Wie die Vierte Gewalt sich selbst zerstört |
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Die ZDF-Sendung »Markus Lanz« muss man sich als eine Dekadenz-Erscheinung der Demokratie vorstellen. Denn dreimal in der Woche, je 75 Sendeminuten, also insgesamt fast vier kostbare Fernsehstunden lang geschieht hier paradigmatisch genau das, was der Soziologe Harald Welzer folgendermaßen beschreibt: Ablenkung und Verdummung des Publikums statt politischer Aufklärung, die (Selbst-)Aufgabe des politischen Journalismus und seine Ersetzung durch politische Klatschberichte
über die Ränkespiele der Berliner Polit-Szene, der die berichtenden politischen Journalisten und Journalistinnen übrigens intim angehören. Anstatt, so Welzer jetzt, »über Gestaltungsprobleme und Notwendigkeiten bei der Aufrechterhaltung des demokratischen Systems« zu berichten, findet man es »unfassbar interessant, mit welchem Winkelzug Markus Söder Lars Klingbeil unter Druck gesetzt hat oder in welcher Form von interner Kommunikation irgendwer irgendwen angebrüllt hat
– dabei ist das alles de facto scheißegal, weil es nichts damit zu tun hat, wie die Gesellschaft weiterentwickelt wird.«
Politischer Journalismus im eigentlichen Wortsinn findet nicht mehr statt.
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Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Welzer hielt in Frankfurt einen Vortrag im Rahmen der Konferenz »Zukunft deutscher Film« auf dem Lichter-Filmfest.
Welzer konstatierte darin »eine starke Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung«. Die Mainstreammedien – der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die führenden Zeitungen und Zeitschriften – klafften in ihrem Meinungsbild zunehmend auseinander. Das schaffe ein Problem für die Demokratie, weil, so Welzer, »die Vierte Gewalt eigentlich dafür da ist, Repräsentationslücken zu kompensieren und aufzuklären.« Eine vielfältige Medienlandschaft sei dafür da, durch Bereitstellung von Informationen und Interpretationsvorschläge zur Meinungsbildung beizutragen »und gerade auch das abzudecken, was nicht repräsentiert ist.«
Tatsächlich scheint aber gerade eine über Jahrhunderte gewachsene Medienlandschaft und Tradition des öffentlichen Diskurses über herrschaftskritische Printmedien ersatzlos an ihr Ende zu kommen. Seit der Jahrtausendwende und ihren kumulierenden Medienkrisen verschwindet die Presse als »vierte Gewalt«, als Gegenmacht und Kontrollinstanz der Mächtigen. Aus dem einstigen »Sturmgeschütz der Demokratie« (Rudolf Augstein über den »Spiegel«) ist ein klappriger Bollerwagen geworden.
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»Völlig schwachsinnig«: Timmy und die Mediendummheit. In seinem Vortrag skizzierte Harald Welzer eine verhängnisvolle Entwicklung. Seit der Jahrtausendwende seien die Leitmedien durch verschiedene Entwicklungen stark unter Druck gesetzt worden: Das Wegbrechen von Werbeeinnahmen, das Aufkommen des Internets und der Direktmedien, der sogenannten sozialen Medien, führten zu extremen neuen Konkurrenzen. »Plötzlich gab es Informationen scheinbar umsonst und auch viel schneller. Daraus ergibt sich eine Problematik für die Medienhäuser, die dazu geführt hat, dass dort die Hoheit aus den Redaktionen in die kaufmännischen Abteilungen gewandert ist.« Das schadet dem qualifizierten Journalismus extrem. Welzer beschrieb den »neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit« (Habermas), in der Klicks statt Aufklärung den Ton angeben und alte Medien so stupide wie hektisch die Erfolgsmodelle des Internets kopieren. Es geht nur noch um Klickzahlen.
»Die zentralen Aufmerksamkeitsgeneratoren in der neuen Medienlandschaft sind Skandalisierung, Sensationalisierung und Personalisierung.«
Ein aktuelles Beispiel der Sensationalisierung ist für Welzer die Episode um den Buckelwal »Timmy« in der Ostsee. Dieser Wal sei
»so ein Thema, das eigentlich in der traditionellen, an Aufklärung orientierten Öffentlichkeitslandschaft vollkommen schwachsinnig ist. Erstmal hat der Wal im Vergleich zu den Tieren, die in Schlachthäusern getötet werden, quantitativ überhaupt keine Bedeutung; der Buckelwal als Gattung ist nicht vom Aussterben bedroht. Trotzdem dominiert
Timmy der Wal unsere Berichterstattung – und zwar egal, ob es sich um die ›Bild‹-Zeitung, oder Qualitätsmedien wie die FAZ oder um die direkten Medien [Soziale Medien, d.R.] handelt. Man nennt es auch Blaulichtjournalismus – ein vermuteter Aufmerksamkeitswert bestimmt die Inhalte, und generiert vermeintlich auch Leserinnen und Leser.«
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Redundanz und Entdifferenzierung. Skandalisierung für Welzer, die Bedeutung, die jedem Halbsatz, »den jemand irgendwann mal gesagt hat – egal ob in öffentlichen oder privaten Situationen –« zugemessen wird. Personalisierung bedeutet, dass Aussagen nicht mehr in einem Argumentationszusammenhang und unabhängig von ihren Urhebern bewertet, sondern moralisiert werden: »Sie dienen dazu, Personen zu markieren. Es geht dabei nicht um die Aussage eines
Menschen, sondern um die Unterscheidung zwischen: 'geht' oder 'geht gar nicht.'«
Als Beispiel nannte Welzer die Zeitungsbeiträge des Philosophen Jürgen Habermas (1929-2026) in der Süddeutschen Zeitung zum Ukrainekrieg. Der Autor habe sich erlaubt, eine abweichende Auffassung gegenüber der veröffentlichten Meinung zu formulieren. »Habermas ist dann durch die komplette Medienlandschaft gegrillt worden; und zwar nicht mit Argumenten, sondern durch personalistische
Unterstellungen: hier versuche jemand, sein Lebenswerk zu retten.« Da dominierten, so Welzer, halbgebildete Kollegen aus den Feuilleton-Redaktionen einen Diskurs der Dekontextualisierung: »Es ist vollkommen egal, aus welcher wissenschaftlichen Positionen oder persönlichen Bedeutungsgeschichte her jemand spricht, das ist total Wumpe und es hat auch den großen Vorteil, dass man sich nicht mehr mit dem Text und den Argumenten befassen muss.«
Fazit: In Zeiten multipler Krisen und des grassierenden Bedeutungsverlusts und Zusammenbruchs westlicher Deutungssysteme sei »ziemlich sinnvoll«, eine möglichst große Menge an Bedeutungen und Informationen und ein möglichst großes Spektrum zusammenzuführen – die Verengung der Perspektiven ist gerade das Drama der Demokratie in ihrer augenblicklichen Form.
