Archive, Mosaike, Formen der Erinnerung |
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| (Foto: Rapid Eye Movies) | ||
Erinnerung ist kein statischer Speicher, sondern ein umkämpfter Raum – ein Geflecht aus Bildern, Erzählungen und Lücken. Sie entscheidet darüber, wie Gesellschaften sich selbst verstehen, wen sie als Opfer oder Täter begreifen und welche Lehren sie aus ihrer Geschichte ziehen. Doch Erinnerung ist fragil: Sie kann verdrängt, verzerrt oder bewusst ausgelöscht werden. Gerade dort, wo Gewalt, Krieg und ideologische Verhärtungen die Vergangenheit überformen, wird sie zum politischen Instrument – oder verschwindet ganz. Umso größer ist die Bedeutung jener künstlerischen Arbeiten, die sich dem Vergessen widersetzen und versuchen, das Verlorene, Verdrängte oder Unausgesprochene wieder sichtbar zu machen.
Zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Filme, die in dieser Woche starten, kreisen genau um diese Frage: Wie lässt sich Vergangenheit erzählen, wenn sie von Brüchen, Traumata und Widersprüchen geprägt ist? Beide Werke eint das Bewusstsein, dass Geschichte nicht einfach gegeben ist, sondern rekonstruiert werden muss – aus Fragmenten, aus subjektiven Perspektiven, aus Material, das oft mehr verschweigt als offenlegt. Dabei stehen sie exemplarisch für zwei Formen des Erinnerns: die institutionalisierte, juristisch gerahmte Aufarbeitung auf der einen Seite und die fragile, oft improvisierte Wiedergewinnung kollektiver Erfahrung auf der anderen.
Es geht um das Prisma historischer Schlüsselereignisse (wie der Nürnberger Prozesse, in denen das Grauen des Nationalsozialismus erstmals systematisch benannt und juristisch verhandelt wurde) und um die archivarische Funktion solcher Prozesse.
Es geht aber auch um die Not, wenn Geschichte gar nicht einheitlich erzählt werden kann, und Erinnerung aus verstreuten Bildern entsteht, aus privaten Aufnahmen, aus den Resten eines kollektiven Gedächtnisses. Erinnerung existiert nicht nur in offiziellen Dokumenten, sondern im Alltäglichen, im Fragmentarischen, im Emotionalen. Auch hier geht es um das Sichtbarmachen von Leerstellen – allerdings nicht durch Analyse, sondern durch Montage, durch das poetische Zusammensetzen von Bild und Ton.
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»22 Cells in Nuremberg« heißt das Buch des US-amerikanischen Offiziers und Militärpsychiaters Douglas M. Kelley, in dem dieser über seine einzigartigen Begegnungen mit den Angeklagten im Nürnberger Hauptkriegsverbecherprozess 1945/46 berichtet. Er sollte diese Zellen selbst nie wieder ganz verlassen.
Kelley, ein Hobby-Magier, brachte sich 19xx um – auf die gleiche Weise wie Hermann Göring: Mit Zyankali.
Basierend darauf schrieb Jack El-Hai das Buch »Der Nazi und der Psychiater« (deutsch im Aufbau Verlag), das wiederum diesen Film inspiriert hat, den zweiten Spielfilm von James Vanderbilt (Drehbuchautor von Zodiac von David Fincher), der den mentalen Zweikampf und die untergründigen Sympathien zwischen Kelley und Hermann Göring ins Zentrum stellt.
Nürnberg beginnt mit einem US-amerikanischen GI, der auf ein umgestürztes SS-Schild pinkelt. Er endet mit der Hinrichtung Julius Schleichers, dessen Blase sich bei seiner Hinrichtung entleert. Diese Anal-Metaphern sind das Gegenteil von subtil, aber gerade, wenn der Film zusätzlich den Bogen in die Gegenwart schlägt, Parallelen zum politischen Geschehen allzu offensichtlich werden, hat er das Publikum auf seiner Seite.
Die Handlung spielt im Gefängnis, in dem Göring auf die Nürnberger Prozesse wartet – jene Verfahren, in denen einige der bedeutendsten Verbrecher des nationalsozialistischen Regimes und die von ihnen in den Vernichtungslagern begangenen Gräueltaten verhandelt wurden.
