Kino der Ungewissheit |
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| Bis zu den Abgründen und Perversionen einer Nation: Peeping Tom... | ||
| (Foto: Arsenal Filminstitut) | ||
»How can you smile with the stiff underlip?« – Motto aus einem Alec-Guinness-Film
Wenn heute vom britischen Kino die Rede ist, denken viele nur noch an Shakespeare-Verfilmungen, Kostümdramen oder an James Bond.
Doch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war das Kino auf der Insel weit mehr als bloße Unterhaltung – es war ein Seismograph für die Erschütterungen einer Gesellschaft im Wandel.
Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte Großbritannien nicht nur politisch, sondern auch kulturell nach neuer Orientierung. Zwischen Kriegsfolgen, beginnendem
Empire-Verlust und sozialen Reformen entstanden Filme, die von Ambivalenz, Pessimismus, aber auch Neugier auf das Kommende geprägt waren. Und seine Regisseure wie David Lean oder Carol Reed waren in der ganzen Welt berühmt.
Eine Retrospektive in Berlin (zuvor in Locarno) beleuchtet nun das britische Nachkriegskino – von Sozialdrama bis Film Noir. Atmosphärisch dicht und überraschend modern: ein Kino im Spannungsfeld zwischen Tradition und Umbruch. Sie zeigt Klassiker aber auch weniger bekannte Perlen des britischen Nachkriegsfilms.
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Eine der Entdeckungen bei den wenige Wochen zurückliegenden Filmfestspielen von Cannes war der Dokumentarfilm Maverick – The Epic Adventures of David Lean, ein Fest für Kinofans, der einem diesen etwas altmodisch und »outdated« wirkenden Regie-Charakter plötzlich sehr nahe brachte.
Ich ging in diesen Film in der Erwartung, eine sehr klassische Dokumentation über einen sehr klassischen Regisseur zu sehen. Lean ist in vielem der Inbegriff eines gedämpft opulenten, melodramatischen, ein bisschen zu makellosen, eng an Hollywood angelehnten Mainstream-Kinos. Und diese Wahrnehmung ist unbedingt zutreffend: Leans Ästhetik als Regisseur war elegant, organisiert und von britischer Perfektion geprägt.
Aber da ist noch viel mehr: Ja, er war ein Klassizist. Die New Yorker Kritik-Ikone Pauline Kael beklagte einmal treffend, dass selbst dann, wenn Lean den Helden eines Films mit Blut bis zum Ellbogen zeigen würde, alles mit makellosem gutem Geschmack ins Bild gesetzt wäre. Doch Maverick, erzählt von Cate Blanchett (die zu den Produzenten gehört) und mit einer gelungenen Mischung aus Leidenschaft und Intelligenz von Barnaby Thompson inszeniert, zeigt, dass Lean zugleich ein radikaler Filmemacher war – vielleicht neben Hitchcock der wichtigste Erfinder des modernen Hollywoodkinos. Seine Bilder waren meisterlich komponiert, und schon lange vor Lawrence von Arabien von überwältigender – und immer abgründiger – Schönheit. Doch lebendig wurden diese Bilder durch den Geist, der ihnen zugrunde lag: Einen romantischen und ungestümen, undisziplinierten, rebellischen und immer mit sich hadernden Charakter. Denn genau das war David Lean.
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Man kann das in den Filmen dieser Retrospektive entdecken. Etwa Brief Encounter. Lange Zeit galt dieser Film mit seinen schüchtern sprechenden Hauptfiguren, der Musik Rachmaninows und seiner Welt der unterdrückten Gefühle als typisch britisches Melodram der Mittelschicht – eine der bewegendsten Liebesgeschichten überhaupt. Und trotzdem ein bisschen bieder und langweilig. Betrachtet man den Film heute, kann man jedoch wahrnehmen, dass da noch weit mehr ist: ein Drama von raffiniertem Naturalismus. Schon deshalb, weil er von einer außerehelichen Beziehung erzählt und es wagt, diese zugleich als erhaben und herzzerreißend zerbrechlich darzustellen. Im Jahr 1945 war ein solcher Stoff keineswegs gesellschaftlich akzeptiert. Gerade die verbotene Ekstase verleiht Brief Encounter seine Kraft.