Es gehe um das Einordnen der Informationenflut. Die Medien der Demokratie aber werden zu einer riesigen Redundanzmaschine, in der statt Diversität und Differenzierung Entdifferenzierung vorherrscht.
Der Quotendruck zerstört die Medien – so kann man Welzers Thesen kurz zusammenfassen. Die »Quittung« für diese Form der Veränderung der Medienlandschaft, so Welzer, seien Auflagenhöhen und Quoten im freien Fall; es geht alles nach unten, Leser, Zuschauer und Zuhörer wenden sich ab. »Das ist schlecht für die Weiterentwicklung der Demokratie in unserer Gesellschaft.« Einziger Ausweg, so Welzer, sei das »Erzählen von Gegengeschichten« und »Gegenöffentlichkeit«.
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Plattformökonomie und Öffentlichkeit. Bei einem an Welzers Vortrag anschließenden Panel ging es vor allem um die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die verschiedenen Vertreter aus Film und Medien – die eingeladenen aktiv verantwortlichen Redakteure hatten allerdings ihre Teilnahme abgesagt – waren sich einig, dass das »Quotenschielen« aufhören muss und »der sender-interne Rinderwahnsinn« (Dominik Graf), nach dem erfolgreiche Beiträge abgesetzt oder bis zur Unkenntlichkeit umgestaltet werden. In den Fernsehanstalten spreche man kaum noch über Inhalte. Die heute dominierende Plattformökonomie zerstöre den gemeinsamen Boden der Öffentlichkeit.
Die Münchnerin Bettina Reitz, lange im Dienst verschiedener Sender, hatte es nicht leicht in ihrer Verteidigung der Errungenschaften des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gegen Verhältnisse, in denen dieser Rundfunk sich selbst zu zerstören scheint.
Der freie Markt »reguliert« offensichtlich gar nichts: Im Verdrängungswettbewerb fressen die Großen die Kleinen, bevor sie von noch Größeren verschluckt werden; die einzige erkennbare Tendenz dabei ist konsequentes Kaputtsparen und Downsizing der Qualität. Das zeigt sich in den Medien gerade besonders an der Berichterstattung zu Kunst und Kultur. Was vor 25 Jahren im Printbereich begann, setzt nun auch erkennbar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein: Kulturmagazine werden eingestellt und zusammengelegt, ganze Kulturstrecken gestrichen; der DLF schafft den »Deutschlandfunk Kultur« nur dem Namen nach nicht ab; was die Mantelzeitungen bei Regionalblättern sind, sind »ARD-Pools« und zusammengelegte Redaktionen.
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Die Logik des öffentlichen Bildungsauftrags. Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, erinnerte an die eigentliche Rolle und Funktion von Kultur: Das Missverständnis sei, »dass alles spektakulär sein muss«. Information als Spektakel sei ein Geschäftsmodell. Dagegen erinnerte Nori an öffentliche Finanzierung und den Bildungsauftrag der Sender. Sie übte aber stellvertretend für andere Kulturinstitutionen auch Selbstkritik: »Wir sprechen viel zu sehr zu den Kollegen der eigenen Blase; wir vergeben dadurch die Möglichkeit, in die Gesellschaft zurückzuwirken, in eine Gesellschaft, die in einzelne Communitys zerfällt.« Man sollte nicht aus der Logik eines privatwirtschaftlichen Gewinnerzielungsziels, sondern aus der Logik eines öffentlichen Bildungsauftrags argumentieren.
Die Aufmerksamkeitsökonomie habe sich extrem verändert. 30 Jahre nach Beginn des Internetbooms sind die Träume von zunehmenden Chancen und mehr Demokratie im Netz geschwunden. Die neuen Herren sind die alten: Klassische Medienkonzerne und Tech Bros der New Economy und des Silicon Valley. Die Inflation kostenloser Inhalte führt zu einer Entwertung von Leistungen. Zudem verwischen sich die einst viel klarer gezogenen Grenzen zwischen unabhängiger Kritik und abhängiger PR.
Einstweilen nehmen die weißen Flecken in der Medienlandschaft zu. Es herrschen Monokultur und zu wenig Problembewusstsein. Die vierte Gewalt zerstört sich selbst.