21.05.2026
Cinema Moralia – Folge 388

Deutsche Dogmen, deutscher Nebel

ogme certificate for Bier's Elsker dig for evigt (Open Hearts, 2001), Dogme No. 28.
Dogma Zeritfikat für Susanne Bier’s Elsker dig for evigt (Open Hearts, 2001)
(Grafik: Dogma 95, CC BY-SA 4.0 Wiki Commons)

Gedanken statt Filme: Eine neue Bewegung – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 388. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Dogme 95 was a rescue operation! It was a bourgeois romantic idea of truth.« – Lars von Trier

»Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen welt­ge­schicht­li­chen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzu­zu­fügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.« – Karl Marx

Vor 31 Jahren wurde, hier in Cannes, wo der Autor gerade sitzt, »Dogma 95« veröf­fent­licht. Mitver­fasser Lars von Trier war sich über den Charakter der Aktion immer im Klaren: »I think Dogme was successful, because it was ridi­cu­lous.«
Die Nachricht, dass das Kino in Routine und künst­li­cher Perfek­tion erstarrt ist, ist nicht neu und galt damals wie heute. Aber das wich­tigste: Dogma war unernst und funk­tio­nierte vor allem als Marke.
Und jetzt?

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»Der Infan­ti­lismus der Kunst«, schreibt der Büchner-Preis­träger Rainald Goetz in 'wrong', »die Reife­ver­wei­ge­rung des Künstlers, der an uner­wach­senen Lebens­formen fest­halten muss, um zum Bereich des Extre­mismus, der Verant­wor­tungs­lo­sig­keit, der Spielerei und des Unver­stands, des Provi­so­ri­schen und der Nicht­ein­deu­tig­keiten Zutritt zu bekommen und dort Aufent­halt und Lebens­recht zu haben, um von dort aus wirklich künst­le­risch produ­zieren zu können. Dem entgegen steht ein Realleben voll von Verant­wort­lich­keiten, durch das man aus diesem Reich der Kunst vertrieben wird und dadurch vor die Aufgabe gestellt, eine nicht infantile, behäbige, erden­schwere, also eigent­lich unkünst­le­ri­sche Kunst zu machen. Aber wie geht das? Und ist es überhaupt möglich?«

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Die Deutschen wieder! In welchem Land der Welt käme man noch auf diese Idee: Ein 31 Jahre altes Manifest wird nach­geäfft und ausge­rechnet in Cannes of all places einer gleich­gül­tigen Welt präsen­tiert: Dogma 25.

»Dogma 25« – was soll denn das bitte sein?

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In der Pres­se­mit­tei­lung heißt es: »Fünf Regisseur:innen. Fünf Kinofilme. Zehn Regeln. Kurdwin Ayub, İlker Çatak, Nora Fing­scheidt, Helene Hegemann und Tom Tykwer haben sich als Gruppe zusam­men­ge­schlossen und reali­sieren unter DOGMA 25 Germany fünf unab­hän­gige Filme für ein freies, unbe­re­chen­bares Kino, wie X Filme Creative Pool, Zentropa Germany und if…produc­tions heute am Rande der Film­fest­spiele in Cannes bekannt gaben. Damit führen sie die DOGMA 25-Bewegung fort, die im vergan­genen Jahr in Cannes von fünf dänischen Regi­seuren (May el-Toukhy, Milad Alami, Annika Berg, Isabella Eklöf, und Jesper Just) angekün­digt wurde.«

Fangen wir mal so an: Wer hat irgend­etwas von dieser angeb­li­chen neuen dänischen »Dogma-Bewegung« gehört?
Wer hat irgend­etwas von May el-Toukhy, Milad Alami, Annika Berg, Isabella Eklöf, und Jesper Just gehört?

Und dann: Was haben die Filme von Kurdwin Ayub, İlker Çatak, Nora Fing­scheidt, Helene Hegemann und Tom Tykwer gemeinsan? Ist Helene Hegemann überhaupt eine Filme­ma­cherin? Und seit wann ist die tolle öster­rei­chi­sche Regis­seurin mit kurdisch-iraki­schen wurzeln Kurdwyn Ayub Deutsche? Beide Antworten sind eigent­lich völlig egal, aber was soll das Labeling? Macht doch einfach eure Filme, macht möglichst gute Filme.

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Und warum muss eigent­lich ein Keusch­heits­gelübde sein, warum keine filmische Orgie, keine cinephile Poly­amorie?