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Von Anfang an war er ein Außenseiterkünstler. 1908 geboren, wuchs er in den Vororten Londons mit einem Vater auf, der ein fundamentalistischer Quäker war, und ihn abgrundtief ablehnte. Bis zu seinem Tod sah der Vater keinen einzigen Film seines Sohnes. Diese Zurückweisung hinterließ Spuren. Der junge David tat sich schwer, war kein guter Schüler, passte nirgends hinein, wirkte unbeholfen und entfremdet. Doch dann bekam er eine Fotokamera. Als er begann zu fotografieren,
wurde dieser Vorgang zu seiner Identität. Er war ein innerlich zerrissener Mensch, der die Welt in den Bildern ordnete, in denen er lebte.
Früh kam er zum Film. Er wurde Cutter und erwies sich darin als außergewöhnlich begabt. Er arbeitete an vielen Filmen von Powell und Pressburger und entwickelte sich schließlich zum gefragtesten Cutter Großbritanniens. Doch er wollte mehr. Den entscheidenden Schritt machte er, nachdem Noel Coward – der geistreiche Dandy und
vielseitige Künstler mit Oscar-Wilde-Esprit – ihn als Co-Regisseur für »In Which We Serve« engagierte. Das war bereits ein bemerkenswerter Film. Doch Leans zweite Zusammenarbeit mit Coward, Brief Encounter (1945), war dann revolutionär.
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Odd Man Out ist auch einer der wichtigsten Filme des britischen Kinos der Nachkriegszeit. Er stammt von Carol Reed, geboren 1906, der in Deutschland vor allem für »Der Dritte Mann« berühmt ist.
Tatsächlich drehte Reed aber neben solchen Thrillern auch einfühlsame und prägnante Sozialdramen und repräsentiert damit beide Seiten der Retrospektive Great Expectations – Britisches Nachkriegskino 1945–1960, die zur Zeit im Arsenal Kino in Berlin läuft und im vergangenen Jahr in Locarno erstmals präsentiert wurde.
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Auch für Großbritannien gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zeit des Wiederaufbaus und der großen gesellschaftlichen Reformen. Nach 1945 und dem beginnenden Zerfall des britischen Empire begab sich das Land auf den schwierigen Weg einer nationalen Erneuerung.
Die umfassende Retrospektive, organisiert von der Cinémathèque Suisse in Partnerschaft mit dem Britisch Film Institute (BFI) zeigt die kulturellen Reaktionen auf jene Umbrüche, und stellt dar, wie das britische Kino dieser Zeit versuchte, die Umbrüche dieser bewegten neuen Ära zu verarbeiten.
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Der Titel ist bereits ein Verweis auf David Lean, der vor allem in den 50er Jahren mehrfach Romane von Charles Dickens verfilmte.
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Das Programm umfasst beliebte Klassiker bekannter Regisseure wie Lean, dem großen Carol Reed, der außer dem bekannten Der dritte Mann und den Archers dem legendären Regiepaar Powell & Pressburger (denen bereits 1982 in Locarno und 2023 vom BFI eine große Retrospektive gewidmet war), bis hin zu wenig bekannten Genreperlen wie dem britischen Film Noir.
Der britische Beitrag zum Film Noir ist dem oft unterschätzt worden. Während der amerikanische Noir vielfach mit Großstadtkriminalität, moralischem Verfall und stilisierter Gewalt verbunden ist, entwickelte der britische Noir eine eigenständige Form von Pessimismus und stilistischer Dunkelheit – geprägt von Kriegsfolgen, ökonomischer Unsicherheit und psychologischer Zerrüttung.
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Filme wie They Made Me a Fugitive, Brighton Rock, The October Man oder The Small Back Room und belegen, wie sich Themen wie Schuld, Verrat, soziale Isolation und Überwachung durch die Filme ziehen. Besonders auffällig sei, dass viele Figuren ehemalige Soldaten oder Außenseiter sind, die
in einer desorientierten, mit sich selbst beschäftigten Nachkriegsgesellschaft keinen Platz finden.
Frauenfiguren sind im britischen Noir oft differenzierter gezeichnet, als im amerikanischen Pendant – weniger Femme Fatale, mehr tragische Komplizin oder Spiegel des männlichen Versagens. Der britische Noir ist kein bloßer Nachahmer des US-Modells, sondern ein Ausdruck tiefsitzender kultureller Erschütterungen – melancholisch, atmosphärisch und von
eindringlicher Resonanz.
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Man ertappt sich auch bei Beobachtungen von Klischees: Etwa diese ständig gutgelaunten, noch im Sterben humorvollen Briten, die immer Sport zu treiben scheinen.
Dann dieser bestimmte Typ Frau. Nicht ganz interessant, nicht ganz spektakulär, aber ein bisschen, mit sehr weißer Haut, sehr hellen Haare, blond, vielleicht (wir sehen Schwarzweißbilder) rotblond. Sie erinnern mich an weniger spektakuläre Kopien von John Fontaine. Man denkt, sie müsste doch diese Frauen spielen. Sie haben etwas sehr Kühles, sehr Beherrschtes, Kontrolliertes. Auch ihre Figur, auch ihre Kleidung ist oft eine Spur zu perfekt.
