18.06.2026

Happy Birthday, Mr. Communist

Looking for Eric
Looking for Eric: Soccer saved his life
(Foto: Sixteen Film)

Brot und Rosen, Land und Freiheit: Ken Loach, der Regisseur der Klassengesellschaft wird 90 – zur Aktualität des wichtigsten und bekanntesten britischen Regisseurs

Von Rüdiger Suchsland

1953, als er am Tag des Arbei­ter­auf­stands in Ost-Berlin seinen Geburtstag feierte, wurde er 17. Was er da wohl gedacht hat, an diesem 17. Juni 1953? Wir werden ihn fragen, wenn wir ihn das nächste Mal treffen. Viel­leicht wieder in einem 5-Sterne-Hotel, wie dem »Hotel des Bains« am Lido von Venedig, wo wir ihn das aller­erste Mal getroffen haben, vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert. Einem Grand Hotel alten Schlages, in dem Thomas Mann bei einem Urlaub zu seinem »Tod in Venedig« inspi­riert wurde, und Luchino Visconti die Verfil­mung dieser Novelle drehte. Das passt zu Ken Loach, der ein Kommunist alten Schlages ist, und darum kein Problem damit hat, an so einem Ort zu resi­dieren und Cham­pa­gner zu trinken – denn heißt Kommu­nismus nicht eigent­lich, dass alle Cham­pa­gner trinken sollten, anstatt in Sack und Asche zu gehen?

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Ein 15-Jähriger findet einen abge­rich­teten Falken und in ihm plötzlich den Freund und Partner, den er in seiner Familie und in dem Arbei­ter­wohn­viertel der kleinen, allzu anstän­digen Leute mit dem engen Horizont nicht finden konnte.

Kes, Ken Loachs Film von 1969, war sein Durch­bruch. Er bietet einen stillen Gegen­ent­wurf zu einer Welt, die dem 15-jährigen kaum Perspek­tiven bietet. Loach erzählt nicht von großen Revo­lu­tionen, sondern von unschein­baren Momenten der Selbst­be­haup­tung. Die raue Indus­trie­land­schaft Nord­eng­lands wird dabei zur Kulisse einer Gesell­schaft, die Kinder früh nach ihrem ökono­mi­schen Nutzen sortiert. Gerade weil der Regisseur jede Senti­men­ta­lität und jeden Mora­lismus vermeidet, entfaltet die Geschichte ihre nach­hal­tige Kraft. Der Flug des Falken wird zum Bild einer Freiheit, die nur für kurze Zeit möglich scheint.

Seit damals, also seit sechs Jahr­zehnten, erzählt Loach von Soli­da­rität, sozialer Ungleich­heit und mensch­li­cher Würde. Dabei ging es ihm nie um bloße Sozi­al­re­por­tagen, sondern um die Frage nach Humanität, Soli­da­rität und Gerech­tig­keit. Mit einer doku­men­ta­risch anmu­tenden Bild­sprache und großer Nähe zu seinen Figuren schuf Loach ein Werk, das politisch ist, nicht mora­li­sie­rend, und weit­ge­hend auf schlichte Parolen verzichtet – seine Filme erzählen von den Folgen wirt­schaft­li­cher Umbrüche und davon, wie Menschen versuchen, ihre Mensch­lich­keit zu bewahren.

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Heute ist er einer der wich­tigsten und bekann­testen briti­schen Regis­seure – und seit 60 Jahren aus dem Weltkino nicht mehr wegzu­denken: Ken Loach, der trotzige britische Klas­sen­kämpfer und fein­sin­nige Analy­tiker der Wider­sprüche unserer mal mehr, mal weniger sozialen Markt­wirt­schaft.

Geboren in der Nähe von Coventry als Sohn eines Fabrik­ar­bei­ters, hat er das Bewusst­sein der Herkunft aus der Arbei­ter­klasse bis heute bewahrt – und die Ausein­an­der­set­zung mit den Lebens­be­din­gungen und den Erfah­rungs­formen des Prole­ta­riats bestimmt sein Lebens­werk. In Oxford studierte er Jura, begann mit expe­ri­men­tellem Theater, ging zum Militär und kam dann bei der BBC unter. Seine ersten Arbeiten sind einige Folgen der Serie »Task Force Police«, einer Krimi­nal­serie, die in den 60er- und 70er-Jahren das Fernsehen revo­lu­tio­nierte.

