Hannah Arendt im Kino |
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| Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress 1958 | ||
| (Foto: Barbara Niggl Radloff · CC BY-SA 4.0 via Wikimedia ) | ||
Ob Hannah Arendt auch auf TikTok auftaucht? Wahrscheinlich. Und wenn nicht, dann sollte man sich schleunigst selbst an einem solchen TikTok-Kanal versuchen, bevor es ein anderer macht. Auf Instagram, Facebook und X und überhaupt im ganzen globalen Social-Media-Netz ist die deutsch-amerikanische, jüdische Philosophin, die heute vor 50 Jahren in New York an einem Herzinfarkt gestorben ist, überaus lebendig und präsenter, als fast alle lebenden Kolleginnen. Da poppen berühmte Sätze von ihr auf wie Kalendersprüche: »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen« oder »Der größte Feind des Autoritären ist Verachtung und die beste Waffe dagegen ist das Lachen«; Schlagworte wie »Denken ohne Geländer«, »Denken ist gefährlich« oder »Die Banalität des Bösen« haben sich im Netz längst verselbständigt oder sind zu kleinen Labels mutiert, die durch den Cyberspace flackern. Eine einfache Suchmaschinen-Anfrage ergibt auch anderes: Etwa mehr als ein Dutzend verschiedener »Hannah-Arendt-T-Shirts« mit stilisierten Arendt-Bildern und/oder Zitaten, »organic« oder mit Kunstfasern – je nach Wunsch. Es finden sich schnell auch Kaffeetassen in jeder Lieblingsfarbe mit ähnlichen Motiven, und allen Ernstes sogar eine Hannah-Arendt-Duftkerze, die mit einem gewagten »smells like Hannah Arendt« beworben wird. Gewagt auch deshalb, weil die Kettenraucherin Arendt vermutlich im realen Leben vor allem nach ihrem Lieblingstabak geduftet hat.
Etwas seriöser wirkt dann schon der Hannar-Arendt-Comic, der mit gewissem Geschick versucht, Arendts komplizierte, und keineswegs immer erbauliche Thesen einem jungen Publikum näher zu bringen.
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Vor allem aber gibt es natürlich das Kino. Und es gibt YouTube. Im Kino waren allein in den letzten zwölf Jahren drei neue Filme über Hannah Arendt zu sehen. Der bekannteste ist der deutsch-luxemburgisch co-produzierte Spielfilm Hannah Arendt von der deutschen Regisseurin Margarethe von Trotta, die schon mehrere prägende Frauengestalten porträtierte: Rosa Luxemburg, der Arendt ihr
Buch über den Ungarn-Aufstand widmete, und die sie in »Über die Revolution« zur Verkörperung des Ideals direkter Demokratie stilisiert, Ingeborg Bachmann und Gudrun Ensslin, die als Bürgerrechtlerin im Geiste Arendts begann, bevor sie sich zur RAF-Terroristin radikalisierte.
In Trottas facettenreichem Film wurde Arendt von Barbara Sukowa gespielt, eine Besetzung, die nicht allen gefiel, weil Sukowa bei all ihrem Können eine ungleich kühlere, strengere und asketischere
Ausstrahlung hat, als die warmherzige, leidenschaftliche Arendt.
Der Film als solcher aber hatte großen Erfolg. Denn Trotta versucht, keine umfassende 08/15-Biographie »von der Wiege bis zur Bahre« zu erzählen, sondern konzentriert sich auf einen entscheidenden Moment: Das Jahr 1962/63, in dem Arendt als bekannte öffentliche Intellektuelle nach Jerusalem reiste, um dort den Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehemaligen Organisator des industriellen Massenmords durch
Nazi-Deutschland als Reporterin im Auftrag des »New Yorker« zu verfolgen. Daraus entstand Arendts Buch »Eichmann in Jerusalem«, und im Folgenden eine heftige Kontroverse um dessen provokative Thesen, die das Bild Arendts im letzten Jahrzehnt ihres Lebens prägte. Dieser Streit, der Bruch mit vielen Freunden und Weggefährten, sowie Arendts Beweggründe sind das Thema des Films, dem es gelingt, fast das ganze Leben der Philosophin in diesem einen Lebensjahr zu verdichten.
