratie zu retten, was zu retten war. Tony Blair repräsentiert eigentlich eine Tendenz, die schon in den 20er-Jahren in der Linken deutlich wurde. Man wird aus heutiger Sicht der Position von Ken Loach etwas Recht geben müssen, wenn man sieht, wie sich bis heute die Lage des Proletariats nicht verbessert, eher zunehmend verschlechtert hat und gerade in Großbritannien breite Bevölkerungsteile verelenden.
Zumindest jedenfalls kommt er, kommt Ken Loach nicht von seinem Weg ab – man mag das als Kompliment nehmen, oder als Diagnose einer Unbelehrbarkeit.
So oder so sagen wir heute: Happy Birthday, Mr. Communist!