04.12.2025

Hannah Arendt im Kino

Hannah Arendt
Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress 1958
(Foto: Barbara Niggl Radloff · CC BY-SA 4.0 via Wikimedia )

Die Denkerin der Gegenwart: Vor 50 Jahren starb Hannah Arendt. Doch die bedeutende Philosophin ist heute auch im Kino und im Reich der digitalen Bilder lebendiger denn je. Was erklärt diesen erstaunlichen Erfolg?

Von Rüdiger Suchsland

Ob Hannah Arendt auch auf TikTok auftaucht? Wahr­schein­lich. Und wenn nicht, dann sollte man sich schleu­nigst selbst an einem solchen TikTok-Kanal versuchen, bevor es ein anderer macht. Auf Instagram, Facebook und X und überhaupt im ganzen globalen Social-Media-Netz ist die deutsch-ameri­ka­ni­sche, jüdische Philo­so­phin, die heute vor 50 Jahren in New York an einem Herz­in­farkt gestorben ist, überaus lebendig und präsenter, als fast alle lebenden Kolle­ginnen. Da poppen berühmte Sätze von ihr auf wie Kalen­der­sprüche: »Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen« oder »Der größte Feind des Auto­ri­tären ist Verach­tung und die beste Waffe dagegen ist das Lachen«; Schlag­worte wie »Denken ohne Geländer«, »Denken ist gefähr­lich« oder »Die Banalität des Bösen« haben sich im Netz längst verselb­stän­digt oder sind zu kleinen Labels mutiert, die durch den Cyber­space flackern. Eine einfache Such­ma­schinen-Anfrage ergibt auch anderes: Etwa mehr als ein Dutzend verschie­dener »Hannah-Arendt-T-Shirts« mit stili­sierten Arendt-Bildern und/oder Zitaten, »organic« oder mit Kunst­fa­sern – je nach Wunsch. Es finden sich schnell auch Kaffee­tassen in jeder Lieb­lings­farbe mit ähnlichen Motiven, und allen Ernstes sogar eine Hannah-Arendt-Duftkerze, die mit einem gewagten »smells like Hannah Arendt« beworben wird. Gewagt auch deshalb, weil die Ketten­rau­cherin Arendt vermut­lich im realen Leben vor allem nach ihrem Lieb­lings­tabak geduftet hat.

Etwas seriöser wirkt dann schon der Hannar-Arendt-Comic, der mit gewissem Geschick versucht, Arendts kompli­zierte, und keines­wegs immer erbau­liche Thesen einem jungen Publikum näher zu bringen.

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Vor allem aber gibt es natürlich das Kino. Und es gibt YouTube. Im Kino waren allein in den letzten zwölf Jahren drei neue Filme über Hannah Arendt zu sehen. Der bekann­teste ist der deutsch-luxem­bur­gisch co-produ­zierte Spielfilm Hannah Arendt von der deutschen Regis­seurin Marga­rethe von Trotta, die schon mehrere prägende Frau­en­ge­stalten porträ­tierte: Rosa Luxemburg, der Arendt ihr Buch über den Ungarn-Aufstand widmete, und die sie in »Über die Revo­lu­tion« zur Verkör­pe­rung des Ideals direkter Demo­kratie stili­siert, Ingeborg Bachmann und Gudrun Ensslin, die als Bürger­recht­lerin im Geiste Arendts begann, bevor sie sich zur RAF-Terro­ristin radi­ka­li­sierte.
In Trottas facet­ten­rei­chem Film wurde Arendt von Barbara Sukowa gespielt, eine Besetzung, die nicht allen gefiel, weil Sukowa bei all ihrem Können eine ungleich kühlere, strengere und aske­ti­schere Ausstrah­lung hat, als die warm­her­zige, leiden­schaft­liche Arendt.
Der Film als solcher aber hatte großen Erfolg. Denn Trotta versucht, keine umfas­sende 08/15-Biogra­phie »von der Wiege bis zur Bahre« zu erzählen, sondern konzen­triert sich auf einen entschei­denden Moment: Das Jahr 1962/63, in dem Arendt als bekannte öffent­liche Intel­lek­tu­elle nach Jerusalem reiste, um dort den Prozess gegen Adolf Eichmann, den ehema­ligen Orga­ni­sator des indus­tri­ellen Massen­mords durch Nazi-Deutsch­land als Repor­terin im Auftrag des »New Yorker« zu verfolgen. Daraus entstand Arendts Buch »Eichmann in Jerusalem«, und im Folgenden eine heftige Kontro­verse um dessen provo­ka­tive Thesen, die das Bild Arendts im letzten Jahrzehnt ihres Lebens prägte. Dieser Streit, der Bruch mit vielen Freunden und Wegge­fährten, sowie Arendts Beweg­gründe sind das Thema des Films, dem es gelingt, fast das ganze Leben der Philo­so­phin in diesem einen Lebens­jahr zu verdichten.

