11.06.2026

Kino der Ungewissheit

Peeping Tom
Bis zu den Abgründen und Perversionen einer Nation: Peeping Tom...
(Foto: Arsenal Filminstitut)

Haltung bewahren: David Lean in der aktuellen Retrospektive des Berliner Arsenal und in einem Dokumentarfilm bei den Filmfestspielen in Cannes – die Filme des facettenreichen britischen Nachkriegskinos, eines Kinos zwischen Tradition, Trauma und Neuanfang

Von Rüdiger Suchsland

»How can you smile with the stiff underlip?« – Motto aus einem Alec-Guinness-Film

Wenn heute vom briti­schen Kino die Rede ist, denken viele nur noch an Shake­speare-Verfil­mungen, Kostüm­dramen oder an James Bond.
Doch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das Kino auf der Insel weit mehr als bloße Unter­hal­tung – es war ein Seis­mo­graph für die Erschüt­te­rungen einer Gesell­schaft im Wandel.
Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte Groß­bri­tan­nien nicht nur politisch, sondern auch kulturell nach neuer Orien­tie­rung. Zwischen Kriegs­folgen, begin­nendem Empire-Verlust und sozialen Reformen entstanden Filme, die von Ambi­va­lenz, Pessi­mismus, aber auch Neugier auf das Kommende geprägt waren. Und seine Regis­seure wie David Lean oder Carol Reed waren in der ganzen Welt berühmt.

Eine Retro­spek­tive in Berlin (zuvor in Locarno) beleuchtet nun das britische Nach­kriegs­kino – von Sozi­al­drama bis Film Noir. Atmo­sphärisch dicht und über­ra­schend modern: ein Kino im Span­nungs­feld zwischen Tradition und Umbruch. Sie zeigt Klassiker aber auch weniger bekannte Perlen des briti­schen Nach­kriegs­films.

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Eine der Entde­ckungen bei den wenige Wochen zurück­lie­genden Film­fest­spielen von Cannes war der Doku­men­tar­film Maverick – The Epic Adven­tures of David Lean, ein Fest für Kinofans, der einem diesen etwas altmo­disch und »outdated« wirkenden Regie-Charakter plötzlich sehr nahe brachte.

Ich ging in diesen Film in der Erwartung, eine sehr klas­si­sche Doku­men­ta­tion über einen sehr klas­si­schen Regisseur zu sehen. Lean ist in vielem der Inbegriff eines gedämpft opulenten, melo­dra­ma­ti­schen, ein bisschen zu makel­losen, eng an Hollywood ange­lehnten Main­stream-Kinos. Und diese Wahr­neh­mung ist unbedingt zutref­fend: Leans Ästhetik als Regisseur war elegant, orga­ni­siert und von briti­scher Perfek­tion geprägt.

Aber da ist noch viel mehr: Ja, er war ein Klas­si­zist. Die New Yorker Kritik-Ikone Pauline Kael beklagte einmal treffend, dass selbst dann, wenn Lean den Helden eines Films mit Blut bis zum Ellbogen zeigen würde, alles mit makel­losem gutem Geschmack ins Bild gesetzt wäre. Doch Maverick, erzählt von Cate Blanchett (die zu den Produ­zenten gehört) und mit einer gelun­genen Mischung aus Leiden­schaft und Intel­li­genz von Barnaby Thompson insze­niert, zeigt, dass Lean zugleich ein radikaler Filme­ma­cher war – viel­leicht neben Hitchcock der wich­tigste Erfinder des modernen Holly­wood­kinos. Seine Bilder waren meis­ter­lich kompo­niert, und schon lange vor Lawrence von Arabien von über­wäl­ti­gender – und immer abgrün­diger – Schönheit. Doch lebendig wurden diese Bilder durch den Geist, der ihnen zugrunde lag: Einen roman­ti­schen und unge­stümen, undis­zi­pli­nierten, rebel­li­schen und immer mit sich hadernden Charakter. Denn genau das war David Lean.