Tut mir leid, aber ich kann nicht ernst nehmen, was ich da lese:

»Ich schwöre, mich den folgenden Regeln zu unter­werfen, verfasst und bestätigt von DOGMA25 Germany:
- Wir verpflichten uns, das Drehbuch von Hand zu schreiben, um jene Intuition zu fördern, die am freiesten aus dem Traum entsteht und über die Hand auf das Papier gelangt.
- Mindes­tens die Hälfte des Films muss ohne Dialog auskommen.
Wir bestehen auf einem filmi­schen Ansatz des Erzählens, da wir an visuelles Geschich­ten­er­zählen glauben und Vertrauen in das Publikum haben.
- Das Internet wird aus allen kreativen Prozessen ausge­schlossen.
Wir verpflichten uns, Filme auf Grundlage realer Menschen in unserer physi­schen Realität zu erschaffen und nicht in einer digitalen, von Algo­rithmen durch­drun­genen Welt.
- Wir akzep­tieren nur Finan­zie­rungen ohne inhalt­liche Auflagen.
Wir über­nehmen die Verant­wor­tung dafür, die Budgets niedrig zu halten, damit das Team bei allen künst­le­ri­schen Entschei­dungen das letzte Wort behält.
- Nicht mehr als 10 Personen hinter der Kamera.
Wir verpflichten uns zu enger Zusam­men­ar­beit, um Vertrauen aufzu­bauen und unsere gemein­same Vision zu stärken.
- Der Film muss dort gedreht werden, wo die Handlung spielt.
Film als Kunstform wird künstlich und generisch, wenn wir einen Ort in einem falschen Licht darstellen.
- Wir dürfen kein Make-Up verwenden oder Gesichter und Körper mani­pu­lieren, es sei denn, dies ist Teil der Erzählung. So wie wir uns bemühen, die Authen­ti­zität des Ortes zu bewahren, wollen wir auch den mensch­li­chen Körper ohne Filter darstellen. Wir feiern ihn – mit all seinen Ecken und Kanten.
- Alles, was mit der Produk­tion des Films zu tun hat, muss gemietet, ausge­liehen, gefunden oder wieder­ver­wendet werden.
Wir verpflichten uns, Filme mit bereits exis­tie­renden Gegen­s­tänden zu drehen, und lehnen die ahis­to­ri­sche und selbst­zer­stö­re­ri­sche Kultur des Konsums ab.
- Der Film muss innerhalb von einem Jahr fertig­ge­stellt werden.
Wir verzichten auf lang­wie­rige Prozesse, die den kreativen Fluss blockieren.
- Mach diesen Film, als wäre es dein Letzter.«

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Wie gesagt: Es ist schwer, ernst zu nehmen: Bürger­li­cher Puri­ta­nismus statt künst­le­ri­sche Freiheit und keine erkenn­bare Selbst­ironie, statt­dessen nur der alte zehnmal aufge­brühte Anti­ka­pi­ta­lismus von fünf etablierten Regis­seuren, die offenbar mal ein bisschen herum­spielen wollen.
Verkrampft und aus zweiter Hand liest man eine Mischung aus leeren Behaup­tungen und Gelaber. Eine Totgeburt!

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Es ist überaus sympa­thisch und plausibel, dass im dazu­gehö­rigen Statement die »ästhe­tisch-inhalt­liche Normie­rung« beklagt wird, die alles »platt walzt«. Das stimmt, aber was ist die Gegen­stra­tegie?

Gegen die zu Recht beklagte Kommer­zia­li­sie­rung und Main­strea­m­i­sie­rung setzen die Deutschen Gefühle und Sentiment: Geschichten sollen, »erlebt, gedreht oder auch nur empfunden« werden.
Das ist erst einmal ein bisschen infantil, aber natürlich können es ihre nächsten Filme einlösen. Sie müssen sich aller­dings auch an solchen großmäu­ligen Ansagen messen lassen.

Plausibel ist auch die Angst vor KI. Aber die Deutschen begreifen sie nicht als neues Werkzeug, sind nicht neugierig und aufge­schlossen auf ihre Chancen, sondern wittern Gefahren und pflegen wieder einmal altbe­kannte deutsche Tech­nik­feind­schaft: Mit der Hand wollen sie schreiben! Ach Gottchen. Sind Computer und Internet jetzt auch böse? Warum nicht gleich mit der Wachs­tafel oder in Keil­schrift?

Wenn diese Filme­ma­cher ihre »eigene Über­flüs­sig­keit« beklagen, dann liegt das an genau solchen von Verwei­ge­rung durch­zo­genen kindi­schen State­ments.

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»Sie fühlt sich frey und schwingt sich empor/ Zu den höchsten Himmels­räumen.«
O deutsche Seele, wie stolz ist dein Flug/ In deinen nächt­li­chen Träumen!
Die Götter erblei­chen wenn du nah’st!/ Du hast auf deinen Wegen
Gar manches Sternlein ausge­putzt/ Mit deinen Flügel­schlägen!
Franzosen und Russen gehört das Land,/ Das Meer gehört den Britten,
Wir aber besitzen im Luftreich’ des Traums/ Die Herr­schaft unbe­stritten.
- Heinrich Heine