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Im Jahr 2015 kam dann Vita Activa: The Spirit of Hannah Arendt von der Ameri­ka­nerin Ada Ushpitz ins Kino, ein gut anzu­se­hender Doku­men­tar­film, der umfassend Arendts Denken und Leben für Kino erzählt. Während­dessen konzen­triert sich der ebenfalls fürs Kino entstan­dene, abge­wo­gene und mit vielen Interview-Partnern bestückte Hannah Arendt – Denken ist gefähr­lich von Jeff Bieber stärker auf ihr poli­ti­sches Denken und die Erfahrung von Diktatur, Flucht und Emigra­tion. Die Schau­spie­lerin Nina Hoss formt hier die filmische Stimme Arendts.

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Auf YouTube sind alle diese Filme zu sehen. Aber noch viel mehr: In Vorle­sungen und Reden, in Inter­views und Radio­es­says tritt Arendt auch heutigen Zuschauern unmit­telbar entgegen. Am berühm­testen ist das lange legendäre Fern­seh­in­ter­view, das Arendt 1964 in der bis heute zeitlosen Reihe »Zur Person« mit Günter Gaus geführt hat, und das weit über 1 Million Male aufge­rufen wurde.
All das bringt Arendt der Gegenwart nahe. Und es führt dazu, dass Arendt auch 50 Jahre nach ihrem Tod als absolut gegen­wärtig erscheint. Im Gegensatz zu fast allen anderen Philo­so­phinnen und Philo­so­phen ist sie anschluss­fähig an den Zeitgeist. Sie ist extrem beliebt bei der globalen Jugend, zitier­fähig für Klimakämpfer, linke Bürger­rechtler, Anti­kom­mu­nisten, Demo­kra­tiekämpfer und Anti­se­mi­tis­mus­for­scher.

Woran liegt das?

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Willi Winkler Jour­na­list und bestimmt vielen Münchnern vertraute »Edelfeder« der »Süddeut­schen Zeitung« und ihr aller­neu­ester Biograph, versteht diese Aktua­lität selbst nicht ganz: »Was medial funk­tio­niert, sind nur Kalen­der­sprüche. Arendt wäre heute überhaupt nicht inter­net­fähig«, sagte Winkler im Gespräch mit dem Autor, »weil sie zu kompli­ziert denkt. Also vers­tänd­lich, aber abgewogen. Sie wendet den Gedanken immer hin und her und ist vermut­lich die letzte Autorin mit Neben­sätzen.«

Nur eine Mode­phi­lo­so­phin ist Arendt keines­wegs. Aber sicher­lich hat ihr großer Gegen­warts­ruhm auch damit zu tun, dass Frauen in den letzten Jahr­zehnten mehr Aner­ken­nung gefunden haben. »Und anders als ihre Lehrer Martin Heidegger und Karl Jaspers kann man sie verstehen.« sagt Winkler, »Sie hat zwar auch oft diese entsetz­lich langen, teuto­ni­schen Sätze. Aber man weiß, wovon sie redet. Bei Heidegger weiß man das nie.«

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Dieser mediale Erfolg ist nur möglich, weil er ein substan­ti­elles Fundament hat. Weil Hannah Arendt eben nicht nur modisch ist, nicht nur die berühm­teste Denkerin des 20. Jahr­hun­derts, und neben Simone de Beauvoir und Susan Sontag die einfluss­reichste; sondern weil sie zentrale Erfah­rungen in Gedanken fasst und uns tatsäch­lich etwas zu sagen hat.
Genau betrachtet ist Hannah Arendts Ruhm auch gar nicht so neu. Bereits zu ihrem 25. Todestag widmete ihr die Schweizer Kultur­zeit­schrift »Du« eine ganze Ausgabe. Unter dem Titel »Mut zum Poli­ti­schen!« ging es um Freiheit, die für Arendt die zentrale Erfahrung war. Darum verstand sie Politik situativ, das Handeln war immer der jeweils zu beur­tei­lenden Situation abge­rungen. Dem auf unbe­dingte Gewiss­heit kapri­zierten Bedürfnis der Philo­so­phie als Wissen­schaft stellte sie die unhin­ter­geh­bare Vorläu­fig­keit des Poli­ti­schen gegenüber. Diese Vorläu­fig­keit stellt aber keinen bekla­gens­werten Mangel dar, sondern eine Chance. In Arendts an der NS-Erfahrung geformtem Begriff des Tota­li­ta­rismus war der Feind des Poli­ti­schen die Büro­kratie, die Maschi­nerie der Erlasse, Verord­nungen, Richt­li­nien – des Formulars, das wir heute am Cellphone-Display noch als Dialog­fenster kennen.