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Man kann das in den Filmen dieser Retro­spek­tive entdecken. Etwa Brief Encounter. Lange Zeit galt dieser Film mit seinen schüch­tern spre­chenden Haupt­fi­guren, der Musik Rach­ma­ni­nows und seiner Welt der unter­drückten Gefühle als typisch briti­sches Melodram der Mittel­schicht – eine der bewe­gendsten Liebes­ge­schichten überhaupt. Und trotzdem ein bisschen bieder und lang­weilig. Betrachtet man den Film heute, kann man jedoch wahr­nehmen, dass da noch weit mehr ist: ein Drama von raffi­niertem Natu­ra­lismus. Schon deshalb, weil er von einer außer­ehe­li­chen Beziehung erzählt und es wagt, diese zugleich als erhaben und herz­zer­reißend zerbrech­lich darzu­stellen. Im Jahr 1945 war ein solcher Stoff keines­wegs gesell­schaft­lich akzep­tiert. Gerade die verbotene Ekstase verleiht Brief Encounter seine Kraft.

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Von Anfang an war er ein Außen­sei­ter­künstler. 1908 geboren, wuchs er in den Vororten Londons mit einem Vater auf, der ein funda­men­ta­lis­ti­scher Quäker war, und ihn abgrund­tief ablehnte. Bis zu seinem Tod sah der Vater keinen einzigen Film seines Sohnes. Diese Zurück­wei­sung hinter­ließ Spuren. Der junge David tat sich schwer, war kein guter Schüler, passte nirgends hinein, wirkte unbe­holfen und entfremdet. Doch dann bekam er eine Foto­ka­mera. Als er begann zu foto­gra­fieren, wurde dieser Vorgang zu seiner Identität. Er war ein innerlich zerris­sener Mensch, der die Welt in den Bildern ordnete, in denen er lebte.
Früh kam er zum Film. Er wurde Cutter und erwies sich darin als außer­ge­wöhn­lich begabt. Er arbeitete an vielen Filmen von Powell und Press­burger und entwi­ckelte sich schließ­lich zum gefrag­testen Cutter Groß­bri­tan­niens. Doch er wollte mehr. Den entschei­denden Schritt machte er, nachdem Noel Coward – der geist­reiche Dandy und viel­sei­tige Künstler mit Oscar-Wilde-Esprit – ihn als Co-Regisseur für »In Which We Serve« enga­gierte. Das war bereits ein bemer­kens­werter Film. Doch Leans zweite Zusam­men­ar­beit mit Coward, Brief Encounter (1945), war dann revo­lu­ti­onär.

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Odd Man Out ist auch einer der wich­tigsten Filme des briti­schen Kinos der Nach­kriegs­zeit. Er stammt von Carol Reed, geboren 1906, der in Deutsch­land vor allem für »Der Dritte Mann« berühmt ist.

Tatsäch­lich drehte Reed aber neben solchen Thrillern auch einfühl­same und prägnante Sozi­al­dramen und reprä­sen­tiert damit beide Seiten der Retro­spek­tive Great Expec­ta­tions – Briti­sches Nach­kriegs­kino 1945–1960, die zur Zeit im Arsenal Kino in Berlin läuft und im vergan­genen Jahr in Locarno erstmals präsen­tiert wurde.

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Auch für Groß­bri­tan­nien gab es nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs eine Zeit des Wieder­auf­baus und der großen gesell­schaft­li­chen Reformen. Nach 1945 und dem begin­nenden Zerfall des briti­schen Empire begab sich das Land auf den schwie­rigen Weg einer natio­nalen Erneue­rung.

Die umfas­sende Retro­spek­tive, orga­ni­siert von der Ciné­ma­thèque Suisse in Part­ner­schaft mit dem Britisch Film Institute (BFI) zeigt die kultu­rellen Reak­tionen auf jene Umbrüche, und stellt dar, wie das britische Kino dieser Zeit versuchte, die Umbrüche dieser bewegten neuen Ära zu verar­beiten.

