14.05.2026

Wie die Vierte Gewalt sich selbst zerstört

Lichter Filmfest

Demokratie unter Quotendruck: Skandalisierung, Sensationalisierung, Personalisierung – eine Debatte mit Franziska Nori, Bettina Reitz, Hans Block und Dominik Graf beim Frankfurter Lichter-Filmfest zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und zur Zukunft der Öffentlichkeit

Von Rüdiger Suchsland

Die ZDF-Sendung »Markus Lanz« muss man sich als eine Dekadenz-Erschei­nung der Demo­kratie vorstellen. Denn dreimal in der Woche, je 75 Sende­mi­nuten, also insgesamt fast vier kostbare Fern­seh­stunden lang geschieht hier para­dig­ma­tisch genau das, was der Soziologe Harald Welzer folgen­der­maßen beschreibt: Ablenkung und Verdum­mung des Publikums statt poli­ti­scher Aufklärung, die (Selbst-)Aufgabe des poli­ti­schen Jour­na­lismus und seine Ersetzung durch poli­ti­sche Klatsch­be­richte über die Ränke­spiele der Berliner Polit-Szene, der die berich­tenden poli­ti­schen Jour­na­listen und Jour­na­lis­tinnen übrigens intim angehören. Anstatt, so Welzer jetzt, »über Gestal­tungs­pro­bleme und Notwen­dig­keiten bei der Aufrecht­erhal­tung des demo­kra­ti­schen Systems« zu berichten, findet man es »unfassbar inter­es­sant, mit welchem Winkelzug Markus Söder Lars Klingbeil unter Druck gesetzt hat oder in welcher Form von interner Kommu­ni­ka­tion irgendwer irgendwen ange­brüllt hat – dabei ist das alles de facto scheißegal, weil es nichts damit zu tun hat, wie die Gesell­schaft weiter­ent­wi­ckelt wird.«
Poli­ti­scher Jour­na­lismus im eigent­li­chen Wortsinn findet nicht mehr statt.

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Diskre­panz zwischen öffent­li­cher und veröf­fent­lichter Meinung. Welzer hielt in Frankfurt einen Vortrag im Rahmen der Konferenz »Zukunft deutscher Film« auf dem Lichter-Filmfest.

Welzer konsta­tierte darin »eine starke Diskre­panz zwischen öffent­li­cher Meinung und veröf­fent­lichter Meinung«. Die Main­stream­me­dien – der öffent­lich-recht­liche Rundfunk und die führenden Zeitungen und Zeit­schriften – klafften in ihrem Meinungs­bild zunehmend ausein­ander. Das schaffe ein Problem für die Demo­kratie, weil, so Welzer, »die Vierte Gewalt eigent­lich dafür da ist, Reprä­sen­ta­ti­ons­lü­cken zu kompen­sieren und aufzu­klären.« Eine viel­fäl­tige Medi­en­land­schaft sei dafür da, durch Bereit­stel­lung von Infor­ma­tionen und Inter­pre­ta­ti­ons­vor­schläge zur Meinungs­bil­dung beizu­tragen »und gerade auch das abzu­de­cken, was nicht reprä­sen­tiert ist.«

Tatsäch­lich scheint aber gerade eine über Jahr­hun­derte gewach­sene Medi­en­land­schaft und Tradition des öffent­li­chen Diskurses über herr­schafts­kri­ti­sche Print­me­dien ersatzlos an ihr Ende zu kommen. Seit der Jahr­tau­send­wende und ihren kumu­lie­renden Medi­en­krisen verschwindet die Presse als »vierte Gewalt«, als Gegen­macht und Kontroll­in­stanz der Mächtigen. Aus dem einstigen »Sturm­ge­schütz der Demo­kratie« (Rudolf Augstein über den »Spiegel«) ist ein klapp­riger Boller­wagen geworden.

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»Völlig schwach­sinnig«: Timmy und die Medi­en­dumm­heit. In seinem Vortrag skiz­zierte Harald Welzer eine verhäng­nis­volle Entwick­lung. Seit der Jahr­tau­send­wende seien die Leit­me­dien durch verschie­dene Entwick­lungen stark unter Druck gesetzt worden: Das Wegbre­chen von Werbe­ein­nahmen, das Aufkommen des Internets und der Direkt­me­dien, der soge­nannten sozialen Medien, führten zu extremen neuen Konkur­renzen. »Plötzlich gab es Infor­ma­tionen scheinbar umsonst und auch viel schneller. Daraus ergibt sich eine Proble­matik für die Medi­en­häuser, die dazu geführt hat, dass dort die Hoheit aus den Redak­tionen in die kauf­män­ni­schen Abtei­lungen gewandert ist.« Das schadet dem quali­fi­zierten Jour­na­lismus extrem. Welzer beschrieb den »neuen Struk­tur­wandel der Öffent­lich­keit« (Habermas), in der Klicks statt Aufklärung den Ton angeben und alte Medien so stupide wie hektisch die Erfolgs­mo­delle des Internets kopieren. Es geht nur noch um Klick­zahlen.