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Im Jahr 2015 kam dann Vita Activa: The Spirit of Hannah Arendt von der Amerikanerin Ada Ushpitz ins Kino, ein gut anzusehender Dokumentarfilm, der umfassend Arendts Denken und Leben für Kino erzählt. Währenddessen konzentriert sich der ebenfalls fürs Kino entstandene, abgewogene und mit vielen Interview-Partnern bestückte Hannah Arendt – Denken ist gefährlich von Jeff Bieber stärker auf ihr politisches Denken und die Erfahrung von Diktatur, Flucht und Emigration. Die Schauspielerin Nina Hoss formt hier die filmische Stimme Arendts.
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Auf YouTube sind alle diese Filme zu sehen. Aber noch viel mehr: In Vorlesungen und Reden, in Interviews und Radioessays tritt Arendt auch heutigen Zuschauern unmittelbar entgegen. Am berühmtesten ist das lange legendäre Fernsehinterview, das Arendt 1964 in der bis heute zeitlosen Reihe »Zur Person« mit Günter Gaus geführt hat, und das weit über 1 Million Male aufgerufen
wurde.
All das bringt Arendt der Gegenwart nahe. Und es führt dazu, dass Arendt auch 50 Jahre nach ihrem Tod als absolut gegenwärtig erscheint. Im Gegensatz zu fast allen anderen Philosophinnen und Philosophen ist sie anschlussfähig an den Zeitgeist. Sie ist extrem beliebt bei der globalen Jugend, zitierfähig für Klimakämpfer, linke Bürgerrechtler, Antikommunisten, Demokratiekämpfer und Antisemitismusforscher.
Woran liegt das?
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Willi Winkler Journalist und bestimmt vielen Münchnern vertraute »Edelfeder« der »Süddeutschen Zeitung« und ihr allerneuester Biograph, versteht diese Aktualität selbst nicht ganz: »Was medial funktioniert, sind nur Kalendersprüche. Arendt wäre heute überhaupt nicht internetfähig«, sagte Winkler im Gespräch mit dem Autor, »weil sie zu kompliziert denkt. Also verständlich, aber abgewogen. Sie wendet den Gedanken immer hin und her und ist vermutlich die letzte Autorin mit Nebensätzen.«
Nur eine Modephilosophin ist Arendt keineswegs. Aber sicherlich hat ihr großer Gegenwartsruhm auch damit zu tun, dass Frauen in den letzten Jahrzehnten mehr Anerkennung gefunden haben. »Und anders als ihre Lehrer Martin Heidegger und Karl Jaspers kann man sie verstehen.« sagt Winkler, »Sie hat zwar auch oft diese entsetzlich langen, teutonischen Sätze. Aber man weiß, wovon sie redet. Bei Heidegger weiß man das nie.«
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Dieser mediale Erfolg ist nur möglich, weil er ein substantielles Fundament hat. Weil Hannah Arendt eben nicht nur modisch ist, nicht nur die berühmteste Denkerin des 20. Jahrhunderts, und neben Simone de Beauvoir und Susan Sontag die einflussreichste; sondern weil sie zentrale Erfahrungen in Gedanken fasst und uns tatsächlich etwas zu sagen hat.