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Der Titel ist bereits ein Verweis auf David Lean, der vor allem in den 50er Jahren mehrfach Romane von Charles Dickens verfilmte.

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Das Programm umfasst beliebte Klassiker bekannter Regis­seure wie Lean, dem großen Carol Reed, der außer dem bekannten Der dritte Mann und den Archers dem legen­dären Regiepaar Powell & Press­burger (denen bereits 1982 in Locarno und 2023 vom BFI eine große Retro­spek­tive gewidmet war), bis hin zu wenig bekannten Genre­perlen wie dem briti­schen Film Noir.

Der britische Beitrag zum Film Noir ist dem oft unter­schätzt worden. Während der ameri­ka­ni­sche Noir vielfach mit Groß­stadt­kri­mi­na­lität, mora­li­schem Verfall und stili­sierter Gewalt verbunden ist, entwi­ckelte der britische Noir eine eigen­s­tän­dige Form von Pessi­mismus und stilis­ti­scher Dunkel­heit – geprägt von Kriegs­folgen, ökono­mi­scher Unsi­cher­heit und psycho­lo­gi­scher Zerrüt­tung.

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Filme wie They Made Me a Fugitive, Brighton Rock, The October Man oder The Small Back Room und belegen, wie sich Themen wie Schuld, Verrat, soziale Isolation und Über­wa­chung durch die Filme ziehen. Besonders auffällig sei, dass viele Figuren ehemalige Soldaten oder Außen­seiter sind, die in einer desori­en­tierten, mit sich selbst beschäf­tigten Nach­kriegs­ge­sell­schaft keinen Platz finden.
Frau­en­fi­guren sind im briti­schen Noir oft diffe­ren­zierter gezeichnet, als im ameri­ka­ni­schen Pendant – weniger Femme Fatale, mehr tragische Komplizin oder Spiegel des männ­li­chen Versagens. Der britische Noir ist kein bloßer Nachahmer des US-Modells, sondern ein Ausdruck tief­sit­zender kultu­reller Erschüt­te­rungen – melan­cho­lisch, atmo­sphärisch und von eindring­li­cher Resonanz.

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Man ertappt sich auch bei Beob­ach­tungen von Klischees: Etwa diese ständig gutge­launten, noch im Sterben humor­vollen Briten, die immer Sport zu treiben scheinen.

Dann dieser bestimmte Typ Frau. Nicht ganz inter­es­sant, nicht ganz spek­ta­kulär, aber ein bisschen, mit sehr weißer Haut, sehr hellen Haare, blond, viel­leicht (wir sehen Schwarz­weiß­bilder) rotblond. Sie erinnern mich an weniger spek­ta­kuläre Kopien von John Fontaine. Man denkt, sie müsste doch diese Frauen spielen. Sie haben etwas sehr Kühles, sehr Beherrschtes, Kontrol­liertes. Auch ihre Figur, auch ihre Kleidung ist oft eine Spur zu perfekt.
Sie sind ein ganz anderer Typ als die ameri­ka­ni­schen Filmstars dieser Zeit – bürger­li­cher, wenn nicht sogar aris­to­kra­ti­scher, jeden­falls höher­klas­siger, weniger Pin-up, weniger »Sexbombe«, weniger vulgär.

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Es gibt aber auch Filme wie Daughter of Darkness (1948) von Lance Comfort: Über eine Frau, die Normen in Frage stellt, aber es ist natürlich schon einiges mehr als nur das. Diese Frau ist tatsäch­lich eine Bestie und eine gefähr­liche, mindes­tens wahn­sinnig gewordene, weil tief trau­ma­ti­sierte Figur. Der Kurator in Locarno sagte über sie, sie sei »der ulti­ma­tive Outsider«: aus der Arbei­ter­klasse und kelti­scher Herkunft und mit einer unklaren Sexua­lität.