»Die zentralen Aufmerk­sam­keits­ge­ne­ra­toren in der neuen Medi­en­land­schaft sind Skan­da­li­sie­rung, Sensa­tio­na­li­sie­rung und Perso­na­li­sie­rung.«

Ein aktuelles Beispiel der Sensa­tio­na­li­sie­rung ist für Welzer die Episode um den Buckelwal »Timmy« in der Ostsee. Dieser Wal sei
»so ein Thema, das eigent­lich in der tradi­tio­nellen, an Aufklärung orien­tierten Öffent­lich­keits­land­schaft voll­kommen schwach­sinnig ist. Erstmal hat der Wal im Vergleich zu den Tieren, die in Schlacht­häu­sern getötet werden, quan­ti­tativ überhaupt keine Bedeutung; der Buckelwal als Gattung ist nicht vom Aussterben bedroht. Trotzdem dominiert Timmy der Wal unsere Bericht­erstat­tung – und zwar egal, ob es sich um die ›Bild‹-Zeitung, oder Quali­täts­me­dien wie die FAZ oder um die direkten Medien [Soziale Medien, d.R.] handelt. Man nennt es auch Blau­licht­jour­na­lismus – ein vermu­teter Aufmerk­sam­keits­wert bestimmt die Inhalte, und generiert vermeint­lich auch Lese­rinnen und Leser.«

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Redundanz und Entdif­fe­ren­zie­rung. Skan­da­li­sie­rung für Welzer, die Bedeutung, die jedem Halbsatz, »den jemand irgend­wann mal gesagt hat – egal ob in öffent­li­chen oder privaten Situa­tionen –« zuge­messen wird. Perso­na­li­sie­rung bedeutet, dass Aussagen nicht mehr in einem Argu­men­ta­ti­ons­zu­sam­men­hang und unab­hängig von ihren Urhebern bewertet, sondern mora­li­siert werden: »Sie dienen dazu, Personen zu markieren. Es geht dabei nicht um die Aussage eines Menschen, sondern um die Unter­schei­dung zwischen: 'geht' oder 'geht gar nicht.'«
Als Beispiel nannte Welzer die Zeitungs­bei­träge des Philo­so­phen Jürgen Habermas (1929-2026) in der Süddeut­schen Zeitung zum Ukrai­ne­krieg. Der Autor habe sich erlaubt, eine abwei­chende Auffas­sung gegenüber der veröf­fent­lichten Meinung zu formu­lieren. »Habermas ist dann durch die komplette Medi­en­land­schaft gegrillt worden; und zwar nicht mit Argu­menten, sondern durch perso­na­lis­ti­sche Unter­stel­lungen: hier versuche jemand, sein Lebens­werk zu retten.« Da domi­nierten, so Welzer, halb­ge­bil­dete Kollegen aus den Feuil­leton-Redak­tionen einen Diskurs der Dekon­tex­tua­li­sie­rung: »Es ist voll­kommen egal, aus welcher wissen­schaft­li­chen Posi­tionen oder persön­li­chen Bedeu­tungs­ge­schichte her jemand spricht, das ist total Wumpe und es hat auch den großen Vorteil, dass man sich nicht mehr mit dem Text und den Argu­menten befassen muss.«

Fazit: In Zeiten multipler Krisen und des gras­sie­renden Bedeu­tungs­ver­lusts und Zusam­men­bruchs west­li­cher Deutungs­sys­teme sei »ziemlich sinnvoll«, eine möglichst große Menge an Bedeu­tungen und Infor­ma­tionen und ein möglichst großes Spektrum zusam­men­zu­führen – die Verengung der Perspek­tiven ist gerade das Drama der Demo­kratie in ihrer augen­blick­li­chen Form.

Es gehe um das Einordnen der Infor­ma­tio­nen­flut. Die Medien der Demo­kratie aber werden zu einer riesigen Redun­danz­ma­schine, in der statt Diver­sität und Diffe­ren­zie­rung Entdif­fe­ren­zie­rung vorherrscht.

