Cinema Moralia – Folge 388
Deutsche Dogmen, deutscher Nebel |
![]() |
|
| Dogma Zeritfikat für Susanne Bier’s Elsker dig for evigt (Open Hearts, 2001) | ||
| (Grafik: Dogma 95, CC BY-SA 4.0 Wiki Commons) | ||
»Dogme 95 was a rescue operation! It was a bourgeois romantic idea of truth.« – Lars von Trier
»Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.« – Karl Marx
Vor 31 Jahren wurde, hier in Cannes, wo der Autor gerade sitzt, »Dogma 95« veröffentlicht. Mitverfasser Lars von Trier war sich über den Charakter der Aktion immer im Klaren: »I think Dogme was successful, because it was ridiculous.«
Die Nachricht, dass das Kino in Routine und künstlicher Perfektion erstarrt ist, ist nicht neu und galt damals wie heute. Aber das wichtigste: Dogma war unernst und funktionierte vor allem als Marke.
Und jetzt?
+ + +
»Der Infantilismus der Kunst«, schreibt der Büchner-Preisträger Rainald Goetz in 'wrong', »die Reifeverweigerung des Künstlers, der an unerwachsenen Lebensformen festhalten muss, um zum Bereich des Extremismus, der Verantwortungslosigkeit, der Spielerei und des Unverstands, des Provisorischen und der Nichteindeutigkeiten Zutritt zu bekommen und dort Aufenthalt und Lebensrecht zu haben, um von dort aus wirklich künstlerisch produzieren zu können. Dem entgegen steht ein Realleben voll von Verantwortlichkeiten, durch das man aus diesem Reich der Kunst vertrieben wird und dadurch vor die Aufgabe gestellt, eine nicht infantile, behäbige, erdenschwere, also eigentlich unkünstlerische Kunst zu machen. Aber wie geht das? Und ist es überhaupt möglich?«
+ + +
Die Deutschen wieder! In welchem Land der Welt käme man noch auf diese Idee: Ein 31 Jahre altes Manifest wird nachgeäfft und ausgerechnet in Cannes of all places einer gleichgültigen Welt präsentiert: Dogma 25.
»Dogma 25« – was soll denn das bitte sein?
+ + +
In der Pressemitteilung heißt es: »Fünf Regisseur:innen. Fünf Kinofilme. Zehn Regeln. Kurdwin Ayub, İlker Çatak, Nora Fingscheidt, Helene Hegemann und Tom Tykwer haben sich als Gruppe zusammengeschlossen und realisieren unter DOGMA 25 Germany fünf unabhängige Filme für ein freies, unberechenbares Kino, wie X Filme Creative Pool, Zentropa Germany und if…productions heute am Rande der Filmfestspiele in Cannes bekannt gaben. Damit führen sie die DOGMA 25-Bewegung fort, die im vergangenen Jahr in Cannes von fünf dänischen Regiseuren (May el-Toukhy, Milad Alami, Annika Berg, Isabella Eklöf, und Jesper Just) angekündigt wurde.«
Fangen wir mal so an: Wer hat irgendetwas von dieser angeblichen neuen dänischen »Dogma-Bewegung« gehört?
Wer hat irgendetwas von May el-Toukhy, Milad Alami, Annika Berg, Isabella Eklöf, und Jesper Just gehört?
Und dann: Was haben die Filme von Kurdwin Ayub, İlker Çatak, Nora Fingscheidt, Helene Hegemann und Tom Tykwer gemeinsan? Ist Helene Hegemann überhaupt eine Filmemacherin? Und seit wann ist die tolle österreichische Regisseurin mit kurdisch-irakischen wurzeln Kurdwyn Ayub Deutsche? Beide Antworten sind eigentlich völlig egal, aber was soll das Labeling? Macht doch einfach eure Filme, macht möglichst gute Filme.
+ + +
Und warum muss eigentlich ein Keuschheitsgelübde sein, warum keine filmische Orgie, keine cinephile Polyamorie?
Tut mir leid, aber ich kann nicht ernst nehmen, was ich da lese:
»Ich schwöre, mich den folgenden Regeln zu unterwerfen, verfasst und bestätigt von DOGMA25 Germany:
- Wir verpflichten uns, das Drehbuch von Hand zu schreiben, um jene Intuition zu fördern, die am freiesten aus dem Traum entsteht und über die Hand auf das Papier gelangt.