Dies ist, wie wir wissen, keineswegs das erste Mal, dass sich das Kino dieser historischen Situation nähert (Das Urteil von Nürnberg von Stanley Kramer von 1961 kommt uns sofort in den Sinn). Doch in Nürnberg fungiert der eigentliche Prozess – und insbesondere seine unmittelbare Vorgeschichte – eher als historischer Hintergrund denn als zentrales Thema der Darstellung. Denn Vanderbilt (der auch das Drehbuch schrieb)
konzentriert sich auf die so verstörende wie schillernde Beziehung, die sich zwischen dem NS-Funktionär und dem Psychiater entwickelt, der ihn begutachten und sicherstellen soll, dass er am Leben bleibt, um vor Gericht erscheinen zu können.
Wir nähern uns also erneut dem juristischen Knotenpunkt von Nürnberg – jedoch aus einem neuen und ungewöhnlichen Blickwinkel. Die Konfrontation zwischen dem Nazi und dem Psychiater veranschaulicht die Anziehungskraft des Bösen auf die Wissenschaft und wirft zugleich grundlegende Fragen auf: nach der Natur des Bösen und nach der Fähigkeit der Vernunft, die »Logik des Teufels« zu begreifen.
In einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden geht es auch um die Natur des
Bösen. Der Film integriert die Hintergrundgeschichten einiger von Görings Mitangeklagten, die Entstehung eines neuen Modells des Völkerrechts sowie eine romantische Nebenhandlung, die den Medienrummel rund um das Verfahren streift.
Letztlich zeigt uns Vanderbilts Film einen Wissenschaftler, der gewissermaßen vom Dämon ausgesaugt wird, und die komplexe Dialektik, die sich zwischen beiden entwickeln kann. Russell Crowe gelingt es dabei, die Figur Görings mit solcher Überzeugung darzustellen, dass sich während der Vorführung mehr als nur ein moralischer Abgrund unter den Füßen des Zuschauers auftut.
Formal bleibt der Film allerdings eine solide, in klassischer Hollywood-Manier erzählte Inszenierung, handwerklich sicher und solide, aber ohne große Inspiration umgesetzt. Gerade diese erzählerische Effizienz macht ihn jedoch zu einem Werk von bemerkenswerter Aktualität: Denn Nürnberg mündet in eine düstere Warnung, die dem Psychiater in den Mund gelegt wird – dass die Nazis der Zukunft nicht in den Uniformen von Hitlers Nazis auftreten werden, aber dennoch unter uns sind.
Diese Aussage wirkt, als hätte man sie gestern formuliert. Die Gespenster der Vergangenheit sind am Leben.
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Warum jetzt ein Film über Nürnberg? Zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs und des Beginns der Nürnberger Prozesse sind die Nazis und ihre Verbrechen weiterhin ein aktuelles Thema. In jüngster Zeit zeigte ein geleakter Gruppenchat junger Republikaner, wie Mitglieder offen Witze über das Vergasen von Juden machten und ihre »Liebe« zu Hitler bekundeten; viele von ihnen arbeiteten in staatlichen Behörden. (Vizepräsident JD Vance verteidigte sie als »Kinder«, die »provokante, beleidigende Witze« machten.)
Auch die Normalisierung extremistischer Stimmen – etwa durch Interviews mit bekennenden Antisemiten – zeigt, wie Ideen, die einst am Rand standen, zunehmend in den Mainstream vordringen. Gleichzeitig betreibt die aktuelle Regierung Abschiebungskampagnen, bei denen auch Bürger betroffen sein können.
Der Film befand sich bereits in Produktion, bevor diese Ereignisse bekannt wurden. Doch der Aufstieg von Antisemitismus, Neonazismus und Faschismus in den USA
und Europa ist seit mindestens einem Jahrzehnt sichtbar – befeuert durch soziale Medien und Online-Foren, in denen Verschwörungstheorien, weißer Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit gedeihen.
James Vanderbilt erklärte dazu: »Es ist wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen – wir müssen zurückblicken können, um voranzukommen.« In diesem Kontext wirkt Nürnberg eher wie eine dringliche Geschichtsstunde als wie ein Kunstwerk des Kinos.
Wer Görings Psyche besser verstehen möchte, ist mit Kelleys Buch oder der zugrunde liegenden Vorlage vermutlich am besten bedient. Und wer die gesamte Geschichte des Holocaust begreifen will, wird feststellen, dass kein einzelner Film ihr gerecht werden kann.