Genau betrachtet ist Hannah Arendts Ruhm auch gar nicht so neu. Bereits zu ihrem 25. Todestag widmete ihr die Schweizer
Kulturzeitschrift »Du« eine ganze Ausgabe. Unter dem Titel »Mut zum Politischen!« ging es um Freiheit, die für Arendt die zentrale Erfahrung war. Darum verstand sie Politik situativ, das Handeln war immer der jeweils zu beurteilenden Situation abgerungen. Dem auf unbedingte Gewissheit kaprizierten Bedürfnis der Philosophie als Wissenschaft stellte sie die unhintergehbare Vorläufigkeit des Politischen gegenüber. Diese Vorläufigkeit stellt aber keinen beklagenswerten
Mangel dar, sondern eine Chance. In Arendts an der NS-Erfahrung geformtem Begriff des Totalitarismus war der Feind des Politischen die Bürokratie, die Maschinerie der Erlasse, Verordnungen, Richtlinien – des Formulars, das wir heute am Cellphone-Display noch als Dialogfenster kennen.
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Das Entscheidende für Arendt war ihr Schicksal als deutsche Jüdin, die frühe Erfahrung, Paria und ausgesetzt zu sein, und 1945 gerade so davongekommen zu sein. Sicherheit war Arendt dabei vergleichsweise kaum wichtig. Über Rahel Varnhagen, der sie eine faszinierende Monographie gewidmet hatte, schrieb sie, zweifellos auch in Bezug auf sich selbst: »Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, dass es sie treffen konnte, wie ein Wetter ohne Schirm.«
Aber nach 1945 stellte sie sich der Erfahrung; nahm sie das ernst, was sie als Verantwortung begriff, die ihrer Bildung und der Freiheit, in der sie leben konnte, entsprach. Begreifen und deutlich machen, wo die Ursachen der Katastrophe lagen, darum ging es nun. Das dreibändige Hauptwerk »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«, das 1951 in Amerika erschien, wurde zu einer der wichtigsten analytischen Arbeiten, die den existentiellen Bedrohungen des 20. Jahrhunderts auf den Grund gingen: Antisemitismus, Imperialismus und totale Herrschaft. Letztere hat Arendt im Gegensatz zu vielen nicht durch einen zu starken Staat, sondern im Gegenteil als Entstaatlichung und Herrschaft »des Mob« durch Propaganda und Lüge, Ideologie und Terror zu erklären versucht; durch die Strukturen von Macht und Gewalt in der Industriegesellschaft.
Später analysierte sie den Vietnamkrieg, den Rassenkonflikt in den USA und die Studentenrevolten der 60er Jahre. Bei allem, was sie Amerika verdankte, verließ sie nie die kritische Distanz, wie andererseits ihre kritische Einstellung zu Deutschland frei war von jedem Hass.
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Die sich schon damals abzeichnende heutige neue Welt, die nicht mehr die bürgerliche Arendts ist, hat sie früh gesehen, und vor den Exzessen der Massendemokratie ebenso gewarnt wie vor jenen der anonymen digitalen Verwaltung, die politische Macht an andere Mächten delegieren, die sie möglicherweise zu ungeahnter, totalitärer Perfektion treiben. Globale Netzwerke, die keine Besitzstände mehr veräußern, sondern Zugangsberechtigungen zu Informations-Ressourcen, die vollkommene Kontrolle der Einzelnen zum Besten aller, das Anpassen der Unangepassten, und die freiwillige Knechtschaft in der Kulturindustrie, die auf die Abschaffung der Kultur vorantreibt – all das hat sie früh gesehen und beschrieben. Insofern ist es schön und erschreckend zugleich, in Hannah Arendt, nicht zuletzt den Photographien von ihr und ihrer unvergleichlichen Stimme die Denkerin unserer Gegenwart zu erkennen.
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Zum Weiterlesen:
Willi Winkler: »Hannah Arendt. Ein Leben«; Rowohlt Verlag 2025; 512 S.; 32 Euro
Grit Straßenberger: »Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert.«; Beck Verlag, 478S.; 34 Euro
Seyla Benhabib: »Hannah Arendt – Die melancholische Denkerin der Moderne«; Suhrkamp Verlag; 379 S.; 23 Euro