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Die Welt von Ken Loach ist einfach-kompli­ziert. Einfach, weil in seinen Filmen die Armen gut sind, die Reichen böse; weil bei armen Menschen letztlich die Familien immer zusam­men­halten und jemand, der etwas Falsches tut, es früher oder später bereut, während die anderen am Ende nur auf den Profit schauen und ihnen die Ausbeu­tung von Menschen egal ist: Huma­nisten gegen Anti­hu­ma­nisten.

Man kann ihnen mit guten Gründen vorwerfen, dass sie »topical« sind, wie man das in briti­schem Englisch nennt, inhal­tis­tisch.

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Kompli­ziert ist sie aber auch, denn ganz so schlicht sind diese Filme keines­wegs. Und es geht nie nur um den Inhalt, sondern auch darum, etwas Neues zu erzählen, um die Form, und um Schönheit. Von »Beauty« spricht Loach im Gespräch immer wieder.

Immer wieder arbeitet Loach mit Laien, dreht an Origi­nal­schau­plätzen, mit Hand­ka­mera und mit impro­vi­sierten Dialogen, die aller­dings auf oft mona­te­langen Vorre­cher­chen basieren – auch diese Methode ist von seinen frühen Thea­ter­er­fah­rungen geprägt.

Die Ideal­vor­stel­lung ist, dass sich die stilis­ti­schen Unter­schiede zwischen Fiktionen und Repor­tagen bis zur Unkennt­lich­keit verwi­schen sollten. Darum nutzt er doku­men­ta­ri­sche Darstel­lungs­weisen bewusst, knüpft an Cinema-Verité-Vorbilder an, sowie an das englische »free cinema.«

Ein zweiter wichtiger Einfluss ist Bertolt Brecht und seine manchmal spröden Parabeln über die Geschichte der Linken und der Arbei­ter­be­we­gung.

Land and Freedom über die Anar­chisten im Spani­schen Bürger­krieg ist viel­leicht der aller­wich­tigste und aller­beste Film, den Ken Loach je gedreht hat, denn hier trennt Loach nicht nur einleuch­tend und sensibel die Geschichte der sozia­lis­ti­schen, anar­chis­ti­schen und trotz­kis­ti­schen Linken von der des Stali­nismus und deren Hege­mo­ni­al­an­sprüchen, die schon in den 30er Jahren die Linke und die Idee des Sozia­lismus verraten haben – »da hörte die Kommu­nis­ti­sche Partei auf eine revo­lu­ti­onäre Partei zu sein« kommen­tiert der Regisseur –, er zeigt auch eine Haupt­figur, die aus Partei­ge­horsam Menschen hinrichtet, die ihm persön­lich nahe­stehen.

Die gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tionen, wie etwa die Psych­ia­trie, die Gewerk­schaften, die Kirche, Banken und natürlich die Fabrik und »die Partei«, sind auch sein Thema. Das zeigt den Einfluss der Epoche, in der Loach lebte. Wenn es einen Theo­re­tiker gäbe, den man als prägend für ihn beschreiben kann, dann ist dies viel­leicht der Franzose Michel Foucault und dessen immer neue Perspek­tiven auf die Analyse gesell­schaft­li­cher Macht­ver­hält­nisse und der Macht gesell­schaft­li­cher Insti­tu­tionen.

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Ken Loach macht es sich nicht einfach. Es geht nicht um Moral in seinen Filmen, im Gegenteil: Der über­zeugte Trotzkist mag das Mora­li­sieren überhaupt nicht. Ihm geht es um Analyse, um präzises Schildern von Struk­turen und Insti­tu­tionen, um gesell­schaft­liche Klassen, um Produk­ti­ons­ver­hält­nisse.

Und um die Familie. Sie, die eine Insti­tu­tion, die älter ist als der moderne Kapi­ta­lismus, der aber Ausbeu­tung, Abhän­gig­keit und Zwangs­ver­hält­nisse ebenso vertraut ist, diese Familie steht in den aller­meisten Ken-Loach-Filmen im Zentrum oder direkt daneben. Manchmal ist die Familie auch eine Ersatz­fa­milie, etwa die in enger Freund­schaft verbun­dene Gruppe einiger arbeits­loser Trink­kum­pane, oder der Trupp von Gleis­ar­bei­tern, der seit Jahr und Tag routi­niert direkt in der Gefah­ren­zone auf der Strecke schuftet – in The Navi­ga­tors, einer stillen Chronik des sozialen Verschleißes im Zeitalter der Priva­ti­sie­rung.