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Als das Paris des Mittleren Ostens wurde Beirut, die Hauptstadt des Libanons, einst bezeichnet. Nach den 75 Minuten von Lana Dahars Essayfilm Do You Love Me spürt man den andauernden Zauber dieser orientalischen Metropole, in der sich westliche Moderne und arabisches, christliches und römisches Kulturerbe treffen.
Die Filmemacherin wurde selbst mitten in einem der vielen Kriege im Libanon geboren, wuchs teilweise in Beirut auf und holt auf diese Weise eine Vergangenheit jenseits der politischen Schwarz-Weiß-Schemata zurück, die das Land aufgrund seiner anhaltenden inneren Fragmentierung lange verdrängt hat.
Im Libanon gibt es kein nationales Archiv, die materielle Erinnerung ist zerstreut und oft verloren gegangen. Schulen verfügen seit 80 Jahren nicht über aktuelle Geschichtsbücher, da es seit dem arabischen Angriffskrieg von 1948 auf den frischgegründeten Staat Israel keinen Konsens mehr über die historische Erzählung gibt. Der Libanon ist ein Land, das an Konfliktzyklen gewöhnt ist: von den 15 Jahren Bürgerkrieg, der 1990 endete, bis hin zu den Auseinandersetzungen zwischen Israel und der schiitischen Hisbollah, die bis heute andauern.
Dahars Film ist nun ein Versuch, den Gedächtnisverlust auszugleichen, und eine Art kollektiven Erinnerung zu rekonstruieren, zugleich einen Gegenentwurf zu den dominierenden, von Ideologie und religiöser Identitätspolitik durchtränkten, revanchistischen, oft rassistischen Geschichten zu bieten, die die Welt in allzu einfache Gegensätze, in Gut und Böse, richtig und falsch unterteilen.
Ihr Film ist ausschließlich aus Archivmaterial zusammengestellt. Schon die Form der assoziativen, sehr leicht und frei wirkenden Montage deutet an, wie unbeschwert das Leben in der Hafenstadt in Friedenszeiten gewesen sein muss.
Do You Love Me leugnet dabei die ständigen Kriege und ihre Verwüstungen nicht, ebensowenig die psychologischen Leiden und Traumata
in ihrem Gefolge.
Doch der Film begnügt sich nicht, wie so oft ähnliche Werke mit einer Reise durch die Leidensgeschichten, sondern vermeidet die üblichen Bilder von Politikern und Soldaten, von Explosionen und Ruinen. Stattdessen richtet der Film den Blick auf Bürger und Künstler und feiert kreativen Ausdruck als eine Form des Widerstands – und als Mittel, Erinnerung zu bewahren. Dahar zeigt die intensive kulturelle Blüte, die den Libanon vor allem ausmacht.
Durch die Zusammenstellung
von Archivmaterial seit den 1970er Jahren – Fotografien ebenso wie Spiel- und Dokumentarfilme, oft auch Homevideos aus privaten Sammlungen – entsteht eine ebenso unterhaltsame wie präzise Hommage an das Land, vor allem aber an Beirut.
Dies ist eine sorgfältige Arbeit, die die Notwendigkeit betont, Erinnerung zu bewahren, zugleich aber auch ein spielerischer Blick, der die Macht der Bilder belegt und Geschichten uminterpretiert, ihnen neue Bedeutungen verleiht – eine Rekonstruktion, die nicht nur historisch, sondern vor allem emotional ist; mit dem Ziel , das freizulegen, was ausgelöscht oder nie erklärt wurde.
Die Regisseurin selbst beschreibt ihre Beziehung zum Libanon als ambivalent:
geprägt von Liebe zu ihrem Land, aber auch von wiederkehrenden Enttäuschungen über unerfüllte Versprechen.
Das Ergebnis ist ein Hohelied auf die Kraft der audiovisuellen Erinnerung. Die Kraft des Kinos.
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Beide Filme verbindet eine zentrale Einsicht: Erinnerung ist nie vollständig, nie objektiv, nie abgeschlossen. Sie ist ein Prozess, der immer wieder neu verhandelt werden muss – im Gerichtssaal ebenso wie im öffentlichen Debattenraum. Und vielleicht liegt gerade darin ihre größte Bedeutung: nicht darin, endgültige Antworten zu liefern, sondern Fragen offenzuhalten. Fragen nach Schuld und Verantwortung – und nach der Gegenwart, die sich unweigerlich in der Art spiegelt, wie wir uns an die Vergangenheit erinnern.