28.05.2026
Cinema Moralia – Folge 389

Der Preis des deutschen Films...

Das Verschwinden des Josef Mengele
Es ist sehr gut, dass der Film Das Verschwinden des Josef Mengele von Kyrill Serebrennikov so oft nominiert wurde...
(Plakat: DCM)

Alle Jahre wieder seit 75 Jahren: Der sogenannte Deutsche Filmpreis und die sogenannte Filmakademie – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 389. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.«
– Heiner Müller

Eine Facebook-Freundin schrieb dieser Tage: »Falls euch der Film Palästina 36 inter­es­siert – er ist kacke!« Es wäre schön, wenn manchmal Film­kritik ähnlich »clare ac distincte« formu­lieren würde.

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Wir freuen uns auf den deutschen Filmpreis! Hoffent­lich gewinnen die Guten. Also die guten Filme. Nicht die Erfolg­rei­chen – die Erfolgs­ver­narrt­heit (ökono­misch, »im Ausland«, Hollywood) war schon immer ein Haupt­pro­blem für den deutschen Film.

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Es ist sehr gut, dass der Film Das Verschwinden des Josef Mengele von Kyrill Sere­bren­nikov so oft nominiert wurde. Vor einem Jahr lief er in Cannes.
Für das beste Film­fes­tival der Welt war er also gut genug – nicht gut genug war er aber, auch das muss erwähnt werden, für das Filmfest München und des Filmfest Hamburg. Die haben zwar sonst nicht viel mitein­ander zu tun, sie waren sich aber noch darin einig, diesen Film abzu­lehnen. Aus München hörte man dazu über zwei Ecken, dass die Absage mit »der Auswahl­kom­mis­sion« begründet wurde. Das möchten wir glauben, aber ich weiß gar nicht, aus wem die Auswahl­kom­mis­sion besteht, und wenn dem wirklich so ist, dann müsste das Filmfest dringend einmal seine Auswahl­kom­mis­sion über­prüfen und die Kriterien, nach denen Filme ausge­wählt werden. Denn eigent­lich muss es ja darum gehen: Sperrige, irri­tie­rende, provo­ka­tive Filme auszu­wählen und zu zeigen, Autoren­filme, Filme, die es beim Publikum schwerer haben als Kommerz­kino, sollte für jedes Festival mit Selbst­ach­tung eine Ehre sein.

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Ein bisschen scheint mir, hat das Ganze aber auch System: denn mit anderen sperrigen Filmen, die irgend­etwas mit Natio­nal­so­zia­lismus zu tun haben, gehen ja die meisten deutschen Film­fes­ti­vals schlecht um, so diese Festivals nicht unab­hängig sind von den Förderern wie das Film­fes­tival in Ludwigs­hafen und das in Oldenburg. Andere Festivals sind, so darf man im Umkehr­schluss vermuten, abhängig, sind sehr geschamig mit NS-Themen im Kino, wenn dieses nicht den Heili­gen­schein eines auslän­di­schen Großer­folgs mit sich trägt. Das heißt ein unbedingt von Kunst­willen geprägtes Werk wie The Zone of Interest läuft natürlich und wird rauf und runter gefeiert; hier hat die deutsche Film­för­de­rung so gut wie nichts beigetragen, obwohl nicht nur deutsche Schau­spieler die Haupt­rollen spielten, sondern auch das Thema – hüstel hüstel – deutsch ist.
Umgekehrt war es dann bei dem deutschen Film Die Ermitt­lung von RP Kahl, der nicht weniger von Kunst­willen getragen ist; er wurde von fast allen Festivals in Deutsch­land ignoriert oder zurück­ge­wiesen, oder in Nischen gezeigt.

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Ich muss hier in diesem Zusam­men­hang auch einmal erwähnen (obwohl ich da in der Auswahl­kom­mis­sion sitze und also nicht unpar­tei­isch bin), dass das Festival des deutschen Films in Ludwigs­hafen, über das sich manche, die noch nie da waren, ja gerne mokieren, weil es angeblich ein »Fern­seh­fes­tival« sei und weil dort auch im Wett­be­werb mal ein »Tatort« neben Edel­au­toren­kino läuft – aber nicht einer, der aus Ludwigs­hafen kommt, und sonst nur, wenn er eine außer­ge­wöhn­liche Autoren­hand­schrift trägt – dass dieses Festival, dessen Haupt­preis unter anderem schon Angela Schanelec, Valeska Grisebach, Ulrich Köhler und Dominik Graf bekommen haben, im vergan­genen Jahr genau diesen Film nicht nur gezeigt hat, sondern er dann auch den Haupt­preis des Festivals bekommen hat. Den zweiten Preis für die »Beste Regie« bekam dann übrigens Mascha Schi­linski für In die Sonne schauen – schön, dass also der Deutsche Filmpreis fast ein Jahr nach Ludwigs­hafen auf die gleichen Ideen kommt.

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Blicken wir auf die Nomi­nierten. Nicht schlecht. Auch nicht super. Nicht sehr originell. Aber immerhin.

Auffällig ist, dass selbst die einzelnen Sektionen immer die gleichen Filme auch für die Einzel­leis­tungen ausge­wählt haben. Woran liegt’s? Schwarm­dumm­heit, es werden nach der neuesten Neuerung, dass es keine Vorauswahl mehr gibt, wirklich nur die bekannten Filme überhaupt gesehen.
Dazu kommt, dass das Wahl­ver­fahren in der Art der Abstim­mung »bekannte« Filme bevorzugt.
Diese kommen also am schnellsten durch, auch in den Einzel­leis­tungen. Sonst will die Akademie ja gerne so divers wie möglich sein, hier jedoch genau nicht, in der eigent­li­chen selbst gestellten nämlich ästhe­ti­schen Aufgabe.
Die einzigen Veran­stal­tungen, in denen in der Zeit der Nomi­nie­rungen bei der Film­aka­demie über die Filme disku­tiert wird, sind soge­nannte Speed-Datings, wo in fünf Minuten dem Gegenüber gepitcht werden darf, welcher Film sie/ ihn »abgeholt« hat…
Ausnahme ist die Regie­sek­tion, die wie die ameri­ka­ni­sche DGA jeden Monat ein internes Regie Q&A macht, wo es auch um Ästhetik etc. geht…

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Wir bleiben gespannt aufs Resultat.