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Loachs Filme zeichnen sich häufig durch doku­men­ta­ri­sche Nüch­tern­heit aus, seine Dramen entfalten sich nicht in großen Gesten, sondern in den kleinen Demü­ti­gungen des Arbeits­all­tags. Loach verzichtet auf Pathos und lässt den Figuren ihre Würde, gerade wenn das System sie zunehmend entrechtet.

Oft hält Ken Loach zu den ganz Jungen, etwa im erwähnten Kes, weil sie die Hoffnung, die Zukunft verkör­pern und noch nicht verhärtet sind von der Lebens­er­fah­rung. Dieser Film wurde stil­prä­gend für den sozialen Realismus und – dank seines Humors – auch für erfolg­reiche Komödien anderer, wie zum Beispiel Billy Elliot. Zweimal gewann Ken Loach die Goldene Palme von Cannes – nicht unbedingt für seine besten Filme, aber das geht ihm nicht allein so.

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Hervor­zu­heben ist neben der im Grunde erschre­ckenden Aktua­lität seiner Filme auch die ungemeine Vielfalt dieses Regis­seurs, der keines­wegs der schlichte Anwalt der Unter­klassen ist, zu dem er oft abge­stem­pelt wird. Wäre er das, wäre es ja gar nicht schlimm. Aber Ken Loach ist eben auch ein sensibler Regisseur histo­ri­scher Momente, etwa in seinem Film The Wind That Shakes the Barley über den irischen Aufstand, und vor allem in Land and Freedom zur Zeit seiner Geburt.

In Zeiten der Fußball-WM muss man darum auch daran erinnern, dass dem Fußballfan Ken Loach sogar das fast Unmög­liche gelang: einen schönen und in jeder Hinsicht über­zeu­genden Fußball­film zu drehen. In seiner Komödie Looking for Eric, in der sich ein Postbote mit dem Fußball-Rebellen Eric Cantona iden­ti­fi­ziert.

Da über­rascht Ken Loach ausnahms­weise, indem er seinen sozi­al­rea­lis­ti­schen Kosmos um eine magische Dimension erweitert. Der über­for­derte Postbote begegnet seinem Idol Eric Cantona, der als imaginärer Ratgeber in sein Leben tritt. Was zunächst wie eine skurrile Komödie erscheint, entpuppt sich als kluge Reflexion über Freund­schaft, Selbst­ver­trauen und die heilende Kraft kollek­tiver Soli­da­rität. Loach verbindet die Lebens­welt der engli­schen Arbei­ter­klasse mit dem Mythos des Fußballs, ohne in nost­al­gi­sche Verklärung zu verfallen. Cantona verkör­pert dabei weniger den gefei­erten Sportstar als vielmehr eine innere Stimme, die den Prot­ago­nisten dazu ermutigt, Verant­wor­tung für das eigene Leben zu über­nehmen. Besser als Gott jeden­falls!

Zwischen Humor und Melan­cholie entfaltet der Film eine unge­wöhn­liche Leich­tig­keit, die Loachs poli­ti­sches Kino um eine verspielte Note berei­chert. Und Eric Cantona selbst spielte mit, und sagte den legen­dären Satz: »I am not a man, I am Cantona«.

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Wichtig ist schließ­lich auch die vier­tei­lige Fern­seh­serie »Tage der Hoffnung« über den Gene­ral­streik 1926, in der wiederum die briti­schen Sozi­al­de­mo­kraten der Labour Party die Schurken darstellen, etwa der britische Geschichts­held Winston Churchill.

Geprägt ist dieser Regisseur auch von den Verhär­tungen der Thatcher-Ära wie von den New-Labour-Ideen des Tony Blair, den der Hardliner Loach wiederum als Verrat inter­pre­tiert – obwohl es ja darum ging, unter dem Label eines Dritten Wegs von der Sozi­al­de­mo­kratie zu retten, was zu retten war. Tony Blair reprä­sen­tiert eigent­lich eine Tendenz, die schon in den 20er-Jahren in der Linken deutlich wurde. Man wird aus heutiger Sicht der Position von Ken Loach etwas Recht geben müssen, wenn man sieht, wie sich bis heute die Lage des Prole­ta­riats nicht verbes­sert, eher zunehmend verschlech­tert hat und gerade in Groß­bri­tan­nien breite Bevöl­ke­rungs­teile verelenden.

Zumindest jeden­falls kommt er, kommt Ken Loach nicht von seinem Weg ab – man mag das als Kompli­ment nehmen, oder als Diagnose einer Unbe­lehr­bar­keit.

So oder so sagen wir heute: Happy Birthday, Mr. Communist!