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Das Entschei­dende für Arendt war ihr Schicksal als deutsche Jüdin, die frühe Erfahrung, Paria und ausge­setzt zu sein, und 1945 gerade so davon­ge­kommen zu sein. Sicher­heit war Arendt dabei vergleichs­weise kaum wichtig. Über Rahel Varnhagen, der sie eine faszi­nie­rende Mono­gra­phie gewidmet hatte, schrieb sie, zwei­fellos auch in Bezug auf sich selbst: »Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu expo­nieren, dass es sie treffen konnte, wie ein Wetter ohne Schirm.«

Aber nach 1945 stellte sie sich der Erfahrung; nahm sie das ernst, was sie als Verant­wor­tung begriff, die ihrer Bildung und der Freiheit, in der sie leben konnte, entsprach. Begreifen und deutlich machen, wo die Ursachen der Kata­strophe lagen, darum ging es nun. Das drei­bän­dige Hauptwerk »Elemente und Ursprünge totaler Herr­schaft«, das 1951 in Amerika erschien, wurde zu einer der wich­tigsten analy­ti­schen Arbeiten, die den exis­ten­ti­ellen Bedro­hungen des 20. Jahr­hun­derts auf den Grund gingen: Anti­se­mi­tismus, Impe­ria­lismus und totale Herr­schaft. Letztere hat Arendt im Gegensatz zu vielen nicht durch einen zu starken Staat, sondern im Gegenteil als Entstaat­li­chung und Herr­schaft »des Mob« durch Propa­ganda und Lüge, Ideologie und Terror zu erklären versucht; durch die Struk­turen von Macht und Gewalt in der Indus­trie­ge­sell­schaft.

Später analy­sierte sie den Viet­nam­krieg, den Rassen­kon­flikt in den USA und die Studen­ten­re­volten der 60er Jahre. Bei allem, was sie Amerika verdankte, verließ sie nie die kritische Distanz, wie ande­rer­seits ihre kritische Einstel­lung zu Deutsch­land frei war von jedem Hass.

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Die sich schon damals abzeich­nende heutige neue Welt, die nicht mehr die bürger­liche Arendts ist, hat sie früh gesehen, und vor den Exzessen der Massen­de­mo­kratie ebenso gewarnt wie vor jenen der anonymen digitalen Verwal­tung, die poli­ti­sche Macht an andere Mächten dele­gieren, die sie mögli­cher­weise zu unge­ahnter, tota­li­tärer Perfek­tion treiben. Globale Netzwerke, die keine Besitz­stände mehr veräußern, sondern Zugangs­be­rech­ti­gungen zu Infor­ma­tions-Ressourcen, die voll­kom­mene Kontrolle der Einzelnen zum Besten aller, das Anpassen der Unan­ge­passten, und die frei­wil­lige Knecht­schaft in der Kultur­in­dus­trie, die auf die Abschaf­fung der Kultur voran­treibt – all das hat sie früh gesehen und beschrieben. Insofern ist es schön und erschre­ckend zugleich, in Hannah Arendt, nicht zuletzt den Photo­gra­phien von ihr und ihrer unver­gleich­li­chen Stimme die Denkerin unserer Gegenwart zu erkennen.

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Zum Weiter­lesen:
Willi Winkler: »Hannah Arendt. Ein Leben«; Rowohlt Verlag 2025; 512 S.; 32 Euro

Grit Straßen­berger: »Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahr­hun­dert.«; Beck Verlag, 478S.; 34 Euro

Seyla Benhabib: »Hannah Arendt – Die melan­cho­li­sche Denkerin der Moderne«; Suhrkamp Verlag; 379 S.; 23 Euro