Sie sind ein ganz anderer Typ als die
amerikanischen Filmstars dieser Zeit – bürgerlicher, wenn nicht sogar aristokratischer, jedenfalls höherklassiger, weniger Pin-up, weniger »Sexbombe«, weniger vulgär.
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Es gibt aber auch Filme wie Daughter of Darkness (1948) von Lance Comfort: Über eine Frau, die Normen in Frage stellt, aber es ist natürlich schon einiges mehr als nur das. Diese Frau ist tatsächlich eine Bestie und eine gefährliche, mindestens wahnsinnig gewordene, weil tief traumatisierte Figur. Der Kurator in Locarno sagte über sie, sie sei »der ultimative Outsider«: aus der Arbeiterklasse und keltischer Herkunft und mit einer unklaren Sexualität.
Das ist alles richtig, aber es genügt nicht, um diese Persönlichkeit zu erklären. Eher muss man sie und ihr Handeln damit erklären, dass sie tief verwundet wurde, traumatisiert wurde, vergewaltigt wurde.
Dieser Film ist nur einen Schritt weg vom Phantastischen. Die Kamera schwingt einmal auf einem Pendel...
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Man kann das britische Nachkriegskino tatsächlich auch beschreiben: von Powelll zu Powelll, also von dem Film I Know Where I’m Going!, als vielleicht auch Großbritannien glaubte, zu wissen, wohin es geht, bis zu Peeping Tom, bis zu den Abgründen und Perversionen einer Nation, die ihre Traumata nicht richtig abschütteln konnte, die nur produktiv mit ihnen spielt, die auch danach nie wirklich mit sich im Reinen war und die immer wieder neue Krisen erlebt und die – aber das sagt man als Deutscher wirklich nicht gerne und nicht leicht – der wahre Verlierer des Zweiten Weltkriegs gewesen ist.
Das britische Kino dieser Nachkriegszeit ist das Kino von Verlierern; es ist das Kino von Erschütterten, von kaputten gestörten Seelen, von gepeinigten Charakteren. Die Menschen hier bewahren Haltung, sie zeigen Mut, gelegentlich auch Eigensinn, aber sie wissen überhaupt nicht, wo sie hingehen sollen und vieles was sie machen, auch in diesen Fällen, das machen sie zu spät.
Die Filme dieser Retrospektive sind keineswegs alle gut und die wenigsten von ihnen sind Meisterwerke – ganz im Gegensatz zu anderen Retrospektiven. Aber die Retrospektive selbst ist hervorragend, weil sie genau das zeigt, weil sie keine Erfolgsgeschichte zeigt, sondern ein missglückten Neuanfang, ein Neuanfang, der nicht wie in Deutschland mit einem Wirtschaftswunder und einem großen Aufbruch endet.
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Die Schau feiert die britischen Studiofilme der Jahre 1945 bis 1960 – bevor eine »Neue Welle« aus Frankreich und Italien die britische Filmlandschaft erreichte. Besondere Beachtung finden auch die Beiträge von Regie-Frauen in dieser Periode – etwa Wendy Toye, Margaret Tait und Jill Craigie – sowie die besondere Rolle emigrierter Hollywood-Filmemacher, die aufgrund der antikommunistischen Hexenjagd nach England flohen, darunter Joseph Losey und Edward Dmytryk.
Britische Filme haben in dieser Zeit nicht nur unterhalten, sondern auch zum kollektiven Selbstverständnis der Nation beigetragen – durch den Umgang mit Klassenfragen, urbanen Umbrüchen, Migration, Geschlechterrollen und ideologischen Spannungen des Kalten Kriegs. Obwohl sich das britische Nachkriegskino visuell und stilistisch eher konservativ an den klassischen Studioformen orientierte, fanden in den Filmen tiefgehende soziokulturelle Reflexionen statt. Die Filme waren Spiegel einer Nation, die zwischen kolonialem Erbe und moderner Gesellschaft lavierte.
Genres wie der Film Noir, das Melodram und die Sozialkomödie wurden zu Bühnen dieser Suchbewegung. Alltagsrealität und Klassenbewusstsein waren wichtig, die Haltung zu amerikanischen Einflüssen ambivalent. Das britische Kino dieser Zeit war als pluralistisch und widersprüchlich.
Es ist jetzt neu zu entdecken.