- Mindestens die Hälfte des Films muss ohne Dialog auskommen.
Wir bestehen auf einem filmischen Ansatz des Erzählens, da wir an visuelles Geschichtenerzählen glauben und Vertrauen in das Publikum haben.
-
Das Internet wird aus allen kreativen Prozessen ausgeschlossen.
Wir verpflichten uns, Filme auf Grundlage realer Menschen in unserer physischen Realität zu erschaffen und nicht in einer digitalen, von Algorithmen durchdrungenen Welt.
- Wir akzeptieren nur Finanzierungen ohne inhaltliche Auflagen.
Wir übernehmen die Verantwortung dafür, die Budgets niedrig zu halten, damit das Team bei allen künstlerischen Entscheidungen das letzte Wort behält.
- Nicht mehr als 10
Personen hinter der Kamera.
Wir verpflichten uns zu enger Zusammenarbeit, um Vertrauen aufzubauen und unsere gemeinsame Vision zu stärken.
- Der Film muss dort gedreht werden, wo die Handlung spielt.
Film als Kunstform wird künstlich und generisch, wenn wir einen Ort in einem falschen Licht darstellen.
- Wir dürfen kein Make-Up verwenden oder Gesichter und Körper manipulieren, es sei denn, dies ist Teil der Erzählung. So wie wir uns bemühen, die Authentizität des Ortes zu
bewahren, wollen wir auch den menschlichen Körper ohne Filter darstellen. Wir feiern ihn – mit all seinen Ecken und Kanten.
- Alles, was mit der Produktion des Films zu tun hat, muss gemietet, ausgeliehen, gefunden oder wiederverwendet werden.
Wir verpflichten uns, Filme mit bereits existierenden Gegenständen zu drehen, und lehnen die ahistorische und selbstzerstörerische Kultur des Konsums ab.
- Der Film muss innerhalb von einem Jahr fertiggestellt
werden.
Wir verzichten auf langwierige Prozesse, die den kreativen Fluss blockieren.
- Mach diesen Film, als wäre es dein Letzter.«
+ + +
Wie gesagt: Es ist schwer, ernst zu nehmen: Bürgerlicher Puritanismus statt künstlerische Freiheit und keine erkennbare Selbstironie, stattdessen nur der alte zehnmal aufgebrühte Antikapitalismus von fünf etablierten Regisseuren, die offenbar mal ein bisschen herumspielen wollen.
Verkrampft und aus zweiter Hand liest man eine Mischung aus leeren Behauptungen und Gelaber. Eine Totgeburt!
+ + +
Es ist überaus sympathisch und plausibel, dass im dazugehörigen Statement die »ästhetisch-inhaltliche Normierung« beklagt wird, die alles »platt walzt«. Das stimmt, aber was ist die Gegenstrategie?
Gegen die zu Recht beklagte Kommerzialisierung und Mainstreamisierung setzen die Deutschen Gefühle und Sentiment: Geschichten sollen, »erlebt, gedreht oder auch nur empfunden« werden.
Das ist erst einmal ein bisschen infantil, aber natürlich können es ihre nächsten Filme einlösen. Sie müssen sich allerdings auch an solchen großmäuligen Ansagen messen lassen.
Plausibel ist auch die Angst vor KI. Aber die Deutschen begreifen sie nicht als neues Werkzeug, sind nicht neugierig und aufgeschlossen auf ihre Chancen, sondern wittern Gefahren und pflegen wieder einmal altbekannte deutsche Technikfeindschaft: Mit der Hand wollen sie schreiben! Ach Gottchen. Sind Computer und Internet jetzt auch böse? Warum nicht gleich mit der Wachstafel oder in Keilschrift?
Wenn diese Filmemacher ihre »eigene Überflüssigkeit« beklagen, dann liegt das an genau solchen von Verweigerung durchzogenen kindischen Statements.
+ + +
»Sie fühlt sich frey und schwingt sich empor/ Zu den höchsten Himmelsräumen.«
O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug/ In deinen nächtlichen Träumen!
Die Götter erbleichen wenn du nah’st!/ Du hast auf deinen Wegen
Gar manches Sternlein ausgeputzt/ Mit deinen Flügelschlägen!
Franzosen und Russen gehört das Land,/ Das Meer gehört den Britten,
Wir aber besitzen im Luftreich’ des Traums/ Die Herrschaft unbestritten.
- Heinrich Heine