Das ist alles richtig, aber es genügt nicht, um diese Persön­lich­keit zu erklären. Eher muss man sie und ihr Handeln damit erklären, dass sie tief verwundet wurde, trau­ma­ti­siert wurde, verge­wal­tigt wurde.
Dieser Film ist nur einen Schritt weg vom Phan­tas­ti­schen. Die Kamera schwingt einmal auf einem Pendel...

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Man kann das britische Nach­kriegs­kino tatsäch­lich auch beschreiben: von Powelll zu Powelll, also von dem Film I Know Where I’m Going!, als viel­leicht auch Groß­bri­tan­nien glaubte, zu wissen, wohin es geht, bis zu Peeping Tom, bis zu den Abgründen und Perver­sionen einer Nation, die ihre Traumata nicht richtig abschüt­teln konnte, die nur produktiv mit ihnen spielt, die auch danach nie wirklich mit sich im Reinen war und die immer wieder neue Krisen erlebt und die – aber das sagt man als Deutscher wirklich nicht gerne und nicht leicht – der wahre Verlierer des Zweiten Welt­kriegs gewesen ist.

Das britische Kino dieser Nach­kriegs­zeit ist das Kino von Verlie­rern; es ist das Kino von Erschüt­terten, von kaputten gestörten Seelen, von gepei­nigten Charak­teren. Die Menschen hier bewahren Haltung, sie zeigen Mut, gele­gent­lich auch Eigensinn, aber sie wissen überhaupt nicht, wo sie hingehen sollen und vieles was sie machen, auch in diesen Fällen, das machen sie zu spät.

Die Filme dieser Retro­spek­tive sind keines­wegs alle gut und die wenigsten von ihnen sind Meis­ter­werke – ganz im Gegensatz zu anderen Retro­spek­tiven. Aber die Retro­spek­tive selbst ist hervor­ra­gend, weil sie genau das zeigt, weil sie keine Erfolgs­ge­schichte zeigt, sondern ein miss­glückten Neuanfang, ein Neuanfang, der nicht wie in Deutsch­land mit einem Wirt­schafts­wunder und einem großen Aufbruch endet.

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Die Schau feiert die briti­schen Studio­filme der Jahre 1945 bis 1960 – bevor eine »Neue Welle« aus Frank­reich und Italien die britische Film­land­schaft erreichte. Besondere Beachtung finden auch die Beiträge von Regie-Frauen in dieser Periode – etwa Wendy Toye, Margaret Tait und Jill Craigie – sowie die besondere Rolle emigrierter Hollywood-Filme­ma­cher, die aufgrund der anti­kom­mu­nis­ti­schen Hexenjagd nach England flohen, darunter Joseph Losey und Edward Dmytryk.

Britische Filme haben in dieser Zeit nicht nur unter­halten, sondern auch zum kollek­tiven Selbst­ver­s­tändnis der Nation beigetragen – durch den Umgang mit Klas­sen­fragen, urbanen Umbrüchen, Migration, Geschlech­ter­rollen und ideo­lo­gi­schen Span­nungen des Kalten Kriegs. Obwohl sich das britische Nach­kriegs­kino visuell und stilis­tisch eher konser­vativ an den klas­si­schen Studio­formen orien­tierte, fanden in den Filmen tief­ge­hende sozio­kul­tu­relle Refle­xionen statt. Die Filme waren Spiegel einer Nation, die zwischen kolo­nialem Erbe und moderner Gesell­schaft lavierte.

Genres wie der Film Noir, das Melodram und die Sozi­al­komödie wurden zu Bühnen dieser Such­be­we­gung. Alltags­rea­lität und Klas­sen­be­wusst­sein waren wichtig, die Haltung zu ameri­ka­ni­schen Einflüssen ambi­va­lent. Das britische Kino dieser Zeit war als plura­lis­tisch und wider­sprüch­lich.

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