Der Quoten­druck zerstört die Medien – so kann man Welzers Thesen kurz zusam­men­fassen. Die »Quittung« für diese Form der Verän­de­rung der Medi­en­land­schaft, so Welzer, seien Aufla­gen­höhen und Quoten im freien Fall; es geht alles nach unten, Leser, Zuschauer und Zuhörer wenden sich ab. »Das ist schlecht für die Weiter­ent­wick­lung der Demo­kratie in unserer Gesell­schaft.« Einziger Ausweg, so Welzer, sei das »Erzählen von Gegen­ge­schichten« und »Gegenöf­fent­lich­keit«.

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Platt­for­mö­ko­nomie und Öffent­lich­keit. Bei einem an Welzers Vortrag anschließenden Panel ging es vor allem um die Entwick­lung des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks. Die verschie­denen Vertreter aus Film und Medien – die einge­la­denen aktiv verant­wort­li­chen Redak­teure hatten aller­dings ihre Teilnahme abgesagt – waren sich einig, dass das »Quoten­schielen« aufhören muss und »der sender-interne Rinder­wahn­sinn« (Dominik Graf), nach dem erfolg­reiche Beiträge abgesetzt oder bis zur Unkennt­lich­keit umge­staltet werden. In den Fern­seh­an­stalten spreche man kaum noch über Inhalte. Die heute domi­nie­rende Platt­for­mö­ko­nomie zerstöre den gemein­samen Boden der Öffent­lich­keit.

Die Münch­nerin Bettina Reitz, lange im Dienst verschie­dener Sender, hatte es nicht leicht in ihrer Vertei­di­gung der Errun­gen­schaften des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks gegen Verhält­nisse, in denen dieser Rundfunk sich selbst zu zerstören scheint.

Der freie Markt »reguliert« offen­sicht­lich gar nichts: Im Verdrän­gungs­wett­be­werb fressen die Großen die Kleinen, bevor sie von noch Größeren verschluckt werden; die einzige erkenn­bare Tendenz dabei ist konse­quentes Kaputt­sparen und Down­si­zing der Qualität. Das zeigt sich in den Medien gerade besonders an der Bericht­erstat­tung zu Kunst und Kultur. Was vor 25 Jahren im Print­be­reich begann, setzt nun auch erkennbar im öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk ein: Kultur­ma­ga­zine werden einge­stellt und zusam­men­ge­legt, ganze Kultur­stre­cken gestri­chen; der DLF schafft den »Deutsch­land­funk Kultur« nur dem Namen nach nicht ab; was die Mantel­zei­tungen bei Regio­nal­blät­tern sind, sind »ARD-Pools« und zusam­men­ge­legte Redak­tionen.

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Die Logik des öffent­li­chen Bildungs­auf­trags. Franziska Nori, Leiterin des Frank­furter Kunst­ver­eins, erinnerte an die eigent­liche Rolle und Funktion von Kultur: Das Miss­ver­s­tändnis sei, »dass alles spek­ta­kulär sein muss«. Infor­ma­tion als Spektakel sei ein Geschäfts­mo­dell. Dagegen erinnerte Nori an öffent­liche Finan­zie­rung und den Bildungs­auf­trag der Sender. Sie übte aber stell­ver­tre­tend für andere Kultur­in­sti­tu­tionen auch Selbst­kritik: »Wir sprechen viel zu sehr zu den Kollegen der eigenen Blase; wir vergeben dadurch die Möglich­keit, in die Gesell­schaft zurück­zu­wirken, in eine Gesell­schaft, die in einzelne Commu­nitys zerfällt.« Man sollte nicht aus der Logik eines privat­wirt­schaft­li­chen Gewinn­erzie­lungs­ziels, sondern aus der Logik eines öffent­li­chen Bildungs­auf­trags argu­men­tieren.

Die Aufmerk­sam­keitsö­ko­nomie habe sich extrem verändert. 30 Jahre nach Beginn des Inter­net­booms sind die Träume von zuneh­menden Chancen und mehr Demo­kratie im Netz geschwunden. Die neuen Herren sind die alten: Klas­si­sche Medi­en­kon­zerne und Tech Bros der New Economy und des Silicon Valley. Die Inflation kosten­loser Inhalte führt zu einer Entwer­tung von Leis­tungen. Zudem verwi­schen sich die einst viel klarer gezogenen Grenzen zwischen unab­hän­giger Kritik und abhän­giger PR.

Einst­weilen nehmen die weißen Flecken in der Medi­en­land­schaft zu. Es herrschen Mono­kultur und zu wenig Problem­be­wusst­sein. Die vierte Gewalt zerstört sich selbst.